Schule des Rades

Wilhelmine Keyserling

Leben im Rad

Riten der Wassermannzeit

Einerseits muß das Studium der trinitären Beschaffenheit des Menschen (Körper, Psyche, Geist) in der Wassermannzeit so sachlich sein, wie jenes der Technologie oder Biologie, andererseits verlangt die Entfaltung des Individuums das Durchstoßen der Ichbilder bis zum Wesensgrund, was den Zugang zur eigenen Spontaneität, Rezeptivität, Kreativität bedeutet.

Das Zeichen des Löwen (Gegensatz und Komplementarität des Wassermann) versinnbildlicht im Paradies als Ursprung der Menschheitsgeschichte einen Zustand vor dem Sündenfall, wo Adam und Eva in Kommunion mit den Tieren und im Gespräch mit dem Göttlichen lebten. Die Bezogenheit zum Ganzen kann der Mensch in der Achse Wassermann-Löwe auf neue Weise wieder erringen. Die gemeinsamen Riten, die sich aus dem Verständnis des Rades ergeben, helfen ihm dabei.

Ein Ritus wird abgehalten, um auf bestimmte Weise mit dem Numinosen in Verbindung zu treten und eine Wandlung der Kondition zu bewirken. Im indianischen Weltbild ist die Schau der paradiesischen Allbezogenheit noch lebendig und das ist auch der Beitrag aus diesem Weltteil, der in das Bewußtsein der neuentstehenden Welt eingeht.

Der Mensch ist nicht Krone der Schöpfung, sondern Mitte seiner Welt — 5.

Licht und Feuer

Tier und die Lüfte
1

4

5
3

2
Wasser und Pflanze

Mineral und Erde

sind seine Gefährten, mit denen er von Wesen zu Wesenheit im Austausch, in Kommunion stehen kann — denn er hat feuerhaftes, mineralisches, pflanzliches und tierisches an sich:

  • Feuer — Wer nicht in Inbrunst, im Brennen lebt, Brennen der Liebe und Brennen der Begeisterung, kann weder leuchten noch strahlen. Das Strahlen allein läßt ihn anderen wirklich nützlich sein
  • Mineral — Er hat Anteil am Mineralhaften. Die Liebe des Steins ist das Haften am Grund und das Beharren des Raumes. Die acht Richtungen weisen über die Grenzen des Körpers hinaus. Berg schafft Raum, erkennt und hält die Mitte — finde deine Mitte in Zusammenhang mit allen Mitten des Universums
  • Pflanze — Und er hat Teil am Pflanzlichen. In der Pflanze wirst du die eigene Vision verkörpern, die dir auf Grund deiner Farbigkeit zugänglich ist. Das Aufnehmen des Lichts in Gestalt zu verwandeln, in Unschuld, im Vertrauen in das Wachstum — Blüte und Frucht zu tragen, verbindet uns mit dem Geist der Pflanzen
  • Tier — Er muß seine Tierheit verwirklichen, seinem Tod zustimmen und ihn als Wandlung erleben; und sich die Freude am Spiel, an der Gemeinschaft, an der Kraft und am Kampf zugestehen, ohne die Ritterlichkeit zu verletzen. Wie jedes Tier muß er seinen Platz im Ganzen finden und seine Macht verteidigen
  • Mensch — Wenn er seine Motivationen annimmt, sich als Kind der Heiligen Erde erkennt, kann er auch als Kind des Himmels diese in Intention verwandeln, seinen Wortleib bilden, und im Sinne des Ganzen — der Sinn ist ihm Sehnsucht und Ziel mit Hilfe der Ahnen, der Elementarkräfte, der Engel und der Mächte der Verwirklichung, Mitwirkender am Großen Werk werden

Ahnen
6

Musen 9
7 Elementare

8
Engel

Die zweifältige Gottheit,
die dem Einenden Einen entspringt,

Einender Einer

Urgrund
Ursprung

und im Wassermann aus der Tiefe der Allverbundenheit des Menschen auftaucht, gibt ihm die Geborgenheit wieder, die Beziehung zur Urmutter, die mit dem Urvater, der Schöpfungsmacht geeint, die Wesenheiten des Yin und Yang, des Unendlichen und des Ewigen darstellt.

Das Verständnis der Dualität des Raumhaften und Zeithaften in der Physik legt auch die Erfahrung des Nichtraumes, der Großen Leere im Unterschied zur Nichtzeit, dem Zeitlosen nahe. Wir finden sie z. B. in der Meditation (Vijnana Bhairava Tantra, Sloka 103) aus vorchristlicher Zeit als Eigenschaften des göttlichen Yin:

Richte dein ganzes Sinnen
auf den unendlichen Raum
ohne Stützen, leer,
alldurchdringend, ungeteilt.
Löse dich auf im Nichtraum.

Im neuzeitlichen Animismus werden sie, so wie Mutter Erde, der Mensch im All und die acht Ausprägungen der Schöpfung als Wesenheiten erfahren. Mit der Auflösung der Familienbande findet der Mensch die Beziehung zur kosmischen Familie wieder.

Aber die unmittelbare Bezogenheit zu den unterscheidbaren Ausprägungen der Schöpfung, dem Geist des Feuers, der Tiere etc. als Archetypen — in schamanischer Sicht — hat im Bewußtsein der neuzeitlichen Welt ihren eigenen Platz, der mit den vergangenen Epochen nicht zu verwechseln ist. Denn der Schamanismus der Vergangenheit ist genauso von Mißbrauch gefährdet, wie es die Macht der Weltreligionen war.

Aber die geistige Wandlung, die das Göttliche in seiner Yin- und Yanghaftigkeit erfährt, den Menschen im All als nicht-inkarniertes Urbild des Menschseins, und die Heilige Erde als Wesenheit erlebt, wird dem Menschen ermöglichen der Zerstörung des Planeten entgegenzuwirken. Die liebende Bezogenheit der Mutter Erde gegenüber wird letztlich wirksamer sein als die Angst vor dem Aussterben der Rasse.

In dieser Etappe der Geschichte wird der Mensch — nach 10.800 Jahren sozusagen erwachsen, er bahnt am Hintergrund der geistigen Landkarte des Rades seinen eigenen Weg.

Obwohl die acht Feste als grundlegende Riten eine gemeinsame Einstimmung in das Ganze bringen, und im Nacheinander des Jahres als Spirale der Entfaltung jedesmal eine bestimmte Bemühung einen neuen Schritt in der eigenen Entwicklung nahelegt, gibt es keine Autorität, keinen Papst, der die gesamte geist-seelische Richtung bestimmt.

Es entstehen eher Schulen wie Esalen (Big Sur Kalifornien), zu Beginn dieser Einstellung, die dem einzelnen zur Freilegung seiner Potentialität, zur Bewußtseinserweiterung verhelfen und den Zugang zur Vision und Audition eröffnen.

Das geistige Wissen und die Entfaltungsmethoden werden frei angeboten jeder muß sein Menü selbst zusammenstellen. Und jeder hat potentiell wenn er in seine Leere dringt, an eine existentielle Frage herankommt die Möglichkeit, die Beziehung mit seinem Engel oder dem kosmischen Chef persönlich aufzunehmen, wenn es die Arbeit an seiner Menschwerdung und die Mitarbeit am Werk betrifft.

Freilich wird diese Konstellation viel religiösen Kitsch hervorrufen aber wie Fritz Wotruba einmal sagte: Kunst kann nur am Boden des Kitsches gedeihen — ist zu hoffen, daß er weniger Gefahr bringt als der Hexenwahn vergangener Jahrhunderte, sondern das Unterscheidungsvermögen und die Selbstverantwortung des Einzelnen schult.

Unsere Riten, die Feste im Erdheiligtum habe ich in meinem Buch Mensch zwischen Himmel und Erde beschrieben. Hier möchte ich nur sagen, daß die Vision der Ganzheit im Rad, Methodiken des Weges und festliche Riten als Dreiheit zur neuentstehenden Welt gehören, die eine Zeit des Friedens und der Freunde Gottes werden soll.

7. Februar 1989

Wilhelmine Keyserling
Leben im Rad · 1989
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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