Schule des Rades

Dago Vlasits

Zur Orientierung in der globalen Kultur

Von der Notwendigkeit eines universellen Codes

Erleuchtung, Erlösung, Befreiung, oder ganz allgemein das gute, das sinnvolle Leben ist Ziel aller Spiritualität und echten Philosophie, und das fehlende Gewahrsein des einenden Grundes, der mangelnde Kontakt mit der ursprünglichen Realität ist das zu lösende Problem. Die Frage nach dem Weg zur Überwindung dieses Unglücks ist so alt wie die denkende Menschheit selbst, und die Überlieferung kennt viele Antworten, gebunden an die Zeit und den Ort, an dem diese Frage gestellt wurde. Der Ort, an dem sich diese Aufgabe heute stellt, ist die elektronisch vernetzte Erde. Sie ist im Begriff eine globale Zivilisation hervorzubringen, mit der Gefahr der Funktionalisierung und Mechanisierung des Einzelnen wie des Kollektivs, aber auch mit der Möglichkeit einer harmonischen Einung der Menschheit, wie es keine Zeit zuvor kannte. Harmonische Einung heißt letztlich nichts anderes als Friede, um den man sich ja heute an den verschiedensten Fronten des politischen Lebens bemüht. Versteht man Harmonie musikalisch, so ist es nicht das Ideal der reinen Konsonanz, welche die Dissonanz zum Gegensatz hat. Harmonie ist die Einung des Gegensatzes von Dissonanz und Konsonanz, ohne die Unterschiede zu entwirklichen. Es ist kein statischer Zustand, sonder ein komplexes Spiel der dauernden Wandlung. Als soziale Dynamik liegt es zwischen dem einen Extrem der roboterhaften Uniformität und dem anderen Extrem der destruktiven Sonderung und Opposition bis zum Krieg. Streben nach wahrer Harmonie zielt also nicht nur auf Konsonanz als Gleichschritt und Vereinheitlichung, sondern bejaht auch Dissonanz als das Partikuläre und Individuelle, trägt etwa der Regionalisierung genauso Rechnung wie der Globalisierung, der Lokalität genauso wie der Universalität.

Eine der wohl entscheidensten Veränderung unserer Zeit ist die, dass in der globalen Zivilisation, die eine technische Zivilisation ist, die elementaren Bedingtheiten und Freiheiten des Menschen in einer noch nie dagewesenen Weise offenbar werden. Alles was mechanisch und maschinenhaft am menschlichen Dasein ist, wird in Zukunft von Maschinen kontrolliert und durchgeführt, die alles Mechanische besser beherrschen als der Mensch. In Zukunft wird er deshalb von allen wiederholbaren, standardisierbaren Arbeitsprozessen frei sein, anderseits ist er in dieser elektronischen Technosphäre auch in hohem Maße manipulierbar, und die Gefahr besteht, der großen Maschine einverleibt zu werden. Im Bewußtsein dieser Gefahr wird aber auch das eigentlich Menschliche leichter erkennbar und bestimmbar, als dasjenige, das in einem formal-technischen System keinen Faktor darstellt, dort ein nulldimensionaler Punkt, ein Nichts ist. Doch dies ist unser wahres Subjekt, die Inhaltsleere des Gewahrseins. Das Erreichen dieses Gewahrseins ist der Durchbruch vom formalen, programmierbaren Wissen zur Weisheit, vom blinden Trieb zur Liebe, und vom unkontrollierbaren Zufall zur Freiheit der Wahl und spontanen Kreativität.

In unserer Zeit entscheidet sich auch, was denn von den bisher gegeben Antworten dem heutigen Menschen noch immer angemessen ist oder keine dauernde Gültigkeit hat, und ob es nur lokalen oder auch globalen Wert hat. So hat sich etwa der dialektische Materialismus, nachdem er als Motor sozialer Verbesserungen wirkte, schließlich als Sackgasse erwiesen, wenngleich er in der dritten Welt dem sozialen Fortschritt noch eine Zeit lang dienlich sein mag. Aber auch die Botschaften der Religionen können ihre Forderung nach absoluter Gültigkeit in Anbetracht der Vielfalt der Kulturen, die heute unseren Gesichtskreis erfüllen, nicht aufrechterhalten. Kein heiliger Text kann heute mehr in Bausch und Bogen als die allgemeingültige Wahrheit gelten, sondern es wird sich zeigen, dass für das philosophische und religiöse Streben des Menschen in der globalen Zivilisation nur jene Konzepte der Traditionen weiterhin als inspirierende Wahrheiten überdauern werden, die im Einklang mit den Konzepten der modernen Naturwissenschaften stehen. Nicht nur, weil das wissenschaftliche Denken einfach unser gesamtes tägliches Leben bestimmt und noch mehr bestimmen wird. Vielmehr noch, weil hinter dem Anspruch nach Wissenschaftlichkeit nicht bloß die Forderung nach einem Konsens über eine Strategie der Wirklichkeitsbeherrschung steht, sondern eigentlich die viel größere Forderung nach einer Sprache und Wahrheit, die für alle in gleicher Weise gilt. Der Umstand, dass die Naturwissenschaft eben auch ein Code ist, der allgemeine Wahrheiten transportiert, ist ein Grund für ihre hohe Akzeptanz die gar bis zur Wissenschaftsgläubigkeit reicht, und nicht nur ihre technischen Erfolge. Naturwissenschaft deckt bis zu einem gewissen Grad auch ein philosophisches Bedürfnis ab, eben jenes nach der allgemeinen Sprache und Wahrheit.

Dies ist aber ein ursprüngliches und legitimes Bedürfnis des Menschen, mögen heute auch viele meinen, dessen Befriedigung als hoffnungsloses Unterfangen durchschaut zu haben, und uns gar skeptisch mahnen, allen Vereinheitlichungsversuchen eher vorsichtig, ja ablehnend gegenüberzutreten. Denn kennen wir nicht zur Genüge die vielen totalitären Auswüchse ideologischer Einheitsbestrebungen? Es muß doch wohl reichen, jeden auf seine Art selig werden zu lassen.

Natürlich gibt es kein Zurück mehr hinter dieses Toleranzprinzip, welches heute im Bekenntnis zum Pluralismus seinen Niederschlag gefunden hat. Aber die Suche nach dem Gemeinsamen, Allgemeinen gehört per definitionem zur Philosophie. Philosophie versucht immer allgemeingültige Prinzipien und Normen zu erhellen, und genauso will jede Religion das für alle wahre Wort sprechen. Schließlich sind wir niemals nur Einzelperson, immer ist uns eine Mitwelt mitgegeben, und eine religiöse oder philosophische Wahrheit über das Ganze versteht sich daher immer als eine Wahrheit für alle. Dass wir eben nicht einsame Inseln, sondern Gemeinschaftswesen sind, legitimiert, ja erfordert die Artikulation des gemeinsamen Sinnes und der gemeinsamen Wahrheit.

Dazu bedarf es aber zuallererst der Einigkeit über einen Code, der von allen als universell eingesehen werden kann. Vor allem unsere Zeit scheint eines solchen Codes besonders zu bedürfen, denn heute mehr denn je ist die Frage nach der Rückbindung zum Ursprung nicht nur eine Frage nach einem individuellen Befreiungs- oder Erlösungsweg. Die Vergesellschaftung des modernen Menschen, die höheren gegenseitigen ökologischen, politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten im Alltag des Einzelnen verwehren den Rückzug in Kloster und Höhle — es sei denn bei Wochenendseminaren oder im Urlaub. Aber auch ein voreiliger Rückzug auf Positionen, die eine gemeinsame Wahrheit nur im Unaussprechlichen und Mystischen anerkennen ist verwehrt bzw. nicht ausreichend. Denn der gemeinsame Urgrund jenseits der Sprache ist eigentlich selbstverständlich, bzw. ist der Glaube an ihn eine unabdingbare Voraussetzung jeder ganzheitlichen Einstellung. Doch Probleme, Mißverständnisse und Streit zwischen den Menschen entstehen, sobald die Prämissen einer Weltanschauung sprachlich artikuliert werden, und das heute allgemein akzeptierte Ideal des Pluralismus zeigt dann seine Schattenseite in Form ideologischer Grabenkämpfe. Daher muß eine allgemeingültige Sprachregelung auch für geistige Dinge gefunden werden, fehlt diese, ist sektiererische Exklusivität zwangsläufig die Folge.

Heute ist der bloß esoterische Weg nicht mehr gangbar, sondern die in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts von dem kaukasischen Philosophen Gurdjieff geforderte Vereinigung von Arbeit an sich selbst und der Arbeit an der Welt muß durchgeführt werden, wollen etwaige Erlösungsbemühungen nicht in Weltabgeschiedenheit oder realitätsfremder Romantik enden. Geht man also davon aus, dass in der globalen Zivilisation das Heil des Einzelnen auch vom Heil des Planeten abhängt, also dieses Heil nur gemeinsam erreicht werden kann, dann muß eine gemeinsame Tonlage und Diktion gefunden werden, die den individuellen wie auch den kollektiven Sinn des Menschen trifft. Zumindest im Westen kann zwar heute jeder seinen geistigen Weg und die dazugehörige Lebensweise frei wählen, und in einem Rechtsstaat moderner Prägung scheint sich die Wahl des religiösen Bekenntnisses auf eine private Stilfrage zu reduzieren. Tatsächlich aber resultiert daraus das nicht ganz unerhebliche Problem, ob denn die gewählte Form mit der Mitwelt harmoniert oder im Zusammenleben die Komplikation und Sprachverwirrung noch verstärkt und der private, geistige Friede durch die Andersgläubigen letztlich doch gestört ist.

Das Heilsproblem ist heute also nicht zuletzt ein Kommunikationsproblem, da Gesellschaft und Information die beiden wesentlichen Sphären oder Medien bilden, in welche der Einzelne auf Gedeih und Verderb eingebunden ist — und in ihnen kann er durchaus verderben. Der Impuls der Vergesellschaftung tendiert zur totalen Kontrolle, Vernetzung und Steuerung des Individuums, der Impuls der wachsenden Information tendiert zum Überflutetwerden mit Neuem und hat Orientierungslosigkeit zur Folge. Wie kann der Mensch dazwischen bestehen und gedeihen? Das Leben in der Informationsgesellschaft erfordert die Verwirklichung der Kommunikationsgesellschaft, Kommunikation aber, also jene Information, die verstanden wird, erfordert eine gemeinsame Sprache. Auf dem Gebiet der Elektronik, welche zusehends unser Leben bestimmt, ist dies eine Selbstverständlichkeit, nur eine einheitliche technische Norm, ein gemeinsamer Code kann die Vernetzung des Planeten ermöglichen. Einer solchen Norm, eines solchen Codes bedarf es auch in der Philosophie. Diese gemeinsame Kommunikationsebene für das Spirituelle ist aber nicht bloß Mittel zum Zweck, sondern selber Zweck und Ziel. Denn die erstrebte Erfahrung von Ganzheit und Sinn sollte sich für den heutigen Menschen weniger in einer einsamen, kontemplativen Schau der ewigen Gottheit erfüllen, als im Bauen von Brücken zwischen Ich und Du, im gelingenden Dialog und dem Erreichen der freudigen Kommunion mit allen Wesen.

Was in der post-modernen Gesellschaft eben noch aussteht, ist das, was den gemeinsamen Grund aller Existenz auf rationaler Grundlage transparent werden läßt, und zwar nicht nur in physikalischer und biologischer Hinsicht, was unbestritten ist, sondern auch in philosophischer Hinsicht. Müssen wir daher ein neues Weltbild artikulieren? Überwölbende Weltbilder werden schnell zum eifersüchtig beschützten Glassturz, das geistige Band einer Ideologie, das alles und alle zusammenhalten soll, leicht zu einer Fessel und Knebel. Wir brauchen keine geistigen Gängelbänder, was wir aber brauchen ist ein Schlüssel, den jeder besitzen kann und der uns zumindest einen gemeinsamen Raum erschließt, ein semiotisches Werkzeug, das jedem den gleichen Sinn eröffnet. Es bedarf gleichsam einer TOE (theory of everything) in der Philosophie, nur eine solche kann die pluralistische Vielfalt vor unüberbrückbaren Gegensätzlichkeiten und heilloser Vereinzelung bewahren. Keine der überlieferten Religionen, kein eifersüchtiges Bekennen einer prophetischen Offenbarung kann dies heute mehr gewährleisten. In ihrer Ausschließlichkeit verhindert diese gar die erstrebte Ganzheitlichkeit. Wir können uns zwar auf die Lehren des Brahmanismus, des Buddhismus, des Judentums, des Christentums, des Islam, des Taoismus oder der Naturvölker besinnen, und daraus großen persönlichen Gewinn ziehen, doch was kollektiv not tut, ist der gemeinsame semiotische Schlüssel, der die Bedeutungsoberfläche der natürlichen, kulturellen und religiösen Texte durchdringt, m. a. W. der ihre exklusive Semantik durchschaut und den allgemeinen Sinn offenbart.

Auf politischer Ebene mag ein Vertragswerk wie die Charta der Menschenrechte als ein gemeinsamer Nenner für alle Nationen hingehen. Sie sind heute das einzig weltweit akzeptierte Ideal, wenngleich es von Vertretern mancher Länder noch in Frage gestellt wird. Deren Pochen auf Aufrechterhaltung nationaler Denkweisen, Sitten und Gesetzen, die den Menschenrechten zuwider laufen, läßt sich aber nicht selten als Mittel der eigenen Machterhaltung entlarven. Jedoch die philosophischen Grundeinsichten, auf welchen der Einzelne sein geistiges Leben gründet und von wo aus er in einen fruchtbaren Dialog mit allen anderen treten kann, vermögen nicht durch Vertrag oder demokratische Abstimmung abgesichert werden. Auch kein eklektisches Flickwerk aus den als menschheitlich bedeutsam erkannten Einsichten der verschiedenen geistigen Traditionen kann dies bewerkstelligen. Vielmehr müssen die hier geforderten Grundeinsichten, die ohne Widerspruch von allen geteilt werden, auf etwas beruhen, was überall und zu jeder Zeit für alle gleich ist. Dies ist aber unsere körperliche Existenz auf dem Planeten Erde. Nicht eine überall und von allen geglaubte Offenbarungsgeschichte — was es niemals geben wird —, sondern die von allen erkennbare Naturgeschichte muß als das Gemeinsame anerkannt werden. Geistige Anschauungen wechseln von Ort zu Ort und von Zeit zu Zeit, ebenso verhält es sich mit seelischen Sitten und Moralvorstellungen. Was aber immer und überall gleich war, ist und sein wird, ist die Körperwelt. In keinem Land sind die Atome, aus denen die Materie besteht, anders beschaffen als überall sonst, und unsere körperliche Organisation wird sich in absehbarer Zukunft wahrscheinlich kaum ändern, wir werden weiterhin aus Zellen, Organen, Knochen und Muskeln bestehen. Und bei allen individuell oder kulturell bedingten Unterschieden und Vorlieben, die es bezüglich der Wahrnehmung der Wirklichkeit gibt, ist doch überall und bei jedem die physiologische Grundlage des Gehirns und des Wahrnehmungsapparates gleich.

Der universelle Code bzw. der Zeichensatz der gesuchten Semiotik, die dazu geeignet ist, auf der vernetzten Erde eine gemeinsame Kommunikationsebene für das philosophische Denken zu etablieren, muß mit den Strukturen übereinstimmen, die der Welt des Körpers und der Materie eigen sind. Damit haben wir uns keiner speziellen Religion verpflichtet, aber auch nicht den Naturwissenschaften mit ihrer empirisch-mathematischen Methode, denn auf Grundlage der naturwissenschaftlichen Prämissen allein läßt sich die Sinnfrage nicht lösen.

Dago Vlasits
Zur Orientierung in der globalen Kultur · 2000
Studienkreis KRITERION
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