Schule des Rades

Dago Vlasits

Vom Sinn der Zahl - Teil III

Der Yoga der Zahl

Bereits im ersten Teil dieser Schrift haben wir die geometrischen Urformen vom Punkt bis zum Neuneck als Bild der natürlichen Zahl eingeführt und diese als die Chiffren des Sinnes bestimmt. Nun haben wir diese in der komplexen Ebene wiedergefunden, indem wir erkannt haben, daß die 9 natürlichen Zahlen als Wurzelexponenten einer komplexen Zahl diese Figuren erzeugen. Was bedeutet dies für die Sinnsuche des Menschen? Und vor allem, wie stellt sich dieser mathematisch beschriebene Zusammenhang für den Menschen dar, der in einer Entscheidungssituation ja nicht komplexe Zahlen vor Augen hat, sondern als Ausgangspunkt für sein Handeln vielleicht eine diffuse Kraft verspürt und ein mehr oder weniger deutliches Ziel anpeilt, welches sich zumeist aus einem bestehenden Kontext mehr oder weniger aufdrängt? (Diese undeutliche Kraft und das unscharfe Ziel sind in unserer mathematischen Analogie der relativ eingegrenzte Bereich, die unscharfe Umgebung eines beliebigen Punktes in der komplexen Ebene, auf welchen der Vektor weist.)

Um am Sinn teilzuhaben, muß der Mensch vorerst innehalten, um der treibenden Kraft, um des Triebes gewahrzuwerden. Es gibt neun von ihnen, sie alle entstammen dem nullten oder zehnten Trieb, jenem der Sexualität, deren Reproduktionsvermögen der unmittelbarste Ausdruck der kreativen Kraft des Göttlichen in dieser Schöpfung ist. Entscheidet man sich aber nicht für die Liebe, sondern für den Haß, so werden die neun ihre destruktive Seite entfalten. Wählt man aber den zahlhaften Sinn — was der Wahl einer der (1-9)-Eckzahlen entspricht — so wird die Eifersucht (1) zur Kraft der Heilung und einenden Autorität, die Eitelkeit (2) zum Gestalten und zum Verwirklichen eines authentischen Lebensstils, der Ehrgeiz (3) zur fortschreitenden Erkenntnis, der Wahn (4) zur Kraft der Wünsche, die wesenhaft einem zugehören, die Habsucht (5) zum Unternehmensgeist, der Neid (6) zur Bereitschaft des Kommunizierens, der Zorn (7) zum kämpferischen Einsatz, die Angst (8) zu echter Verantwortung und die Ruhmsucht (9) zur Kraft des Entwurfs von etwas Neuem.

Sich für den trennenden, destruktiven Haß, oder für die vereinigende, aufbauende Liebe zu entscheiden steht somit am Ursprung dieses Weges, welcher ein Yoga der Zahl ist. Denn wenn es auch nicht eine Yoga im Sinne der Übung ist, welchen man etwa täglich von 6 bis 7 Uhr exerziert, ist es doch ein Yoga in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes. Das Wort yoga aus dem Sanskrit hat dieselbe ethymologische Wurzel wie das englische joke und das deutsche Joch. Was auf dem hier beschriebenen Weg angejocht wird, ist die Kraft der Triebe. Dies bedeutet keine moralische Selbstvergewaltigung, denn die Triebkraft wird nicht verleugnet und verteufelt, sondern bejaht als die einzige Kraft, die wir haben. Doch zugleich wird sie dem Joch des göttlichen Sinnes unterstellt, welcher über eine der neun Chiffren zugänglich ist. Erforderlich auf diesem Weg ist aber die Kenntnis der Klaviatur der Kriterien, wie sie sich aus der Mathematik des Rades ergeben.

Wer sich der Weisheit des Rades anvertraut, dem bleibt etwa der Neid (6) kein unerlöstes Gefühl, welches ihn dauernd in der Trennung von den von ihm Beneideten schmachten oder Intrigen spinnen läßt, in der Sehnsucht nach Stellung oder Besserstellung. Er erkennt im Neid die göttliche Macht der 6, die Sehnsucht nach Kommunion mit den anderen Seelen, den Wunsch nach Einstimmung in den kosmischen Reigen. In der Teilhabe am Sinn der 6 wird er zum Ich, welches im offenen Kommunizieren und sachlichen Besprechen dem lebendigen Du begegnen kann. Und die erreichte Stellung dient dann nicht bloß der Selbsterhaltung, sondern ist jene Position, von welcher er sich für jene Werte einsetzen kann, die ihm wichtiger sind als das bloße Überleben. Über das Wirken im Sinn der 6 wird er schließlich teilhaftig der Großen Gemeinschaft, die auch die Toten umfaßt, gliedert sich ein in die goldene Kette der weisenden Ahnen und Lehrer der Menschheit.

Und wer in der Angst und im Zwang nach Sicherung und Kontrolle die göttliche 8 erkennt, wird nicht Macht und Achtung um ihrer selbst willen erstreben. Er wird sich nicht nur an Konventionen und an das Gesetz der Stunde anpassen, sondern die lebendigen Grundlagen und wahren Fundamente und Gesetze aller menschlichen Organisation zu erkennen suchen. Wer also den Sinn der göttlichen 8 erkennt, wird nicht angstgeborene Achtung heischen. Er wird geachtet weil er sich verantwortlich fühlt und erklären kann, worauf grundsätzlich Achtung gelegt werden muß. All seine Entscheidungen zielen auf Befriedung, und er trifft sie nicht nach eigenem Gutdünken, sondern im Einklang mit den Gesetzen der kosmischen Organisation. Bei undurchschaubaren Umständen bedient er sich mantischer Methoden wie jener des I Ging, dessen 8 Grundkomponenten die Organisation jeder Zeitlage bestimmen. Schließlich erkennt er in der Teilhabe am Sinn der 8 den Zugang zu den Engeln. Als transzendente Kraft sind sie die Hüter des Gesetzes und Erhalter der Welt, der persönliche Engel aber ist der Bote, der uns unsere Aufgabe offenbart. Alle echte Macht entstammt dem Wahrnehmen der Verantwortung, die aus dieser Aufgabe erwächst. Sie ist immer ein Mitwirken an der Aufgabe der Engel, der Aufgabe, die Welt zu erhalten. Konservativismus aber ist das bloße Zerrbilder einer Kraft, die auf den Frieden zielt. Dieser ist nur dann gewährleistet, wenn alle seelische Organisation auf die sich wandelnden Bedürfnisse aller Beteiligten gegründet ist.

Wir wollen hier nicht alle 9 Beweggründe und Intentionen und ihren vereinigenden Sinn beschreiben. Im Yoga der Zahl ist aber dieses Verständnis notwendig, wenn auch das mathematische Verständnis von Kraft, Richtung und Sinn, wie wir es im Zusammenhang von komplexer und natürlicher Zahl gezeigt haben, nicht unbedingt notwendig ist. Wenn es letztlich um das Verständnis der natürlichen Zahl geht, mag dies manchem gar als unnötiger Ballast oder komplizierter Umweg erscheinen. Es entspricht aber dem Bedürfnis nach Ganzheit, dem Bedürfnis, die Welt der profanen Physik und Mathematik und die Welt des spirituellen Menschen als Einheit zu schauen.

Der Yoga der Zahl erfordert also die sinnvolle Integration von neun Kräften, die sich im Menschen als Triebe offenbaren, und die 5 ist einer davon. In seiner sinnlosen Vereinzelung äußert sich diese Kraft als ein Zusammenraffen, als Habgier, so wie die 6, der Neid der soziale Drang ist, um jeden Preis energetisch mitzuschwingen und mitzuspielen, und die 8 als zwingende Angst nach Sicherheit, Stabilität und Kontrolle strebt, quasi durch Beherrschung aller 8 Ecken eines gegebenen Raumes. Alle Komponenten dieses Weges, der hier als Yoga der Zahl bezeichnet wird, sind im Das magische Rad Zentralasiens von A. Keyserling als ein divinatorisches Meisterspiel beschrieben. Im folgenden wollen wir uns aber wieder einem allgemeineren Verständnis der Zahl zuwenden, nämlich wie die Generation der neun natürlichen Zahlen aus der Null als kosmogonischer, als weltenschöpfender Prozeß zu verstehen ist.

Mit dem Schritt zur Vierfältigkeit haben wir die Ganzheit als 4 Kräfte, 4 Attraktoren oder als vierdimensionale Raumzeit verstanden. Mit dem fünften Schritt eröffnet sich die Dimension des Menschen. Im Fokus seines Gewahrseins taucht der singuläre, nullhafte Ursprung als fünfte Kraft auf, als jene Kraft, die in die 4 Kräfte zerfallen ist, und deren einenden Grund im Verborgenen sie bildet. Der Sinn der 5 ist für den Menschen der Zugang zur Wandlung, zum Gehen mit der Kraft, das Leben im Tao.

Dago Vlasits
Vom Sinn der Zahl - Teil III · 1996
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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