Schule des Rades

Wilhelmine Keyserling

Körpergewahrsein und Yoga

Yoga als Kunst der Venus

Nachdem Yoga den Menschen betrifft, den ganzen Menschen, ist es ein sehr reichhaltiges Gebiet, das wir als Methodik des Wegen der Menschwerdung definieren können.

Damit stellt sich bereits die Frage: gibt es eine ideale beste Möglichkeit des Menschseins, des Lebens in der Liebe, Freudigkeit, Freiheit? Haben wir selbst schon Augenblicke solch paradiesischer Harmonie erlebt? Gibt es überhaupt etwas zu Erreichendes? Gibt es und gab es Menschen, vielleicht Heilige und Weise, die dieses Menschsein besser geschafft haben als wir es tun — oder sind es irreale Theorien und Phantasien, die uns einen statischen Idealzustand vorgaukeln?

Haben wir bei uns schon Unterschiede des Lebensgefühle festgestellt, die nicht bloß auf äußere Umstände zurückzuführen waren; und kennen wir Menschen. die scheinbar aus einer inneren Sicherheit ihres Amtes walten — sei es hinter dem Postschalter, als Lehrer oder Autobusfahrer, in. der Ordination oder im Heim — daß einem warm ums Herz und leicht im Gemüt wird, daß man sich gerne im Feld ihrer Ausstrahlung aufhält? Es ist, als ob diese Menschen aus einer ruhenden Mitte ihr Wirkfeld übersehen, das aber nicht abgeschlossen ist — ja man könnte meinen, daß sie in der weiteren Umgebung noch das Gras wachsen hören. Solchem Verfahren in aller Zuwendung und Gelassenheit sieht man gerne zu, weil dieses ganzheitliche Geschehen sich in Schönheit ausdrückt, die dem Yoga näherkommt als mancher, der seine Yogaübungen verrichtet.

Wenn wir in Übereinstimmung mit uns selbst und der Welt sind, wird uns das Wunderbare dieses Zustands nicht weiter beschäftigen. Wenn wir jedoch bemerken, daß etwas nicht stimmt, daß uns etwas fehlt, mögen wir überlegen, worum es eigentlich im Leben geht und was uns fehlt, was wir tun können, um die Lage zu verändern. Wir werden selbst Methoden entdecken, oder bewährte Methoden anwenden, die andere entdeckt haben.

Wenn mein Fahrzeug stehen bleibt, weil das Benzin ausgegangen ist, kann ich die Lage verändern, indem ich Treibstoff einfülle. Ich brauche nicht zu verstehen, wie dies mit dem Funktionieren des Motors zusammenhängt. Es muß aber Leute geben, die die Vorgänge in diesem Gerät ganzheitlich übersehen — ich habe keine Sehnsucht danach.

Sofern mich ein menschlichen Unbehagen befällt, kann ich vielleicht auch den naheliegenden fort-Schritt zur Veränderung finden. In diesem Fall aber interessiert es mich, in die Kondition des Menschen im Verhältnis zu seiner Welt, einschließlich und einschließlich ohne ausschließlich Einsicht zu gewinnen. Ich will nicht bloß wissen, wie mein besonderes Problem in Beziehung zum Ganzen steht, nein, das ist garnicht wichtig, ich sehne mich nach der Vision des Ganzen, des heilen heiligen Ganzen. In dieser Schau finde ich auf jeden Fall meinen Platz, denn ich bin ja ein Teil des Ganzen.

Ich brauche ein Weltbild, ein mir verständliches Modell, wie es der Globus für die Oberfläche der Erdkugel darstellt. Natürlich muß ich in meinem Weltbild auch die unsichtbaren inneren und die entferntesten Bewußtseinsschichten orten können. Mir genügt eine Skizze. Sie soll sich auf Zahl und Maß beschränken, auf daß ich die Gegebenheiten meines Raum-Zeit-Bewußtseins im richtigen Verhältnis übersehe — ohne Details und Bildchen die verdecken. Niemals kann eine Landkarte den von mir erlebten und in mir bewirkenden Sonnenuntergang beinhalten.

Der Raster in meiner ganzheitlichen Schau ist das Rad, das bei jeder Betrachtung neue Anschauungen zuläßt. Es weist das Gleichbleibende auf, das dem sich erneuernden Bild zugrundeliegt. Das Bild entsteht und wird wieder gelöscht; der Raster nicht. Es ist ein Zahl- und Maßgerüst, das acht grundlegende Worte generiert. Auf diese Worte lassen sich alle Wortspiele und Erkenntnisse zurückführen.

Man kam aber nicht von der Ganzheit unmittelbar auf das einzelne menschliche Geschehen schließen, das aus der schier unendlichen Vielfalt der Kombinatorik seiner Komponenten besteht — das Rad läßt sich nicht anwenden. Man kann auch niemals aus dem einzelnen Geschehen auf der Erde auf das Ganze schließen; sonst entständen Fragen als da zu hören sind: Wie kann Gott zulassen daß?

Das Ganze ist letztlich Abbild und Ausprägung des Göttlichen als Schöpfung; das Einzelne ist Kondition des Irdischen; dazwischen der Mensch, der einerseits seine geistige Schau der Ganzheit erweitert und andererseits im einzelnen Jetzt und Hier tut. Sein Bewußtsein vereint das Ganze und das Einzelne im Leben — wenn wir leben ohne Gegensatz als Da-sein im Vergehen verstehen.

Das Wort ganzheitlich, das immer häufiger auftaucht, seitdem die Weltbilder vergangener Religionen unwirksam geworden sind, entspricht der Sehnsucht nach umfassendem Verstehen und der Teilhabe am Ganzen, die der Teilhabe am Göttlichen gleichkommt; denn es gibt nur eines das ganz ist: das Ganze; und dieses ist unvorstellbar. Die Meditationen des Vijnana Bhairava Tantra peilt seine Erfahrung über das Innewerden von Begriffen wie das Allesdurchdringende an.

Das Jenseits von Raum und Zeit, das wir im Alles anpeilen, wird uns auch über das Nichts zugänglich. Wenn wir Gott in unserem Denken einbeziehen möchten, können wir ihn als Nichts, als Null der reinen Potentialität orten, der das Etwas, die Aktualität über die neun Schöpfungsprinzipien entspringt. Als Null ist das Göttliche im Rad im Zahlenkreuz geortet.

Sobald das Etwas in Erscheinung tritt, lassen sich Qualitäten erkennen, ob sie sich als Wirkeinheiten bezeichnen oder räumlich und zeitlich einordnen lassen. Das Etwas tritt vom Chaos in den Kosmos. Mikrokosmos und Makrokosmos sind Ordnung — und auch der Mensch will sich als Kosmos erfassen.

Das Heilige Ganze können wir nur erahnend erfahren. Begreiflich wird uns die ganzheitliche Schau unserer Welt, wie sie im Rad dargestellt ist, über zwei Aspekte, den räumlichen und den zeitlichen. Auch im Leben erfahren wir zweifältig.

Wenn wir eine Bewegung ausführen, vermittelt sie uns eine gewisse Freude der Erfüllung, wenn die Aufmerksamkeit sowohl dem Vorgang kontinuierlich folgt (Zeit), als auch körperliche Ganzheit erfährt (Raum), und Letzteres ist möglich, wenn die Vorstellungsfähigkeit des Geistes den Körper durchdringt. Wir sind dann in der vierten Dimension — der Null gegenüber.

Dreidimensional können wir ein Objekt nur von vorne oder rückwärts betrachten. Wenn unser Geist auf die vierte Dimension umsteigt, sehen und spüren wir uns gleichzeitig von vorne und hinten, oben und unten, innen und außen, von überall und es bildet sich eine Mitte, ein Mittler als Subjekt, dem auch eine neue Art der Beziehung zum entferntesten Überall zukommt.

I n b e g r i f f e

Das ist das Wunderbare, das wir manchmal erleben und in den Asanas des Hatha-Yoga durchzuspielen versuchen. Sie stellen Modellsituationen dar, in denen wir diesen Überstieg in der Zeitlupe anpeilen. Er bedeutet eine Verwandlung. Vom Körper, den wir (im Geiste) zuerst dreidimensional betasten, steigen wir um auf seine Form als Schwingungsfeld, als Teil den Kontinuums, des ungreifbaren Überall.

Was immer uns beglückt, sei es im Leben oder in einer Modellsituation des Tai-Chi, Yoga oder Feldenkrais, wurzelt im Bewußtwerden der innigen Beziehung zweier Aspekte, die sowieso zusammengehören: oben und unten, Materie und Energie, Raum und Zeit, Himmel — Erde — die wir in uns, Mensch, als Einenden erleben.

Wilhelmine Keyserling
Körpergewahrsein und Yoga · 1989
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD