Schule des Rades

Dago Vlasits

Das stumme Wissen

Information und Exformation

Informationstheoretisch kann man die Wirklichkeit gleichsam als ein Brausen und Rauschen von Myriaden Bits betrachten. Das Regelmäßige erfaßt die algorithmische Informationstheorie als Bitsequenzen, in denen sich kleinere, gleichbleibende Bitsequenzen zeitlich und/oder räumlich wiederholen, das Unregelmäßige aber erfaßt sie als Bitsequenzen, die keiner anderen Bitsequenz gleichen. Das Regelmäßige gilt als das Gleiche (Identische) und Erwartungsgemäße, als Redundanz und Bestätigung, das Unregelmäßige gilt als der Unterschied und das Unerwartete, als das Einmalige und Erstmalige.

Es gibt aber keine Information im absoluten Sinn, denn was tatsächlich zur Information wird, ist vom Verstehenskontext des Empfängers abhängig. Daher hat C. F. von Weizsäcker Information definiert als das, was verstanden wird. Damit ist aber der Information eine Funktion zugesprochen, nämlich die der Bedeutungsgebung, welche sie gemäß dem rein quantitativen, von Claude Shannon und Warren Weaver geprägte Informationsbegriffes nicht hat. Shannon befaßte sich nicht mit dem Verstehen von Sinn und Bedeutung, sondern mit dem Messen der Menge von Information, mit ihrer Übertragung, mit den Kapazitäten von Übertragungskanälen und den damit zusammenhängenden Problemen wie etwa dem des Übertragungsverlustes.

Wissenschaftlich wird zwischen dem syntaktischen, semantischen und pragmatischen Aspekt von Information unterschieden. Die Syntax betrifft die Menge und die Wahrscheinlichkeitsverteilung von Zeichen, die Semantik deren Bedeutung, und die Pragmatik die reale Wirkung. Nur abstrahierend lassen sich die drei trennen. Jede tatsächliche Information ist immer eine bestimmte Menge von Bits, ist immer verstandene Information, und ist immer eine wirkende Information, bzw. eine Information, welche neue Information erzeugt, wie von Weizsäcker pragmatische Information definiert.

Die shannonsche Betrachtung betrifft den syntaktischen Aspekt, nur die Anordnung und die Menge der Zeichen wird hier untersucht, und die Menge der Information, welche in einer Zeichenfolge steckt, wird als abhängig von der Wahrscheinlichkeit, vom Grad der Zufälligkeit des Auftretens der Zeichen verstanden. Nach syntaktischen Kriterien steckt also in einer Zufallsfolge wie 0010101110 mehr Information als in der regelmäßigen Sequenz 0101010101. (Das shannonsche Informationsmaß läßt sich auch anders verstehen, nämlich als Maß der Nicht-Komprimierbarkeit einer Sequenz. Die oben dargestellte regelmäßige Sequenz läßt sich komprimieren, und als der kürzere Algorithmus 5 × 01 ausdrücken, während die unregelmäßige Sequenz nicht komprimierbar ist, sondern bereits den kürzestmöglichen Algorithmus darstellt.)

Doch das semantische und folglich das pragmatische Informationsmaß sind nicht in dieser absoluten Weise von Regelmäßigkeit und Unregelmäßigkeit einer Sequenz abhängig. Semantisch und pragmatisch kann genauso die regelmäßige wie auch die unregelmäßige Sequenz viel oder wenig Information tragen, viel oder wenig Verstehen erzeugen, viel oder wenig Wirkung auslösen. Denn das semantische und pragmatische Informationsmaß ist vor allem durch den Kontext des Informationsempfängers bedingt. Dabei besteht nach Mensch oder Situation eine immense Variationsbreite, was die Wahl des Kontextes anbelangt. Doch abgesehen von den schier unendlich vielen möglichen Kontexten, innerhalb deren ich Information deuten kann, ist die Einsicht entscheidend, dass überhaupt ein Kontext dasein muß, damit Information semantisch verstanden und pragmatisch wirksam werden kann. (Ja selbst die syntaktische Information setzt eine Semantik und ein Vorwissen voraus, wenn sich dieses auch nur auf das Wissen um Eintretenswahrscheinlichkeiten beschränkt.)

Der jeweilige Kontext ist ein vorausgesetztes Wissen, und Verstehen und Gewinnung von neuem Wissen ist nur möglich auf dem Hintergrund dieses bereits bestehenden Wissens. Information, die ein System oder Wesen empfängt, ist also einerseits bewirkt durch energetische Signale, die ein anderes System oder Wesen aussendet, andererseits ist die Information bewirkt durch die physische Struktur bzw. das Wissen, nach welchem ein System oder Wesen die ankommenden Signale filtert und verarbeitet.

Im Prozeß des Aufnehmens von Information, der nach von Weizsäcker immer ein Verstehen von Information ist, ist aber eine grundsätzliche Tendenz zu beobachten: Verstehen geht immer mit Reduktion von Information einher. Für diesen Prozeß der Informationsreduktion, der immer mit dem Prozeß des Verstehens gekoppelt ist, hat der dänische Wissenschaftsjournalist Tor Nørretranders den Begriff der Exformation geprägt. Folgen wir seinem Ansatz, so wäre Information in einer regelrechten Umkehrung des weizsäckerschen Wortes erst einmal gerade das, was nicht verstanden wird. Gemäß seiner Auffassung gilt, dass erst wenn Information eine Exformation durchlaufen hat, sie zur verstandenen Information, zur kommunizierten und kommunizierbaren Information wird.

Mit reiner Information, bei der ich keine Exformation durchführen kann, bin ich konfrontiert, wenn ich etwa einen Text vor mir habe, bei dem ich weder die Sprache noch das Alphabet kenne, mittels welcher dieser Artikel verfaßt ist. Habe ich einen Zeitungsartikel auf chinesisch vor mir, bin aber des Chinesischen nicht mächtig, verstehe ich überhaupt nichts. Der Salat an Linien enthält für mich unzählige Informationen, mit denen ich aber überhaupt nichts anfangen kann, sie sagen mir nichts. Die einzige Exformation die ich hier vielleicht durchführen kann, und somit die einzige Erkenntnis die ich haben kann, ist die Feststellung, dass es sich um Chinesisch handelt — doch auch dass kann aber nur zutreffen, wenn ich schon chinesische Schriftzeichen kenne. Beherrsche ich aber Chinesisch, dann ordnen sich die Linien zu Clustern, die ich als bereits bekannten Zeichen und Worte wiedererkenne, diese dann zu Sätzen nach den mir bekannten Regeln, aus diesen wiederum extrahiere ich das Wesentliche des Inhalts, den ich dann wahrscheinlich mit noch weniger Sätzen wiedergeben kann, als im Artikel vorhanden sind. Handelt es sich dabei vielleicht um den Bericht über einen Verkehrsunfall, wäre ein weiterer Schritt der Exformation noch vollzogen, wenn ich den Inhalt des Berichts dann etwa unter Autounfälle ablege, wobei ich damit von allen besonderen Umständen dieses Ereignisses absehe, da sie mir nicht wichtig erscheinen. Tatsächlich führen wir praktisch bei den meisten Informationen aus der Zeitung schließlich die totale Exformation durch, wir vergessen sie, wir vernichten Information, da sie keine Bedeutung für unser Leben hat.

In Anbetracht der Tatsache, dass wir mit einem Gehirn bestimmter Bauweise ausgestattet sind, und mit Sinnesfenstern, die nur Signale bestimmter Energien im Rahmen einer bestimmten energetischen Bandbreite empfangen können, wird ersichtlich, dass wir immer schon Exformation betreiben, um die Welt um uns herum zu verstehen. Was sich uns als Welterfahrung darbietet, wird durch einen komplexen Rechenvorgang im Gehirn erzeugt, und das Ergebnis dieses Rechenvorgangs wird in den Neurowissenschaften als Simulation bezeichnet.

Unzählbar sind die Informationseinheiten, die Bits, die pro Sekunde auf den Organismus einstürmen. Allein das Licht bombardiert uns pro Sekunde mit Millionen von Lichtquanten, die auf unser Bewußtsein eine informative Wirkung haben können. Doch diese vielen Millionen Bits werden auf rund 50 Bits pro Sekunde reduziert. Das heißt, das Stück optischer Welt, das wir in einer Sekunde erleben, bauen wir aus nur rund 50 Informationseinheiten auf, während die Millionen anderen Bits unberücksichtigt bleiben. Selbst diese 50 werden noch weiter reduziert. Es scheint so, dass die eigentliche Verarbeitungskapazität des Gehirns im Vorfeld des Bewußtwerdens auf 16 Bits pro Sekunde beschränkt ist, und dass die tatsächlich bewußt erfahrene Gestalt schließlich nicht mehr als 7 Bits umfaßt. (Ausdrücklich soll hervorgehoben werden, dass dies nur für die bewußte Wahrnehmung und Erkenntnis gilt. Subliminal nimmt unser Organismus viel mehr Informationen auf, die zwar kein Teil des bewußten Ichs werden, jedoch das unbewußte Verhalten des Körperselbst massiv beeinflussen. Doch auch für diese Informationen gilt: Sollen sie zu Bewußtsein kommen, müssen sie durch den Flaschenhals von 16 bzw. 7 Bits)

Exformation von Information begleitet alle Wahrnehmung und alle Erkenntnis. Wir leben in einem Universum aus rund 10^80 Teilchen, man kann aber nicht sagen, wir leben in einem Universum aus so uns so vielen Informationsbits. Obwohl wir hier die Informationstheorie als eine physikalische Theorie bezeichnet haben, da letztlich alle wirkliche Information wirkende energetische Signale sind, ob sie nun durch die Telefonleitung oder durch das Gehirn jagen, können wir doch nicht sagen, dass Bits in einer objektiven Weise gegeben sind, wie Atome oder Photonen, wie bereits weiter oben festgestellt. Atome sind, Information aber geschieht, sie vollzieht sich zwischen einem Sender und einem Empfänger, und was zum Bit wird, hängt vom Empfänger und seinem Kontext ab. Da für jede aktuelle Informationsmenge, die durch einen jeweiligen Empfängerkontext definiert ist, immer noch unendlich viel potentielle Information existiert, nämlich die alle anderen möglichen Kontexte, kann man sagen, dass wir in einem Meer von potentieller Information leben. Dieses ist aber für das Bewußtsein ein Chaos, unerkennbar, unwissbar. Kosmos, Wissen und Erkenntnis gibt es nur, wenn ich aus der unbegreiflichen Fülle wenige Informationen hervorhebe und Beziehungen zwischen ihnen herstelle. So sind etwa die regellos verstreuten Punkte auf einem Blatt Papier ein Chaos. Ein einfaches Ordnungsmuster wie eine Linie bildet sich aber heraus, wenn ich zwei Punkte hervorhebe und verbinde. Gehe ich auf eine dritten Punkt, so habe ich etwa das Bild einer Verzweigung, und kehre ich über eine dritte Bahn zum ersten zurück, habe ich ein Dreieck.

Eine unumgängliche Bedingung dafür, dass die Gestalt der Linie, der Verzweigung oder des Dreiecks in meinem Bewußtsein aufscheinen, ist das Ausblenden der die Gestalt umgebende Punkte. Denn für die Erkenntnis oder Erschaffung einer gestalthaften Welt ist die umliegende Information nicht nur irrelevant, sondern ihre Ausblendung ist konstitutiv für das Erscheinen einer Gestalt. Genauso verfährt das Bewußtsein auch mit der Information der möglichen Punkte die der einzelnen Gestalt zugeordnet sind, also die unendlich vielen, möglichen Punkte, die auf den Grenzlinien oder in der Fläche beispielsweise eines Dreiecks liegen.

Erkenntnis ist also immer Exformation, Vernichtung von Information, insofern dabei die große Informationsmenge über die vielen Mikrozustände einer Gegebenheit (viele Punkte, viele Moleküle, viele Menschen) immer auf die kleine Informationsmenge eines Makrozustandes (eine geometrische Gestalt, eine Temperatur, ein gesellschaftlicher Trend) reduziert wird. So ist die Linie die Auswahl oder Zusammenfassung von vielen Mikrozuständen zu einem Makrozustand, eben die Zusammenfassung vieler einzelner Punkte zur globalen Gestalt der Linie.

Erkenntnis und Wahrnehmung sind niemals nur reine Informationsaufnahme, sondern immer auch Vernichtung, Exformation von Information. Eine geordnete Welt können wir nur erleben und erkennen, wenn wir die unermeßliche Menge an Information auf wenige Bits reduzieren.

Betrachten wir noch einmal den syntaktische Informationsbegriff wie er von Shannon geprägt wurde, und von welchem auch Nørretranders ausgeht. Er handelt von einem rein quantitativem Maß für die Menge an Unerwartetem in einer Zeichenfolge, also von der Menge ihrer Unordnung, wobei dann absolutes Chaos unendlich viel Information in sich birgt, absolute Ordnung gar keine bzw. nur ein Bit an Information enthält.

Wenn wir hier auf Grundlage des syntaktischen Informationsbegriffs Information als das Abweichen von Redundanz, Bestätigung und Erwartungsgemäßheit definieren, auf die einfache Formel gebracht, Je mehr Unregelmäßigkeit, desto mehr Information!, so scheint dieser Informationsbegriff sehr von unserem alltäglichen, dem semantischen abzuweichen. Doch in der Spielart Je mehr Katastrophen, um so mehr haben die Medien zu berichten, entspricht diese Formel durchaus wieder unserem Alltagsverständnis. Ist also Informationsaufnahme Vermehrung oder Reduktion von Unordnung? Wie gesagt — üblicherweise verstehen wir Informationsaufnahme doch ganz im Gegenteil als Vermehrung von Ordnung, denn der — wie bei von Weizsäcker — um die Bedeutungsdimension erweiterte, semantische Informationsbegriff besagt, dass Information das ist, was verstanden wird. Was verstanden wird ist aber das, was ich integriere, also einordne. Wenn ich etwa lese, vermehre ich mein Wissen, welches ich dann in die Register meines bisherigen Wissens einordne.

Was bei der Informationsaufnahme tatsächlich geschieht, ist sowohl Vermehrung als auch Reduktion von Unordnung. Um eine Vermehrung von Unordnung handelt es sich insofern, als ich ja etwas Neues aufnehme, also den vielen Bitsequenzen, die mein Wissen ausmachen, eine neue, noch nicht dagewesene Bitsequenz hinzufüge. Wenn in einer Informationsaufnahme aber zumindest die Spur von dem sein soll, was wir üblicherweise als verstehen bezeichnen, so muß ich zumindest irgendeinen Aspekt dieser neuen Bitsequenz mit einer bereits bekannten Sequenz in Beziehung, bzw. gleichsetzen. Ich lege die neue Bitsequenz etwa unter Gebrauchsanweisungen, Autounfälle, Politische Ereignisse oder Kultur ab. Ja eigentlich kann man nur den Vorgang dieser Reduktion von Information als verstehen bezeichnen. Viel Information ist einfach viel Verwirrung, nur wenn ich in der Information ein Muster wieder-erkenne, was bedeutet, viele Mikrozustände auf einen Makrozustand zu reduzieren, habe ich etwas verstanden.

Dieser Vorgang der Reduktion von Information hat offensichtlich mit dem Wesen des Verstehens von Sinn und Bedeutung zu tun, ist aber nicht mit ihm gleichzusetzen. Exformation ist Vernichtung von großen Mengen an Information, die für mich irrelevant sind, und Hervorheben von wenigen Informationseinheiten, die relevant sind. Doch was legt die Relevanz fest, was wird exformiert und was nicht? Was sind die Muster oder Makrozustände, die bei jeder Exformation wirksam werden? Wie ist das Ur-Muster oder Urwissen beschaffen, welches aller Syntax, Semantik und Pragmatik vorausgeht, und der Ursprung des Sinnes in aller Information ist?

Dago Vlasits
Das stumme Wissen · 1998
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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