Schule des Rades

Dago Vlasits

Vom Sinn der Zahl - Teil II

Bewußtsein

G r e n z z y k l u s - A t t r a k t o rWährend der Torus-Attraktor aus mehreren gekoppelten Zyklen besteht, ist der Grenzzyklus-Attraktor ein einzelner Zyklus, der sich dauernd wiederholt. Kleinkinder werden sich nach und nach ihrer Stoffwechselrhythmen bewußt, und die Entwicklung eines strategischen Ichs beruht auf dem Erlernen von Regelmäßigkeiten. Die periodische Wiederholung eines Ablaufs führt zum Verstehen und wird Teil des Gedächtnisses, wodurch dann jeder verstandene Ablauf als Strategie abrufbar ist. Vom Denken her sind es alle jemals verstandenen Sätze, welche gleichsam wie einzelne Disketten vorhanden sind, von der Seele her alle erlernten Verhaltensweisen, durch welche wir uns auf Gesetze, Sitten, Routinen und Zwänge einer Gesellschaft anpassen.

Der 1. Feind bei Don Juan ist die Angst. Ersteinmal erliegt ihr Castaneda angesichts der drohenden Vernichtung und Zersplitterung im Wahnsinn, die er durch Körperekstasen erlebt, denn er kann noch nicht sehen. Die Wurzel der Angst ist der Torusattraktor des körperlichen Empfindens. Die Körperwelt gibt uns zwar in ihrer Stabilität Sicherheit, doch diese ist auch dauernd bedroht. Denn die Solidität der Körperwelt ist nicht unzerstörbar, die Organisation der vielen Rhythmen kann zerfallen und ins Chaos zurücksinken. Früher oder später ist jeder mit dieser Desorganisation, welche zumindest den materiellen Körper betreffen wird, also mit dem Tod konfrontiert.

Das Verstehen der einzelnen Rhythmen führt hingegen im Denken zur Klarheit, der 2. Feind bei Don Juan. Hier lebt der Mensch vor allem in der Sprache, welche alles Irrationale rationalisiert, bannt, es ausschließt oder beherrschbar macht. Rationalisieren im psychologischen wie auch mathematischen Sinne heißt ganzzahlig zu teilen und somit rationale, also vernünftige — vernehmbare — Verhältnisse herzustellen. Alles was dem erkennenden Menschen als Welt begegnet, ist in vollkommener Resonanz mit seiner inneren sprachlichen Welt. Die einzelnen Teile der Welt haben ein resonantes Gegenstück im Bewußtsein, etwa einen Begriff für ein Objekt; oder einen Satz, welcher einen Wirkzusammenhang des Objekts beschreibt. Alles ist erklärt oder ist im Prinzip erklärbar. Ob dieser Klarheit kann der Mensch jenes Unerkennbare, der Sprache nicht Zugängliche leicht vergessen. Doch alles sprachlich Formulierte ist bloß ein Bruchteil von dem was noch nicht versprachlicht ist, und dies wiederum nur ein Bruchteil von dem, was niemals versprachlicht werden kann. Und alle sprachlichen Größen sind zudem Bruchteile im Sinne digitaler, diskreter, endlicher und begrenzter Einheiten, die aus dem Hintergrund eines unbegrenzten Kontinuums herausgebrochen wurden. Dieses Herausbrechen des sprachlich Digitalisierten aus dem numinosen Kontinuum ist unser eigentlicher Erkenntnisprozeß, dadurch mehren wir Begriffe und Sätze, die die Welt beschreiben. Doch der Hintergrund, aus welchem die abgegrenzten digitalen Einheiten stammen, und in welchen sie ihren grenzenlosen Zusammenhang haben, ist eben das unendliche Kontinuum, welches für das bloß sprachliche Erkennen für immer ein Unerkennbares bleiben wird. Entscheidend für den Menschen ist sein Verhältnis zu eben diesem Unerkennbaren, wobei wir zwischen einer theoretischen und einer ganzheitlichen Einstellung unterscheiden können. So kennt der wissenschaftlich Vorgehende bloß das Noch-nicht Erkannte im Sinne von ungelösten Problemen, das Unerkennbare hingegen ist nicht wirklich ein Thema, zumindest keines, das unter die Haut geht.

Der Krieger aber, wie Don Juan den Menschen auf dem Weg der Weisheit bezeichnet, wird auch des Unerkennbaren und des Todes gewahr und lebt in deren Gegenwart. Der Tod wird ihm zum Ratgeber, und das Unerkennbare lehrt den Krieger eine Bescheidenheit, die ihn seine persönliche Wichtigkeit verlieren läßt.

Erliegt der Mensch dem 2. Feind, kann Klarheit zum Zynismus werden, daß man also schon längst weiß, wie alles läuft. Doch klar ist dabei nur die Wiederholung, etwas Neues kann hier nicht passieren. Dies ist nur möglich, wenn der Energiefluß verändert, wenn er verringert oder verstärkt wird.

Dago Vlasits
Vom Sinn der Zahl - Teil II · 1995
Studienkreis KRITERION
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