Schule des Rades

Dago Vlasits

Wissenschaft und Weisheit

Drei Revolutionen

Moderne Physik und Biologie laden heute gleichsam dazu ein, wieder den Sinn zu sehen, da dem Subjektiven wieder eine zentrale Bedeutung zukommt. Die drei großen wissenschaftlichen Revolutionen dieses Jahrhunderts, Relativitäts-, Quanten- und Chaostheorie, haben den subjektiven Standpunkt bzw. Bewegungszustand, die aktive Rolle des Beobachters und die singuläre Entscheidung als konstitutiv für die Welterfahrung hervorgehoben.

Durch die Relativitätstheorie wurde die Spaltung in einen dreifältigen Raum und eine einfältige Zeit überwunden und ein vierfältiges Kontinuum als Grundlage erkannt. Dieses Weltbild kann als subjektivistisch bezeichnet werden, denn Wirklichkeit ist hier immer nur lokal gegeben. Was sich als Wirklichkeit zeigt, ist immer nur Wirklichkeit für das jeweilige Bezugssystem, denn Raum und Zeit sind keine starren Größen, sondern das vierfältige Raumzeit-Kontinuum verformt sich je nach Ort bzw. Bewegungszustand des Beobachters. Sehr einfach wird dies bei der Betrachtung des Sternenhimmels einsichtig. Wenn wir hier auf der Erde etwa eine Supernova sehen, heißt das, daß sie an ihrem Ort bereits erloschen ist, denn die Wirkungen der Nova, also das Licht, braucht viele Millionen Jahre, bis es zu uns gelangt. Die explodierende Supernova ist Teil unserer Wirklichkeit, für das Bezugssystem am Ort des Ereignisses stellt sich die Wirklichkeit als ein bereits toter Stern dar.

Die Relativitätstheorie gilt aber noch als eine klassische Theorie. Obwohl sich in ihr Wirklichkeit vom jeweiligen subjektiven Standort her definiert, so bleibt doch eine klare Trennung zwischen Subjekt und Objekt bestehen. Denn der Beobachter beeinflußt nicht das objektive Geschehen, sondern dieses stellt sich nur in Abhängigkeit vom Ort und Bewegungszustand des Beobachters unterschiedlich dar.

Die Quantentheorie ging einen Schritt weiter und hob die scharfe Trennung zwischen Subjekt und Objekt auf, welche in der Relativitätstheorie noch Platz hat. Gemäß der Quantenmechanik hat ein Teilchen materielle Realität nur im Akt der Beobachtung, vor und nach der Beobachtung existiert es bloß in Form von mathematischen Wahrscheinlichkeitswellen, denen kein materielles Substrat entspricht.

Die dritte große Revolution dieses Jahrhunderts, die Chaostheorie, führte zu einem Primat des Singulären, Einzigartigen und Unwiederholbaren gegenüber dem Regelhaften und Voraussagbaren. Auch bei diesem Ansatz werden natürlich Ordnungen und Gesetz gefunden. Doch das Allgemeine tritt hier in den Hintergrund, da nun klar wurde, daß die Natur immer einzigartig ist, und daß auf Grund ähnlicher Ursachen bei zwei Systemen niemals auf ähnliche Wirkungen geschlossen werden kann. Es scheint so, daß alle Systeme, komplexe wie auch einfache, chaotisch sind, daß also ihr Entwicklungsverlauf auf lange Sicht nicht voraussehbar ist. Sie entfalten sich zwar nach deterministischen Gesetzen, doch der Systemverlauf ist durchsetzt mit Bifurkationen, singulären Entscheidungspunkten, an denen das System gleichsam frei die Richtung seiner Entwicklung wählen kann.

Dago Vlasits
Wissenschaft und Weisheit · 1995
Studienkreis KRITERION
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