Schule des Rades

Dago Vlasits

Zwischen gezweitem Bewußtsein und mystischer Einheit

Das Singuläre und das Allgemeine

Was immer für ein Inhalt im Bewußtsein aufscheinen mag und unabhängig davon, welchen Realitätscharakter ich diesem zurechne, der objektivierten Erfahrung steht immer ein Subjekt gegenüber. Philosophisches Forschen kann daher als ersten oder letzten Grund nur dieses Subjekt des Augenblicks finden und somit feststellen, daß es immer schon von diesem ausgeht und ausgegangen ist. Dieses singuläre, einzigartige und nicht hintergehbare Gewahrseinssubjekt ist und erkennt jeder, wenn er für einen Augenblick innehält. Es ist das Trivialste und Selbstverständlichste, und gewöhnlich sieht man im nächsten Augenblick schon wieder darüber hinweg. Jede Philosophie kennt es, im cartesischen Denken etwa erschließt es sich im Bezweifeln von Allem. An dieser Grenze schmieden die Philosophen ihre Fundamentalbegriffe, die dann zum Ausgangspunkt aller weiteren begrifflichen Konstruktion werden, hingegen ist es das erklärte Ziel der Mystik, den lebendigen Menschen in diesem Gewahrsein zu verankern. Dort geht es nicht nur um ein An-Rand-und-Ende-des-Denkens-Kommen, um an diesem Rand vielleicht eine Tafel mit einem philosophischen Grenzbegriff für alle Nachkommenden aufzustellen, sondern um eine erschütternde Erfahrung, als Erleuchtung, Samadhi oder Satori bezeichnet.

Angekommen bei diesem letzten Grund sind sie jedoch alle, der konsequent denkende Philosoph mag in seiner Nüchternheit nur mit dem großen Zeh daran angestoßen sein und es flugs bezeichnet haben, der Mystiker hingegen badet darin. Für das reine Denken ist dieser letzte Urgrund auch eigentlich kein Grund, vielmehr ein Ungrund und Abgrund. Es läßt sich nicht über ihn reden, es ist scheinbar ein Nichts in Raum und Zeit. Kein Gedanke kann es begreifend fassen, denn es geht jedem Gedanken, jedem ich denke voraus, ja wir müssen es als das den Gedanken Erzeugende anerkennen. Nur im Innehalten ist es zugänglich, im Anhalten aller Assoziationen. Glückt dies, so wird es zu einer existentiellen Erfahrung, durch die auch der philosophisch Denkende zum Mystiker wird, und das Mysterium, das sich auftut, ist die Einsicht, oder vielmehr die grenzenlose Schau, daß alles den gleichen, beseligenden Sinn teilt.

Aber wenn dies der letzte Grund ist, den ich finden kann, es aber ein Unsagbares, Unbegreifliches und Numinoses ist, was läßt sich dann darüber in verbindlicher Weise sagen? Was soll dann Philosophie, die — genauso wie die Mystik das Unaussprechliche als Urgrund kennend — sich dennoch müht, vom Unaussprechlichen zu sprechen? Indem wir es als nicht hintergehbares Subjektives erkannt haben, haben wir es ja auch als Einzigartiges und Singuläres im Hier und Jetzt erkannt. Also als das Gegenteil von etwas Allgemeinem und Verbindlichem, das aber die Voraussetzung jeder von anderen verstandenen Rede sein muß. Philosophen, die an diesem Punkt bereits ihr Ziel erreicht haben, sind keine. Entweder sie sind endgültig zu Mystikern konvertiert, und Singulär und Allgemein sind ihnen als Gegensatz aufgehoben und bloße Chiffren des einen, alldurchdringenden göttlichen Sinnes, oder es handelt sich um Solipsisten. Letztere hatte bereits Schopenhauer ins Tollhaus verwiesen. Ein philosophierender Mensch kann sich nicht mit der Erkenntnis begnügen, daß er eine singuläre Insel ist, und daß nicht nur keine Brücken zu den anderen Inseln bestehen, sondern gar, daß alle anderen Inseln eigentlich nur seine Illusionen sind. Denn Philosophie, wie wir sie hier verstehen wollen, ist auf Wahrheit aus, die verbindet, die verbindlich ist, und sie konstruiert nicht einmal Brücken, sondern macht die immer schon für alle vorhandenen Brücken sichtbar, bzw. das Konstruktionsprinzip, nach welchem die Wesen Brücken zueinander bauen.

Hier sei eine abschweifende Nebenbemerkung zur Wahrheit erlaubt: Diejenigen, die sie mit dem Brustton der Überzeugung verkünden, andere in die Pflicht der Wahrheit nehmen wollen und bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit gar Gottes Wahrheit ins Feld führen, sind der Wahrheit erste Totengräber. Neben der Einsicht in die grundsätzlichen Erkenntnisgrenzen, welche sich auf dem Gebiet der Logik, Physik und Mathematik in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts vollzogen hat, ist es nicht zuletzt auch diesen Wahrheitsfanatikern zu verdanken, daß man heute der Wahrheit mißtraut, daß viele meinen, es gäbe sie nicht, oder daß jeder nur seine eigene Wahrheit hätte. Doch all diese skeptischen Gegenreaktionen auf den totalitären Anspruch der Wahrheit, alle diese sich als pluralistisch verstehenden Positionen, deren Tugend es immerhin ist, eben im erklärten Gegensatz zum fundamentalistischen Fanatismus zu stehen, sind letztlich Spielarten des Solipsismus, welcher sich jedoch in der Lebenspraxis selber ad absurdum führt. Denn der konsequente Solipsist müßte für immer schweigen, an wen sollte er sich auch wenden?

Solipsismus ist die erste philosophische Falle, in welche der Mensch tappen kann, wenn er der Singularität des Seinssubjekts gewahr wird. Doch das Ankommen bei einem Einzigartigen, Unbedingten, Unwiederholbaren und Unsagbaren ist weniger das Ende der Philosophie, als ihr Anfang. Natürlich hat auch der Solipsist von der ersten und tiefsten Wahrheit, welche sich der Sprache entzieht, gekostet. Er zieht daraus seine absurde Konsequenz, der Mystiker stammelt oder dichtet darüber, und der Philosoph setzt einen Grenzbegriff oder meint, daß man davon schweigen muß, worüber man nicht reden kann. Aber worüber reden dann die Philosophen so wortreich die ganze Zeit, wenn die erste und tiefste Wahrheit von der Sprache nie erreicht werden kann? Es muß sich wohl um eine Art zweiter Wahrheit handeln. Alle Philosophie handelt von dieser Wahrheit, und jede Philosophie versucht sich in der Beschreibung von Etwas, das für alle in gleicher Weise gelten und verstehbar sein soll. Es ist ein Wissen, das bis vor das Tor jener lebendigen Wahrheit führt, die niemals Gegenstand eines Wissens, sondern nur eine Erfahrung des singulären Subjekts sein kann.

Nachdem wir nun fein säuberlich zwischen einem singulären Subjekt und etwas Allgemeinem unterschieden haben, sind wir im Herzen des philosophischen Problems gelandet — oder vielmehr in der nächsten Fallgrube. Denn der ungreifbare, unbegreifbare Urgrund des singulären Subjekts kann niemals verlassen werden. Setze ich aber allen Ernstes das Singuläre und das Allgemeine oder das Mystische und das Rationale gegeneinander, stelle ich ja beide auf einen jeweils anderen Grund und reiße eine unendliche Kluft auf, von der weder klar ist, wie sie eigentlich entstanden ist, noch wie sie jemals zu überbrücken wäre. Daraus ergibt sich nur eine Konsequenz: In unserer Suche nach dem Allgemeinen, nach dem Zweiten, nach der verbindlichen, verbindenden Wahrheit können und dürfen wir das Erste nie verlassen. Im singulären Grund müssen wir die ganze Welt der Anderen finden.

Damit haben wir uns kein geringes Paradoxon eingehandelt, und es ist nicht bloß ein denkerisches Dilemma. Mag einem der Wunsch nach philosophischer Vermittlung des Singulären und des Allgemeinen auch nicht besonders unter den Nägeln brennen, im Zwiespalt von individuellem Wollen und den Ansprüchen des Du etwa, oder einfach in der Spannung zwischen dem begehrenden Subjekt und dem begehrten Objekt hat jeder im Leben an dieser Spaltung teil. Und falls Philosophie nicht schon zu einer akademischen Übung verkommen ist, geht es ihr auch immer um die Überwindung dieses menschlichen Unglücks, sie ist also letztlich immer auch ein pädagogisches Unterfangen im Sinne der sokratischen Maieutik. Diese pädagogische Intention, den Anderen bei ihrer Befreiung zu helfen, hat etwa im buddhistischen Ideal des Bodhi-Sattva eine besonders eindringliche Formulierung gefunden.

Der Verlust des einenden Grundes ist unsere vorfindliche Bewußt­seins­lage. Wovor am Beginn des Philosophierens zu warnen ist, nämlich Singuläres und Allgemeines auseinanderzureißen, ist immer schon unsere gelebte Wirklichkeit. Da bin ich, und dort drüben die Anderen, die Dinge oder ein transzendenter Gott. Wenn aber das Getrenntsein unser Unglück ist, dann ist die Vereinigung das Ziel der Philosophie, und die Liebe zur Weisheit ist eine Weisheit zur Liebe.

Dago Vlasits
Zwischen gezweitem Bewußtsein und mystischer Einheit · 1996
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD