Schule des Rades

Dago Vlasits

Wissenschaft vom Ursprung ist der Ursprung von Wissenschaft

Das Atom

Dem materialistischen Monismus der Atomisten liegt eigentlich eine Zweiheit zugrunde, die Fülle der Atome und die Leere des Raumes. Leukippos, ein Schüler des Zenon, sah das parmenidische Sein nicht nur in den unendlich vielen, unteilbaren Atomen, sondern sprach auch dem Nicht-Sein, dem Nichts des leeren und unendlichen Raumes, eine Existenz zu. Sein Schüler Demokrit von Abdera (um 460 - 370) wird später vom Vollen und Leeren, von den vielen Ichts und deren Gegensatz, dem Nichts sprechen. Es gibt kein Entstehen und Vergehen, nur die unterschiedliche Gestalt, Lage und Anordnung der Atome schafft die Vielfalt der Erscheinungen. Ihr Trennen und Verbinden ist aber nur möglich, wenn es leeren Raum zwischen ihnen gibt. Leukippos, an der denkerischen Schärfe des Zenon geschult, wußte, daß unendliche Teilbarkeit alle Gestalt zunichte werden läßt und nur das reine Sein übrigläßt. So setzte er letzte unteilbare Seiende, die unzerstörbaren Atome, welche aus eigener Kraft, aber blind und zufällig durch den leeren Raum fegen. Diese Konzeption hat sich nun mehr als alle anderen Vorstellungen der Vorsokratiker für die Entwicklung der Naturwissenschaften als bahnbrechend erwiesen. Eine Rückbindung des Wissens auf einen göttlichen Urgrund ist hier aber nicht mehr gegeben. Demokrit bezeichnet zwar die Ur-Körperchen als Ideen, doch dies bezieht sich nur auf ihre unterschiedlichen geometrischen Formen. Und Aristoteles wirft den Atomisten vor, sie machen sämtliche Dinge zu Zahlen und aus Zahlen… wenn sie das auch nicht deutlich sagen. Doch dieser Zahlbegriff ist längst nicht mehr der pythagoräische, wenn auch heute als erwiesen gilt, daß Demokrit seine mathematische Schulung seinen Beziehungen zu den Pythagoreern zu verdanken hat.

Als man den bereits verstorbenen Richard Feynman, Nobelpreisträger und einer der wichtigsten Quantenphysiker der jüngeren Vergangenheit, einmal fragte, was er einer außerirdischen Zivilisation als wichtigste Botschaft von der Erde aus zukommen lassen würde, antwortete er, Alles besteht aus Atomen. Doch die immense Bedeutung des Atoms bezieht ein Wissenschaftler vom materialistischen Schlag wie Richard Feynman nicht auf das Subjekt und die Rolle, welche das Atom auf der geistigen Suche des Menschen nach dem Sinn spielen könnte. Kann das Atom überhaupt eine solche Rolle spielen? Schon die ersten Atomisten haben sich ja des Göttlichen entledigt, und heutzutage ist der atomistische Reduktionismus der Inbegriff einer geistlosen und sinnentleerten Weltschau. Zudem ist gegenwärtig der Begriff des Atoms in weiten Kreisen mit Zerstörung und Lebensfeindlichkeit assoziiert. Doch diese Angst und die physikalische Zerstörungskraft sind nur Schatten der geistigen Gewalt, welche im Herzen des Atoms wohnt. Es ist die Summe aller Weisheit, welche die ersten Denker suchten, die wahre Arché, welche Geist und Materie, Sinn und Bedeutung, Subjekt und Objekt vereint. Um zu dieser Schau zu kommen, müssen wir den allzueinfachen Atombegriff des Leukipp durch das heutige Wissen vom Atom ersetzen. Sodann müssen wir aber wieder die Naivität unserer Ahnen erlangen und die Ganzheit als Ziel und Ausgangspunkt wählen. Nun sind wir nicht in der Lage eines Thales, welcher von einem selbstverständlichen Sinn und der Ganzheit ausgeht, aber ein sprachlich unbearbeitetes Feld vorfindet, in welchem er sich um die ersten Begriffe bemüht. Wir stehen vor der reichen Ernte einer zweieinhalbtausendjährigen Wissenschaft und müssen den Begriffen ihren angemessenen Platz zuweisen, damit diese den Zugang zum subjektiven Sinn nicht verstellen und den Menschen nicht in seinen sprachlichen Konstruktionen gefangenhalten. Diese große Integration ist durch die Struktur des Atoms möglich. Wenn das pythagoräische Rad der Schlüssel ist, um aus dem Denken des Wissens in das Gewahrsein des Sinnes vorzustoßen, dann ist das Atom die materielle Manifestation dieser Weisheit, gleichsam das Rad in der Materie.

Dago Vlasits
Wissenschaft vom Ursprung ist der Ursprung von Wissenschaft · 1994
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD