Schule des Rades

Árpád Romándy

Die Beziehung zum Ganzen im chinesischen Denken

Heute wird viel von der zunehmenden Vernetzung der Welt und von der multikulturellen technologischen Zivilisation gesprochen. Meist wird dabei aber stillschweigend von der Überlegenheit der abendländischen Denkweise ausgegangen, indem unter globaler Einheit die Umformung der verschiedenen Kulturen durch die westliche Zivilisation verstanden wird. Global ist die Digitalisierung der Welt, während mit dem Begriff Kultur oft nur Lokalkolorit gemeint ist, das als Beitrag zur Vielfalt willkommen ist, jedoch nicht in seinem Sinn hinterfragt wird. Kulturen werden zu Sitten und Gebräuchen reduziert oder als Variationen der Kunst betrachtet, die aber zur Welt des wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts nichts beizutragen haben.

Tatsächlich jedoch gründen die verschiedenen Kulturen auf unterschiedlichen Sichtweisen der Wirklichkeit, die, wenn man von der Erde als Ganzes ausgehen will, verstanden und integriert werden wollen und genauso einen Wert für eine kommende Gesellschaft besitzen wie die vorherrschende Weltsicht des Abendlandes. Der Gedanke ist nicht neu und wurde schon oft angesprochen und als Forderung gestellt. Auf unbewußte Art wird dies auch von vielen gefühlt, was sich an der starken Tendenz innerhalb der modernen Gesellschaften ablesen läßt, sich mit esoterischen oder außereuropäischen Überlieferungen auseinanderzusetzen.

Hierbei besteht allerdings die Gefahr, einen Schritt zurück zu machen und die Gedankenwelt einer bestimmten Kultur oder Überlieferung als allgemeinverbindlich erklären zu wollen. Dies ist nicht mehr möglich, hingegen kann man aber sehr wohl die Grundcharakteristika eines uns fremden Denkens der modernen Welt sinnvoll eingliedern.

Kulturen sind sprachlich. Das abendländische Denken beschreibt nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit und basiert auf Sprachen, die aufgrund ihrer Struktur dazu beitragen, den Menschen von der Natur abzuspalten und einen Riß zwischen Kultur und Natur entstehen zu lassen. Andere Kulturen gehen von anderen sprachlichen Voraussetzungen aus und kennen diesen Gegensatz gar nicht. Zu diesen Kulturen gehört auch die chinesische, die in vielem das genaue Gegenteil des Westens darstellt.

Westen und Osten wurden in den letzten 50 Jahren mit den Ideologien von Kapitalismus und Kommunismus identifiziert. Seit dem Zusammenbruch des Kommunismus und damit auch seines Gegenspielers kann der Unterschied zwischen West und Ost in seiner Essenz betrachtet werden als Unterschied zwischen einem digital-analytischen und einem analog-synthetischen Weltverständnis. In dieser Gegensätzlichkeit liegt die Bedeutung der chinesischen Kultur für den Westen und der Grund, warum die Auseinandersetzung mit ihr gesucht werden muß.

Die geistige Beschäftigung mit China ist nicht neu, sondern hat in Europa, ausgehend von den ersten Übersetzungen der jesuitischen Missionare, eine lange Tradition. Das chinesische Verständnis des Körpers fand dagegen erst in jüngster Zeit seinen Weg in den Westen, durch die Kampfkünste, in erster Linie das Taijiquan, den Qigong und durch die wachsende Akzeptanz der traditionellen chinesischen Medizin. Abgesehen von ihrem praktischen Nutzen sind die Körpertechniken wertvoll vor allem in der Hinsicht, als sie nämlich die in China so unterschiedlichen Voraussetzungen des Denkens erfahrbar machen.

Ich möchte hier keine umfassende Darstellung des chinesischen Denkens geben, sondern nur auf ein paar Grundzüge hinweisen, die hinter den Körpertechniken stehen und die für deren Verständnis wesentlich sind. Hierzu gehören das Ausgehen von der Ganzheit, das Denken in Beziehungen, die Vorstellung des Wandels und die Bedeutung der Mitte.

Das chinesische Denken hat die Ganzheit nie verlassen. Es war ihm nie darum zu tun, das Ganze in seine Teile zu zerlegen, um zum Beispiel kausale Mechanismen zu orten, sondern es will innerhalb des Ganzen Beziehungen und Entsprechungen feststellen. Dem liegt die Auffassung zugrunde, daß die Welt etwas Organisches ist, das nicht zerteilt werden kann, ohne das Wesentliche aus den Augen zu verlieren, was dort, wo von Lebendigem die Rede ist, wohl offensichtlich ist.

Das ganze Universum ist belebt und stellt einen großen Lebenszusammenhang dar. Um sich innerhalb dieses großen Ganzen zu orientieren, braucht es weniger ein Isolieren und Analysieren von Einzelheiten als den Blick für die Gesamtheit der bewegten Abläufe. Verständnis heißt für die Chinesen, die Einzelheiten in ihrer Veränderung, Wandlung und wechselseitigen Beziehung zu begreifen. Hierin liegt der Grund, warum die Chinesen das westliche Denken als statisch, als dem Stillstand verhaftet sehen, während sie für sich das Verständnis der Dynamik des Lebendigen in Anspruch nehmen. Im Westen richtet sich der Blick auf Einzeldinge, in China auf die Muster bewegter Wirkungsfelder.

Diese unterschiedliche Sichtweise entspringt der Struktur der chinesischen Sprache. Das Chinesische besitzt nicht die westlichen Sprachen eigenen Tendenz zur Verdinglichung und eignet sich dementsprechend mehr zur Beschreibung von Bewegungen, Wirkungen und Veränderungen, nicht in einem digitalen Hintereinander, sondern in einer analogen Gleichzeitigkeit. Selbst die Schrift ist nicht so linear ausgeprägt wie zum Beispiel die lateinische, zwar kommen auch die Chinesen nicht umhin, Zeichen linear hintereinander anzuordnen, die Zeichen sind jedoch geeigneter zur Übermittlung nichtlinearer Information und in ihren Kombinations­möglichkeiten viel freier als die syntaktisch und grammatisch stärker begrenzten Worte westlicher Sprachen.

Dadurch, daß in der chinesischen Sprache die Subjekt-Objekt-Trennung nicht im Vordergrund steht, steht der Mensch nicht einer Natur gegenüber, die es zu unterwerfen gilt, sondern es stellt sich die Frage nach der Beziehung des Menschen zu der Vielfalt an Wirkungen, die ihn umgeben. Philosophie und Wissenschaft waren in China nicht in erster Linie auf das Erlangen abstrakten, objektiven Wissens ausgerichtet, sondern beschäftigten sich mit der Frage, wie sich der Mensch im großen Beziehungsgeflecht des Universums zurechtfinden kann und welches Handeln ihn in Einklang mit seiner Wirklichkeit bringt, wobei im Taoismus mehr die Seite der Natur und im Konfuzianismus mehr die Seite der Kultur und Gesellschaft betont wurde.

Die Begriffe Dao für die Fülle des Ganzen, mit der es gilt, in Harmonie zu kommen und De für den Ausdruck, den das Ganze im Individuum finden kann, sind schon lange bekannt. Der Begriff Qi hingegen, mittels dessen die Vielfalt der Wechselbeziehungen beschrieben wird, dringt erst jetzt allmählich in Verbindung mit dem chinesischen Körperwissen ins allgemeine Bewußtsein.

Die ursprüngliche Bedeutung von Qi ist Atem, Luft, Dampf, Wolkendunst. Alte Schreibweisen zeigen den Dunst, der von der Erde aufsteigt, den Geruch gekochten Reises oder auch Flammen und Rauch. Qi nahm aber bald die Bedeutung der grundlegenden Lebenskraft an, die in ihrer Yin- und Yangdynamik das ganze Universum durchdringt, sodaß Leben und Tod als Ansammlung und Zerstreuung des Qi verstanden werden konnten. Alles Existierende ist Qi, besteht aus Qi und bewegt sich durch Qi. Darüber hinaus ist Qi aber auch ein Begriff, der auf die Beziehung zwischen Wesen weist, ebenfalls ist es der lebendige Rhythmus, der die Schöpfung durchpulst und nicht zuletzt ist es das, was in der Kunst seine Abbildung erfährt, wenn der Künstler mit dem, was er schaffen will, eins wird.

Wir sehen also, daß der Begriff Qi sehr vielschichtig ist und keine rechte Entsprechung in unseren Sprachen besitzt. Wesentlich ist jedoch, daß das Qi erfahrbar ist, da das gesamte chinesische Körperwissen darauf aufbaut. Eng damit in Verbindung steht die Vorstellung von der Mitte, die der Mensch schaffen und erfahren muß, um mit der Welt in Harmonie zu sein.

Nur steht China auch der Erfahrung grundsätzlich anders als wir gegenüber. Im Westen werden Erfahrender und Erfahrung getrennt, im Osten vereint. Der Westen verwechselt Bewußtseinsinhalte mit dem Bewußtsein selbst, das hier besser als die Fähigkeit des Gewahrwerdens bezeichnet wird, China geht aus vom inhaltslosen Gewahrsein, das erst die rechte Mitte bildet, von der aus Inhalte integriert werden können.

Demgemäß ist für Chinesen das westliche Denken nach außen gerichtet, ohne Kontakt zum eigenen Zentrum, während das chinesische Denken versucht, die Verbindung zum Zentrum nicht abreißen zu lassen. Die Idee dahinter ist, daß ohne das Finden der Mitte keine Beziehung zur Welt möglich ist und daß damit auch der Zugang zur Lebensenergie und Kreativität eingeschränkt ist. Die Erfahrung des Qi soll also, richtig verstanden, eine Brücke bilden zur inneren leeren Mitte, aus der heraus der Zusammenhang mit allem erlebt werden kann.

Mitte ist zeitlich der Augenblick und räumlich der Punkt, durch den die Allbeziehung möglich ist. Für den Menschen ist die Mitte das Zentrum der Erde, auf die er durch die Schwerkraft bezogen ist. Daß durch die Beziehung zur leeren Mitte erst die Subjektfindung möglich ist, ist ein Wissen, das sich in vielen Traditionen findet. So setzt die Astrologie die Konstellationen des Himmels in Bezug zur Erde, damit die Fülle einbezogen werden kann, und Riten dienen ebenfalls der Schaffung einer raumzeitlichen Mitte, die die Eingliederung des Menschen in den Kosmos ermöglichen soll. Und natürlich kann die Mitte körperlich eingeübt werden, was die Chinesen als das Erreichen des ursprünglichen Qi bezeichnen.

Wenn also im Zusammenhang mit chinesischer Philosophie von der großen Triade Himmel, Mensch und Erde, von der Polarität von Yin und Yang, vom Wechselspiel der 5 Wandlungsphasen oder von den vielen emblematischen Entsprechungen die Rede ist, so darf man dies nicht als vorwissenschaftlichen Ausdruck einer Strategie zur Beherrschung der Natur mißverstehen. All dies muß immer in Bezug auf den Menschen verstanden werden. Wir finden darin das Wissen, daß der Mensch eingebettet ist in eine unendlich komplexe Vielfalt an Wirkungen, die durch die Instrumentarien des Entsprechungsdenkens verstanden werden kann, sodaß der Mensch zu einer harmonischen Einstimmung in diese Welt findet Dieser Gedanke prägte die ganze chinesische Kultur und Zivilisation und kann, gerade in der nüchternen Ausformung durch die chinesischen Körpertechniken, auch befruchtend für den Westen werden, wenn diese vor diesem Hintergrund gesehen werden.

Árpád Romándy
Die Beziehung zum Ganzen im chinesischen Denken · 1996
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