Schule des Rades

Arnold Keyserling

Die Todesschwelle in Meyrinks erleben

Geburt und Tod

Bisher haben wir den Ostpunkt des Radkreuzes von zwei Seiten betrachtet: als Pol der Stille und Schwelle des Tiefschlafs im Sinne der Grundlage allen Wollens, und als Bereich der Urstimmung der Kriterien, deren Formen den Inhalt der äußeren Wirklichkeit, der inneren Triebwirklichkeit und der menschlichen Zivilisation bedingen. Doch die Schwelle hat noch eine weitere Bedeutung: im Lebenskreis vereint sie Geburt und Tod im Aszendenten; sie bildet damit die Schwelle des Todes, der für das Bewußtsein ebenso wirklich ist wie das Leben.

Es gab seit den Anfängen der Geschichte keine Kultur oder Religion, deren Willensrichtung sich nicht aus der Haltung zum Tode bestimmte. Und wenn die heutige Zivilisation in Ost und West, in ihrer kommunistischen und positivistischen Form, diesen auszuklammern sucht, so bestimmt sie sich nur damit ihren Existenzrahmen, der sich auf die senkrechte Achse des Kreises zwischen Triebstruktur und Überich, Wirtschaft und Ideologie beschränkt.

Das bewußte Anliegen der beiden dynamischen soziologischen Richtungen ist ja auch die Anpassung der Welt an die menschliche Natur, die als Grundlage einer menschengerechten Zivilisation ihre positive Bedeutung hat. Wenn aber dies Ziel einmal erreicht sein soll — und mit der Stabilisierung der gegensätzlichen Richtungen als Gleichgewichtsfaktoren ist es wenigstens in sichtbare Nähe gerückt — so wird die zweite Frage, jene nach dem Tode und damit den Sinn der Existenz — wieder in den Vordergrund treten; allerdings jetzt nicht mehr im Sinne eines Bekenntnisses und dem missionarischen Versuch, diesem allgemeine Anerkennung zu verschaffen, sondern im tatsächlichen Verstehen der Bedeutung der Todesschwelle, soweit diese unserer Bewußtseinslage zugänglich werden kann.

Das Problem der Todesschwelle hat traditionell vier Komponenten:

  • erstens die Frage der persönlichen Unsterblichkeit, des Überlebens der Seele nach dem leiblichen Tode im Gegensatz zu ihrer gleichzeitigen Vernichtung.
  • Zweitens die Frage nach dem Kontakt mit der Gottheit oder dem Einklang mit seinem Willen, im Gegensatz dazu die Ablehnung im agnostischen Sinne des Atheismus und dem gnostischen des Buddhismus.
  • Drittens die Frage eines Weltgerichts mit der Unterscheidung von gut und böse, Lohn und Strafe im göttlichen Richtspruch, und im Gegensatz dazu die Karmalehre der alleinigen persönlichen Verantwortung;
  • und viertens die Frage nach möglichem Kontakt mit den Abgeschiedenen, sei dies im Sinne des Spiritismus über natürliche Phänomene, sei es über Prophetie und Offenbarung.

Die vergleichende Religionswissenschaft hat seit hundert Jahren viel Material gesammelt und gesichtet und ist dabei zu dem Ergebnis gelangt, daß überhaupt jede mögliche Formulierung des Verhältnisses zum Tode Nachfolge gefunden hat, welche zur persönlichen Willensrichtung wurde. Alle diese Hypothesen lassen sich nun unschwer als die möglichen Antworten auf die jeweilige Struktur der Fragestellung zurückführen; die Plausibilität ist keine Gewähr ihrer möglichen Wahrheit. Betrachten wir dagegen das tatsächlich zugängliche Wissen, so haben wir als erstes die physiologische Beschreibung des Sterbens. Eines der illustrativsten Beispiele gab Jacques Donnars anläßlich eines Kolloquiums in Roche-Dieu 1967 (zitiert nach la survie aprés la mort, Paris 1967):

Sobald das Tohuwabohu, das die Teilnahme am sozialen Leben im Wesen eines Menschen entfesselt hatte, zu erlöschen beginnt, wagt sich aus der Tiefe ein seltsames und schwaches Ich hervor. Während des ganzen Lebens war es durch die geheiligte Notwendigkeit unterdrückt, sein Leben zu verdienen, Vater und Mutter, dem Chef, dem Gatten oder der Ehefrau zu gehorchen. Erstaunlich versatil betätigt es sich mit atemberaubender Geschwindigkeit, denn es bleibt ihm nur wenig Zeit, den ganzen Apparat für seinen Lebenszweck umzufunktionieren, um damit auf seine Weise jene Periode abzuschließen, die neun Monate vor der Geburt mit dem elterlichen Orgasmus begann.
Es bedient sich einer ungeheuerlichen Lebensanalyse, indem es in wenigen Augenblicken die Hauptpunkte der durchlaufenen Strecke zusammenfaßt — die durchlebten oder erträumten Gipfel ebenso wie die tiefen Abgründe, die ihm zuteil wurden; und wenn solch eine Synthese gelingt, ergibt sich daraus ein genau beschreibbares biologisches Phänomen: eine Entspannung, ein innerer Friede, ein freudiges Loslassen.
Dieser Vorgang bedarf weniger Worte; er benützt gleichsam Schlagworte, von denen ein jegliches für das Bewußtsein des Sterbenden eine riesige Anzahl von Informationen einer inneren Fragestellung zur Verfügung stellt — einer Fragestellung, die gleichzeitig die Antwort in sich birgt — die einem grundsätzlichen Nicht entstammt, einem Mangel, der das ganze Leben hindurch verborgen blieb und sich nun zum Schluß vor sich selbst enthüllt. Gleichzeitig erfährt der Körper eine große Bedeutungssteigerung und erscheint dem Bewußtsein in ungeheuerlichen Symbolgestalten nach Art der Bilder von Hieronymus Bosch — eine Erfahrung, die viele Menschen auch über halluzinogene Drogen oder im Verlauf einer Psychoanalyse erleben.

Ein weiteres Beispiel der Seltsamkeit der Erfahrungen, die den Tod begleiten, bringt das Tibetanische Totenbuch, das in Form eines Lehrtextes jüngst Verstorbenen das richtige Verhalten anzeigen soll; wenn nämlich, um bei dem oben zitierten Beispiel zu bleiben, das Erwachen des Selbstes oder Wesenskerns erst nach dem Ableben geschieht. Nun gibt es einen Schriftsteller, der diese Welt und ihre Zugänge nicht nur persönlich durchlebt, sondern auch in meisterhafter Weise geschildert hat: Gustav Meyrink.

Zum Teil sind Meyrinks Schriften aus traumhafter Vision entstanden, wie etwa die Schlüsselnovelle Der Uhrmacher die ich 1964 mit Kommentar herausgegeben habe. Aber auch im Leben gewann er einen wesentlichen Einblick in die Welt der Toten. Wenige Monate vor seinem Tode 1932 nahm sich sein Sohn nach einer schweren Skiverletzung das Leben. Einige Zeit später starb die Frau seines Freundes, des Verlegers Neubert in Prag, dem er darauf den anschließend abgedruckten Brief schrieb. Wenn nun auch die Symbolik der meyrinkschen Vorstellungswelt — etwa seine Gleichsetzung der Gottesmutter mit der ägyptischen Isis — persönlich gefärbt ist, so bildet doch dieser Brief die für mich ergreifendste Schilderung einer Kommunikation mit einem Verstorbenen, weil er sich aller Spekulation enthält, mit der die meisten auch echten Seher ihre Erfahrungen um der Plausibilität willen zu ergänzen pflegen.

Arnold Keyserling
Die Todesschwelle in Meyrinks erleben · 1969
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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