Schule des Rades

Dago Vlasits

Zwischen gezweitem Bewußtsein und mystischer Einheit

Das Paradoxe

Rekapitulieren wir noch einmal das bisher Festgestellte: Die ganzheitliche Sinnerfassung ist musikisch, erfaßt den einenden Sinn (auch oder gerade) in der Differenz. Doch logisch läßt sich der Urgegensatz, dessen der Mensch gewahr wird, nicht gleichsetzen und zu Einem machen. Die Gleichung Singuläres = Allgemeines, Differenz = Identität oder Nichts = Alles läßt sich logisch nicht aufstellen, denn Gegensätze schließen sich aus, vernichten einander. Was Denken aber kann, ist eine Nacheinander-Relation zwischen beiden, gleichsam eine vermittelte Identität herstellen und zeigen, wie eines aus dem anderen entsteht, was wir als das generische Vermögen des Denkens bestimmen wollen. Diesem Vermögen des Wortes entstammt der von uns verstandene materielle Kosmos.

Was aber, wenn das logische Denken es einfach nicht lassen kann, und nicht nur vom stufenweise vermittelten Gegensatz als einem genetischen Entstehungsprozess erzählen, sondern unmittelbar den einenden Sinn erfassen will, genauso wie es in der musikischen Sinnerfassung geschieht? Dann stürzt sich der Denker gleichsam mit einem salto mortale in das Reich des Paradoxen. Selbstverständlich hat er sich dann schon längst zum Mystiker erklärt, doch er will bis zuletzt das Werkzeug der Logik verwenden, um sein mystisches Ziel zu erreichen. Er operiert dann absichtlich mit unsinnigen Sätzen wie Singulär = Allgemein, Alles = Nichts oder Differenz = Identität. Und wie in der musikischen Sinnerfassung dem Menschen der Sinn des Intervalls zwischen zwei differenten Tönen aufgeht, will er im Paradoxen diesen Sinn vernehmen.

Doch im Grunde hat das Denken beim Schritt zum Paradoxen gar nicht seinen ureigensten Boden verlassen. Gleichsam mit logischer Notwendigkeit folgt es seiner eigenen Natur und will auch das Sein der letzten Identität, jener von Sein und Nicht-Sein, von Identität und Nicht-Identität erfassen.

Die Vollendung der Erkenntnis, die Erleuchtung, wie sie viele spirituelle Traditionen beschreiben, ist also logisch gesprochen ein Zustand, in welchem gilt, daß A = nicht A. Rationale Systeme wie die Wissenschaften und ihre Gegenstände sind aber gerade deswegen als logisch zu bezeichnen, weil in ihnen eben der Satz A = nicht A niemals gelten darf, denn mit widersprüchlichen Aussagen läßt sich nicht Wissenschaft treiben. Im wissenschaftlichen Denken kann aber der Mensch auch niemals zu der eben beschriebenen Erleuchtung gelangen, da die Logik nicht das Ganze der Realität erfaßt.

Doch bis in unser Jahrhundert war man mit Aristoteles überzeugt, daß logisches Denken ganze Arbeit leistet, daß die Logik imstande ist, die gesamte Realität lückenlos abzubilden. Heute muß man sagen, daß diese Einstellung auf einer Unkenntnis der Logik beruhte, man war bis zu Russells Entdeckung der Paradoxien in der Logik noch nicht an ihre Grenze gestoßen. Klassifiziert man nämlich die Realität durch Mengen, scheitert das logische Denken an der Erfassung dieser Realität und ihrer Eigenschaften, indem es sich in unauflösliche Widersprüche verwickelt. Beispiel von Russell:

In Sevilla wird ein Mann genau dann vom Barbier von Sevilla rasiert, wenn er sich nicht selbst rasiert.

Frage:
Rasiert sich der Barbier selbst?
Antwort:
Der Barbier von Sevilla wird nicht vom Barbier von Sevilla rasiert, weil er von ihm rasiert wird.

Das klingt nicht sehr vernünftig, aber zu solch widersprüchlichen Aussagen über die Realität kann uns das Denken in letzter Konsequenz führen.

Kann aber vielleicht gerade das Bewußtwerden eines fundamentalen Widerspruchs nicht nur als Scheitern der Logik, sondern auch als Eingang zu einer tieferen Wahrheit als der logischen sein? Es scheint so, und offenbar müssen wir das Denken nicht mit dem Hammer eines Koans zertrümmern, das Denken selbst kann als großes Koan verstanden werden.

Auf dem Weg der Sunyavadims, jener buddhistischen Sekte, wie sie vor allem durch Nagarjuna geprägt wurde, wird das Denken mittels des Denkens überwunden. Im wesentlichen besteht die Methode darin, jede denkerische Aussage durch ihr Gegenteil zu widerlegen. Dabei werden vier Möglichkeiten der Aussage durchgegangen, um jede einzeln und schließlich alle zu verwerfen: 1. etwas ist, 2. es ist nicht, 3. es ist sowohl, als es auch nicht ist, 4. es ist weder, noch ist es nicht. Das dabei angewandte Denken ist aber nur eine Krücke; wie Wittgenstein, läßt der Sunyavadim die Leiter, auf welcher er zur Wahrheit emporsteigt, am Ende zurück. Was er dabei erreicht, ist sunya, die Leere. Als Zustand ist es die Erleuchtung, als Begriff ein Paradoxon, denn es ist das Nichts und die Potentialität der Fülle zugleich. In der Erleuchtung des Gewahrseins wird die Leere als das Wesen aller Form, als letzter Sinn oberhalb des denkerischen Widerspruchs von Sein und Nicht-Sein erfahrbar.

Hier wird die mystische Einheit erreicht mit Hilfe des Denkens, doch indem letztlich das Denken abgeworfen wird, wenn es sich durch Widerssprüche und Paradoxien selber ausschaltet. So ist also logisch betrachtet das Paradoxe ein Kennzeichen der letzten Wahrheit, der Mystiker und sein ganzes All gehen auf in der großen Singularität, die Gott ist.

Dago Vlasits
Zwischen gezweitem Bewußtsein und mystischer Einheit · 1996
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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