Schule des Rades

Dago Vlasits

Vom Sinn der Zahl - Teil I

Im Schnittpunkt von haben, sein und werden

Alles Gewesene ist also auf Grund der Lichtgeschwindigkeit in dieser Weise räumlich immer gegenwärtig. Doch der Raum ist für uns unermeßlich, und sein Inhalt wird uns immer nur in Form von hintereinander aufblitzenden Ereignissen erlebbar, die von verschiedenen Orten mit Lichtgeschwindigkeit vermittelt und dadurch zur Zeiterfahrung werden. Wie sieht aber dieser Raum für das Licht selbst aus? Licht, welches für Wesen unterhalb der Lichtgeschwindigkeit der Träger des zeiterfordernden Signalaustausches ist, bedarf selbst keine Zeit um den Raum zu durchmessen, es ist überall gleichzeitig. Für das Licht ist die raumzeitliche Wirklichkeit ein ruhendes Sein, und alles ist durch das Licht im Augenblick verbunden.

Diese zuletzt besprochene Eigenschaft des Lichts hat für die normale Physik überhaupt keine Bedeutung, und die Relativitätstheorie als Ganzes hat nur für die Teilchenphysik und die Astronomie eine wichtige Funktion. Um irgendetwas über Evolution und die Organisation des Lebens zu verstehen, gilt sie gemeinhin als völlig nutzlos. Welchen Wert soll dann ihr Weltbild für den weisheitsuchenden Menschen haben, der ja nicht mit Lichtgeschwindigkeit reist, sondern sich oft genug nur mit Mühen durch seinen Alltag bewegt? Ist für den Menschen in der Zeit die zeitlose Wirklichkeit in irgendeiner Weise erfahrbar? Sie ist es, doch hier kann man nur dem persönlichen Zeugnis und jenem der mystischen Traditionen Glauben schenken. Sinnvollerweise sollten in diesem Zusammenhang aber wohl zwei Erlebnisweisen unterschieden werden, die Erleuchtung und die Fügung. Wenn die Erleuchteten von der Ewigkeit im Augenblick, von der unbegreiflichen Realität jenseits von Raum und Zeit sprechen, so sprechen sie von dem Zustand des Lichts selbst, wie wir es oben angedeutet haben.

Wenn aber diese Lichterfahrung die Erfahrung des göttlichen Seins ist, so ist die Fügung die Erfahrung des werdenden Gottes. Bevor wir aber das Wesen der Fügung erörtern, vergegenwärtigen wir uns noch einmal, welche Wirklichkeit die Relativitätstheorie beschreibt: Für alles, was sich unterhalb der Lichtgeschwindigkeit befindet, ist das Licht das Medium, welches Wirkungen vermittelt, die Endlichkeit der Lichtgeschwindigkeit ist gleichsam Voraussetzung, daß zeitliche und räumliche Ausdehnung überhaupt erfahren werden. Dabei ist nicht nur alles von der Vergangenheit her kausal bestimmt, sondern alles, was wir uns aus unserer Umgebung zukommt, ist wegen der zeiterfordernden Signalübertragung immer schon Vergangenes, ist ein Faktisches, ist kein Sein und kein Werden, sondern ein Haben. Nur die Vereinigung mit dem Licht ist eine Seinserfahrung und ist eigentlich ein Ausstieg aus der vierdimensionalen Raumzeit in einen zeitlosen Zustand.

Gibt es aber dann kein Werden? Für die Relativitätstheorie tatsächlich nicht. Hier gibt es nur ein scheinbares Werden für die Wesen unterhalb der Lichtgeschwindigkeit, für die sich das Sein zu einem Hintereinander von aufblitzenden Ereignissen aufrollt. Es gibt hier keine offene Zukunft, sondern eine vollkommen determinierte, weshalb auch die Relativitätstheorie weniger als Erweiterung der klassischen Physik, sondern als deren Vollendung betrachtet wurde. Doch im Erleben der glückhaften Fügung, wenn aus heiterem Himmel unerwartete und unwahrscheinliche Zufälle und Ereignisse wie durch ein Wunder meinen Weg ebnen, wird wahrscheinlich nur ein sehr einfältiger Geist von der Erfüllung eines von Ewigkeit her bestimmten göttlichen Planes sprechen. Man hat bei einer solchen Erfahrung doch vielmehr den Eindruck, wenn schon hier ein Gott am Werke ist, dann hat er aber eben jetzt und für mich diese Wirklichkeit konstelliert. Für den Rationalisten scheint dies aber noch um einiges absurder.

Wer aber offen ist, macht immer wieder die Erfahrung, daß die eigene Wahl, die persönliche Intention sich plötzlich deckt mit dem, was einem zufällig von außen zukommt. Hier wird uns im Raum der Wirklichkeit der zeitlose Zusammenhang des All in anderer Weise durchscheinend als in der Erleuchtung. Nicht als Ausstieg aus der Zeit, sondern als Gewahrwerden des Augenblicks, in welchem eine Kraft das zufällige Chaos zum Sinn fügt. An diesem Schnittpunkt, wo der einende Sinn erfahren wird, wird auch die übliche Vorstellung von Kausalität hinfällig. Denn mein eigenes Wollen steht mit dem, was mir in der oben beschriebenen Weise begegnet, offenbar in keinem kausalen Zusammenhang, es sei denn, man betrachtet magisches Wirken als eine Ursache, die Folgen zeitigt. Dabei fehlen aber die wesentlichen Merkmale kausalen Geschehens, nämlich materielle Vermittlung und Zeitdauer. C. G. Jung prägte dafür den Begriff der Synchronizität, der Zusammenhang zwischen solchen Ereignissen ist dadurch gegeben, daß sie eben im gleichen Augenblick geschehen und daß sie dem gleichen Sinn angehören.

Dago Vlasits
Vom Sinn der Zahl - Teil I · 1995
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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