Schule des Rades

Árpád Romándy

Die goldene Blüte in der Wassermannzeit

Das Entstehen und Vergehen der Dinge und Wesen wird im Buch der Wandlungen durch eine Folge von 12 Hexagrammen ausgedrückt, die in engster Beziehung zu Musik und Astrologie steht.

Die Kulmination des Yin im Zeichen Kun können wir als Ausgangspunkt der Folge nehmen. Gemäß dem Gesetz des Gegenlaufs entwickelt sich aus dem Empfangenden die erste Bewegung und das Yang beginnt zu wachsen, symbolisiert durch das Hexagramm Fu, die Wiederkehr. Die Entwicklung geht weiter und erreicht über die Zeichen der Annäherung, des Friedens, des Großen Macht und des Durchbruchs schließlich ihren Gipfelpunkt im Zeichen des Schöpferischen, worauf die abwärtsführende Bewegung beginnt und die Zeit des wachsenden Yin einleitet, die über das Zeichen des Entgegenkommens zum Rückzug führt, von dort weiter zu Stockung, Betrachtung und Zersplitterung, bis am Ende wieder die Stille des reinen Yin, also die absolute Ruhe, erreicht ist.

Diese Folge heißt in China das Rad der 12 Lebensinformationen und wird zur Beschreibung jeglichen lebendigen Prozesses verwendet. Hiermit ist nicht nur biologisches Leben gemeint, sondern jeder Entwicklungs- und Entfaltungsprozeß.

Innerhalb dieser Folge hat das Hexagramm Fu eine zweifache Bedeutung. In der Kulturentwicklung versinnbildlicht es die Ablöse des Alten durch das Neue, für das Subjekt ist es die Erfahrung der Goldenen Blüte, also die Wiederkehr des Lichts aus dem tiefsten Dunkel.

Die vergleichende Mythenforschung hat gezeigt, daß aufgrund der Präzession des Frühlingspunktes ca. alle 2.160 Jahre ein radikaler Wandel der Mythen, Weltbilder und Kulturen auftritt. Heute, da sich der Frühlingspunkt aus dem Zeichen der Fische in das Zeichen des Wassermanns bewegt, leben wir in einer solchen Wendezeit, nämlich der Zeit des Übergangs in das Zeitalter der Technologie und der globalen Zivilisation. In den Bereichen von Wirtschaft und Wissenschaft ist dieser Übergang schon Wirklichkeit geworden und wird durch neue Entwicklungen wie z. B. den internationalen Datenhighway noch beschleunigt. Das globale Dorf ist keine Zukunftsvision mehr, tatsächlich ist schon jetzt potentiell an jedem Ort der Erde Information allgemein zugänglich. Die Vernetzung der Welt ist aber nicht nur in Wirtschaft und Wissenschaft zu beobachten, sondern auch im geistigen und religiösen Bereich, und gerade hier ist das Bild der Goldenen Blüte von wesentlicher Bedeutung, ist es ja erst kurz vor Beginn der Wassermannzeit in das öffentliche Bewußtsein gedrungen.

In bezug auf den Kulturwandel müssen wir zwei Aspekte betrachten, einerseits die veränderte Haltung zur Transzendenz und andererseits das Einbeziehen des Körpers, wie es für ein Zeitalter des Körper-Denkens selbstverständlich wird.

In den demokratischen Gesellschaften verlieren die traditionellen Religionen ihre Funktion, als Leitbilder zu einem sinnvollen Leben zu dienen und verkehren sich in ihr Gegenteil, sie verhindern den sinnschöpfenden Zugang zum Leben. Die Kirchen werden zu seelsorgerischen und karitativen Einrichtungen die versuchen, mit einer fundamentalistischen und restriktiven Politik des Geistes das Rad der Zeit zurückzudrehen — die Frage des Sinns bleibt jedoch ausgeklammert.

Dafür wird diese Frage jetzt von Einzelnen gestellt, denen es unmöglich ist, sich auf die traditionelle Sicht allein zu beschränken und die im Sinne des globalen Dorfes Antworten aus den unterschiedlichsten Kulturen miteinbeziehen, wie sich vor allem in der Bewegung des New Age zeigt.

Dem New Age wird oft der Vorwurf des Eklektizismus und des Eskapismus gemacht. Es stimmt sicherlich, daß oft wahllos Überlieferungen und Methoden durcheinandergewürfelt werden, doch ist dies nicht wesentlich. Entscheidend ist vielmehr, daß diese Bewegung den grundlegenden Wandel in der Beziehung zum Sinn widerspiegelt. Genausowenig stimmt der Vorwurf des Eskapismus vor dem Hintergrund äußerer Krisen wie dem Zusammenbruch ganzer politischer Systeme oder der ökologischen Bedrohung — von Wirklichkeitsflucht zu reden heißt letztendlich nur, Sinnfragen auf gesellschaftliche Fragen zu reduzieren und alles andere als subjektive Illusion zu betrachten.

Der Zeitgeist zeigt vielmehr das bewußte oder unbewußte Wissen der Menschen, daß es nötig ist, den weltweiten Zusammenschluß auch auf geistiger Ebene zu vollziehen und daß kein Sinn unterhalb des globalen mehr zu tragen imstande ist (die verschiedenen Katastrophen, die aus nationalen bzw. fundamentalistischen Ideen heraus entstehen, illustrieren diesen Punkt auf das deutlichste). Dies bedeutet automatisch eine Absage an überlieferte Religionen, da diese räumlich und zeitlich nur einem bestimmten begrenzten Weltausschnitt zuzuordnen sind. Um ein globales Bewußtsein zu entwickeln, genügt es in Zukunft allerdings nicht, nur den Reichtum der verschiedenen Kulturen und Überlieferungen zugänglich zu machen und ins Bewußtsein zu heben, sondern es ist vor allem notwendig, im Sinne der Linguistik und Semiotik die Grundkomponenten des Sinns für die neue Zeit zu bestimmen.

Religion im Sinne der Fischezeit als Nachfolge, Glauben und Gottesdienst ist Vergangenheit, für die Wassermannzeit ist die Klärung und Richtigstellung des Wissens das Wesentliche, um dadurch den Zugang zum freien Subjekt und zum eigenen kreativen Ausdruck zu finden. Daher rührt die Bedeutung des Rades, das die grundlegenden Parameter des Sinns in ihrer Beziehung zueinander begreifbar macht und damit ein Mittel in die Hand gibt, von jeglicher begrenzten Kultur zum Sinn durchzustoßen und an der globalen Kultur mitarbeiten zu können.

Traditionen müssen ihren zeitgemäßen Ausdruck finden. Vieles, was heute Eingang ins Bewußtsein findet, ist in der Nachfolge eines Meisters formuliert, was sich inzwischen nur negativ auswirken kann, wie auch einige Beispiele aus jüngerer Zeit gezeigt haben. Sicherlich gibt es Meister, aber nur in der persönlichen Verbindung von Motivationen und Intentionen und im Sinne des Könnens, nicht jedoch im Sinne der Hierarchie, der sich der einzelne unterzuordnen hat. Meister kann es geben in der Vermittlung technischen Know-hows, egal auf welchem Gebiet, außerhalb dessen aber nicht, da Sinnfindung nur über die Verwirklichung des persönlichen Ausdrucks erfolgen kann. Auch darum ist die Kenntnis des Rades so wesentlich, da unzeitgemäße Abhängigkeiten zerstört und die Komponenten des Gewahrseins dem Denken zugänglich gemacht werden können, was potentiell zur kreativen Spontaneität und damit zur Mitarbeit an der Erde befreit.

Die Goldene Blüte muß in diesem Kontext verstanden werden. Ursprünglich wurde sie als Weg zur Unsterblichkeit und als Zugang zur höchsten Wirklichkeit betrachtet, indem aus der tiefsten Stille und Ruhe der eine Lichtfunken entsteht, aus welchem der reine, unbedingte Geistleib geschaffen wird. Für uns heute hat sich die Wertigkeit verschoben. In der Vorstellung der Unsterblichen regiert noch der Typus, der umsomehr verwirklicht wird, als alles Persönliche abgestreift und abgetan wird — mit anderen Worten besteht die Verwirklichung im Erreichen der Leere oder des Nichtseins, je nachdem, ob man die buddhistische oder die taoistische Formulierung bevorzugt. Für uns geht es aber nicht um das Erreichen der Leere an sich, sondern um die Verwirklichung des Sinns und die Befreiung der Kreativität. Diese kann nur an dem ansetzen, was ich bin, weswegen asketische Techniken der Selbstüberwindung für uns nicht praktikabel sind. Die Leere ist nicht Ziel, sondern Voraussetzung für den nächsten Schritt. Chinesisch gesprochen ist der Ausgangspunkt des Hexagramm Kun, also die äußerste Stille, die innere Leere, das Dunkel, das Wollen oder auch das Akzeptieren der eigenen Anlage. Kulminiert das Yin, entsteht das Yang, wie das Zeichen Fu zeigt. Vertraue ich dem eigenen Dunkel, entsteht und wächst der eine Lichtfunke. Was ist aber dieser eine Funke? Früher war es der Funke, aus dem der reine Lichtkörper, symbolisiert durch das Zeichen Qian, das Schöpferische, hervorging. Heute hingegen, wo die Arbeit an Zivilisation und Kultur vorrangig geworden ist, ist es der Keim der Inspiration, der mir im Augenblick zukommt und der mir hilft, meinen nächsten Schritt in bezug auf die Mitarbeit an der Erde zu tun. Oder anders ausgedrückt ist es der Keim, der mich mehr werden läßt bzw. durch den sich mein Wesen ein bißchen mehr entfaltet. Diese Entfaltung muß in unserer Zeit sprachlich sein, Ausgangspunkt ist zwar das Wollen — das Wollen des großen Subjekts wie auch meiner selbst als Subjekt — wachsen kann ich jedoch nur, wenn sich Gedanken, Inspirationen oder Bilder sinnvoll zu den bereits vorhandenen hinzufügen und kommunizierbar, also auf den Mitmenschen bezogen sind. War früher die Befreiung eine nichtsprachliche Erleuchtung, kann diese heute bestenfalls als Ausgangspunkt genommen werden, um die Welt der Bilder auf die Erde zu bringen und die Schönheit der Erde zu vermehren. Es genügt nicht, das Absolute zu erleben, wir müssen seiner Kreativität teilhaftig werden. Wissenschaftlich ist uns dies seit kurzem zugänglich, als gezeigt werden kann, daß der ganzen Kreativität der Natur und des Menschen der seltsame Attraktor der Chaostheorie zugrundeliegt. Dazu muß ich die 0 als Ausgangspunkt nehmen, ich darf also nicht mitgerissen werden. Im Zeitalter des Körper-Denkens erreiche ich dies durch den Schritt hinter die Sprache, also wiederum zum Rad in seiner auf Zahlen aufbauenden Systemik. Übung allein genügt nicht mehr, erst das Verständnis der systemischen Struktur befreit mein Wesen zum kreativen Spieler. Das Licht, das dann kreist und sich entfaltet, ist das konkrete Licht der Bilder, die verwirklicht werden müssen, um das Wesen oder buddhistisch den Dharma-Körper zu schaffen.

In diesem Sinne ist das Kreisen des Lichtes nichts als das Durchschreiten des Rades. Im Dunkel wird der Keim des Schöpferischen zugänglich, der im Sinne eines spiralförmigen Aufstieges verwandelt — nach jedem Kreisen bin ich ein anderer. Dann arbeite ich im Tierkreis an der Erde, und indem ich arbeite, ist mein Subjekt Teil des großen Subjekts.

Der zweite Aspekt der Goldenen Blüte bezieht sich auf die Erfahrung des Körpers. Der Körper soll nicht überwunden, sondern in ein Instrument des Gewahrseins verwandelt werden. Dafür braucht es die Einbeziehung des chinesischen Wissens um das Qi, das seit jeher der Goldenen Blüte zugrunde lag, jedoch erst kürzlich im Zusammenhang mit den chinesischen Körpertechniken in allgemeine Bewußtsein gedrungen ist.

Körperliche Zusammenhänge wurden in China im Gegensatz zum Abendland immer in energetischen Begriffen beschrieben, der Begriff Qi durchdringt das gesamte chinesische Wissen. Wir leben in einem Wirkfeld, das aller Materie, Energie und Information zugrunde liegt. In der modernen Physik wird der Versuch gemacht, es als ZPF (zero-point field) theoretisch zu postulieren, in China war es schon immer unter dem Namen Qi bekannt. Das ganze Universum wird als vom Qi geschaffen betrachtet, so, wie auch das Wirken der Natur nichts als ein Ausdruck von Qi ist.

Qi wird vertikal und horizontal verstanden als kreative Kraft des Ursprungs wie auch als erhaltende Kraft alles Geschaffenen. Im Denken stoße ich zur 0 durch, wenn ich mein Wissen auf die Struktur des Rades, also die Zahl als Sinnesträger, abstimme. Körperlich erlebe ich die 0, wenn ich das Qi verstehe. So wie die Computer auf 0 und 1 aufbauen, muß ich auch den Körper als 0 und 1 begreifen, wobei 0 die Beziehung zum Ursprung, zeitlich und räumlich, als Augenblick und als Mitte, bedeutet und 1 das Qi als Träger und Beziehung alles Gestalteten ist. 0 ist das Erreichen der Stille, 1 das Gewahrsein des Flusses der Kraft.

Kreativität kann körperlich eingeübt werden. Der Tierkreis als 12fältiges Wirkfeld ist auf die Erde bezogen — der phänomenologische Ansatz ist also als einziger dem Subjekt gemäß. Darum befreit die Verlagerung des Körperschwerpunktes in den Bauch bzw. in die Erdmitte das Subjekt. Der 8fältige Raum entsteht ebenfalls aus dem Erleben der Richtungen, also gilt ein gleiches für das Aktivieren der 12- und 8-fältigen energetischen Struktur.

Es werden also die Urkomponenten des Rades durch die Übung des Qi erfahrbar. Im Rad ist die Achse der Kreativität die Ost-West-Achse zwischen dem Schöpferischen und dem Empfangenden, zwischen Gewahrsein und Wollen. Um sich dieser Achse zu öffnen, muß die Aufmerksamkeit im Zwielicht gehalten werden, zwischen Yang und Yin, Tag und Nacht. Gelingt dies, ist das Qi als Informationsträger zur Schaffung des Wortleibs zugänglich, das Kreisen des Lichts kann zu neuer Gestaltung führen.

So wie in der Wassermannzeit kein Sinn unterhalb des Menschheitlichen möglich, darf die Erfahrung des Körpers nicht unterhalb der Ebene der Kreativität erfolgen — die therapeutische Ausrichtung der meisten heutigen Qi-Techniken hat sicher auch ihre Berechtigung, stellt aber keinen möglichen Sinn dar. Die Achse Wassermann-Löwe ist der Rahmen für die Entfaltung der Goldenen Blüte, einerseits Mitarbeit an Kultur und Zivilisation und andererseits Durchbruch zur Spontaneität, oder mit anderen Worten, Verständnis der Urzusammenhänge, um als kreativer Spieler an der Kultur teilhaben zu können.

Árpád Romándy
Die goldene Blüte in der Wassermannzeit · 1995
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD