Schule des Rades

Dago Vlasits

Wissenschaft vom Ursprung ist der Ursprung von Wissenschaft

Sein oder Werden?

Es ist das Verdienst von Thales, als erster nach einem empirisch faßbaren Urgrund gefragt zu haben, jenes von Anaximander, mit dem Unendlichen an die Grenze des Denkens vorzustoßen. Daß die eine unveränderliche Ursubstanz durch bloße Variationen der Quantität die Vielfalt der Erscheinungen hervorbringt, diese Erkenntnis haben wir Anaximenes zu verdanken. Pythagoras schließlich enthüllte uns die noch immer zukunftsweisende Einsicht, daß im Gewahrwerden der Zahl das Geheimnis der Schöpfung liegt.

Nun sind in der Arché, dem Weltprinzip der ionischen Naturphilosophen, das sich Erhaltende und das sich Verändernde noch weitgehend ungeschieden, doch die weitere Entwicklung des philosophischen Denkens ist durch ein Auseinandertreten dieser beiden Begriffe gekennzeichnet. Wie sich das Ruhende zum Bewegten verhält, ob nun dem Sein oder dem Werden das Primat zuzusprechen und ob eines davon als Illusion zu durchschauen ist, dies könnte man verkürzt als die Fragestellung der folgenden vier Denker formulieren.

Xenophanes von Kolophon (ca. 565 - 500) sah das Urprinzip im All-Einen. Er kritisierte wohl am radikalsten die anthropomorphen Gottesvorstellungen als menschliche Erfindungen und setzte als neuen Gottesbegriff das All, das Gesamt der Natur als höchstes und vollendetes Wesen. Im Unterschied zu Menschen und Einzeldingen ist es unerschaffen und in ewiger Ruhe, ohne Mühe bewirkt er den Umschwung des Alls durch des Geistes Denkkraft. Diesem Gotte huldigt noch heute so mancher wissenschaftlich eingestellte Mensch — wenn auch nicht mit der von Xenophanes geforderten Frömmigkeit — denn diese unveränderliche Gottheit kann man wohl am ehesten als das ewige Naturgesetz verstehen, welches das All durchwaltet. Und ganz im Sinne des modernen Naturforschers glaubt Xenophanes nur an einen allmählichen Erkenntnisfortschritt, wobei uns weder die ganze Wahrheit noch letzte Gewißheit erreichbar ist.

Aristoteles als erster Philosophiehistoriker meint, Xenophanes beiseite lassen zu können, da er zuwenig Kultur des Denkens besäße. Aus heutiger Sicht kann er nicht übergangen werden, denn in ihrem Erkenntnisrelativismus und ihrer Kritik aller Anthropomorphismen hat die Naturwissenschaft der letzten dreihundert Jahre in Xenophanes ihren ersten Ahnherrn, ebenso in ihrem Glauben an das unbestechliche Naturgesetz. Wenn aber die hier vorgenommene Gleichsetzung von Naturgesetz und der höchsten geistigen Einheit des Xenophanes erlaubt ist, so müssen wir feststellen, daß auch der Gott des Götzenstürmers Xenophanes heute ins Wanken gerät. Immer mehr setzt sich die Überzeugung durch, daß auch die sogenannten Naturgesetze der Evolution unterworfen sind. Die moderne Chaosforschung tendiert dazu, das singuläre, einzigartige Ereignis als ursprünglicher zu veranschlagen als vermeintliche Naturgesetze. (Eine Ausnahme bildet Stephen Hawking, welcher versucht, im Reiche einer von ihm angenommenen imaginären Zeit die ewigen Gesetze zu orten.)

Dago Vlasits
Wissenschaft vom Ursprung ist der Ursprung von Wissenschaft · 1994
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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