Schule des Rades

Dago Vlasits

Vom Sinn der Zahl - Teil II

Am entscheidenden Punkt

Als singulären Punkt der Wahl haben wir im Rahmen der Quantenphysik die Unschärfe identifiziert, welche die Größe der planckschen Konstante besitzt. Wir erinnern uns noch einmal: nur was die plancksche Größe besitzt, ragt in unsere Wirklichkeit, unterhalb dessen ist für die Physik nichts erfahrbar. Doch dieses Wirkungsquant besitzt eine Unschärfe, die gleichsam die gleiche Größe besitzt wie es selbst. Einfach gesprochen bedeutet dies: das einzelne Quantum kann sein oder nicht sein. Dieses Loch in der Wirklichkeit haben wir bei der Betrachtung der Viele-Welten Theorie als jenen Ort erkannt, wo das Subjekt die Entscheidung trifft, um eine der vielen möglichen Welten zu realisieren. Dabei kann es zwischen mehr oder weniger wahrscheinlichen Möglichkeiten wählen.

Die Chaostheorie kann uns diesen Punkt der Wahl noch verständlicher machen. Zwar stehen die Bemühungen um eine theoretische Verbindung von Chaostheorie und Quantentheorie erst am Anfang, und die bisherigen Ergebnisse sehen nicht besonders aufregend aus. Wir wollen aber nicht Physik treiben, sondern den Sinn der Zahl und die mathematische Struktur des Gewahrseins ergründen. Wenn daher auch von der Physik noch nichts geliefert ist, worauf wir unsere weiteren philosophischen Überlegungen stützen könnten, können wir uns trotzdem spekulativ einem solchen Zusammenhang von Chaos- und Quantentheorie annähern.

Eine theoretische Erkenntnis ist für Kant dann spekulativ und daher zu verwerfen, wenn sie auf einen Gegenstand geht, zu welchem man in keiner Erfahrung gelangen kann. Tatsächlich ist eine Philosophie, die von etwas ausgeht, was uns nicht gegeben ist, lächerlich, doch die entscheidende Frage ist hier, was man denn als gegebene Erfahrung zuläßt. Nur weil sogenannte paranormale Phänomene im Rahmen der heutigen wissenschaftlichen Methode und ihrem Begriffsapparat nicht zu einem Erfahrungsgegenstand werden können, heißt nicht, daß sie keinen Erfahrungscharakter hätten. Der von Swedenborg prophezeite Brand von Stockholm ist eingetreten, sosehr sich auch der Zeitgenosse Kant über die Visionen des Geistersehers lustig machen mochte. Bezeugte Ereignisse mit sogenanntem paranormalen oder magischen Charakter gibt es zuhauf, daß sie die Wissenschaft nicht kennt, sagt eher etwas über die Beschränktheit dieser Methode als über die Wahrheit des Lebens aus.

Es geht aber nicht darum, einer PSI-Forschung oder Parapsychologie Schützenhilfe zu leisten, die in Hinblick auf ihre Wissenschaftlichkeit wahrscheinlich das ist, was Rutherford über die Chemie vor der Entdeckung der Atomstruktur urteilte: eine Briefmarkensammlung. Es geht auch nicht darum, sich von einer erweiterten Wissenschaft doch noch von der Wirklichkeit Gottes oder der Magie überzeugen zu lassen. Letzteres wollen wir vielmehr als in der subjektiven Erfahrung als bestätigt voraussetzen. Hier soll es uns aber darum gehen, diese subjektiven Erfahrungen mit einem theoretischen Verständnis in Einklang zu bringen, welches dem Zeitgeist entspricht.

Wenn wir den hier verfolgten pythagoräischen Ansatz nicht als bloße Spekulation abtun wollen, und die Erfahrungen, die man subjektiv mit der Astrologie, dem I Ging oder etwa mit dem Wählen und Konzentrieren auf eine Zahl haben kann, ernst nimmt, so ist der Versuch, Quantenphysik, Chaostheorie und Numerologie zusammenzuschauen, durchaus legitim. Ohne dem Anspruch einer geschlossenen wissenschaftlichen Theorie genügen zu wollen, kann man durch Spekulation durchaus etwas gewinnen. Spekulation kommt von speculari, was so viel wie von ferne betrachten bedeutet. Wenn der Blick aus der Ferne auch nicht die Zusammenhänge im Detail beschreiben kann, zeigt er doch die Umrisse des Zusammenhangs im Großen.

Wenn man so will, kann man die folgenden Gedankengänge auch als eine Hypothese betrachten, jene Art von Spekulation, ohne welche auch die Naturwissenschaft nicht auskommt. Die Wissenschaft verlangt natürlich eine objektive Bestätigung ihrer Hypothesen, andernfalls werden sie verworfen. Diesem Anspruch nach Bestätigung wollen auch wir uns anschließen, doch es geht um die Bestätigung in der subjektiven Erfahrung. Die Art von Erfahrung, von welcher hier die Rede ist, ist die Erfahrung des Sinnes und der magischen Fügung. Beweisen im strengen Sinn lassen sich diese Erfahrungen nicht, genauso wenig wie eine Wissenschaftler einem anderen beweisen kann, daß er ein Ich ist. Nähern wir uns also spekulativ einer Zusammenschau von Quantenphysik, Chaostheorie und Numerologie, auch wenn uns konkretere Details wie in einer black box verborgen erscheinen, und wir nicht mathematisch-formal beschreiben können, wie sich Iterationen im Gewahrsein vollziehen und was die Wahl einer Zahl energetisch bewirkt.

Die Singularität in der Quantenphysik ist die Quantenunschärfe, singulär deswegen, weil dort unvoraussehbare, ursachlose Entscheidungen fallen. Der Bifurkationspunkt in der Chaosdynamik ist ebenfalls singulär, auch hier fällt eine Entscheidung, die unvoraussehbar ist. Doch hier kann man sagen, daß dies durch eine Zahl verursacht ist, etwa durch die 17. Kommastelle eines Anfangswertes. Alle fraktalen Formen die zur Verwirklichung gelangen, sind durch einen bestimmten Algorithmus und zahlenmäßig definierte Anfangswerte verursacht. Ein eingefleischter Determinist wird aus diesem Grund noch immer behaupten, daß alles in der Welt determiniert ist, doch dann muß er von der Annahme ausgehen, daß alle Anfangswerte absolut genau festgelegt sind. Daß dies aber ein Unsinn ist, zeigt die Quantentheorie. Das Wirkungsquant ist eine reale Grenze: Raum, Zeit und Energie die unterhalb dieser Größe fallen, sind in unserer Wirklichkeit ein Nichts, somit als kein bestimmtes Etwas erkennbar. Kein Anfangswert ist also eine Zahl mit beliebig vielen Kommastellen, sie bricht an jener Kommastelle ab, an welcher die Winzigkeit des Wirkungsquants erreicht ist.

Falls man dennoch annehmen will, daß die Anfangswerte Zahlen mit unendlich vielen Dezimalstelle sind, muß man bei jeder dieser Zahlen zwei Bereiche unterscheiden, die endliche Anzahl von Ziffern diesseits der planckschen Größe, und die unendlich vielen Ziffern jenseits von ihr, gleichsam eine Kette, die in die Unendlichkeit reicht. Daß die vom Komma fernen Dezimalstellen durch den Prozeß der Iteration große Wirkungen entfalten, wissen wir heute. Wie aber die unendlich vielen Zahlen unterhalb der planckschen Größe dies tun sollten, ist nicht zu verstehen. Man kann es drehen und wenden wie man will, eine Determiniertheit durch ein Unendliches ist ein Unding. Den Dezimalstellen hinter der planckschen Größe kann man höchstens einen Möglichkeitsstatus einräumen, wobei es sich dann aber um unendlich viele Möglichkeiten handelt. Auf keinen Fall dürfen sie als Größen verstanden werden, die die Wirklichkeit im klassischen Sinn determinieren, denn erst eine Dezimalstelle diesseits der planckschen Größe kann determinierend wirken. Doch das eigentlich entscheidende ist eben jene Dezimalstelle (oder Stellen) im Bereich der planckschen Größe. Hier haust die Unschärfe, hier ist das Tor zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit. In Hinblick auf die Zahl eines Anfangswertes bedeutet dies, daß die letzte(n) der wirklichen Kommastellen nicht definiert ist. So wie das Quantum spontan existieren oder nicht existieren kann, kann diese Stelle durch nichts oder durch ein Etwas eingenommen werden. Mathematisch, im Rahmen des Dezimalsystems, welches keine menschliche Konvention, sondern die Grundlage der natürlichen Systemik ist, bedeutet es, daß dieser unbestimmte Bereich durch die Null oder durch eine (oder mehrere) der Ziffern von 1 bis 9 eingenommen wird. Ändere ich diese winzige Kommastelle, habe ich einen völlig anderen Anfangswert.

Ein menschliches Leben ist natürlich ungleich komplexer als die fraktalen Formen, welche die Chaostheorie heute zu untersuchen imstande ist. Doch wenn wir uns nicht als Ausnahmen der Natur betrachten wollen, so müssen wir davon ausgehen, daß auch wir denselben Prinzipien unterworfen sind. Wir sind Wesen, die sich durch Iteration von Algorithmen selbst erschaffen, wobei gegenüber den Anfangswerten höchste Sensitivität besteht. Diese Anfangswerte legen den Entwicklungsverlauf fest, sie selbst aber sind nicht völlig festgelegt. Räumen wir dem Menschen die Möglichkeit der Wahl ein, so kann also er selbst die Anfangswerte bestimmen. So wie zwei Anfangswerte, die sich nur in der Winzigkeit der letzten wirklichen Kommastelle unterscheiden, in der Iteration zwei völlig verschiedene Muster, zwei verschiedene Zukünfte erzeugen, erzeugt der Mensch durch die Wahl einer Zahl eine jeweils andere Zukunft. Mit jeder Ziffer wähle ich einen anderen Sinn, wie wir es bereits im ersten Teil dieser Arbeit besprochen haben.

Jeder spezifische Anfangswert ist also der Beginn einer spezifischen Zukunft, er ist aber auch der Endpunkt einer Vergangenheit. Wenn nun aber am singulären Entscheidungspunkt der Anfangswert spontan verändert werden kann, sind damit nicht nur die Weichen für eine neue Zukunft gestellt, sondern ist zugleich, so absurd es klingen mag, auch die Vergangenheit verändert. Für denjenigen, der sich selbst beobachtet, erscheint dies aber nicht so absurd, denn beispielsweise nimmt sich die eigene Geschichte im Laufe des Lebens immer wieder anders aus. Dies bloß als verschiedene Deutungen zu erklären, trifft die Sache nicht ganz. In einer längst vergangenen Begebenheit mag man heute völlig andere Kräfte wirken sehen, als damals erkennbar war. Doch die damalige Sicht dieser Begebenheit war nicht weniger und mehr determinierend für die damalige Zukunft, als es nun die neue Sichtweise für die jetzige Zukunft ist.

Leben im Gewahrsein bedeutet leben im Einklang mit der schöpferischen Kraft, sie ist die ewige Geburt des Neuen. Wir finden uns aber zugleich auch in einer geordneten Welt, die in ihrer mineralischen Härte streng geordnet erscheint, und jede entstehende Struktur ist durch vergangene Strukturen bedingt, wie etwa die Naturreiche von Mineral, Pflanze, Tier und Mensch aufeinander aufbauen. Ewige Ordnung und spontaner Neubeginn sind ein denkerischer Gegensatz, doch von Augenblick zu Augenblick vermählen sie sich zu einer Realität, die sich ewig wandelt und sich ewig ähnlich bleibt, durch die Vielfalt der sich wandelnden Formen schimmert der eine Sinn hindurch. Sieht man nur das ewig Gleichbleibende und mag man dieses auch Gott nennen, sieht man doch nur das Bild einer erstarrten Vergangenheit. Gott ist der ewig Zukünftige, der sagt, Ich werde sein, der ich sein werde, wie es in Bubers Übersetzung des Alten Testaments heißt. Und doch ist er in seinen verschiedenen Gesichtern immerzu wiedererkennbar. Nichts geringeres als diese Erkenntnis steckt in der Entdeckung des Prinzips der Selbstähnlichkeit, wenn man die moderne Physik philosophisch betrachtet.

Nicht jeder schöpferische Mensch denkt mathematisch. Doch auf dem Weg der Weisheit, wie wir ihn aus den kabbalistischen, pythagoräischen und schamanischen Traditionen kennen, ist die numerologische Methode jenes Mittel, welches uns hilft, das Bewußtsein immer wieder auf der Ebene des Gewahrseins, auf der Ebene des Sinnes zu verankern. Die Chaosmathematik mit dem Prinzip der kreisenden Iteration und der Unschärfe der Anfangswerte bringt uns dem Verständnis des numerologischen Prinzips näher, daß nämlich die Ziffern des Dezimalsystems Sinn und Realität erzeugen.

Im Bereich der Unschärfe die Zahl zu verändern, bedeutet, den Sinn der Zukunft und gar den Sinn der persönlichen Vergangenheit neu zu erschaffen. Es ist aber ein Wagnis, immer wieder sein Leben an den singulären Bifurkationspunkt heranzuführen, oder sich vom Leben an diesen heranführen zu lassen. Es bedeutet auch, die Verzweiflung nicht zu fliehen, wo alles ungesichert erscheint, und Zukunft wie Vergangenheit uns ihr chaotisches Gesicht offenbaren.

Der 4. Feind bei Castaneda ist das Alter. Während nun die drei ersten Attraktoren tatsächlich mit den ersten 3 Feinden zu identifizieren sind, ist der vierte Feind nicht der seltsame Attraktor selbst, sondern das Unvermögen, aus Trägheit und Müdigkeit in der chaotischen Dynamik zu verharren. Selbst Menschen die etwas Besonderes und Originelles geschaffen haben, laufen Gefahr, am vermeintlichen Ende ihres Weges stehen zu bleiben, sich umzudrehen und sich bewundern zu lassen. Wer zum kreativen Handeln einmal durchgestoßen ist, mag von anderen als Meister anerkannt werden, um der eigenen Lebendigkeit willen aber muß er immer wieder ein Anfangender sein. Nur auf dem ungesicherten Weg des Kriegers blüht das neue Wunder aus dem Unbekannten auf.

Dago Vlasits
Vom Sinn der Zahl - Teil II · 1995
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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