Schule des Rades

Arnold Keyserling

Vom Kampf ums Dasein zum globalen Dorf

Vom Wesen der Esoterik

Das Wissen der Ganzheit und der Offenbarung heißt Esoterik. Das Wort Esoterik stammt von Pythagoras; während Exoterik ein Wissen bezeichnet, das man von außen erlernen kann, wie in der Mittelschule oder der Universität, ist das esoterische Wissen an das Erlernen einer Sprache gebunden, die das Bewußtsein verändert und eine neue Einstellung zum Leben bringt.

Die Esoterik wurde seit der Verdammung des Origenes, 540, in Alexandria untersagt; nur was durch die Bibel erklärbar war, galt als Teil der Heilswahrheit. Als im zweiten Konzil von Konstantinopel 876 die ursprüngliche Dreiheit von Körper, Seele und Geist dem Menschen abgesprochen wurde und sich auf Körper und Seele beschränkte, wurde es unmöglich, die Esoterik im Rahmen der Kirche neu zu formulieren. Seither bestand der Mensch aus dem Körper, der dem Kaiser untertan, und der Seele, die dem Papst gehorcht. Geist hatte nur Gott allein.

Diese Zweiheit wurde von Thomas von Aquin als Natur und Übernatur, Vernunft und Gnade interpretiert. Sie zieht sich wie ein roter Faden seither durch die folgende Geistesgeschichte, um schließlich in der Neuzeit in der Dualität von Kraft und Stoff, Masse und Energie zu münden, die ihren Triumph mit dem deterministischen Materialismus und Rationalismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts feierte. Doch gerade dann kam es zum Umschwung: Physiker erkannten, daß die Welt nur über die Dreiheit von Masse, Energie und Information zu beschreiben ist, welche letztere nichts mit Energie zu tun hat, sondern die systemische Struktur von Ereignissen und Wesen bestimmt.

In der Renaissance tauchte die Esoterik als okkulte Philosophie bei Pico della Mirandola wieder auf. Er behauptete, alle Religionen seien eine Einheit, und machte sich erbötig, diese in neunhundert Thesen in Rom mit allen Gelehrten der Welt zu diskutieren. Das Unterfangen wurde vom Papst verboten, da einige der Thesen häretisch klangen, und so ging die Esoterik wieder in den Untergrund, aus welchem sie erst seit dem letzten Jahrhundert wieder aufzutauchen beginnt.

Gnosis, Kabbala, Reinkarnation, Numerologie, Astrologie, I Ging, Tarot, Yoga, die chinesischen Kriegskünste und viele andere Disziplinen gehören zur Esoterik. Es gibt heute kein spirituelles Zentrum, das sie nicht in irgendeiner Synthese oder Auswahl lehrt. Die Psychotechnologien helfen vielen Menschen; aber letztlich stellt sich die Frage, wie sie mit dem Alltagsweltbild von Naturwissenschaft, Sozialwissenschaft und Pädagogik in Einklang kommen können.

In Indien, das die Esoterik nie in den Untergrund verdrängt hatte, heißt es, daß nur wenige Menschen, fähig sind, einen geistigen Weg zu gehen: den der Erkenntnis (Jnana), den der Nachfolge (Bhakti), oder den der selbstlosen Tat (Karmayoga). In der heutigen Zeit sind, wie gesagt, die Computer imstande, die Zusammenhänge des periodischen, chaotischen und globalen Bereich zu manipulieren. Ich behaupte aus diesem Grunde, daß in der künftigen Wassermannzeit niemand mehr fähig sein kann, unterhalb eines geistigen Weges einen Sinn im Leben zu finden. Daher verlangt unser Zeitalter von jedem, die Esoterik zu erlernen und selbst den Sinn seines Lebens zu schaffen.

Für die christlichen Gnostiker war der jüdische Gott ein Archont, ein Erzengel, der wahre Gott dagegen der Große Mensch, der weder allmächtig ist noch richtet, sondern nur liebend und ewige Potentialität. Öffnet man sich ihm, so erfährt man den eigenen nächsten Schritt. Der Archont Jahwe hat nur eine ganz bestimmte historische Aufgabe gebracht, nämlich das jüdische Volk auf die göttliche Stimme zu eichen. Auch in der jüdischen Esoterik ist der Große Mensch durch die Kabbala zugänglich. Er offenbart sich in der Welt der Zahl, der heiligen Mathematik. Deshalb ist auch die Mathematik für uns der Schlüssel zum Verständnis der neuen Zeit; das Rad als Urbild allen Verstehens ist der Zusammenhang aller geometrischen und arithmetischen Urgesetze als System von Bewußtsein und Welt. Ich habe seine Bedeutung in vielen Büchern geschildert. Kritisch geordnet, als Wissen hinter dem Wissen und als Gesetz der Sinne hat es folgende Form:

Meine bisherigen Bücher zeigten das Rad als Schlüssel sowohl zur Geschichte als auch zu verschiedenen esoterischen Disziplinen. Erst jetzt komme ich dazu, die Beziehung des Rades auf die neue Einstimmung in die Wassermannzeit zu erkennen. Durch die Dynamiken von Ralph Abraham komme ich zu folgendem Schluß: Körper, Seele und Geist, zugänglich durch die periodische, chaotische und globale Dynamik, sind verschiedene Welten, zu denen ein Mensch entweder Zugang hat oder nicht. Allein die Welt des Körpers und der Periodik ist der wissenschaftlichen Methode zugänglich, sie läßt sich bis zu einem gewissen Grad objektiv studieren. Aber die Welt der chaotischen und globalen Dynamik, von Seele und Geist, verlangt den initiatischen Zugang; der Mensch muß sie aus der bifurkalen Möglichkeit des Gewahrseins wollen und wählen. Dann ist die seelische Welt nicht aus der äußeren Wirklichkeit abzuleiten, sondern aus dem Karma der früheren Existenzen; die geistige Welt ist nicht die Summe der Schriften und Institutionen wie die Welt Drei Poppers, sondern die Brücke zum Paradies, der Neuen Erde. Daher ist die Esoterik hermetisch gemäß der Lehre von Hermes Trismegistos, der sich in allen Welten Zuhause fühlt und mit seinen geflügelten Füßen von einer zu anderen eilt. Der Grundtext der Hermetiker waren die Smaragdtafeln:

Es ist wahr, ohne Zweifel und gewiß: das Untere ist gleich dem Oberen, und das Obere gleich dem Unteren, zur Vollendung der Wunder des Einen. Wie alle Dinge aus dem Wort des Einen gekommen sind, werden auch alle Wesen vermöge der Entsprechung aus dem Einen geboren.
Sein Vater ist die Sonne, seine Mutter der Mond.
Der Vater hat es in seinem Bauch getragen, seine Amme ist die Erde.
Es ist Vater aller Wunderwerke im Weltall.
Seine Macht ist vollkommen.
Fährt es nieder auf Erden, wird es die Erde vom Feuer scheiden, das Feine vom Groben.
Mit großen Spürsinn steigt es sanft von der Erde empor. Dann fährt es wieder hernieder zur Erde und vereint in sich die Kraft des Oberen und des Unteren.
So wirst du das ruhmreiche Licht der Welt besitzen, und alle Dunkelheit wird von dir weichen.
Dies ist die stärkste aller starken Kräfte, denn sie überwindet alles Feine und durchdringt alles Grobe.
So wurde die Welt erschaffen, die kleine Welt nach dem Vorbild der Großen.
So auf diese Weise, kommen wunderbare Entsprechungen zustande. Darum heiße ich Hermes der Dreimalgrößte, denn ich besitze die drei Teile der Weisheit des Weltalls.
Vollendet ist, was ich verkündet habe vom Werke der Sonne.

Dieser Text kann auf mannigfaltige Weise entschlüsselt werden. Der eine ist der Mensch im All, Poimandres, wie er in anderen Schriften des Hermes als Dialogpartner auftauchte und die Hauptinspiration des Pico della Mirandola gebildet hat. Wir wollen nun versuchen, die Weisheit über eine der esoterischen Disziplinen darzustellen.

Die drei Welten sind, der Mikrokosmos, der Kosmos in der Größenordnung des Lebens und der Makrokosmos. Heute wissen wir im Unterschied zu Aristoteles, der den Menschen als Mikrokosmos betrachtete, daß es die drei Welten physikalisch tatsächlich gibt. Die Welt der Quanten, Photonen, Elektronen, Atome und Moleküle ist mikrokosmisch, nur über das Mikroskop zu sehen. Die Welt des Alls, der Galaxien, Sonnen, Planeten und Monde ist makrokosmisch, durch das Makroskop zu erschauen. Die Welt des Lebens, der Steine, Pflanzen, Tiere und Menschen bildet mathematisch genau die Mitte in einer Symmetrie von Makrokosmos und Mikrokosmos. Der Mensch ist also in seiner Größe die Mitte des Alls und erfährt das Göttliche als sein Gegenüber.

Die wahre Welt des Menschen ist nicht die physikalische, sondern die existentielle, die sinnlich kinästhetische. Ausgehend von den Sinnen sehen, riechen, schmecken, hören, tasten und ihren aktiven Gegenformen hat jede der Welten eine andere Bedeutung:

  1. Die Welt der Erfahrung ist die körperlich-kosmische, sie ist die Art und Weise, wie ich mich auf der Erde zurechtfinden kann. Sie verlangt Einsatz für praktische Ziele, Schaffen des Wohlstandes und Mitarbeit an der Erde. Sie ist der eigentliche Kosmos, und die beiden anderen Welten erscheinen dem Bewußtsein in gleicher Größe: der Traum und das nachtodliche Limbo, das Paradies oder die Neue Erde.
  2. Die Welt des Mikrokosmos enthält die Parameter des Traumes, der Emotionen und des Todes. Im Tod geht der Mensch in die mikrokosmische Form zurück, weil er sich nur über die molekulare Größe wiederverkörpern kann, wenn das Wesen sich mit Same und Ei vereint.
  3. Die Welt des Makrokosmos ist der Himmel; die Sonne, die Sterne, der Tierkreis und die Planeten sind die Parameter des Paradieses, der Neuen Erde.

Das Gegenüber des Menschen ist in allen Schichten der Mensch im All, Adam Kadmon, Mahapurusha, in allen Überlieferungen der Freund, die inkarnierte Liebe. So zeigt der Tierkreis in seinen Entsprechungen vom Kopf in Widder bis zu den Fischen in den Füßen die mögliche menschliche Vollendung, die nur in der Zeit erreicht werden kann.

In der Welt des Körpers muß man seine Position erreichen, um der Familie eine Heimstatt zu geben und an der Gesellschaft mitzuwirken. In der Welt der Seele gilt es die nachtodlichen Vorgänge, die einem über die Einbildungskraft des Mondes erkennbar werden, von Identifikationen in Aufgaben zu verwandeln; also zu erkennen, daß Charakter und Schicksal nicht Gegebenes, sondern etwas zu Schaffendes sind. In der Welt des Geistes schließlich sollte man aus dem Entwurf, der Möglichkeit heraus leben, die durch die Mythen und Offenbarungen verbildlicht wurden. Hierbei sind die Lichtpunkte der Sterne die geometrischen Schriftzeichen, welche die verschiedenen Kulturen unterschiedlich interpretiert haben. Für die Inder ist der Große Bär der Ort der sieben heiligen Rishis, und Patanjali ist die Inkarnation des Sternbildes der Schlange. Die Sterne können beliebig zu Figuren zusammengefügt werden, wie wir aus der vergleichenden Mythenforschung wissen, aber der Sinn der Konstellationen ist immer der gleiche. Man muß nachts in den Himmel blicken, das geometrisch-arithmetische Urbild entschlüsseln, um den seelischen Problemen der Unterwelt gewachsen zu sein.

In Europa und Indien haben die drei Welten ihre Verkörperung in den drei Ständen oder Kasten gefunden. Der Bürger — Handwerker, Bauer und Händler — war für den allgemeinen Wohlstand verantwortlich und sollte reich werden. Der Adel durfte sich nicht um persönlichen Reichtum kümmern. Ihm oblag es, für das Gute und gegen das Böse zu kämpfen, seine Triebe und Süchte zu zähmen, also die Zivilisation der Höflichkeit im Sinne von Norbert Elias zu verwirklichen. Noch heute wird in England jemand geadelt, weil er einerseits ein tadelloses moralisches Leben geführt hat und andererseits etwas Wesentliches für die Entfaltung beitrug. Der Priester hatte die Aufgabe, die Wege zum Paradies, wie sie von den Heiligen gelebt und von den göttlichen Inkarnationen verkündet worden waren, in den Kultus einzubeziehen, so daß niemand vergißt, zu welchem Ziel er auf die Welt gekommen ist.

Das Licht ist der Träger des Makrokosmos, die Kraft und Sexualität jener des Mikrokosmos. Bürger, Adel und Priester wurden verbunden durch die doppelte Rolle von Kaiser und Papst, der Kaiser als Vertreter der Kraft und des Reichs, der Papst für Licht und Kirche. Selig war jener, der die Welt des Limbo durchstand, katholisch das Fegefeuer; geistig der, welcher auf der Erde Wunder tat, also nachwies, daß er eine echte Brücke zum Paradies geworden war, welcher Nachweis durch den Heiligsprechungsprozeß erbracht wurde.

Mit der bürgerlichen Revolution von 1798 wurden Adel und Priester in ihren Welten vernichtet. Aber auch der Bürger, der damals als dritter Stand über die beiden triumphierte, wurde im 20. Jahrhundert in den beiden Ideologien des Kapitalismus und Sozialismus durch den vierten Stand (Arbeiter) entmachtet.

Mit der Wassermannzeit kommt eine neue Ethik. Jeder ist Arbeiter, Wassermann ist die sechste Epoche der Menschheitsgeschichte, also das Haus der Arbeit. Bürger, Adel und Priester sind Facetten seines Seins, in der Astrologie folgendermaßen zu bestimmen: körperlich als Häuserkreis, seelisch als Konstellationen der Planeten und geistig als Tierkreis. Die technologische Zivilisation als Verkörperung des Denkens ersetzt den Fron. Die ständische Gliederung war für die Gesellschaftsformen der Stadt, des Volkes und des Reiches unumgänglich, ist es aber nicht mehr für den Menschen des globalen Dorfes.

Heute ist die Menschheit der einzig mögliche gesellschaftliche Rahmen. Dieser verlangt zu seiner Verwirklichung nicht politischen Kampf, sondern eine gemeinsame Sprache der Verständigung, die von allen anerkannt wird und den Reichtum der drei Welten umfaßt. Sie muß die hauptsächlichen kulturellen Strömungen einschließen, neben der abendländischen Kultur die Körperlichkeit Afrikas, das kosmische Verständnis Chinas, das indische Wissen des inneren Weges und die Natureinstimmung der Indianer.

Wir stehen mit der Menschheit und dem globalen Bewußtsein, mit den geistigen Revolutionen in West und Ost, Human Potential Movement und Perestroika, in der Zeit der Schaffung des globalen Dorfes, da sich das Streben von der horizontalen Ausdehnung wieder in die vertikale Läuterung verwandelt. Damit verändert sich die Esoterik vom Untergrund der prophetischen Religionen zu allgemeinen Nennern des Verständnisses.

Die Voraussetzung des globalen Bewußtseins ist die Anerkennung des Körpers als Keim der möglichen Entfaltung zur Unsterblichkeit. Die Christen sprachen von der Erlösung der Seele, aber der Auferstehung des Fleisches. So ist heute die vordringlichste esoterische Disziplin die Körperarbeit, vom Yoga über den afrikanischen Tanz bis zu den modernen Methoden.

Adel bedeutete früher, daß man sich gewisse Schwächen nicht zubilligt. Daß diese Überwindung der Schwächen erlernbar und nicht an Geburt oder äußere Umstände gebunden ist, haben die analytische, die humanistische und transpersonale Psychologie gezeigt, jedem Interessierten sind Wochenendkurse oder Ausbildungen auf dem Gebiet der Gestalt, des NLP (Neuro-Linguistic-Programming), der Rückführung in Rebirthing und in frühere Inkarnationen zugänglich. Es gibt niemanden mehr, der hier die Autorität einer Kirche bedingungslos akzeptiert. Vielleicht ist der positive Sinn des neuen Konservatismus der Kirche, daß diese sich nicht für die geistige Avantgarde, für das New Age verantwortlich fühlt, sondern für jene, die die Gnadenmittel auf ihrem Weg brauchen, weil sie sich geistlich als Kinder betrachten.

Der entscheidende religiöse Unterschied zwischen Fischezeit und Wassermannzeit ist aber, daß der Weg zur Neuen Erde jedem offensteht, der kreativ an der Welt aus der eigenen geistigen Inspiration mitarbeitet. Wer keinen Namen sich erwarb, gehört den Elementen an, sagte Goethe. Heute scheint jeder auf die Welt gekommen zu sein, um seinen eigenen Weg zu schaffen. Daher ist die Esoterik nicht traditionell, sie ist systemisch; sie bestimmt die Erkenntnis der Urgegebenheiten von Welt und Bewußtsein.

Esoterische Geheimhaltung ist ein Unsinn, es sei denn, sie geschehe aus politischen Gründen wie bei den Alchimisten, um nicht dem Bann der Kirche zu verfallen. Jeder kann die Offenbarung in sich entdecken. Doch das Vertreten einer Ideologie, die persönliche Wahl einer Weltanschauung im Gegensatz zu anderen, wirkt in der Wassermannzeit verderblich. Jeder ist in seinem Dorf Kaiser und Papst, vereint seine Merkwelt und Wirkwelt und braucht hierzu die Hilfe des anderen; in der Prüfung am Mitmenschen und am göttlichen Gegenüber findet er seinen Weg weil für den Esoteriker jeder Zufall, jedes Begebnis und jeder Traum zum Anlaß des nächsten Schrittes wird.

Arnold Keyserling
Vom Kampf ums Dasein zum globalen Dorf · 1999
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD