Schule des Rades

Dago Vlasits

Die Atomstruktur – ein Bild menschlicher Ganzheit

Wirkung und Intentionalität

Nicht irgendwelche dreidimensionale Körperchen, sondern Quanten der Wirkung sind unteilbar. Was ist aber Wirkung überhaupt? Wirkung ist erst einmal nicht ein mysteriöser physikalischer Begriff, sondern das, was jeder kennt. Ein Gedanke, ein Wort, eine Geste, irgendeine Kraft kann etwas bewirken, ja alles was wir in den verschiedensten Dimensionen unseres Lebens wahrnehmen, sind nichts als Wirkungen der uns umgebenden Welt, und jede unserer Regungen ist eine Wirkung auf diese. Dabei hat alles was sich als diese Wirklichkeit ereignet, einen Energie- bzw. einen Masseaspekt — welche jedoch ineinander verwandelbar bzw. äquivalent sind, wie Einstein gezeigt hat. Jede Wirkung äußert sich also als Energie, wobei aber Wirkung nicht gleich Energie ist, sondern die Größe der Wirkung ist das Produkt einer Energie mal einer Zeit, Wirkung = Energie × Zeit.

Für das spirituelle und philosophische Leben des Menschen scheint es ersteinmal nun nicht besonders relevant zu sein, daß die Physik bei im Verhältnis zur menschlichen Lebenswelt sehr einfachen energetischen Prozessen — und nur bei solchen wohlgemerkt — ihre Meßverfahren anwenden und Wirkung quantifizieren, also in präzisen Zahlen ausdrücken kann. Doch hier hat die Physik etwas Entscheidendes über die Wirkung erkannt, was auch für die Philosophie von Bedeutung ist. Wirkung selbst ist zahlhaft, sie ist gekörnt, jegliche Wirkung tritt als größere oder kleinere Vielfache von einem Elementarquantum der Wirkung auf. Jede erdenkliche Masse oder Energie, die wir der Messung zugänglich machen, stellt sich als ganzzahliges Vielfaches dieser Einheit heraus, die der Mensch nicht erfindet, sondern die in der Natur existiert. Sie ist nach ihrem Entdecker Planck benannt und wird mit dem Buchstaben h symbolisiert. In den gängigen Maßsystemen ist die Wirkungseinheit eine sehr kleine Zahl

ℎ = 6,626×10^ ⁻²⁷ erg s

und in Elektronenvolt ausgedrückt beträgt diese Ureinheit des Planckschen Wirkungsquants

ℎ = 0,000 000 000 000 004 14 eVr s

Nur eine Energie, welche zumindest dieses Quantum an Wirkung hat, ist Teil der Wirklichkeit, was unterhalb dieser Größe ist, ist energetisch ein Nichts in unserer Welt. Die Plancksche Einheit wird auch auf Raum und Zeit selbst angewendet und gibt das Maß auch für deren Wirklichkeit vor. Nur was zumindest die Ausdehnung von 10^ ⁻³³cm hat, ist Raum, und was mindestens eine Dauer von 10^ ⁻⁴³s hat, ist Zeit. Was kleiner ist, ist nicht bloß für uns nicht meßbar, sondern existiert überhaupt nicht als raumzeitliche Wirklichkeit.

Das Quantum ist also die Ureinheit der realen Raumzeit, was existiert, ist zwangsläufig quantenhaft, und der Begriff des Quantums ist die Währungseinheit der Wirklichkeit, egal ob man Feuer oder Gewicht, Energie oder Masse mißt, empfängt oder wirkt. Es aber nur als Maßeinheit zu verstehen, wird dem Quantum nicht gerecht. Als reine Zahl ist das Quantum die natürliche Zahl 1 der nullten Dimension, es ist die Potentialität, sich als eine Energie zu manifestieren. Genaugenommen ist also das Wirkungsquant die Möglichkeit, Null oder Eins zu sein, da die Existenz oder Nicht-Existenz im Quantum selbst begründet ist, denn die Größe des Quantums ist auch der Größenbereich der Unschärfe. Unschärfe des einzelnen Wirkungsquant bedeutet aber, daß es offen ist, ob es in die Existenz tritt oder dies bleiben läßt.

Noch einmal sei darauf hingewiesen, daß Wirkung im wesentlichen nicht das ist, was uns in erster Linie die Physik, sondern das was uns jede Art von Erfahrung, jeder Augenblick unseres Gewahrseins erschließt. Wir haben weiter oben in einer metaphorisch anmutenden Weise davon gesprochen, daß das Quantum so unteilbar ist wie eine Entscheidung oder das Subjekt eines Wesens. Doch dies ist eigentlich keine bloße Metapher, sondern die eigentliche Dimension des Quantums, es ist die Welt der Subjekte und deren Intentionen. Wenn wir das Quantum verstehen, verstehen wir die Natur der Subjekte, es ist die Möglichkeit des Gewahrsein von Nichts und Etwas, Ja und Nein. Es ist das schöpferische Vermögen, aus welchem das All wie auch der Einzelne seine wirkliche Welt erschafft.

Das Messen von Wirkungen, sie als Produkte von Energie und Zeit zu erfassen, ist eine spezielle Betätigung, eben eine der Physik, und nur ein sehr elementarer Aspekt der Wirklichkeit ist solchen Messungen zugänglich. Die beteiligten Energien bei der Wirkung eines Wortes oder einer Geste etwa sind kaum meßbar, und sicher ist jemand der durch ein Wort oder eine Geste bei seinem Gegenüber etwas bewirkt nicht daran interessiert zu wissen, was das zahlenmäßige Produkt der aufgewendeten oder ausgelösten Energie und Zeit ausmacht. Denn das Wesen der Wirkung liegt nicht in der Größe seiner Masse/Energie, sondern in seiner Intention, ein Aspekt, der natürlich in der wissenschaftlichen Vorgehensweise als nicht zur Sache gehörig ausgeschlossen wird.

Vom Masse/Energie-Aspekt her betrachtet, ist der Druck mit dem Daumen auf den CD-Player der Musik erklingen läßt, der gleiche, wie der Knopfdruck, der eine Bombe auslöst. Trennt man aber den reinen Masse/Energie-Aspekt der Wirkung nicht von seinem intentionalen Kontext, so ist die Quantenebene keine für menschliche Belange irrelevante Ebene, wie uns manche Physiker, die immer nur die Winzigkeit der Energie und der Ausdehnung des Quantums sehen, glauben machen wollen. Leben und Gewahrsein auf der Ebene der Quanten hat nichts mit Mikroskopen oder Teilchenbeschleunigern zu tun, sondern ist das Gewahrwerden und Ergreifen der Intentionen und Urgestalten, zu welchem die Masse/Energie-Wirkung in meiner gelebten Wirklichkeit streben. Die Welt des Quantums ist eigentlich ist nicht primär die Welt der Masse/Energie, sondern die Welt der Intentionen, welche den Energie-Quanten zugrunde liegen.

Intentionalität spricht man gemeinhin nur einem bewußten Wesen wie dem Menschen zu, welcher die ihm zur Verfügung stehenden Energien steuern kann und bestimmte Wirkungen in seiner Welt erzielt. Aber auch die Biologie kommt nicht umhin, den Tieren zielgerichtetes Handeln zuzusprechen. Ist es dann aber wirklich so abwegig, auch den elementaren Wirkungsquanten Intentionalität zuzusprechen? Immerhin haben sie ja die Tendenz, sich als Quarks, Leptonen und Bosonen zu manifestieren, welche sich weiters zu Atomen vereinigen, aus denen dann Moleküle entstehen, die ihrerseits zu Zellen werden, welche Organe und höheren Organismen konstituieren.

Wenn wir uns aber zu einer solchen Sichtweise entschließen, dann gewinnt die in der Materie vorherrschende Intentionalität einen Modellcharakter für die Intentionen des Menschen.

Vor allem das Streben der Quantenenergie, sich zur ganzheitlichen Gestalt des Atoms zu fügen, welches dann unter Aufrechterhaltung seiner Identität sich zu größeren Zusammenhängen binden vermag, wird zum Paradigma des sich selbstverwirklichenden Menschen. Das aus der Quantenenergie entstehende Atom ist ein Urbild der Selbstaktualisierung und Selbstorganisation. Menschliche Vollendung und Einklang mit dem All bedeutet dann die Eichung der menschlichen Intentionen auf die Intentionalität der Materie. Weit davon entfernt, eine unzulässige Vereinfachung zu sein, zeigen erst die Strukturen des Atoms und des Periodischen Systems der Elemente (PSE) die Fülle der Strukturen des menschlichen Bewußtseins und seine verschiedenen Seinsmodalitäten.

Dago Vlasits
Die Atomstruktur – ein Bild menschlicher Ganzheit · 1998
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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