Schule des Rades

Arnold Keyserling

Evolutionstheorie und Religion

Gespräch Teil 4

F. K.
Sie zitieren Teilhard de Chardin. Aber so hat er’s nicht gemeint. Ist nicht folgende Synthese denkbar: Ein im einzelnen sprunghafter, aber kontinuierlicher und immer nach oben gehender Entwicklungsfortgang, der plötzlich das Aufflammen einer Kulturwelt rund um den Erdball mit sich bringt, einer Primärkultur — und dann eine Sekundärevolution, die auch Abstieg, auch Degeneration mit sich bringen kann.
A. K.
In allen alten Religionen gibt es ein Goldenes Zeitalter, ein verlorenes Paradies. Bei den Indern heißt es Satjuga und hat Millionen von Jahren gedauert.
F. K.
Wie bei Platon die Vorstellung eines Abstiegs. Also nicht Evolution, sondern Devolution.
A. K.
Wenn wir Marilyn Ferguson nehmen oder die Gnostiker von Princton, so sind die der Überzeugung, daß jetzt der Augenblick gekommen ist, in dem die aufsteigende Richtung der Evolution durch das Verstehen dieser alten Formen der Hochkultur wieder wirksam wird.
F. K.
Also durch Rückgriff. Durch Ausgrabung, durch Wiederentdeckung verschütteter Kulturgüter…
A. K.
Verschüttete Kulturgüter, die erst aus unserer Lage heraus verständlich sind.
F. K.
Was diese Urkulturen zweifellos hatten, ist ein sehr viel höherer oder totaler Integrationsgrad von Wissen und Glauben. Der Widerspruch zwischen Wissenschaft und Religion, der uns jetzt so beschäftigt — als etwa zwischen Evolutionstheorie und religiöser Schöpfungsgeschichte — dieser Widerspruch ist in diesen alten Kulturen nicht vorhanden.
A. K.
Dieser Widerspruch ist nicht vorhanden. Hier kommt aber eine wichtige Entwicklungsrichtung der Naturwissenschaft ins Spiel: die Hirnforschung, vor allem der Hirnhemisphärenforschung. Neueste Erkenntnisse: Wenn wir ganz jung sind, dominiert unsere rechte Hemisphäre. Das heißt: Wir leben in der Traumwelt, und das entspricht der Welt der Altsteinzeit. Auch die Menschen der Altsteinzeit haben in dieser Traumwelt gelebt. Die Indianer haben direkte Beziehung zur Altsteinzeit: Kein Indianer hat je eine Handlung unternommen, wenn er nicht eine Inspiration oder eine Vision dazu hatte — ohne Vision keine Handlung. Genauso wie in Afrika…
F. K.
Sie postulieren also einen auch sonst erkennbaren Gleichklang von Ontogenese und Phylogenese in Bezug auf eine Dominanz-Entwicklung der Hirnhälften. Also das Kind ist in diesem Sinne die Wiederholung des Urmenschen, des paläolithischen. Jung ist rechtshirnig. Alt linkshirnig.
A. K.
Mit dem Homo sapiens kam das personale Bewußtsein. Rechtshirnigkeit bedeutet Mutterreligion: Einheit des Körpers im Kind mit der Mutter, personales Bewußtsein. Linkshirnigkeit bringt Vaterreligion. Im einzelnen Menschenleben bewirkt die Erziehung die Umstellung: Das unglückliche Bewußtsein entsteht. Und erst eine hohe Reife der geschichtlichen wie der persönlichen Entwicklung führt dazu, daß die rechte Gehirnhälfte wiederentdeckt wird.
F. K.
Diese Theorien greifen jetzt auch in der hohen Wissenschaft um sich und sind Gegenstand ernsthaftester Forschung: Hirnhemisphärenforschung unter Auswertung der Balkendurchtrennung — Nobelpreis für Sperry. Auch in der Philosophie wird offenkundig, daß die Fähigkeit der hochartikulierten Sprache, die ihrerseits wiederum offenkundig das hohe Ich-Bewußtsein mit sich bringen, in der linken Hirnhälfte ihren Sitz haben, während in der rechten das Es oder die Beziehung zum Wir, zum Gemeinsamen, zum Ursprünglichen zu finden ist.
A. K.
Nun sagt zum Beispiel jemand wie Julian Jaynes, ein Psychiater in Princton: Es scheint so zu sein, daß das Subjekt der linken Hemisphäre Ich heißt, das Subjekt der rechten Hemisphäre aber Gott. Das heißt, im averbalen Gehirn ist eine andere Art der Subjekthaftigkeit vorhanden, und erst wenn man dieses Tiefensubjekt entdeckt, erreicht der Mensch wiederum die Gemeinsamkeit mit Gott.
Ein weiterer Hinweis aus der neuesten Forschung: Wir können uns ohne Schwierigkeiten nur an das Erinnern, was uns emotional irgendwie berührt hat. Was uns aber emotional berührt, ist averbal. Es ist also die rechte, die analoge, averbale Gehirnhälfte, die das linke, das verbale, das digitale Gehirn strukturiert. Was die Kreativität betrifft: Kreativität ist nicht Genies vorbehalten. Es ist die falsche Umwelt, die falsche Erziehung, die die Kreativität zerstört.
Arnold Keyserling
Evolutionstheorie und Religion · 1999
im Gespräch mit Franz Kreuzer
© 1998- Schule des Rades
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