Schule des Rades

Dago Vlasits

Die Kaaba des Kosmos

Die Kaaba

In einer in der Menschheitsgeschichte einzigartigen Weise genießt die Würfelform in der islamischen Kultur höchste Wertschätzung als Symbol der Gegenwart Gottes in der Welt, als Thron Gottes, welcher letztlich die ganze natürliche Welt ist. Das heilige Würfelhaus, die Kaaba in Mekka ist das Ziel der alljährlich stattfindenden Pilgerschaft und wird bei diesem Anlaß von den Gläubigen siebenmal umrundet. In den Mekkanischen Eröffnungen, einer mystischen Schrift von Ibn ’Arabi (1165 - 1240), die den esoterischen Sinn dieses exoterischen Ritus erläutert, wird sie als der Eingang der Erkennenden bezeichnet. Darin beschreibt Ibn ’Arabi sein Erwachen zum göttlichen Selbst beim Umgang um die Kaaba, an deren Ostecke sich ein schwarzer Meteorstein befindet. Hier fand er den Adlerstein des andachtsbeflissenen Jünglings, des stummen Sprechers, der weder lebt noch stirbt, des nichtzusammengesetzten Zusammengesetzten, des umfassenden Umfaßten, den Beredten, der nicht spricht, den Frager über das, was er weiß.

Als nun Ibn ’Arabi danach verlangt, gänzlich zu dem göttlichen Jüngling zu gelangen und mehr von ihm zu erfahren, erhält er die Weisung Sieh auf die Gliederung meiner Natur und auf die Anordnung meines Baus und meiner Gestalt, so findest du, wonach du mich gefragt hast, aufgezeichnet. Denn ich bin kein Anredender und kein Gesprächspartner (sondern dein eigenes transsubjektives Sein). Mein Wissen erstreckt sich nur auf mich selbst, und mein Wesen ist nichts von meinem Namen Verschiedenes. Und die entscheidende Selbsterklärung des Jünglings lautet: Ich bin das Wissen, das Gewußte und der Wisser; ich bin die Weisheit, das Weistum und der Weise.

Noch aus vorislamischer Zeit und heidnischer Kultur stammend, wurde die Kaaba dem Islam einverleibt und zum Markstein der Hinwendung zu Gott erklärt. Der darin eingebaute Meteor wird mythologisch mit der Zauberperle identifiziert, welche dem aus dem Paradies entlassenen Adam mit auf den Weg gegeben wurde, damit er seinen Ursprung und seine wahre Mitte nicht vergesse. Die Zauberperle als Symbol des Selbst soll dem Menschen den Weg zu Gott weisen und ihn daran erinnern, dass sein engelhafter Teil auserwählt ist, in der irdischen Welt aus der Vielheit zur göttlichen Einheit aufzusteigen. Die Engel kritisierten die Entscheidung Gottes, gerade das schwache, fehlbare Wesen Mensch mit dieser hohen Aufgabe zu betrauen, und tatsächlich vergaß dieser seine Berufung, und die Zauberperle verwandelte sich in einen schwarzen Stein. Er wurde Adam zu schwer, doch Gott beauftragte einen Engel, ihn für den Menschen zu tragen. Der gleiche Engel, der Erzengel Gabriel, im Tierkreis das Zeichen des Stiers, Sinnbild der materiellen, phänomenalen Wirklichkeit, ist auch die Quelle der mohammedanischen Offenbarung. Er leitete den Propheten an, die göttliche Botschaft in konkrete Schrift umzusetzen, auf dass sie für alle in gleicher Weise lesbar sei.

Wir wollen uns hier aber nicht sosehr um ein Verständnis des Islam bemühen, welcher einerseits eine Religion unter anderen, andererseits ein integraler Teil, beziehungsweise seinem Selbstverständnis nach die Vollendung einer Offenbarungsgeschichte ist, an welcher Judentum, Christentum und Islam gleichermaßen teilhaben. Hier soll auch nicht ergründet werden, warum das Judentum Christus nicht als Gottessohn und angekündigten Messias, und das Christentum die islamische Offenbarung nicht als Beginn der Herrschaft des Heiligen Geistes anerkennt. Und es soll hier auch nicht ergründet werden, ob es wirklich berechtigt ist, dass der Islam die alten Religionen nur als vorläufige Wahrheiten betrachtet und ihre Vertreter zur Bekehrung zum Islam auffordert. Alle Religionen, mögen sich noch so inbrünstig die große, göttliche Einheit beschwören, sind letztlich exklusiv, grenzen sich zwangsläufig von anderen Religionen ab. Nicht einmal zwischen den verschiedenen Gruppierungen einer Religion ist die Einung möglich, eine Einung zwischen verschiedenen Religionen wird daher nicht einmal versucht. Zu mächtig ist der Wunsch nach der Erhaltung bestimmter Glaubenswahrheiten, die große lebensweltliche Bedeutung in der eigenen Gruppe gewonnen haben. Orthodoxe in allen Lagern sehen diese zu Recht durch die jeweils anderen Religionen gefährdet, und das Aufgeben solcher Glaubenswahrheiten käme in vielen Fällen der Selbstaufgabe der eigenen Religion gleich. Tatsächlich kann auf der Ebene des bedeutenden Wortes, auf der Ebene der formulierten Glaubenswahrheiten und heiligen Texte die verbindende Einheit niemals gefunden werden.

Es heißt zwar, Mohammed wurde die heilige Botschaft aus demselben himmlischen Buch offenbart, von welchem auch das Judentum und das Christentum Teile besitzen würden. Offenbar ist dann aber dieses himmlische Buch in einer anderen Sprache geschrieben als die drei Sprachen der prophetischen Religionen, denn deren unterschiedliche Wahrheitsbegriffe decken sich nicht und führten und führen immer wieder zu Gewalt gegeneinander. Sucht man daher die gemeinsame Wahrheit, die mehr ist als bloß das Bekenntnis zum Glauben an den einen Gott, kann es schlußendlich nur darum gehen, die Ursprache zu erfassen, welche die Quelle aller drei Prophetien und aller Offenbarung und Religion überhaupt ist, des nahen und des fernen Ostens, aber auch des Nordens, des Südens und des Westens.

Bei dieser Sprache kann es sich natürlich um keine der historischen Sprachen handeln. Was ist das dann für eine Sprache? Es ist die Sprache des stummen Sprechers, des Fragers über das, was er weiß, die Sprache jenes Wesens, das Ibn ’Arabi auffordert, auf die Gliederung seiner Natur und auf die Anordnung seines Baus und seiner Gestalt zu sehen, um sein wahres Sein zu erfassen. Es ist die Sprache des reinen Sinnes, die Mathematik. Wird ihr Sinn, den sie birgt, durch Worte ausgedrückt, handelt es sich bereits um variable Deutungen, die auch anders ausfallen können.

Die Buchreligionen berufen sich alle auf die Heiligkeit des Wortes, das in ihren Texten offenbart ist. Doch der mathematische Ursprung ihres Sinnes zeigt sich auf dem Hintergrund jeder der drei prophetischen Religionen mehr oder weniger deutlich. So wird etwa in der kabbalistischen Tradition hervorgehoben, dass die Offenbarung des Dekalogs aus dem Feuer die zehn Ziffern waren. Als deren Sinn vom Volk Israel nicht verstanden wurde, brachte Moses ein zweites Paar Tafeln vom Sinai, auf welchen zehn Sätze das gottgefällige Leben regeln. Noch deutlicher, weil dem Auge zugänglich, ist die mathematische Natur der Wahrheitsquelle in den Symbolen einer Religion erkennbar, im Judentum etwa der sechsfältige Stern, im Christentum das Kreuz, im Islam die achteckige Kaaba. Einerseits sind sie gewiß das Oberflächlichste an einer Religion, andererseits ist in ihnen der zentrale Sinn der Botschaft einer Religion dargestellt. Die drei genannten sind aber nur eine kleine Auswahl von solchen geometrischen Symbolen, viele andere finden sich in allen spirituellen Traditionen der Erde.

Wir dürfen mit gutem Gewissen den Absolutheitsanspruch jeder Religion in Frage stellen, doch in geometrischer Hinsicht erweisen sich die Symbole des Judentums und des Christentums als integrale Bestandteile des islamischen Symbols. Ein besonderer Schnitt durch den Kubus ergibt ein Sechseck, dessen Diagonalen den Davidsstern erzeugen, und eine der elf möglichen Darstellungen des Würfelnetzes ist die Kreuzform. Wenn es daher einen Weg gibt, dem Anspruch des Islam, die Vollendung der göttlichen Botschaft zu sein, gerecht zu werden, dann einzig durch die Anerkennung der Kaaba als einer geometrischen Figur, die wortlos ein umfassendes Wissen birgt über die elementaren Formen der Schöpfung, und darüber, wie der Mensch in dieser Schöpfung die Gottoffenheit erreichen kann.

Dago Vlasits
Die Kaaba des Kosmos · 1998
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD