Schule des Rades

Dago Vlasits

Vom Sinn der Zahl - Teil III

Die Fünfte Kraft

Im Chi Gong operiert der Mensch mit einer Kraft, welche auf keine der 4 bekannten physikalischen Kräfte rückführbar ist, vielmehr müssen Gravitation, Elektromagnetismus, schwache und starke Kraft als Ableitungen dieser Urkraft verstanden werden. Die Urkraft Chi selbst ist aber keinen Apparaten zugänglich, sondern nur dem lebendigen Subjekt. Für seriöse Naturwissenschaftler ist diese Ansicht natürlich ein kompletter Unsinn. Es würde ja bedeuten, dem menschlichen Subjekt die zentrale Rolle einzuräumen, womit der Anthropozentrismus und -morphismus, welche die Wissenschaftler meiden wie der Teufel das Weihwasser, zur Spitze getrieben wäre. Definiert sich doch das gängige Verständnis von Wissenschaftlichkeit ja gerade dadurch, daß dem menschlichen Sinn und seiner Subjekthaftigkeit in der Naturbeschreibung keine Rolle zukommt. Jede neue wissenschaftliche Konzeption, in welcher auf unnötige Anthropomorphismen verzichtet werden kann, wird als Sieg der Vernunft gefeiert. Der Mensch ist eine Randerscheinung, ein zufälliges Nebenprodukt einer blinden Evolution. Daß der Mensch aber das komplexeste aller Systeme ist, und daß die von diesem System erzeugten Prozesse zusehends die natürlichen Prozesse kontrollieren und überlagern, und sie künftig in ihrer Bedeutung in den Schatten stellen wird, muß natürlich auch jeder Naturwissenschaftler einräumen. Die meisten von ihnen sind sogar von einer rührenden Sorge erfüllt, angesichts des unheilvollen Herrschaftsanspruchs, welchen dieses späte Kind der Evolution zu stellen vermag. Bevor wir aber diese Sorge vorschnell als echte Verantwortung honorieren, sollten wir uns vergegenwärtigen, daß die krebsartige Dominanz des Menschen auch durch die Naturwissenschaften verursacht ist, mehr noch als durch ein Macht euch die Erde untertan. Indem die Naturwissenschaftler das menschliche Subjekt bis zur Bedeutungslosigkeit herunterspielen, und an den Fundamenten der Welt bloß ein paar abstrakte Formeln zu finden glauben, tragen sie bei zu einem geistiges Vakuum, in welchem sich die Bestie Mensch ungehindert entfalten kann.

Doch wenden wir uns dennoch den wissenschaftlichen Überlegungen bezüglich der fünften Kraft zu. Eine Urkraft bzw. eine vereinheitlichte Theorie, welche für Gravitation, Elektromagnetismus, starke und schwache Kraft ein gemeinsames Feld abgeben soll, sucht auch die Physik. Unter den vielen konkurrierenden Theorien gilt gegenwärtig die Superstring-Theorie als der große Hoffnungsträger, wobei man von 10 Dimensionen ausgeht, also von der Vorstellung, daß in den 4 bekannten Dimensionen der Raumzeit noch weitere 6 verborgen oder eingefaltet sind. Bei diesertheoretischen Suche, die noch lange nicht an ihrem Ziel angelangt ist, geht es um eine Beschreibung der Welt, wo alle 4 Kräfte als eine einzige, einfache Kraft erscheinen. Sie bestand im Augenblick des Urknalls, bei extrem hohen Temperaturen, während sie sich im Zuge der Abkühlung des Universums in die 4 Kräfte aufspaltet, verursacht durch die sogenannte spontane Symmetriebrechung. Allerdings scheint es so zu sein, daß diese Kraft niemals direkt beobachtbar sein wird. Man müßte Energien wie beim Urknall erzeugen, was Teilchenbeschleuniger von der Größe einer Galaxie erforderlich macht. Trotzdem sinnt man nach Experimenten, die zumindest eine indirekte Beobachtung dieser Kraft ermöglichen sollen.

Versuchen wir ein wenig tiefer in den Sinn der kräfteerzeugenden Symmetriebrechung einzudringen, sie ist die Grundlage der modernen Theorien über Materieteilchen und Kraftteilchen. Wie jene Zahlen gefunden werden, die in der Theorie für Fermionen wie die massetragenden Quarks und Elektronen stehen, und die Zahlen für die kräftevermittelnden Bosonen wie das Photon des Elektromagnetismus, das (hypothetische) Graviton der Schwerkraft, die 8 Gluonen der Starken Kraft und die 3 Bosonen der Schwachen Kraft, erfordert spezielle Kenntnisse höchst komplizierter mathematischer Symmetrien der Gruppentheorie. Dies vermag nur ein Teil der exklusiven Kaste der mathematisch Begabten. Die theoretische Vereinheitlichung dieser Vielfalt von Teilchen zu einer einzigen Kraft, zur Urkraft, ist das vorrangige und noch lange nicht vollendete Ziel der heutigen Teilchenphysik. Um aber in den Sinn der Symmetriebrechung einzudringen, genügt eine einfache geometrische Veranschaulichung. Diese einfachste Veranschaulichung und Analogie für eine kräfteerzeugende Symmetriebrechung ist eigentlich eine konkrete Operation und erfordert ein kontinuierlich verformbares dreidimensionales Volumen, eine elastische Kugel etwa, und zwei Hände. Die konkrete Operation ist das Auseinanderziehen, Zusammendrücken oder Verdrehen. Durch diese Manipulation, die dem Symmetriebruch entspricht, wurde etwas erzeugt, was vorher nicht da war, nämlich eine Spannung im elastischen Kontinuum. Im Auseinanderziehen, Zusammendrücken oder Verdrehen spürt man eine Kraft. Auch wenn diese Bewegungen zu Ende kommen und die Hände in Ruhe verharren, sind Zug oder Druck spürbar.

Als ein derartiges Kontinuum ist auch die Urkraft der Physik zu verstehen. Die Spannungen, welche in ihr durch den spontanen Symmetriebruch bestehen, äußern sich als Bosonen — die Trägerteilchen der 4 Kräfte, und als Fermionen — die Quarks und Leptonen, zwischen welchen die Bosonen wirken. Der Kosmos aus Materie und Energie, welchen all diese Teilchen erschaffen, wird zu unserem Körper und zu unseren Empfindungen der 5 Sinne, zu Bild, Ton, Gewicht etc. Doch diese Erfahrung unserer Wirklichkeit, die Erfahrung dieser verschiedenen Ladungen ist so, als ob wir bei unserer geometrischen Operation nur noch die Spannung in der Gummikugel wahrnehmen würden, und nicht mehr das Kontinuum, die Kugel selbst.

Die Spannungen, welche gleichsam die Kompensation des Symmetriebruchs darstellen, sind wie eine Erinnerung an die potentielle Einheit und Symmetrie im Kontinuum. Wäre die Symmetrie nicht gestört, gäbe es in unserer elastischen Kugel, bzw. in der Urkraft auch keine Spannungen und keine Kräfte. Ja so besehen ist die Urkraft überhaupt keine Kraft, sie entspricht in unserer konkreten Operation der unmanipulierten, somit spannungslosen Gummikugel. Wenn die Physiker von der Urkraft eben als Kraft sprechen, tun sie dies eben diesseits der bereits bestehenden Symmetriebrüche, also von den bekannten Kräften ausgehend. Die absolute Urkraft an sich ist aber ein Nichts. Und doch ist es das Feld, das den Hintergrund aller erscheinenden Spannungen, Ladungen und Kräfte bildet, alle erscheinenden Wirkungen sind darin verwurzelt.

Mögen nun die Physiker auch in Zukunft eine einheitliche Formulierung der Kräfte finden; der Zugang zu diesem Feld ist immer schon der Aufmerksamkeit des menschlichen Subjekts offen und direkt erlebbar über den Tastsinn der Hände wie im Chi Gong.

Wir werden weiter unten die 4 Kräfte als Ableitungen der nullten oder fünften Kraft zu beschreiben versuchen, vorerst wollen wir aber den Menschen als das eigentliche Tor zu dieser Kraft bestimmen. Es ist das Vermögen, aus dem formlosen Sinn den gestalthaften, den schöpferischen Sinn zu schaffen. Ein rationales Verständnis dieses Zusammenhangs erfordert ein Verständnis der 5 Zahlenarten, welche den formalen Hintergrund für die Gewahrseinsstruktur des Menschen bilden.

Dago Vlasits
Vom Sinn der Zahl - Teil III · 1996
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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