Schule des Rades

Dago Vlasits

Zur Orientierung in der globalen Kultur

Die Kondition des Menschen im Mythos

Es wird wohl kaum jemand den schlichten Befund bestreiten, dass die Menschen vielfältigen Mangel leiden und nach mehr Glück und Erfüllung streben. In diesem Sinne unterscheiden auch die Mythen zwischen einer göttliche Vollkommenheit, Unsterblichkeit und Glückseligkeit auf der einen Seite und dem diesseitigen, sterbliche Leben mit seinem Unglück und seinen Widersprüchlichkeiten auf der anderen, um die Verfassung des Menschen zu charakterisieren. Dabei können die Mythen und alle Religion und Philosophie als Diagnose und Heilmittel, als methodischer Weg zur Beseitigung des menschlichen Unglücks verstanden werden.

Die Welt der Vielen, in welcher sich der Mensch verliert und verwirrt und nach Erlösung und Befreiung schmachtet, heißt in der indischen Mythologie die Welt der Maya, die Welt der Illusion und des Uneigentlichen. Im Unterschied zur populären Auffassung von maya, in der sie bloß als verderbliche Kraft der Täuschung verstanden wird, meint dieser Begriff aber ursprünglich die schöpferische Zaubermacht, welche diese Welt erschafft. Vor allem aber ist maya nur die eine Hälfte eines komplementären Begriffspaares, dessen andere Hälfte rta heißt. Von rta stammen Worte wie Ritus und Rad ab, und während sich maya etymologisch von may, wechseln ableitet, ist rta das Partizip Perfekt des Verbs sich anpassen. Beide Begriffe assoziieren die vedischen Dichter mit dem Gottesnamen Varuna. Er ist der kosmische Magier, welcher mit seiner Zaubermacht maya die Welt erschafft, und zugleich ist er König des rta, wurde im Hause des rta erzogen. Rta hat seinen Sitz im höchsten Himmel und im Feueraltar, und steht bei allen indo-europäischen Völkern für das Gesetz, die zeitlose Ordnung, welche die gleiche ist in der Sphäre des Kosmos, des Menschen und des Geistigen. Die göttliche, vollkommene und ursprüngliche Realität wird hier also mit Varuna symbolisiert, in welchem der Gegensatz von maya und rta, des Sich-dauernd-Wandelnden und des ewig Beharrenden vereint ist.

Demgemäß läßt sich auch die letzte Intention, das höchste Ziel des Menschen definieren: zum Gewahrsein durchzustoßen, in welchem die scheinbar unüberwindliche Differenz von Chaos und Ordnung, Zufall und Sinn, Phänomen und Wesen aufgehoben ist. Wann immer der Mensch zu diesem Gewahrsein durchstößt — und sei es nur für kurze Augenblicke — wird er der göttlichen Vollendung teilhaftig. Sind jedoch rta und maya nicht im Gewahrsein vereint, ist der Mensch von Maya gefangen, mitgerissen auf dem Fluss der vergänglichen Zeit und identifiziert mit dem Bewußtsein der flüchtigen Assoziationen.

Eine mögliche Reaktion darauf ist es, Maya zu fliehen und das Unvergängliche und Beharrende jenseits der Zeit zu suchen, wozu die verschiedenen Meditationswege einladen. Wie schon erwähnt ist aber maya nicht nur Wurzel der menschlichen Verwirrung, die das Flüchtige für real nimmt, nicht nur unausweichlicher Verfall und Niedergang im Sinne der Entropie, sondern auch Entstehung der Formenfülle im negentropischen Aufstiegs der sich selbst organisierenden Materie. Als solch schöpferischer Vorgang ist maya wiederum im Einklang mit dem Gesetz des rta wirkend.

Die Überwindung des Gegensatzes, das Eindringen des Menschen in das Geheimnis des Zwei-Einen bleibt das höchste Ziel in Indien. Der Herr nun über rta und maya, über Raum und Zeit, der Weltenschöpfer Varuna, wird mit einer Schnur abgebildet und gilt als Meister der Bande und als Herr der Netze, er kann den Einzelnen als auch ganze Welten binden und entbinden. Wie bei M. Eliade zu lesen ist, war jedoch der ursprüngliche indo-europäische Name für Gott Dyaus, der Namensgeber für den späteren griechischen Zeus. Dieses höchste Wesen wird von den vedischen Dichtern Dyauspitar, Vater Himmel genannt — die etymologische Wurzel des römischen Jupiter — und ist vor allem im Namen des Urpaars Dyavaprithivi, Himmel und Erde, mitangesprochen. In den vedischen Hymnen wird aber meist nicht mehr Dyaus, sondern Varuna als die Urgottheit angerufen.

Als Varuna populär wurde, hatte sich Dyaus schon zum zurückgezogenen Gott, einem deus otiosus gewandelt, was das Schicksal jeder Gottheit ist, wenn sie nicht die Metamorphose zum Weltenherrscher macht, wie Eliade immer wieder hervorhebt. So ergeht es aber nicht nur Urgöttern, sondern jedem Mythos, jeder Offenbarung, Philosophie oder Ideologie, wenn sie ihre lebensweltliche Relevanz verlieren. Eine Wahrheit, mag sie nun göttlicher oder weltlicher Natur sein, nimmt nur solange den beherrschenden Platz ein, solange sie in Beziehung zur jeweils aktuellen Lebenswelt der Menschen steht, ein überzeugendes Sinnbild, eine Antwort und Hilfe für die Fragen und Probleme der gegenwärtigen Menschen bildet. So müssen wir auch heute einen neuen Wein in neue Schläuche füllen, der aber die selbe anregende Wirkung haben muß, wie sie die Wahrheit — nach welcher es den Menschen immer dürstet — von jeher hatte.

Doch zurück zur Zeit der Herrschaft Varunas. Dieser Gott der zweiten Generation ist der Herrschergott schlechthin — König der Welten, der Götter und der Menschen. Allerdings, wie die Geschichte zeigt, verliert auch er die Herrschaft über das Leben, wird ebenfalls zu einem zurückgezogenen Gott wie Dyaus, als er von einem der Götter, Indra, dem Helden und Krieger besiegt wird. Die Niederlage Varunas ist besiegelt, nachdem Indra das Urfeuer Agni überreden kann, das Reich des Varuna zu verlassen, und zu ihm zu kommen. Agni ist in Beziehung zum allerersten Ursprung, denn er ist der Sohn des alten Dyaus. Er wird im Himmel geboren und fährt zur Erde hernieder als Blitz. Er ist der Vorsteher der Götter, Ur-Priester und Gott des Opfers. Sein Leib ist reines Gold und er ist ewig jung, da er in jedem Feuer wiedergeboren wird. Seine hohe Intelligenz und Klarsicht, seine Rolle als Bote zwischen Himmel und Erde, und seine Rolle bei der Weltschöpfung einerseits als Keim der Gewässer, welcher sich aus dem Schoß der Mütter erhebt, andererseits als derjenige, welcher die Urwässer durchdringt und befruchtet, rückt ihn in die Nähe des Gottes der Hermetik und Alchimie, zu Hermes Trismegistos.

Im historischen Wandel der indischen Mythen verschwindet Varuna aber nicht völlig, sondern seine Substanz wird nun zu einem verneinenden Prinzip und Gegenspieler des Helden und nunmehrigen höchsten Gottes Indra. Varuna wird zu Vrtra, zum Drachen des Chaos, dessen Sein für das Keimhafte und Virtuelle steht. Dieses amorphe Urwesen muß vom Krieger und Helden besiegt werden, um aus ihm die Wasser des Lebens zu befreien, wobei das Wasser in der indischen Mythologie jene Ur-Substanz ist, aus welcher im kosmogonischen Prozeß die Welt erschaffen wird.

Der populäre Gott des Rig-Veda, der Krieger Indra, in welchem der demiurgische, weltenschöpferische Aspekt besonders hervorgehoben ist, hat also das Chaos zum Feind, doch entsteht aus deren Kampf die Welt. In einigen hinduistischen Traditionen wird Vrtra auch als das Haus des Tvastr, des Götterbildners, verstanden. Dieser hat Vrtra geschaffen, um Dach und Ummauerung für seine Wohnstatt abzugeben. In dieser Stätte wohnen Himmel, Erde und die Gewässer, doch bloß in einem virtuellen Zustand. Erst die Sprengung dieser Ur-Monade durch Indra bewirkt die kosmogonische Entfaltung, läßt die Welt und das Leben entstehen.

Dem Zeitgeist gehorchend, verliert später auch Indra an Bedeutung für die Menschen, und in einer vierten Generation avancieren Götter wie Vishnu oder Schiva zu Hochgöttern, welche immer zugleich einen weiblichen Aspekt, eine Schakti besitzen.

Ob das Urpaar Dyavaprithivi, Himmel und Erde, ob der rta und maya beherrschende Varuna, oder der Krieger und gestaltende Demiurg Indra mit seinem Gegenspieler Vrtra, dem Drachen des Chaos, oder die zweigeschlechtlichen Götter späterer Zeit — alle sind sie Bilder davon, wie die Weisen des Subkontinents in den unterschiedlichen historischen Epochen das Zwei-Eine, bzw. die Nicht-Zweiheit zu fassen suchten. Denn das Bewußtsein des Gegensatzes und der Gespaltenheit in all ihren Spielformen ist das Unglück des Menschen und die Illusion, welche alle indischen Heilswege überwinden wollen. Und die Verkündigung, daß die Wahrheit jenseits der Gegensätze erkennbar und erfahrbar ist, daß atman und brahman, das wahre Selbst des Einzelnen und der All-Grund identisch sind, können wir als die Frohbotschaft Indiens erachten. Die Erleuchtung, die Vollendung der Erkenntnis ist das Gewahrsein, wie atman und brahman sich gleichen, wie das Große im Kleinen, das Ende im Anfang, das All im Nichts west.

Dieses wahre Sein bleibt aber auch in der Vereinzelung und Entfremdung dem Menschen als Ahnung und Sehnsucht zugänglich, unserer normalen und alltäglichen Verfassung des Mangels und der Halbheiten, die wir als Heillosigkeit, Problem und Konflikt erleben, steht es als Vision der Vollendung, als die ersehnte Ganzheit, die geschlossene Lösung, die Befriedung in Freude gegenüber, was als mehr oder weniger schmerzhafte Spannung erlebt wird. Unter solchen Voraussetzungen sinnvoll und echt zu leben ist der Weg und das Ziel, wobei der Sinn die persönliche Lebensgleichung betrifft, die Echtheit sich aber daran ermißt, inwieweit der eigene Weg nicht bloß ein persönlicher Trip ist, sondern in Kommunion mit den anderen beschritten wird.

Ein Leben, in welchem Unheil, Problem und Konflikt überwunden sind, möchte jeder erreichen, bei manchen Menschen ist das ganze Dasein von dieser Intention durchstrahlt, bei anderen mag sich dieses Streben bis zum Gegenteil pervertiert haben. Doch wie kommt es überhaupt zur Gespaltenheit, die ein grundlegendes Merkmal allen Bewußtseins ist? Es ist die dauernde Unterscheidung von innerlicher Subjekthaftigkeit und einer äußeren Objektwelt, sie ergibt sich zwangsläufig, wenn der Mensch in die Welt der Sprache tritt, wenn er zu denken anhebt. Durch die Fähigkeit der denkerischen Unterscheidung — im jüdisch-christlichen Mythos das Essen vom Baum der Erkenntnis — geht er der einenden Ganzheit verlustig. Er ist mit einem statischen, sprachgeborenen Ichbild identifiziert und lebt im fragmentierenden, unglücklichen Bewußtsein. Wie in einem Kaleidoskop ist jedes Problem und Problemchen eine selbstähnliche Widerspiegelung der ursprünglichen Spaltung, ob nun eine vermeintliche Sinneswahrnehmung der Bestätigung durch die Wirklichkeit entbehrt, einer Frage die Antwort fehlt oder ein Wunsch ohne Erfüllung bleibt. Und ebenso verzweifeln wir an unserer Trägheit oder an unseren gescheiterten Handlungen, wenn wir bezüglich der wirkenden Kräfte in und um uns die richtige (bewußte oder unbewußte) Wahl für oder gegen diese Kräfte nicht treffen. Doch jedes Zusammengehen von Wahrnehmung und Wirklichkeit, von Frage und Antwort, von Wunsch und Erfüllung und von Entscheidung und Kraft, läßt uns — zumindest für einen Augenblick — der einenden Ganzheit teilhaftig werden. Es ist das freudige Gewahrsein des Sinnes, bei desen Innewerden alles Wähnen und Fragen, alles Sehnen und Klagen endet.

Sucht der Mensch aber nicht die einende Ganzheit jenseits von Chaos und Ordnung, von Subjekt und Objekt, von gut und böse, und von Freiheit und Bindung, sucht er nicht die Ganzheit, welche nicht nur die Zwecke des Lebens umfaßt, sondern auch den Sinn, der über das Profane hinausgeht und bis in den Tod reicht, ist all sein Streben bloß die endlose Jagd nach dem vergänglichen Glück. Denn nicht im Schmieden des kleinen Glücks, sondern in der großen Alchimie, in der Überwindung der Entzweiung wird ihm die Sinnesempfindung zur Wahrnehmung der Schönheit, lebt er im Denken aus der Wahrheit, wird sein Fühlen von Güte getragen und sein Wollen ein Wirken und Wandeln in Gerechtigkeit.

Dago Vlasits
Zur Orientierung in der globalen Kultur · 2000
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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