Schule des Rades

Dago Vlasits

Vom Sinn der Zahl - Teil II

Energie

F i x p u n k t - A t t r a k t o rJeder Zyklus wird durch Energie erzeugt und aufrechterhalten. Unserem Körper muß dauernd Energie in Form von Nahrung zugeführt werden, so wie auch etwa jede Aktivierung eines Gedankens elektrische Energie benötigt. Unser Sonnensystem wiederum hat die Impulse, die noch von der Entstehung des Systems stammen, konserviert, und die Planeten ziehen ihre scheinbar unveränderlichen Bahnen. Doch die Schwerkraft hat bremsende Wirkung, drängt langsam einem Endpunkt zu, und noch bevor diese Reibungsverluste das System zerstören, wird das Ausbrennen der Sonne dem System ein Ende bereiten. Der Umstand, daß ein System seinem Endpunkt zustrebt, wie ein Pendel, das durch Reibungsverluste zum Stillstand kommt, oder ein Feuer, das erlischt, bedeutet, daß es auf einem Fixpunkt-Attraktor liegt. Sein topologisches Bild ist die Spirale und den Totpunkt nennt man Senke. Bewegt sich jedoch die Spirale nach außen, ist der Punkt der Ursprung von Energie und wird topologisch als Quelle bzw. Repulsor bezeichnet. So hat unser Universum als Ganzes im Urknall seinen Repulsor, im thermodynamischen Gleichgewicht hingegen, wenn alle Energie dissipiert ist und maximale Entropie erreicht ist, seinen Fixpunkt als Senke. (Bei einem pulsierenden Universum würde zudem der Gravitationskollaps die Senke bedeuten.)

Welche Zyklen wir auch betrachten, immer beziehen sie ihre Energie von einer Fixpunktdynamik. Wenn wir durch Essen unseren Organismus aufrechterhalten, verdanken wir es dem Tod anderer Lebewesen, die wiederum vorher ihre Organisation der sterbenden Sonne zu verdanken hatten. Der Fixpunktattraktor ist der Antrieb jeglichen Geschehens; der gerichtete Fluß, der sich beim Füllen wie beim Leeren ergibt, ist Energie.

Zwischen Mangel und Sättigung bewegt sich all unser Fühlen, zwischen Sehnsucht und Erfüllung aber auch alle Strebungen, die unserem Geist entspringen. Der Hunger treibt uns genauso an, wie geistig erfaßte Ziele oder Ideale, die wir zu erreichen suchen. Jedes Motiv ist ein Mangel, welcher in der Erfüllung seinen Zielpunkt hat, und geistig muß ich immer wieder leer werden, fragen, um Neues zu empfangen. Leben im Geist bedeutet, statt endlicher Ziele eine unendliche Richtung zu haben, wodurch der Mensch auf einen Weg gestellt ist, auf welchem der körperliche Tod nur einen vorläufigen Fixpunkt bedeutet.

In der menschlichen Domäne ist das Erfassen des Fixpunktattraktors also das Vermögen, geistige Intentionen mit der Kraft der Motivation zu verbinden. Kenne ich meine Motive, werde ich nicht blind von ihnen herumgetrieben, sondern habe in ihnen eine Quelle der Kraft. Doch hier lauert auch der 3. Feind, vor welchem Don Juan warnt, die Macht. Wer nämlich seine Motive kennt, weiß auch, wie deren Natur bei anderen beschaffen ist. Er weiß wie und was Menschen wünschen, und kann dadurch beeinflussen und manipulieren. Die politische Geschichte ist voll von Menschen, deren Triebhaftigkeit und Idealismus Energien entfesselte, welche Millionen in Tod und Verderben rissen. Dabei ist zu bemerken, daß politische Macht, die sich durch Gott legitimiert, oder die Ideologien, welche das prinzipiell unerreichbare Ideal in der Realität erreichen wollen, immer in Gewalt und Totalitarismus ausarten. Diese Verbrechen scheinen noch erschreckender als die gewöhnlichen Verbrechen, die bloß durch Verfallenheit an den Fixpunkt-Attraktor des triebhaften Fühlens verursacht sind.

Dago Vlasits
Vom Sinn der Zahl - Teil II · 1995
Studienkreis KRITERION
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