Schule des Rades

Wilhelmine Keyserling

Körpergewahrsein und Yoga

Im indischen Weltbild

Yoga als Kunst der Venus, des Körper-empfindens, ist bestrebt in diesem Zusammenspiel der Gegensätze die Mitte zu bilden, die Komplementarität der Tendenzen auszuschöpfen. Eine Haltung bedeutet den Ausgleich von halten und lassen. Halten ist das Streben nach oben, dem Himmel zu, lassen das Entspannen nach unten, der Erde zu. So einfach ist es. Wir tun es andauernd, sonst könnten wir weder Geige spielen noch Autofahren. Wir schaffen uns immer wieder aus der Mitte. Beim Autofahren liegt der Akzent vielleicht am mühelosen Ankommen, bei den kriegerischen Künsten des Mars (martial arts) ist die richtige Begegnung mit dem Aggressor ausschlaggebend; im Yoga sind wir uns selbst das Ziel. — Wer?

Im Bild des Rades bin ich ein Wer und ein Was. Der Wer ist in der Mitte verankert. Das Was (bin ich) besiedelt und bewegt sich im äußeren Feld des Kreises. Gott als das Heilige Einende Eine ist reines Wer, das Ursubjekt, reines Sein — und überdies überall Mitte.

I c h · W e s e n · S e l b s tUnser Selbst, wenn wir es mit Shri Ramana Maharshi so nennen wollen, wurzelt in der Mitte, umfängt die Mitte als Nabe den Rades. Unser Was als Ich wird über den zwölffältigen Kreis wirksam. In diesem Bild brauchen wir noch ein Drittes, das innen und außen verbindet, das wir unser Wesen nennen. Das Selbst ist vorhanden. Die Ichs sind die Akteure; es geht nun darum, das Wesen, das Zusammenfügende zu verdichten; darin bestünde letztlich die Menschwerdung — das ist auch nur ein Bild, wir können es löschen.

Im Tun werden wir am Einzelnen, am Sonderfall ansetzen: Ich merke, ich bin unsicher und zerstreut. Ich entscheide, in den Wald oder in die Yogastunde zu gehen. Die wesentliche Hilfe, die der Yogalehrer gibt — abgesehen davon, daß er einige Methoden kennt, nicht anders als der Installateur auf seinem Gebiet — ist das Einfangen der Aufmerksamkeit, die wie aus vielen nach allen Seiten herumhängenden Fäden zu einem einzigen Seil gewunden werden soll. Wie Desikashar (Madran) unter anderem sagt:

Yoga bedeutet auch eine besondere Art des Handelns, wobei die ganze Aufmerksamkeit auf dieses Tun gerichtet ist… und Yoga versucht Umstände zu schaffen, in denen wir in jedem Tun anwesend sind.

Er versteht Yoga wie viele indische Lehrer sehr global:

Wenn es etwas gibt, was für uns heute zu tun unmöglich ist und wir einen Modus finden, dies dennoch möglich werden zu lassen, dann ist diese Bewegung Yoga. Es ist gleichgültig, ob es darum geht, eine Art und Weise zu finden sich vorzubeugen, um die Zehen berühren zu können oder über das Lesen von Texten die Bedeutung des Wortes Yoga zu vertiefen oder über den Dialog ein neues Verständnis zu gewinnen.Eine weitere Definition des Yoga bedeutet, geeint zu sein mit dem Göttlichen, gleichgültig welchen Namen wir gebrauchen. Jede Bewegung, die uns etwas Erhabeneres verständlich macht als unser gewöhnliches Ich, ist Yoga.

Die Begabung der indischen Seher, Philosophen, Yogis scheint mir darin zu liegen, einerseits ein Weltbild zu schaffen das das Ganze artikuliert, und andererseits das einzelne Geschehen, die Kondition des Menschen genau zu beobachten; das heißt, Theorie und Praxis als getrennte Gebiete zu erforschen, die in jedem Menschen eine einzigartige Synthese finden: es gibt jeweils ein entsprechendes bestmögliches Tun — für einen bestimmten Menschen — am Hintergrund seiner Vision des Ganzen. Es ist aber in Beziehung zum Ganzen absichtslos. Nur wenn er es nicht tut um in den Himmel zu kommen, sich zu entwickeln oder Gott gefällig zu sein, kann sich dies Tun über des Menschen Wesensmitte dem Ganzen sinnvoll einen.

Und die Arbeit am Verständnis des Ganzen ist von seiner Liebe und Begeisterung für jenes getragen; von der Frage Wer bist Du — Welt — Gott? Die Schau des Ganzen wird sich letztlich über ihn auch im Tun auswirken. Aus der Astrologie wissen wir, daß wir Gegenpole (Oppositionen) auseinanderhalten müssen, auf daß sie in uns als Mittler Einung finden.

In ihrem Grundriß ist die indische Vision des Ganzen in keinem Widerspruch zum Weltbild des Rades, obwohl sich der Raster des Rades aus den Gegebenheiten von Raum und Zeit, der heutigen Kenntnis des Mikrokosmos, der pythagoräischen Erkenntnis von Zahl und Maß, dem chinesischen Verständnis von Yin und Yang aufbaut, das durch die indianische Erfahrung der Raumrichtungen seine magische Kraft erhält.

Was im indischen Weltbild nicht so klar zum Ausdruck kommt, wie es vielleicht ursprünglich in der Stierzeit gelebt wurde und im Laufe der Wassermannzeit wieder seine Bedeutung finden mag, ist die Beziehung zur Erde.

Erde — Himmel — Mensch als Mittler. Im Bilde dieser Ganzheit mußte der Pol des Endlichen, des Dunkel, genauso heilig sein wie der des Unendlichen und des Lichts. Ist die Erde nur eine Stätte der Menschwerdung, bietet das entsprechende Tun dem Einzelnen nur die Möglichkeit der Selbstfindung, oder kann die Zuwendung zum Irdischen zur Mitwirkung am Werk der Erde werden? Können wir zum Wohl der irdischen Verhältnisse beitragen? Darüber schweigen die Traditionen. Vielleicht wird der Mensch der Wassermannzeit gezwungen — abgesehen von romantischen und praktischen Bestrebungen eine neue Einstellung der Erde gegenüber zu finden. Niemals hat er einer Vision des Ganzen mehr bedurft als jetzt.

Die indische Darstellung der Probleme des Menschen, der Hindernisse im rechten Tun sind so real, wie die des Installateurs in Bezug auf die Wasserleitung, und die Methoden zu ihrer Beseitigung wirksam. Ich zitiere wieder Desikashar, der sich auf die Schriften des Patanjali (300 v. Chr.) und seine eigene Erfahrung stützt. Seine Illustration kann hilfreich sein:

der Seher, citC i t t adie SinneD a s · O b j e k tdas Objekt

citta Gemüt
Cit, das Selbst in unserer Wesensmitte, ist das, was sich nicht verändert. Die Sinne erfassen die Welt, die sich dauernd verändert. Das Dreieck stellt ein Objekt in seinem derzeitigen Sosein dar. Zwischen Sinnen und Selbst befindet sich das Gemüt, citta (auch im Bereich des Veränderlichen). Wenn das Gemüt verfärbt, verstaubt, unruhig, verklebt ist, kann das Selbst, der Seher nicht sehen. Er sieht nur über das Gemüt. Gemüt ist der Zusammenhang unseres Denkens, Fühlens, Empfindens, Wollens. In Bezug auf die Qualität des Selbst gibt es für uns nichts zu tun — es ist konstant. Unsere Praxis des Yoga versucht eine Veränderung der Qualität des Gemüts zu bewirken. Im Gemüt entstehen durch viele einseitige, im Laufe der Jahre mechanisch stattgefundener Handlungen Konditionierungen, die wir samskara nennen. Der Seher sieht sowohl das Objekt als auch die Vorgänge im Gemüt. Dem Seher entspringt auch die Kraft zum Tun (zum nicht mechanischen Tun). Das Gemüt aber meint zu verstehen, zu tun, zu entscheiden.

Das Gemüt, das hier als Bildschirm zwischen der Welt und dem Seher dargestellt ist, muß also in unserer Sicht zum Wesen und damit zur Brücke zwischen beiden werden. Diese Verwandlung versucht Desikashar durch die Praktiken des Yoga zu bewirken.

Von Patanjali werden acht Glieder des Yoga unterschieden. Davon bezeichnen zwei die Einstellungen sich selbst und der Welt gegenüber: Yama und Niyama. Die folgenden zwei sind Praktiken, die wir üben können: Asana und Pranayama. Die letzten vier sind Gewahrseinsweisen, die der Betrachtung die wir meist als Meditationen zusammenfassen, entspringen: pratyahara, dharana, dhyana, samadhi. Die Gewahrseinsweisen treten ein, sie sind nicht zu üben (laut Patanjali).

Betrachtung können wir aber sehr wohl üben, wie es die 112 Verse den Vijnana Bhairava Tantra — einer der Schriften der shivaistischen Schule von Kashmir anregen:

Wecke die klarste Wahrnehmung
des ganzen Körpers
ungestützt, schwebend.
Nicht nur Gedanken schwinden;
es löst sich auch der Bodensatz
vergangener Erfahrung.

Dieser Vers, 58, bezieht sich auf die Körperhaltung; in anderen wird diese vorausgesetzt und eine bestimmte Betrachtungsweise empfohlen:

102
Besinne dich auf das Ungreifbare-Niegekannte-
Leere-Ungewordene.
Erfaß das Unfaßbare
als Bhairava-Urgrund-Seligkeit.
Dein Sinnen mündet in Erleuchtung.

Wenn wir den mittleren Bereich, der sich als Gemüt äußert und zum Feld des Wesens werden soll, als den seelischen zwischen Körper und Geist bezeichnen, können wir sagen, daß der Yoga auf dessen Verwandlung aber die Arbeit am Körper und am Geist vertraut; körperlich Asana und Pranayama, geistig Meditation, Vertiefung der Vision des Ganzen im Jnana-Yoga, Yoga des Denkens.

Die Psychologen versuchen den Bodensatz mit direkten Methoden auszuräumen, was manchmal hilfreich, oder als Therapie notwendig sein kann, aber die Arbeit an den zwei Polen nicht ersetzt.

In unserer Pflanzenhaftigkeit haben wir die Wurzeln im Dunkel und streben nach dem Licht — dem Urlicht: Bewußtheit.

Die Zuwendung in beiden Richtungen muß zweckmäßig aber im goetheschen Sinn absichtslos sein. Möge die Sehnsucht danach erwachen, auf daß sich im Menschen der Wassermannzeit die Einung beider Richtungen vollziehe.

Wilhelmine Keyserling
Körpergewahrsein und Yoga · 1989
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD