Schule des Rades

Dago Vlasits

Vom Sinn der Zahl - Teil III

Die fünf Dimensionen der Zahl

0. Dimension Natürliche Zahlen ·

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1. Dimension Ganze Zahlen ·

G a n z e - Z a h l e n

2. Dimension Rationale Zahlen ·

R a t i o n a l e - Z a h l e n

3. Dimension Reelle Zahlen ·

R e e l l e - Z a h l e n

4. Dimension Komplexe Zahlen ·

K o m p l e x e - Z a h l e n

Auf einer ersten Wahrnehmungsebene erscheint uns die Wirklichkeit aus figuralen Ganzheiten zu bestehen, der naive Realist wie auch der Idealist sind in ihr verwurzelt. Der Realist geht von der zwingenden Kraft eindeutiger, ganzer Objekte aus, der Idealist von der zwingenden Kraft ganzheitlicher Ideen. Als alternative philosophische Positionen sind beide Haltungen ein Irrtum. Sinnliche Daten und konzeptueller Geist sind gleichwertige Phänomene und das Material jeglicher Gestaltung. Töne und Farben des Empfindens sind ebenso unteilbare, ganzheitliche Gestalten, wie Gattungsvorstellungen und Visionen des Geistes, etwa die von Gott, Mensch oder Menschheit. Dies ist die Ebene des Wachens, welche durch die ganzen Zahlen bedingt ist. Plus 1 ist das wirklich Gegebene, das positive Datum, minus 1 der kontinuierliche Zusammenhang eines Systems, welcher immer nur virtuell existiert. Denn das Ganze ist nicht bloß die Summe seiner Teile, das System Wald nicht bloß eine Ansammlung von Bäumen. Zergliedert man ein System und subtrahiert vom Ganzen nacheinander alle Teile, so fehlt am Ende etwas Wesentliches, obwohl man alle Teile in der Hand hält.

Tatsächlich können wir aber jede Ganzheit zerpflücken und zergliedern, womit wir jedoch die Ebene des Wachens verlassen und die Ebene der sprachlichen Reflexion betreten, welche sich aus denken und Seele konstituiert. Mit diesem Vermögen ist aber die Ganzheit nicht entwirklicht, sondern nur ausgeblendet. Es ist die Welt der rationalen Zahl. Die Division, die rationale Teilung von etwas Gegebenen ist das Urbild der denkerischen Analyse, die Multiplikation zweier Zahlen, deren Produkt mehr als ihre Summe ist, ist das Urbild allen synergetischen Zusammenwirkens individueller Komponenten eines Systems. Auf dieser rationalen Ebene zerfällt uns vorerst alle Ganzheit in Elemente, jedes Objekt wie auch jede Idee erscheint in der Analyse bloß als eine mögliche Synthese und Synergie von Partikeln, Individuen oder Begriffen, hier erscheinen weder Objekte der Empfindung als unzerstörbar noch Ideen des Geistes als heilig, es gibt bloß logische Regeln der Verknüpfung. Technisch und strategisch konstruiert und manipuliert hier der Mensch die materielle wie auch die soziale Umwelt. Denn nicht nur die Materie läßt sich zum Zwecke des Überlebens ausbeuten, wenn man ihre Eigenschaften sprachlich artikuliert und strategisch anwendet, auch aus den Mitmenschen läßt sich Kapital schlagen, wenn man die Klaviatur ihrer Ängste und Triebe beherrscht. Doch wer es bloß auf die Ausbeutung der Mechanismen zwischen Partikeln und den Mechanismen der Seelen anlegt, ist nicht einmal ein Tier, denn dieses stört in der Regel nicht das globale Gleichgewicht, weder in seiner Umwelt noch in seiner Gesellschaft.

Durch das nüchterne Erfassen der Verknüpfungsregeln können also Natur und Mitmensch banalisiert und manipuliert werden, doch die vollständige Integration von denken und Seele bedeutet die Befreiung des Menschen. Wer wahrhaftig in die Welt der Sprache eindringt, dem wird die Realität nicht zu einem Satz von Formeln, sondern kann im Buch der Natur die Weisheit der Erde finden. Und in der seelischen Analyse erkennt er nicht nur, daß das Menschentier den psychischen Mechanismen unterliegt, welche sich aus den Abhängigkeiten der 6 Rollen der Urfamilie — Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Sohn und Tochter — ergeben. Er wird auch des freien Subjekts hinter und jenseits der Mechanismen gewahr, auch wenn es für das analytische Denken ein Nichts ist. Wer die besagten Mechanismen durchschaut hat, läßt sich von ihnen nicht mitreißen, sondern erkennt sie als Rollen und Funktionen der psychischen Übertragung und Projektion. Im produktiven Dialog richtet er sein Wort nicht manipulierend an den Anderen, ohne zu erkennen, daß er selber den seelischen Mechanismen unterliegt, sondern spricht aus der Mitte seines Wesens, die Mitte des anderen erweckend.

Doch unterhalb der eindeutigen Ganzheit (ganze Zahlen), und unterhalb der Verknüpfungsregeln zwischen eindeutigen Elementen (rationale Zahlen), gibt es eine dritte Ebene, auf welcher nichts eindeutig festgelegt ist, sondern als mehrdeutig erscheint. Alle ganzheitliche Gestalt und alle logische Regularität ist gleichsam aufgepfropft auf eine Untergrund, der ein wogendes Meer wechselnder Möglichkeiten ist. Für den Menschen ist es die Ebene des Traumes, welche sich aus fühlen und Körper konstituiert. Das traumhafte Fühlen und Phantasieren ist ein Erkunden von Möglichkeiten, die jeder Gegebenheit innewohnen. Keine Situation, in welcher sich ein Mensch befindet, hat eine eindeutig festgelegte Bedeutung, vom Fühlen her kann sie unterschiedlich gedeutet werden. Ähnliches gilt aber auch für die scheinbar festgelegte Körperwelt, auch sie erweist sich als unscharf, wie die Quantentheorie gezeigt hat. Der letzte Hintergrund unserer Realität ist also keine eindeutig erkennbare Gegebenheit, sondern ist undefiniert. Hier haben wir es mit unendlich viel Information zu tun, welche für unser Bewußtsein immer nur ein Chaos sein kann. Dieser Aspekt ist durch die reellen/irrationalen Zahlen gegeben. Jede von ihnen hat eine unendliche Dezimalentwicklung, unendlich viele Stellen hinter dem Komma, welche wir als Ganzes nie erfassen können. Doch jede Stelle kann eine Wirkung zeitigen, wie wir bei der Besprechung des seltsamen Attraktors bereits erkannt haben. Welche von den möglichen Zahlen zur Wirklichkeit wird, unterliegt in den laufenden Algorithmen dem Zufall, ist aber der erwachte Mensch im Spiel, kann er in der Bifurkation durch Wahl die Zahl festlegen.

Man kann die drei besprochenen Ebenen als Abstraktionen, oder zumindest als Komponenten der eigentlichen Wirklichkeit verstehen. Die lebendige, die eigentliche Wirklichkeit ist ein Prozeß, welcher im dauernden Wählen durch die Subjekte generiert wird. Jedes Wählen und entscheiden ist mathematisch die Aktualisierung einer komplexen Zahl, welche für ein Ereignis steht, also eine Kraft und eine Richtung beinhaltet. Für den Durchschnittsmenschen ist dies aber die Ebene des Schlafes, da sein wollen und wählen in der Regel nicht spontan, sondern durch Zwänge bedingt ist. Erst im Erwachen aus diesem Schlaf und im Gewahrwerden seiner Freiheit wird er zum bewußten Mitgestalter der Wirklichkeit, und vereinigt Urlicht und Urkraft im Sinn.

Dago Vlasits
Vom Sinn der Zahl - Teil III · 1996
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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