Schule des Rades

Wilhelmine Keyserling

Leben im Rad

Vision der Ganzheit

Wir sind in einem Zeitpunkt, da sich die festgefügten Weltbilder, die ihren Ausdruck in Gesellschaftsformen mit ihren Sitten, Riten, Geboten und Verboten fanden auflösen, da sie mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaft nicht mehr übereinstimmen.

Wie bei Mosaiken, deren Basis in Staub zerfällt, liegen die Edelsteine der Weisheit vergangener Zeiten neben Verbindungsstücken der Unwissenheit. Aus all diesen Bildern der verschiedenen Kulturen, die eine Menschenart und ihre Welt als letzte Wirklichkeit darstellen, sucht der Mensch der Wassermannzeit ein einziges Neues, das den Menschen der Erde — alle Menschen betrifft, zusammenzufügen.

Können wir nicht alle auf die Worte der Vergangenheit verzichten und die Wirklichkeit aus der Beobachtung des Menschen und der ihn umgebenden, ihm innewohnenden Natur, dem Einblick in den Mikrokosmos und Makrokosmos, erschließen? Viele versuchen diesen Weg zu beschreiten. Tatsächlich ist die grundsätzliche Frage: Was läßt sich in Bezug auf das Sosein des Menschen und seine Welt unmittelbar erkennen und feststellen? Was läßt sich über Zeit und Raum, Körper, Seele, Geist, über Leben und Tod, Energie und Materie aussagen und in einem lebendigen Zusammenhang begreifen, erleben?

Die Augenblicke, die der Mensch als freudig und sinnvoll erfährt sind jene, die eine Teilhabe am Ganzen, eine Bezogenheit zu All und allem mit sich bringen. Dieses Eingebundensein im Gegensatz zum abgespaltenen, ausgeschlossenen Ichgefühl ist der ursprünglichste Wunsch des Menschen. Läßt sich dieser Zusammenhang des Bestehenden, der das Werden und Vergehen, das Nichts und Etwas einschließt, als Raster des Lebens darstellen, nicht eigentlich als Bild, sondern als Grundstruktur des Zusammenhangs, als Raster des Bildhaften? Ich bin der Überzeugung, daß eben dies die Art und Weise ist, in der der Mensch der Wassermannzeit — über das Körper-denken — den Bezug zum Heiligen Ganzen wiederfindet, wo er die Edelsteine der Weisheit der Ahnen und Lehrer der Menschheit aus den verschiedensten Gegenden und Zeitaltern auch einfügen kann.

Der Zusammenhang ist das Neuartige am Entwurf dieses Rasters, der erstmalig in dieser Weise dargestellt das Leben erfaßt. Die Komponenten sind die gleichen wie eh und je; und auch der Zusammenhang von Leben und Tod, Raum und Zeit, ist ein gegebener und kein erfundener, ein bisher unbekannter in seiner Ganzheit, weil erst die Umstände der Jetztzeit eben diesen Einblick gewähren, der zur Darstellung im Rad führen konnte.

Das Rad ist in unserer Zeit der Schaltplan, der dem Denken Orientierung verleiht, die einzelnen Denkabläufe (zeitlich) auf eine Mitte eicht und damit den ganzen Raum des Denkbaren einschließt. Dieser Schaltplan ist auf der metalogischen Ebene des Bewußtseins und zeigt, wie sich Potentialität in Aktualität verwandelt; er ist auf der Ebene, wo sich diese beiden in der Vision des Menschen begegnen.

Diese ursprüngliche Systemik, die dem Bauplan der Welt zugrundeliegt, läßt sich über Zahl, Ort (Geometrie) und Begriff im Denken nachvollziehen, erlernen und an den Gegebenheiten unserer Welt, Raum, Zeit, Ton, Farbe etc. nachprüfen. Die Systemik ist wie eine Landkarte, auf der man die Beziehung der Berge zu den Tälern, Flüssen, Städten übersehen kann. So eine Landkarte wird freilich erst in Hinblick auf die eigenen Schritte und die der anderen am Lebensweg — bedeutsam.

Für Arnold war es ein Neuentdecken, Schritt für Schritt, von den Gesetzmäßigkeiten der Tonwelt, den Vorgängen im menschlichen Bewußtsein, den neun Zahlen als Schöpfungsprinzipien und Sprachimpulse, dem Tierkreis und Weltenjahr, dem Raumkreis und den Grundlagen des I Ging, der Ordnung der Materie im Enneagramm. Haben die Ahnen ihn inspiriert, Pythagoras, Sokrates, haben sie ihn unterstützt auch ohne sein Wissen — die Gründer des Gcug, der Religion des Menschen, die in vorbuddhistischer Zeit in Tibet das Rad als Grundlage des Verstehens der ewigen Gesetze und der zeitlichen Abläufe kannten?

Im I Ging oder bei Patanjalis Sutren über den Yoga wird dem Suchenden nahegelegt, die heiligen Schriften zu lesen, viele Worte der Vorzeit zu berücksichtigen. Nur sind die Schriften die uns vielleicht eine Offenbarung vermitteln nicht bloß die Veden und Upanishaden. Die Weisheiten liegen verstreut, vielleicht in einem Absatz des Castaneda, des Meister Eckhart oder bei de Broglie. Der Suchende ist heute wirklich ein Suchender.

Wer die eigenen Motivationen erkennt und die ersten Schritte unternimmt, wird nicht nur unter den Lebenden die entsprechenden Lehrer finden, sondern auch jene Ahnen erkennen, an deren Werkausschnitt er anknüpft; denn wir stehen in der irdischen Überlieferung, und nur wer anknüpft, kann selbst weiterwirken. Das Wissen der Ahnen wird der Intuition des Tuenden zugänglich; ihre Irrtümer werden zum Ansporn, ihr Wissen zum Ansatz.

Im Wagnis des Tuns und der Selbstverantwortung läßt sich der Bodensatz der früheren Kulturen vom Wissen der Ahnen das uns trägt, unterscheiden. Das Große Werk ist die allmähliche Verkörperung des Geistes, an dem wir gemeinsam mit den Ahnen und Nachkommen mitwirken.

Dem Menschen der Wassermannzeit — im VI. Abschnitt der Menschheitsgeschichte (Haus der Arbeit) — ist an dieser Mitarbeit am Werk gelegen. Die Erde ist für ihn nicht bloß ein Tal der Tränen, eine Brutstätte der Seelen, die erst im Jenseits Erlösung finden. Und das Jenseits ist kein Paradies, wo er in der Anschauung Gottes Genügen findet, oder ein Schlaraffenland, das die irdischen Hochgenüsse ohne Leiden perpetuiert. Sein Paradies, sein Ziel der Entfaltung ist die Neue Erde wo alle Wesen endgültig ihr Sein im Großen Menschen in der Liebe finden und fähig werden, ihre Hände wirklich zu gebrauchen. Sein Paradies, die Neue Erde, ist zwar ein unvorstellbarer Ort, wo aber ein Wirksamsein und -werden in Liebe und im Ganzen auf einer ungeahnten Ebene sich vollzieht.

Die Ahnen aber, die uns kennen, sind Wesen, die ihr Menschsein so weit erfüllt haben, daß sie nicht mehr wiedergeboren werden. Ihr Wirkfeld ist die Neue Erde, obwohl sie mit unserer Erde noch helfend im Austausch stehen. Keines ihrer Erreichnisse ist verloren; und unsere echten Schritte lösen ihren Impuls auf der Erde ein — selbstverantwortend, aber nicht eigenmächtig wird jeder einzelne dieser Epoche am Werk teilnehmen, seine Aufgabe finden.

Viele hören gerne Arnolds Vorlesungen, weil sie spüren, auch wenn er über dies oder jenes redet, daß eine ganzheitliche Schau dem jeweiligen Thema zugrundeliegt. Wenige sind es freilich, die sich selbst daranmachen, am großen Puzzle-Spiel der Informationen zu arbeiten, die einzelnen Gegebenheiten von Raum und Zeit, von Zahl und Materie, wie auch der Astrologie zu ergreifen, zu studieren, bis sich Zusammenhänge des Ganzen ergeben. Das ist der Weg des Wissens — im Denkzeitalter — an dem alle ihrer Anlage entsprechend kreativ oder rezeptiv teilnehmen.

Das Geburtshoroskop als Grundstruktur der Anlage, als Überblick des gesamten Materials ist auch hilfreich für jenen, der in der Verwirklichung seiner Möglichkeiten mitspielen will. Was ist gegeben? Wo kann und muß ich verändern und wie? Wo liegt die Arbeit an sich selbst — im Zeitalter der Arbeit? Wo kann ich mich dem Wachstum anvertrauen und dem Wandel der Zeit? Wie kann ich im Bild des Großen Menschen, dem Tierkreis, meine allmähliche Menschwerdung erfahren? Was bedeutet diese Menschwerdung?

Die Einung des zeitlosen Selbst, Anteil an der Urbewußtheit, mit eben dieser Anlage, dem Kräftepotential, die über die Person, das Ich, ihre Auswirkung findet.

Jede Gesellschaft, Kultur, Religion hat Versuche unternommen, die seltsame Kondition des Menschseins zu beschreiben, und nie ist es ganz gelungen.

Nehmen wir das Selbst als geistigen Anteil am Licht des Bewußtseins, als den Zeugen in uns, den Seher, die Anlage als Kräftepotential mit dem wir uns verkörpern, und die Person, die diese Anlage unter ihrem Namen zusammenfaßt und zur Auswirkung bringt, als Seele oder Ich.

In den Augenblicken da diese drei geeint sind, wird mir bewußt zu leben, und eine selige Dankbarkeit und Allbezogenheit erfüllt mich. Mein ganzes Wesen strahlt. Nennen wir die Trinität: das Wesen Mensch. Doch sind die drei nicht selbstverständlich aufeinander bezogen in der Entwicklung. Wir kennen unsere Anlage nur in geringem Maße und verwenden oft nur einen kleinen Teil ihres Reichtums. Wir lernen sie aus unserer Erfahrung kennen; das Horoskop kann unseren Überblick erweitern.

Und wie steht es mit dem Ich, das diese Anlage zusammenfaßt, zum Ausdruck bringt, einsetzt? Selten ist dieses Ich sich Vater, Mutter, Kind zugleich: sich fordernd, liebend, vertrauensvoll in Heiterkeit.

Selten ist das Ich Träger des Selbst, der einenden Bewußtheit, des Zeugen oder Sehers — und selten sind die beiden geeint.

Wer bin ich? Die Frage hat sich der Suchende oft gestellt. Shri Ramana Maharshi hat sie zum Gefährt des Denkens erhoben, um in die Identität mit dem Selbst, dem Seienden, Zeitlosen in uns zu münden.

Daß dieses Ich, Träger des Selbst — das auch die ganze Anlage umfaßt nicht immer bewußt vorhanden ist, wäre nicht schlimm, wenn nicht, der äußeren Situation, der Erziehung und Gesellschaft entsprechend, Teilaspekte der Anlage Komplexe bilden würden, die sich als Ich bezeichnen, falsche Identitäten bilden. Wie viele Seelen leben in meiner Brust? Bin ich das vertrauensvolle Ich, das selbstlose, oder das ängstliche, das autoritäre?

Es bilden sich viele kleine Ichs, mit verschiedenen Motivationen und fixierten Ichvorstellungen — mit denen wir uns identifizieren — die mit dem eigentlichen ganzheitlichen Ich der Seele und dem Selbst jegliche Beziehung verloren haben. Die Psychologen nennen diese Ich’s Subpersonalities. Wie kann man mit ihnen umgehen, sie einbeziehen oder auflösen? Was kann man tun? Wie kann man die Schwerpunkte, Don Juan nennt sie points of assemblage verlagern?

Alle Philosophien und Religionen haben sich mit der Kondition des Menschen befaßt, Lösungen gesucht, Methoden erarbeitet, Riten gestaltet, die seine Beziehung zum Heiligen Ganzen herstellen. Ihre Erfahrungen und Methoden stehen uns zur Verfügung, auch wenn wir sie aus dem Kontext der damaligen Zeit herausschälen müssen. Wie wunderbar ist der Drehtanz der Sufis, in dem der Tänzer seine unsichtbare Achse zwischen Erde und Himmel findet — aber muß er sich, wenn er diese Methode verwendet auch beschneiden lassen?

Wir können von diesen Techniken lernen, sie versuchen, verstehen, unsere Intuition entwickeln, um dann die eigenen Methoden zu entdecken.

Wilhelmine Keyserling
Leben im Rad · 1989
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD