Schule des Rades

Arnold Keyserling

Chakrale Musik

Exoterisch · Esoterisch

Seit Urzeiten gibt es in den meisten Kulturkreisen zwei Arten der Musik: jene der Kommunikation und jene der Selbstvertiefung; eine Musik, die dazu dient, Menschen aufeinander abzustimmen, im Tanz, Gesang und passiven Lauschen, und eine zweite, in der der Einzelne die Rückbindung zum Unerschöpflichen erlebt, sich in das ursprüngliche Wesen einstimmt; bei Pythagoras die exoterische Musik, als deren Grundlage er den Quintenzirkel und die Siebentonleiter ermittelte, und die esoterische Musik, deren Wesen geheim gehalten wurde, und nur im Symbol des Ordens, dem Fünfstern erkennbar war.

Die gleiche Überlieferung finden wir in China, wo die zweite Musik dem König Wen, dem Begründer des I Ging zugesprochen wurde — als er nämlich erkannte, daß der sechste und siebente Ton den ersten und zweiten wiederholten und seine Oktave darstellten. Auch bei den Moslembruderschaften finden wir dieses Wissen.

Selbst heute noch haben wir einen Nachklang dieses Zusammenhangs in der Unterscheidung von ernster Musik und Unterhaltungsmusik. Doch diese Unterscheidung betrifft nicht mehr den Kern der Sache:

Zwölfton-, Siebenton-, ja selbst elektronische Musik gehören nicht weniger als Pop und Beat der exoterischen Musik zu, jene, die der Mensch von außen vernimmt; nicht jene, die ihn befähigt, einen inneren Aufstieg bis über die Schwelle des Todes zum Unerschöpflichen zu vollziehen, und andere aus dem Tode zurückzuholen, wie dies im Orpheusmythos, und in vielen Schamanenüberlieferungen berichtet wird. Denn hierzu wäre es notwendig, daß er die Bedeutung der Töne und Intervalle bewußt versteht, ihre Rolle im Organismus kennt, und sie als Einstimmung begreift: als Erreichen der Konsonanz mit dem Weltenursprung.

Diese Musik beruht auf einem anderen Gesetz als Zwölfton- und Siebentonmusik, und auch als jene Volks-Fünftonmusik, die gleichsam die schwarzen Tasten des Klaviers, die restlichen Töne des Quintenzirkels nach Ausscheidung der Siebentonleiter umfaßt: Sie gliedert die Oktave in fünf gleiche Abstände mittels eines Intervalls, der in der Folge der zwölf Töne (unserer temperierten Stimmung) überhaupt nicht erscheint, aber immer als Naturton dabei ist; der siebte Oberton, der bei Trompeten und anderen Blasinstrumenten mit erklingt und sosehr vom tonalen Rahmen abweicht, daß er in der nachpythagoräischen Tradition als ekmelisch, als unmelodisch verboten war; wenn wir etwa in den Alpen bei Volkskonzerten diesen Ton vernehmen, so scheint uns, daß die Musiker falschspielen.

Dennoch birgt dieser Ton das Geheimnis der zweiten Musik, die erst heute wieder aus der historischen Versenkung auftaucht, wo die Wege des Wortes, der Ideologie und Imitation im Sinne des Persönlichkeitskultes ein Ende zu finden scheinen; denn wenn der Mensch sich berufen fühlt, seinen Weg allein und selbständig zu gehen, dann kann er nicht inhaltlich anderen folgen, sondern er muß die Komponenten seines Bewußtseins und Lebens zu eigener Synthese zusammenfügen. Hierzu muß er einerseits im Denken, die Grundelemente der Wirklichkeit verstehen, wie ich diese in meiner Klaviatur des Denkens dargelegt habe. Aber andererseits muß er auch die Möglichkeit finden, selbst zu einer Grundschwingung, seinem Ton vorzudringen, und aus ihm zu leben: d. h. den Ansatz erreichen, wo er nicht von außen determiniert ist, sondern von innen entscheidet, und damit die Kontinuität, den Sinn seines Lebens raumzeitlich erschafft.

Die Grundschwingung läßt sich als elektromagnetische Schwingung des Großhirns erfassen: sie beträgt im Zustand der Ruhe bei jedem Menschen, der sie erreicht, etwa 12 Hertz. Man hat sowohl Yogis als auch Zenmeister im Samadhi untersucht: immer weisen die Schwingungen die gleiche Anzahl pro Sekunde auf; eine Zahl, die noch unterhalb der Hörschwelle liegt. Und wenn andere Bewußtseinszustände auftreten — bei der wachen Beobachtung, dem Träumen, oder aktiver Tätigkeit — dann verändern sich auch diese Schwingungen.

Die Schwingung von 12 Hz, Alpha genannt, ist nicht tonal und longitudinal, sondern elektromagnetisch und transversal. Die einzige Gemeinsamkeit mit einer entsprechenden Tonschwingung liegt im gleichen Zeitrhythmus; sie ließe sich also induktiv erzeugen über eine Tonschwingung, im gleichen Sinne, wie etwa die mechanische Bewegung eines Magneten sich in elektrischen Strom verwandelt. Somit wäre es denkbar, daß eine Musik die Kontemplation nicht nur fördert, sondern geradezu konstelliert, wenn sie in einem Zustand der Ruhe aufgenommen wird, wie er einerseits bei den Asanas im Yoga, andererseits im Sitzen des Zazen erreicht wird.

Denn der Alpharhythmus hat qualitative Abstufungen: an die Schwingung selbst kommt jeder heran, doch meistens wird sie überlagert durch andere; die reine Form, die sich im Encephalogramm als vollendete Wellenstruktur ablesen läßt, ist nur durch jene zu erreichen, die die Ruhe aufrechterhalten können.

Arnold Keyserling
Chakrale Musik · 1999
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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