Schule des Rades

Dago Vlasits

Zwischen gezweitem Bewußtsein und mystischer Einheit

Der hermetische Weg

Die Spaltung ist der Vater des Gedankens, dem Bewußtsein zerfällt alles in Wahrnehmer und Wahrgenommenes, oder Subjekt und Phänomen oder Phänomen und Ansichsein des Dinges. Es gibt aber eine europäische Tradition, die weder in ausschließlich monistischer Manier eine Identität zwischen beiden herstellt und eines vom anderen ableitet, noch die Ur-Dualität als zwei ewig im Widerstreit liegende Reiche einander gegenüberstehen läßt. Dieser europäische Weg der Mitte ist die Hermetik, welche Ralf Liedtke jüngst als europäischen Taoismus bezeichnet. (Liedtke 1996) Hermetik ist monistisch und dualistisch zugleich, und dieses Bekenntnis zur Widersprüchlichkeit hat sie in den Augen der auf Widerspruchslosigkeit gerichteten Philosophie disqualifiziert. Hermetik verabsolutiert gar den Widerspruch, indem sie ihn nicht bloß als Differenz zweier unterschiedlicher Identitäten faßt, sondern als Differenz von Differenz und Identität. Dieser Widerspruch ist formal-logisch nicht lösbar. Ohne ihn aber zu entwirklichen, findet die Hermetik eine Lösung, die eigentlich eine Erlösung ist: Der Mensch muß sich wandeln, neugeboren werden bzw. seine Seele oder geistigen Leib erschaffen, wodurch er erst des alldurchdringenden Sinnes oberhalb von Differenz und Identität gewahr werden kann.

Es ist das Verdienst Ralf Liedtkes, die Hermetik wieder in Erinnerung gerufen zu haben als diese andere Art des europäischen Philosophierens, also als ein Denken, welches nicht wie die Metaphysik immer auf das letzte Eine aus ist, sondern die Wirklichkeit der Differenz bestehen läßt. Ja nur in der Differenz wird die lebendige und ganze Wahrheit offenbar, was uns der bedeutendste aller Gnostiker, Valentinus durch folgenden Satz zu verstehen gibt: Alle Dinge, die aus einem Paar (oder Syzygie) hervorgehen, sind vollständig (Pleromata), aber die Dinge, die ein Einzelner (Aeon) hervorbringt, sind Abbilder.

Nachdem aber auch die moderne Physik die unauflösbare Differenz eines Paares auf dem Grund der materiellen Wirklichkeit gefunden hat — die Komplementarität von Welle und Teilchen — ist nach Ansicht Liedtkes das hermetische Denken von immenser Bedeutung für unsere Zeit, ja eigentlich hat es bereits in der modernen Physik Fuß gefaßt. Doch Quantenphysik ist noch nicht Hermetik, auch wenn sie sich bereits auf hermetischem Terrain befindet. Hermetik ist eine Lehre vom Menschen. Sie erfaßt nicht einfach eine objektive Natur außerhalb des Menschen, wie etwa die Physik, sondern Natur ist immer Natur des Menschen, ja die Natur Gottes. So ist Hermetik tatsächlich die einzige Denkweise die imstande ist, das moderne naturwissenschaftliche Weltbild sinnvoll in eine ganzheitliche Schau der menschlichen Vollendung zu integrieren. Liedtke umreißt durch 10 Signifikatoren das Gebiet der Hermetik:

1. Dynamismus und 2. Autosoteriologie

Nicht das monolithische Sein, die widerspruchslose Einheit ist für den Hermetiker Gott, sondern die Dynamik, die sich aus der Spannung des äußersten Gegensatzes ergibt. Liedtke spricht von Quadratur und Potenzierung des Gegensatzes, denn es handelt sich hierbei um die Differenz von Differenz und Identität. Gott ist die unterschiedlose Leere und differenzierte Fülle zugleich. Diese Spannung läßt sich nicht durch einen logischen Schluß beheben, sondern die Dynamik die sie erzeugt, ist der werdende Gott selbst. Wie für den Gnostizismus, ist auch für die Hermetik die Fülle, die dauernd aus dem Nichts entsteht, der Fall Gottes, bzw. der Sturz der lichten Seele in das Dunkel der Materie. In dieser Welt der Differenz, in der äußersten Distanz zu Gott beginnt aber auch der autosoteriologische Aufstieg, das Selbsterlösungswerk des göttlichen Menschen.

3. Physikotheologie und 4. Teleologie

In der Natur ist also ein Ziel zu erkennen, in ihr ist der Abstieg und Aufstieg Gottes offenbar. Sein Werden erfaßt die Physik als Entropie und Negentropie, als Streben nach dem Gleichgewicht des thermodynamischen Todes und als autopoetisches Streben der Ungleichgewichtssysteme nach höherer Organisation. Den Urknall und den Zeitpfeil der modernen Physik deutet also eine moderne Hermetik als Signum der göttlichen Emanation, in welcher die göttliche Urenergie zu disparaten, vereinzelten Elementen erstarrt, und das moderne Konzept der Evolution deutet sie als Streben aller Wesen nach der Fülle des göttlichen Ursprungs.

5. Psychologie und 6. Sympathie

Dabei ist der natürliche Mensch zwischen Geburt und Tod, die Seele im Werden zwischen Geist und Natur das Abbild Gottes. Eine hermetische Psychologie des Menschen formuliert daher letztlich seine Gottähnlichkeit. Gott, Mensch und Natur sind ineinander selbstähnlich abgebildet, im Prozeß des Lebens als alldurchdringende Resonanz und Sympathie erfahrbar. Urbild dieses musikalischen Zusammenhangs des voneinander Unterschiedenen ist das Rad, welches den durchgehenden Sinn in den raumartigen atomaren Strukturen des Mikrokosmos, den Strukturen der zeitartigen planetaren Rhythmen des Makrokosmos und der Erkenntnisweise des mesokosmischen Menschen zeigt.

Hermetische Erkenntnis ist wohl auch die objektive Erforschung dieser 3 Welten im Sinne der Naturwissenschaft. Sie bleibt aber dabei nicht stehen, sondern in erster Linie dient alles Wissen nur der Einstimmung, dem Erreichen der sympathischen Resonanz mit dem werdenden Gott, welcher als Mensch im All im Tierkreis sein Bild hat.

7. Eklektizismus und 8. Synkretismus

Die hermetische Erkenntnis versteht sich weiters als Denken hinter dem Denken und als Tradition hinter allen Traditionen, weshalb sie mit letzteren in ihrem Schrifttum eklektisch und synkretistisch verfährt. Ganz im Geiste seines windigen Schutzherrn Hermes, der nicht zuletzt der Gott der Diebe ist, pickt sich der Hermetiker dasjenige aus den Traditionen heraus, was für seine Zwecke nützlich ist. Ziel dieser Eklektik ist es aber nicht, eine künstliche Synthese oder Theorie zu erschaffen. Nicht eine konstruierte Ganzheit strebt der hermetische Synkretismus an, sondern die Bewußtwerdung der immer schon vorhandenen Ganzheit. Diese Ganzheit und der Zusammenhang zwischen Größtem und Kleinstem, Ähnlichem und Unähnlichem wird vom Hermetiker glaubend vorausgesetzt;

Ihr Zusammenbestehen kann — hermetisch gedacht — nur ein göttliches Wesen gewährleisten. (Liedtke 1996).

Die Hermetik geht also aus von einem:

Glauben an die göttliche Wesenheit aller Dinge, an die Panharmonie aller Weltgesetze als Ausdruck des Göttlichen. So kommt sie zu ihrer Vorstellung einer zweifachen Aurea Catena, die einmal — horizontal in der Zeit gedacht — den Konsensus aller Weisen, also die geheime Tradition, bedeutet, und zum anderen als die eigentliche Aurea Catena Homeri — vertikal im Raum gedacht — die Verbundenheit aller Naturwesen vom Größten bis ins Kleinste, also den Kosmos aller Dinge. (Zimmermann 1969, in Liedtke 1996)

Vor allem letzteres kann heute durch die modernen Naturwissenschaften vom einem bloß mythischen Bild in ein kritisches Verständnis überführt werden, verstehbar als ein durchgehender Sinn vom Quant bis zum expandierenden All.

9. Analogie und 10. Gemeinsinn

Die Erfahrung dieses alldurchdringenden Sinnes ist das eigentliche Ziel der Hermetik, der sensus communis, der auch die Differenz von Differenz und Identität durchdringt, von Singulärem und Allgemeinen, Nichts und Etwas, Null und Eins. Es ist keine theoretische Überwindung von Konsens und Dissens, sondern die individuelle Gotteserfahrung, die wahre Gnosis, die nur durch eine Wandlung vom assoziativen Bewußtsein zum ganzheitlichen Körpergewahrsein möglich ist, was aber auch bedeutet, daß der Gemeinsinn geschult und entwickelt werden muß. Dabei geht es in erster Linie um Schulung des Körpergewahrseins und das Öffnen der Chakras, doch ebenso um Schulung dessen, was die Grundlage des hermetischen Weges und der Erfahrung des Gemeinsinns ist, das analoge Denken des rechten Gehirns. Es bedeutet das Anerkennen und Unterscheiden der Qualitäten von Raum, Zeit und Zahl, welche das sensorium dei bilden. Indem der Mensch dieses Sensorium erweckt, hat er Teil an der Menschwerdung Gottes, ist Mitarbeiter der Evolution und am Werk der Erde, wird gleichsam eine Zelle Gottes, welcher für die Hermetik der Demiurg, der Werkmeister ist.

Dago Vlasits
Zwischen gezweitem Bewußtsein und mystischer Einheit · 1996
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD