Schule des Rades

Dago Vlasits

Die Atomstruktur – ein Bild menschlicher Ganzheit

Gewahrsein und Identität im Spiegel des Atoms

Eingangs haben wir erläutert, daß die Acht des Atoms, mit seinem positiven Kern und der siebenfältig gegliederten negativen Elektronenhülle der Ursprung aller ganzheitlichen Gestalt ist. Unterhalb der Acht gibt es nur das webende Brausen des Chaos, die Ursuppe der subatomaren Teilchen. Die Acht beschreibt aber nicht nur die konzipierte Urgestalt im Sinne eines Objekts wie dem Atom, sondern auch die Bedingungen wie und zu welchen Konzeptionen, Vorstellungen und Bewußtseinsinhalten wir überhaupt kommen:

Wenn das Sein des Atoms in seinem Kern begründet ist, dann ist der Kern des Menschen sein Gewahrsein. Die sieben Energieniveaus der Hülle wiederum entsprechen 7 möglichen Inhalten, die dem Menschen zu Bewußtsein kommen können, sieben Aspekten der Energie. Das sind 1. alle Energieerscheinungen, über welche Sinnesdaten an unsere Haut gelangen, 2. die elektrischen Energien des Denkens, 3. die chemischen Energien des Fühlens, und 4. die spontanen Energiesprünge des Wollens, 5. der Körper, das Vermögen der Energie, beständige, kontinuierliche, mehr oder weniger undurchdringliche und von der Umgebung abgegrenzte Volumen zu bilden, 6. die Seele, die Erkenntnis, daß das Wirken der Energien immer das Wirken vieler Energiezentren ist, daß sich diese erst durch ihre gegenseitigen Wahrnehmungen in die Wirklichkeit rufen, und daß sie in ihrem synergetischen Zusammenwirken Effekte erzeugen, die mehr als die Summe der einzelnen Wirkzentren ist. Und schließlich als 7. der Geist, die Erkenntnis, daß alle manifesten Zustände der Materie oder Energie sich immer aus einer Fülle von potentiellen Zuständen und Gestalten heraus verwirklichen. Sie sind als kreative Visionen der Intuition und Imagination zugänglich. Die Integration dieser 4 Funktionen und 3 Bereiche ist die eigentliche philosophische Arbeit, welche der indische Yoga als die Arbeit an den sieben Energiezentren, den Chakras, kennt.

Wenn nun der Kern des Atoms eine Abbildung des menschlichen Gewahrseins ist, und die sieben Stufen eine Abbildung der Bewußtseinskomponenten empfinden, denken, fühlen, wollen, Körper, Seele und Geist bedeuten, dann sind die 10 chemischen Gruppen des periodischen Systems eine Abbildung von zehn Identitätsweisen des Menschen, in Entsprechung zu den chemischen Eigenschaften der Gruppen. Denn die Beschaffenheit der Atome zeigt in elementarster Weise 10 Qualitäten als Grundlage jeglicher Identifikation. Diese Identitäten oder Gestalten ergeben sich, wenn man die 92 Elemente als ein periodisches System ordnet. Dabei werden Gruppierungen der Elemente erkennbar, wobei die Elemente einer dieser Gruppen untereinander größere oder kleinere chemische Ähnlichkeiten haben. So sind etwa Lithium, Natrium und Kalium Mitglieder der Gruppe der Alkalimetalle. Eine ihrer Ähnlichkeiten besteht darin, daß sie alle drei weich und leicht brennbar sind. Was aber chemische Ähnlichkeit ist, ist auf elektronischer Ebene zahlenmäßige Identität. Tatsächlich sind die Gruppierungen nicht entstanden, indem man rein phänomenologisch ähnliche Stoffe zusammengefaßt hat, sondern indem die subatomaren Bestandteilen eines Atoms auf eine bestimmte Weise gezählt werden. Die Zugehörigkeit eines Atoms zu einer Gruppe wird also im wesentlichen dadurch konstituiert, daß es bei einer chemischen Reaktion die gleiche Anzahl von Elektronen abgibt oder aufnimmt, wie die anderen Gruppenmitglieder. Beispielsweise gehören etwa die besagten Elemente Lithium, Natrium und Kalium zur I. Gruppe (Alkalimetalle), weil sie 1 Elektron in der Außenschale besitzen, bzw. dieses bei einer chemischen Bindung abgeben.

Im Rahmen der profanen Chemie ist es zur Zeit Konvention, alle Elemente in 18 Gruppen zu gliedern, 8 Hauptgruppen und 10 Nebengruppen. Seit der Entdeckung des periodischen Systems durch Mendelejew (1869) sind aber bereits über siebenhundert Möglichkeiten durchgespielt worden, wie man die Elemente von 1 bis 92 (bzw. 118) anordnen kann. Heute hat sich die Längsform der 18 Gruppen durchgesetzt. In der A. Keyserling durchgeführten Neukonzeption des pythagoräischen Erbes, im Rad, bei welchem das Enneagramm der Planeten als Ordnungsparameter fungiert, zeigen sich aber 10 Gruppen, die im Kreis angeordnet sind. Und in den chemischen Eigenschaften lassen sich tatsächlich Analogien zu den traditionell bekannten Planetenkräften erkennen, so daß etwa der energiefreisetzende und angriffslustige Sauerstoff sich in der Marsgruppe findet, der die molekulare Kreativität des Lebens begründende Kohlenstoff in der Gruppe des Pluto, das in der Psychiatrie gegen Wahnvorstellungen eingesetzte Lithium in der Mondgruppe, etc.

Diesen Zusammenhang zeigt die Alphysik, eine Teildisziplin des Rades. Sie erschließt das Verständnis der zehn Stufen der Inkarnation des Selbst in der Materie. Sie ist das Wissen hinter allem psychologischen Wissen über die Krisen und Entwicklungsstufen des Menschen von seiner Geburt bis zur vollen Selbstaktualisierung. Die Stufen des mondhaften Grundvertrauens (I), der venusischen Anpassung (II) und des jupiterischen Inbildes (III) behandelt die prä-personale Selbst-Psychologie, die Stufen der plutonischen Strategie (IV), der saturnischen Norm (V) und des marsischen Wertens (VI) die personale Psychologie, und die Stufen der merkurischen Individuation (VII), der uranischen Mantik (VIII) und der neptunischen Mystik (IV) sind der Bereich der transpersonalen Psychologie. Die X. Stufe der Sonne ist der Durchbruch zum Augenblick, das der Zeit enthobene Sein, das nur als spontane Erleuchtung, in der Meditation oder im heiligen Ritus erreicht werden kann.

Die chemischen Elemente der 10 Gruppen tragen die Signatur dieser 10 Seinsweisen. Dabei unterscheiden sich die neun ersten Stufen wesentlich von der zehnten, ja chemisch sind zwei Arten von Atomen zu unterscheiden, die man als den Seins- und den Werdensaspekt des Atoms deuten kann.

Prinzipiell sind nur sieben Konfigurationen von Protonen und Elektronen möglich, die sich als Atom genügen und in diesem Atom-Sein Endpunkt und Vollendung aller Werdensdynamik erreicht haben. Es sind die sechs natürlichen Edelgase der X. Gruppe, Helium, Neon, Argon, Krypton, Xenon, Radon und als siebtes das auch noch nicht künstlich erzeugbare Edelgas mit der Ordnungszahl 118, das letzte mögliche Element des PSE. Alle anderen Konfigurations­möglichkeiten — von den 92 natürlichen Elementen die verbleibenden 86 — haben trotz der Tatsache, daß sie Atome sind, nicht wirklich den Ruhepunkt gefunden. Ihnen fehlt etwas, und dieses Fehlen äußert sich als Neigung zur Verbindung und Synthese mit anderen Atomen, was dann zur Generierung neuer, komplexerer Ganzheiten und Gestalten führt. Es entstehen Moleküle, von wo aus der Weg zum Staub und zum Stein, zum Gen und zum Baum, zum Tier und zum Menschen führt.

Die uns umgebende Vielfalt wird also durch die verbindungsfähigen Atome konstituiert, was uns aber nicht die Bedeutung der einfachen Edelgase vergessen lassen darf. Wenn auch die Edelgase eine scheinbar geringe Rolle auf der Erde spielen, ist doch alles atomare Gewimmel, alles Ausschöpfen von atomaren Bindungsmöglichkeiten nichts anderes, als das Streben, die gleiche Vollendung zu finden, wie sie die Edelgase haben. Konkret ist es für die Edelgase das Streben, eine gesättigte Elektronenaußenschale zu besitzen. Für Helium bedeutet es durch 2 Elektronen, für die anderen Edelgase, durch 8 Elektronen begrenzt zu sein.

Bestünde die Welt nur aus Edelgasen, wäre sie eintönig. Die Entstehung der Vielfalt ist nur möglich durch das Vorhandensein der ungesättigten Atome. Sie werden nie zu Edelgasen, sie versuchen dies aber gleichsam auf einem Umweg, sie suchen die Edelgaskonfiguration oder -sättigung durch vielfältige Verbindungen. Und dieser Umweg, der die unzähligen chemischen Verbindungen gebiert, ist die Schöpfung der komplexen Natur, wie wir sie kennen.

Will der Mensch an diesem schöpferischen Prozeß teilhaben, muß er sich als Atom begreifen, welches in diesen Prozeß eingebunden ist. Die Struktur des Atoms aber, wie sie Physik und Chemie entdeckt haben, wird ihm zum Licht in der dunklen Materie, zu einem Orientierungswissen, durch welches er sowohl seine Mitte finden, als auch mit den Anderen am Weben des evolvierenden Lebens, am Werk der Erde mitwirken kann.

Dago Vlasits
Die Atomstruktur – ein Bild menschlicher Ganzheit · 1998
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD