Schule des Rades

Dago Vlasits

Wissenschaft vom Ursprung ist der Ursprung von Wissenschaft

Was ist die Arché?

Das Quantenpotential – oder:
Die Suche nach dem kosmischen Meer

Der Beginn wissenschaftlichen Verstehens durch die ersten Philosophen im 7. vorchristlichen Jahrhundert war die Frage nach dem Uranfang und Urprinzip, der Arché, aus welcher sich alles andere logisch ableiten läßt. Der erste der Vorsokratiker, Thales von Milet (624 - 546), fand dieses im Wasser, was natürlich dem heutigen Wissen nicht standhalten kann. Von historischer Bedeutung ist jedoch die Art der Fragestellung. Es ist das Ringen um einen Begriff, welchem eine empirische Substanz entspricht, die als kontinuierliche Einheit allem zugrunde liegt. Mythisch tritt uns die Einheit in vielen Gestalten entgegen, der höchste Gott variiert von Kultur zu Kultur und ist zumeist ein zurückgezogener, transzendenter Deus Otiosus. Doch der griechische Geist suchte nach einem allgemeinen Begriff, welcher die Einheit in ihrer sinnlichen Erfahrbarkeit und Immanenz bezeichnet. Als erster nach einem solchen Prinzip gefragt zu haben macht Thales zum ersten griechischen Philosophen und zu einem unsterblichen Ahnen.

Was ist aber von Thales Idee zu halten, daß das Wasser den Urgrund bildet? Wie wichtig auch Wasser sein mag, als Ursubstanz läßt sich diese chemische Verbindung nicht identifizieren. Moderne Begriffe wie Materie, Energie oder Feld würden der Sache schon näher kommen, sie sind umfassender und viel elementarer als H₂O. Doch diese moderneren Begriffe sind auch wiederum weniger umfassend als das Wasser, welches Thales meinte, denn der vorsokratische Pantheismus und Hylozoismus unterschied nicht zwischen Materie, Bewußtsein und Leben. Allgemeinhin wird diese fehlende Differenzierung bloß unter dem Aspekt der noch mangelhaft entwickelten philosophischen Sprache betrachtet, doch man kann darin auch durchaus eine positive Intention sehen: die Arché sollte eben definitionsgemäß alles umfassen. Im Zuge der weiteren philosophischen Entwicklung erwarb sich die Menschheit einen Begriffsapparat, welcher die moderne Naturwissenschaft und die technische Manipulation der Natur ermöglichte. Uneingeschränkt können wir uns jedoch dieses Fortschritts nicht erfreuen, gleicht er doch weitgehend dem Turmbau zu Babel. Sprachverwirrung durch Spezialistentum und der unterbrochene Kontakt zum Göttlichen durch Verlust einer ganzheitlichen Schau sind die Folgen. Erst in den letzten Jahrzehnten beginnt man wieder nach holistischen Ansätzen Ausschau zu halten. Was nun die Intention eines Thales betrifft, könnte man sie in heutiger Zeit am ehesten im Begriff des Quantenpotentials, wie es David Bohm konzipiert hat, verwirklicht sehen. Das Quantenpotential entspricht jenem kosmischen Meer, dem Thales — wie auch Bohm — Materie, Bewußtsein und Leben entsteigen läßt.

Dago Vlasits
Wissenschaft vom Ursprung ist der Ursprung von Wissenschaft · 1994
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD