Schule des Rades

Wilhelmine Keyserling

Yoga als Durchbruch zum Wesen

Wenn ich mich heute teilweise als Körperpädagoge betätige, so ist das ein Gebiet, in das ich allmählich hineingewachsen bin. Ich hatte immer schon Freude an Bewegung, sei es Radfahren, Schwimmen, Springen, Skifahren, und ein Entdeckerinteresse, wie man das eigentlich anstellt und worauf es dabei ankommt. So habe ich von manchen meiner Schulkameraden gelernt und anderen wiederum diese Künste beigebracht. Später hatte ich Gelegenheit, bei einer Laban-Schülerin eine Tanzausbildung zu beginnen und dann bei Gurdjieff in Paris an den Derwischübungen teilzunehmen. Auch heute noch ergreife ich die Gelegenheit, mich für einige Zeit Körperdisziplinen wie Taek Wan Do oder Kung Fu zu widmen, weil sie alle eine ganz bestimmte körperlich-geistige Fähigkeit erwecken und zur Entfaltung bringen können. Das Körperverständnis, das ich in anderen Methoden oder in eigener Beobachtung gefunden habe, integriert sich dann im Yoga, der nun schon seit zwanzig Jahren zu meinem Arbeitsfeld geworden ist.

Yoga zählt zu einem der religiösen Wege des Hinduismus und zwar ist es jener, der am Körper ansetzt, um Befreiung, von den Bedingtheiten der Welt zu erreichen; das heißt, sich nicht mit diesen zu identifizieren, sondern zum Zeugen der Vorgänge und Vorfälle zu werden. Der Zeuge ist das Bewußtsein, das, in der ruhenden Mitte des Rades verankert, zeitlos an der Ewigkeit teilhat. Nur dieser Zeuge kann zum Täter werden, indem ES durch ihn wirkt. Letzteres ist ein metaphysisches Anliegen in einer Formulierung der Wassermannzeit (Körper-Denken). Zeitlich sind wir im Rad wieder im Körperkreuz. Der Tierkreis hat auch seine zwölffältige Entsprechung auf der Erde, wonach Indien, der Stierkontinent — der Erdteil des Körper-Empfindens — den Körper als Grundlage der menschlichen Entfaltung seit Jahrtausenden erforscht und ihn im Yoga zur Basis eines geistigen Weges gemacht hat. Die im wahrsten Sinne auf das Ganze bezogene Schau der Weisen dieses Kontinents ist so real, daß die Beschreibung der Etappen auf dem Wege mit ihren Hindernissen und Er-reichnissen, wie sie im dritten vorchristlichen Jahrhundert von Patanjali aufgezeichnet wurden, immer noch gültig sind und der Erfahrung eines jeden entsprechen, der sich auf den Weg macht.

Die Beziehung zum Unendlich-Ewigen ist nicht draußen wie in einer unendlichen Linie zum Himmel — zu suchen, sondern drinnen, über die ruhende Mitte zu finden; über die Leere (Abwesenheit von Bewußtseinsinhalten), worin das Ungeschaffene schaffend einströmt. Alle Etappen am Wege einer seelischgeistigen Entfaltung sind wahrnehmbar, sind zu ermessen bis an die Einung mit dem Unermeßlichen.

Manche indische Yogis hatten auch nichts dagegen, dem Unkundigen zu gestatten, die Seinsschwingung des Samadhi mit modernen Geräten festzustellen.

So beginnt die Arbeit im Yoga mit der Wahrnehmung des Körpers wie er ist: in seiner Form, Temperatur, Bewegung, Stellung; der Wahrnehmung des Atemströmens und der geheimnisvollen Pausen zwischen ein und aus, die bereits im Dazwischen das Sein des Nichts im Etwas erahnen lassen.

Das Ergreifen des Körpers in seiner fleischlichen Realität schafft die Möglichkeit, den Körperraum von innen zu erfahren. Ich identifiziere mich nicht mehr mit dem Gewahrsein selbst im Körperraum. Ich werde zum Wahrnehmenden in diesem Schwingungsfeld wie in einer leeren Kathedrale. Und von diesem Umsteigen auf eine andere Wahrnehmungsebene führt gleich ein nächster Schritt in die Wahrnehmung der Chakras, der sieben Zentren im energetischen Feld; der Wahrnehmung der Leere als Kraft, als inneres Wort, als Urvertrauen, als von äußerem Geschehen nicht bedingtem Quell der Freude.

Wenn der Schritt in diesen Ursprung über den Körper erreicht wird, kann er wiederholt begangen und vertieft werden und die Beziehung zu Urlicht-Urkraft kann sich auch leichter aus der Mitte über diesen verkörpern. Die Methodik ist einfach. Ich versuche in der Gruppenarbeit hauptsächlich Zuwendung im Tun des Augenblicks zu wecken, die Aufmerksamkeit zu stärken, den Weg zu bahnen. Dann mündet die Yogastunde wie von selbst in Meditation.

Der Entfaltungsweg, wie ihn Patanjali schildert, kann sowohl auf eine einzige Übungsstunde als auch auf den Lebensweg bezogen werden. Wiederholen wir seine Ordnung:

  1. Yama bedeutet die Entscheidung, sich auf den Weg zu machen — der Mitte zu — der nichts mit dem notwendigen Bestellen des Feldes zu tun hat. Es bedeutet sich zu geloben, wiederholt etwas zu tun, was uns diesem Bewußtsein näherbringt; sich eine Disziplin aufzuerlegen, die nicht auf äußeren Erfolg zielt. Dazu sind vollständige Wahrhaftigkeit der Intention und Aufrichtigkeit geboten. Man darf keine Schwächen verbergen und keine Gaben verschmähen.

    Yama ist der Gott des Todes. Diese Intention muß also den Tod bergen, ihre Richtung geht über die Todesschwelle hinaus und ist zum kleinen Tod bereit: dem Tod der lchverhaftung des Unwissenden.

    Diese Einstellung eignete vielen, die sich zum Maieutik-Lehrgang entschlossen hatten, und so war es für mich, eine große Freude, mit ihnen zu arbeiten, um sie mehr und mehr in dieser Disziplin zu bestärken.

  2. Niyama bedeutet, Menschen aufzusuchen, die einem auf dem Weg weiterhelfen, sich Gleichgesinnten anzuschließen, Bücher zu lesen, die die Beziehung zum Ursprung vertiefen, kurz, sich eine Lebensform zu schaffen, die das weitere Erwachen ermöglicht.
  3. Asana umfaßt die Körperarbeit, die sich zuerst dem Empfinden der körperlichen Realität über die ungeteilte Aufmerksamkeit des Wollens zuwendet. Durch diesen Vorgang werden Emotionen gestillt und die Denkassoziationen so weit verlangsamt, daß der Mensch von der Identifikation mit einem Teilich ablassen kann und seine Identität mit dem Zeugen erlebt, der assoziative, das heißt vergangenheitsgeprägte Gefühle und Gedanken gleichmütig betrachtend vorbeiziehen läßt bis sie versiegen, auf daß sich Denk- und Fühlkraft aus der Stille und Tiefe erneuern.

    Asana ist eine bequeme Körperhaltung, die Augenblicke, Minuten oder Stunden der Körperruhe vermittelt und das Gewahrwerden subtilerer Bewegungen im Bewußtsein ermöglicht. Ruhe an sich stellt keinen Wert dar. Auch die Ruhe des Schlafes dient einer inneren Bewegung und Wandlung in Körper, Seele und Geist.

  4. Pranayama. Jede Asana ist bereits eine Atemübung. Jede Bewegung hat ihre besondere Beziehung zum Atem, aber in der Ruhestellung kann sich die Aufmerksamkeit ganz dem Atemgewahrsein zuwenden. Vielfältig ist die Erfahrung des Strömens, des Ein und Aus, des Innehaltens Zwischen und der im Atemstrom geborgenen feinsten Kraft Prana, die nicht mehr dem Aufbau des Organismus, sondern dem Bewußtseinsganzen dient.

    Bei intensiver Bewegung braucht der Körper mehr Kraft, atmet schneller. Wenn wir in der Körperruhe schneller atmen, wird diese Kraft frei, um innere Regungen zu verstärken. Manche psychologischen Methoden benützen die Hyperventilation, um seelischen Regungen zum Ausbruch zu verhelfen. Der Yoga verwendet sie, um eine höhere Intensität des Gewahrseins zu erreichen, die rechts und links, Sympathikus und Parasympathikus, Pingala und Ida, Sonne und Mond gleichermaßen steigert, auf daß die Identität mit dem Zeugen der Mitte entstehe. Der der Hyperventilation ähnlichen Blasebalgatmung geht immer die Wechselatmung voran: ein Nasenloch wird jeweils zugehalten, Yang und Yin getrennt, so daß einmal das eine Prinzip und dann das andere wirksam und bewußt gemacht werden. Dies ist eine Atmung des Ausgleichs, die auch Indianern, Koreanern und anderen Kulturvölkern bekannt ist. Dem Innehalten mit Luft, wie es der Taucher macht, also dem Innehalten in der Fülle des Prana folgt in der Sequenz der Atemtechniken immer ein Innehalten in der Leere.

    Eine wesentliche Rolle spielt im Pranayama das Rhythmisieren des Atmens: z. B. 4 einströmen, 8 innehalten voll, 8 ausströmen, 4 innehalten leer. Diese Atmung jocht die vier Urbeweger (Funktionen) im Körper-Kreuz des Rades an und führt damit in die Mitte. Der Rhythmus, in dem die heilige Zahl als Maßeinheit wie ein Trommelschlag jetzt und jetzt fällt, entspringt dem Wollen. Dieses muß dem Körper-Empfinden, der natürlichen Atemkapazität angepaßt sein. Die Zahl als Mantra, als Urwort und strukturbildendes Element, greift auf den Ursprung der Denkkraft zurück, die ebenfalls an der natürlichen Atemkapazität ansetzen muß, auf daß im Fühlen keine Not entstehe und anfängliches Unbehagen sich in Vertrauen und Wohlbefinden verwandeln kann. Die indischen Yogis haben den Bereich des Pranayama zu einer sehr genauen Wissenschaft der Wechselwirkungen zwischen Atmungsweisen und Körper-Seele-Geist ausgebaut, denen eine beachtliche therapeutische Wirkung zukommt. Bei mangelnder Kenntnis besteht die Gefahr der Störung und Vergewaltigung des Organismus.

    Die Techniken des Pranayama entstammen einer Zeit, da die geistigen Wege konsequent unter dauernder Führung von Kundigen gelehrt wurden und der Schüler getrost in den Fußstapfen des Lehrers voranschreiten konnte, solange er den Weg nicht verließ. Doch in der Wassermannzeit wollen wir selbst lernen, die Landkarte zu lesen, uns zu orientieren, und den gesamten Lebensbereich zu überschauen, um Mitwirkende am Werk der Erde zu werden. So mögen wir uns mit kleineren aber einsichtigen Schritten der Mitte zu bescheiden.

    Alle Atemtechniken sind letztlich ein Tun, um bereit zu werden zu einer Atemruhe, in der wir uns nicht mehr dem Atemgewahrsein zuwenden, sondern uns ganz dem Atemstrom überlassen, der jetzt zum Träger einer kontinuierlichen Betrachtung werden kann.

    Mit Asana wird der Körperraum zum Gefäß der Wahrnehmung, wir erfahren ihn von innen. Im Pranayama wird Atem in potentielle Energie verwandelt. Drei bis vier dieser feinen Atemzüge in der Minute genügen, um die Aufmerksamkeit stetig zu erhöhen: das ist der Meditationsatem.

  5. Pratyahara. Das Einstülpen nach innen, wo äußere Einflüsse nichts mehr bedingen, wird als das Stadium der Schildkröte bezeichnet. In Pratyahara ist der Zeuge zum Subjekt geworden. Die indische Überlieferung behauptet, wenn viele Menschen Pratyahara übten, dann könne die Menschheit nicht mehr zerstört werden. Hierzu gehört auch das kritiklose Betrachten der eigenen Gefühle und Gedanken, das ich bereits erwähnt habe. Wenn der Zeuge zum Betrachter wird, beginnt das, was wir allgemein als Meditation bezeichnen, worin aber Patanjali drei Stufen unterscheidet:
  6. Dharana, die Konzentration ist auf einen Gegenstand — ein Mantra, ein Wesen, ein Element gerichtet;
  7. Dhyana oder Meditation erlebt dessen Beziehung zum Subjekt. Das in Liebe und Zuwendung betrachtete Objekt — sei es eine Rose oder etwas anderes mit offenen oder geschlossenen Augen — ist immer ein Du. Dhyana ist die Erfahrung der inneren Einheit beider, in philosophischer Sprache die Überwindung der Subjekt-Objekt-Spaltung.

    Das ist in der Praxis natürlich ein langewährendes und in vielen Versuchen stets neues Spiel, dem wir uns oft am Ende einer Yogastunde widmen. Wenn der Betrachter die Augen öffnet, um sie auf den Gegenstand zu richten, ist er vorerst gar nicht mit dem Zeugen identisch, sondern bloß der bemühte Übende, der noch vielseitig abgelenkt ist. Bemüht er sich zu sehr oder zu wenig, kommt er nicht in seine Mitte. Erst wenn Zuwenden und Empfangen sich die Waage halten, wird der Zeuge auf den Plan gerufen: durch das Erkennen des Du findet er sich selbst, den Zeugen. Durch das Geben in der Zuwendung durchströmt ihn die Kraft. Viele Erfahrungen werden ihm geschenkt, bis ihm die der Einung zukommt, und alle diese Erfahrungen betreffen das ganze Leben.

  8. Samadhi. Und diese Einung kann in die Erfahrung des göttlichen Ursprungs münden, in die Seligkeit des Einsseins im Ganzen.
Wilhelmine Keyserling
Yoga als Durchbruch zum Wesen · 1999
© 1998- Schule des Rades
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