Schule des Rades

Arnold Keyserling

Chakrale Musik

Die Schwelle zur zweiten Geburt

Was steht nun dieser Ruhe entgegen? Der Mensch hat nicht eine Grundschwingung, sondern eine ganze Reihe von solchen: die Bewußtseinszustände des Wachens, Schlafens, Träumens und der sprachlichen Assoziation sind durch Schwellen voneinander getrennt. Träumt er, so ist er nicht wach. Erreicht er die Stille des Tiefschlafs, so sind die Assoziationen gestillt. Die Vereinigung dieser Zustände in der Kontinuität des Bewußtseins ist nicht selbstverständlich — im Gegenteil, nach den alten Traditionen der Schamanen ebenso wie der Inder und Chinesen stellt sie das Grundproblem der menschlichen Existenz dar; die Schwelle zur zweiten Geburt, nach welcher überhaupt erst der eigentliche Weg beginnen konnte.

In der theoretischen Philosophie des Abendlandes, vor allem auf Grund der falschen physikalischen Vorstellungen des vorigen Jahrhunderts, ist dieser Zusammenhang ungreifbar geworden, ja manche fassen den Bereich der Geisteswissenschaft im Gegensatz zur Naturwissenschaft auf, kommen damit zu einer Zwei-Welten-Theorie, die sie dem Nachdenken für immer enthebt. Aber diese Verbindung ist nicht dem Verstehen entzogen: die jüngsten Ergebnisse der Physik im Einklang mit der parapsychologischen Forschung können uns den Schlüssel zu ihrer Erkenntnis zurückgeben.

In der indischen Tradition ist die Lehre von den verschiedenen Schwingungszentren eine der Grundpostulate des Yogas: dort sind es sieben Chakras entlang der Wirbelsäule, was nichts anderes als Energiewirbel bedeutet. Europäische Forscher hatten die Chakras sei es mit den endokrinen Drüsen, sei es mit bestimmten Nervenplexi zu identifizieren gesucht. Doch betreffen sie eine andersartige Energie, deren Existenz erst durch die Hochfrequenzphotographien russischer Parapsychologen erwiesen wurde: sie bezeichnen diese Energiefelder als Bioplasma; als jenes pulsierende Etwas, das beim lebendigen Organismus nachweisbar die elektromagnetischen Schwingungen genau wie die Energien der Strahlung, oder der Wärme, die Mikrovibrationen steuert.

Die Existenz dieser Felder war den alten Traditionen eine Selbstverständlichkeit. Die Inder bezeichnen sie als Prana, und die Chinesen ermittelten ihre Schwerpunkte und Verbindungswege in der Akupunktur-Medizin, einer Heilkunst, die Krankheiten aus der Störung der Wechselverhältnisse von Yang und Yin prognostizieren konnte. Die Hochfrequenzapparate zeigen die gleichen rot-blauen Paare von Lichtern, welche die symbolische Darstellung von Yang und Yin als Farben verwandte, was darauf hinweist, daß sie der unmittelbaren Wahrnehmung in einem bestimmten Bewußtseinszustand zugänglich werden.

Allen Traditionen aber gemeinsam ist die Behauptung, daß der Zusammenhang zwischen den Energiewirbeln sich nicht von Natur aus herstellt, sondern bewußt vom Menschen zu schaffen wäre.

Im Kundaliniyoga schläft eine dreieinhalbmal geringelte Schlange als Träger der Lebenskraft am Fuße der Wirbelsäule, die zuerst einmal erweckt werden muß, und dann durch bestimmte körperliche, atemmässige und mentale Übungen — durch Erzeugung gewisser Vorstellungen bis hinauf zum Scheitel geführt wird.

In der Tradition der islamischen Bruderschaften wird der gleiche Zusammenhang in dem durch Gurdjieff überlieferten Enneagramm dargestellt, das auch auf die musikalische Entsprechung hinweist.

Das chinesische Geheimnis der goldenen Blüte mit der Rotation des Lichtes zur Bildung des unsterblichen Diamantleibes beschreibt wieder den gleichen Zusammenhang, desgleichen die schamanischen Überlieferungen der sieben Initiationsstufen, die sich gleichsinnig, doch mit verschiedener Terminologie und lkonographie überall auf der Erde, von Sibirien bis Südamerika finden.

Jede dieser Traditionen brachte einen Teil des Wissens, ergänzte ihn aber durch Vorstellungen und Mythen, wo das Verstehen nicht ausreichte; z. B. ist die geläufige Zuordnung der Chakras im Kundaliniyoga einer mittelalterlichen, durchaus phantastischen Kosmologie entnommen, was aber den Wert der Übungen nicht beeinträchtigte. Die chemische Struktur zeigt, daß die Zahl Sieben eine Grenze bedeutet: es gibt kein Atom mit mehr als sieben Schalen, und sieben ist der Verbindungsschlüssel im Rahmen der Elektronenschalen, weil mit acht die geschlossene Struktur des Edelgases erreicht wird; und da alle Vorgänge letztlich chemisch sind, mußte sich auch der Aufbau des Bioplasma nach den gleichen Gesetzen vollziehen. Der Kundaliniyoga erwies, daß die Verbindung zwischen den Chakras durch Übung zu erreichen ist: tatsächlich zog sich, wie Avalon berichtet, bei den Adepten dieses Weges die Kraft bis in den Schädel zurück, der Körper saß in einem kataleptischen Zustand mit stark verminderter Körpertemperatur da, bis die Kraft dann wieder zurückkehrte.

Der makrokosmische Aspekt schließlich zeigt die raumzeitlichen Beziehungen des Bioplasma zu den Planetenrhythmen, wie ihn die Astrologie überliefert: dieselben Komponenten bestehen bei jedem Menschen in anderer Kombination: dem genetischen Code des Körpers entspricht mit dem ersten Atemzug, dem Lösen des eigenen Bioplasma vom mütterlichen, eine bestimmte Strukturierung des Bewußtseins — eine persönliche Stimmung der Bewußtseinsfaktoren.

Arnold Keyserling
Chakrale Musik · 1999
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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