Schule des Rades

Wilhelmine Keyserling

Die Zahlen als Schöpfungsprinzipien

Enneagramm ist auf griechisch Neuneck.
Die Neunheit erfaßt alle Wirkweisen und damit alle Wechselwirkungen im menschlichen Dasein, so wie im Mikrokosmos zwischen den Elementegruppen. Im Makrokosmos ist die Neunheit im System der Planeten verwirklicht. Der Hinweis auf das Gesetz der Neun war wohl das Wertvollste, das Gurdjieff uns am anbrechenden Zeitalter des Denkens — im Wassermann verbinden sich Körper und denken — hinterlassen hat. Die Neun ist das höchste der Schöpfungsprinzipien. Wer die Neun versteht, kann tun heißt es.

Was vermittelt der Begriff Schöpfungsprinzip? Daß es eine Dimension der Zahlen gibt, die der Schöpfung, — allem was es geben kann — zugrundeliegt. Bevor es noch irgendetwas gegeben hat, gab es also die Idee der Einheit, Zweiheit, Dreiheit bis Neunheit, in deren Rahmen etwa entstehen und geschehen konnte. Diese Dimension der Zahlen nennt man seit dem Mathematiker und Philosophen Frege (1848-1925) die natürlichen Zahlen. Sie entspringen der Null, dem Jenseits von Raum und Zeit, und haben wie diese keine Ausdehnung. Sie befinden sich an der Nahtstelle von Nichts und Etwas. Sie sind Fältigkeiten. Die Zahl 6 als Sechsfältigkeit ist demnach nicht größer oder dicker als die Dreiheit, bzw. Dreifältigkeit. Sie ist nur anders, ein verschiedenes mathematisches Prinzip. Diese Dimension als kosmische Potentialitäten der Zahlen kannten alle alten Kulturen. So nannten die Indianer die Zahlenreihe bis zehn (beziehungsweise in der Wiederholung bis zwanzig) The Sacred Count. In der geschaffenen Welt stellen sich die neun kosmischen Potentialitäten als neun Gesetzmäßigkeiten dar. Mit der Dimension der ganzen Zahlen, diesseits der Schöpfung, können wir zählen; und im Enneagramm stimmen die beiden Dimensionen überein: Mars zum Beispiel verkörpert das Wesen der Siebenfältigkeit, ist aber auch der Siebte in diesem System des Enneagramms, im Tierkreis.

Bleiben wir aber noch bei der Betrachtung der Zahlen als Schöpfungsprinzipien, als Potenzialitäten, und versuchen die Wesenheit dieser grundlegenden Prinzipien aus der Erfahrung unserer Welt, in ihrer Aktualisierung, zu entschlüsseln.

Das Bild der Zahl kann uns einen der Aspekte dieser Prinzipien aufzeigen.

Was fällt uns zur Eins ein?

E i n s1
Z w e i2
D r e i3
V i e r4
F ü n f5
S e c h s6
S i e b e n7
A c h t8
N e u n9
  1. das Einende, das Ungeteilte Ganze, Heile…
  2. Das Gestalt verleihende Prinzip: Mann und Frau können ein Kind hervorbringen; — Das Ergänzende Yin und Yang; — das Augenpaar; — die Oktave in der Tonwelt…
  3. Jede Dreiheit ist in sich eine Gesamtheit, wie Körper-Seele-Geist oder Vater, Sohn, Heiliger Geist als die Wesenheit des Göttlichen. Im Bild der Drei können wir aber auch von Punkt zu Punkt fortfahren ohne aufzuhören — wie im Walzer; — ein Werdegang; — Dialektik…
  4. Das Bild der Vier weist auf einen Mittelpunkt; einen Fünften. Die Vier ermöglicht Übersicht, sowohl auf der Landkarte, als auch mit jedem Koordinatennetz.
  5. Fünf ist der Mensch in seiner äußeren Struktur mit Kopf, Armen und Beinen. Es fällt ihm aber schwer, sich selbst als Schaltwerk dieser Fünffältigkeit im Rhythmus des Geschehens zu erkennen, obwohl die fünf Finger und Zehen gewiß auch eine Bedeutung nahelegen. Die Chinesen haben die Fünffältigkeit als Komponenten der Natur und des Menschen erforscht und erkannt.
  6. Das Bild der Sechs ist uns durch die Bienenwabe bekannt: Die Sechsfältigkeit betrifft nicht nur die Gemeinschaft der Bienen; sie ist die Urstruktur der Familie und liegt jeder Gemeinschaft zugrunde. Die sechs ersten Obertonschwingungen begründen das System der zwölf Töne in der Oktave. Die Siebte gehört nicht dazu, ist ekmelisch, wie es Pythagoras bezeichnete, sie ist nicht Teil der Gemeinschaft des Zwölftonsystems.
  7. Auch der siebte Tag wird in den meisten Kulturen als ein Verschiedener gewertet. Die Siebenfältigkeit ist kein stabiler homogener Zusammenhang. Die Sieben stellt sich nicht zur Schau, wie das Sperma, das in Verborgenheit Anstoß gibt; an seiner Wirkung ist es zu erkennen, — während wir uns nur im Zimmer umsehen müssen, um zu bemerken, daß wir uns andauernd um Proportion und Ordnung von Vierfältigkeiten (das Rechteck gehört auch dazu) bemühen.
    In der Teilung 4 plus 3 tritt die Sieben in unser Leben: vier Funktionen, empfinden, denken, fühlen und wollen, die in drei Bereichen, Körper, Seele und Geist wirksam werden; es sind die Komponenten des menschlichen Bewußtseins, die in den sieben Chakren als energetische Potentialitäten angelegt sind.
    Die Sieben als 4 mal 3 (ist 12) generiert den Tierkreis.
    So beginnen wir die Didaktik des philosophischen Astrologieunterrichts damit, daß wir im leeren zwölffältigen Kreis (im linken Feld beginnend) gegen die Uhrzeigerrichtung zuerst reihum die Funktionen eintragen, und dann im Uhrzeigersinn die drei Bereiche. Die erste kombinatorische Bemühung ist das Entdecken, bzw. Erahnen: was kann das Weltzwölftel Körper-empfinden bergen? Dann erst werden die bekannten Symbole eingezeichnet.
    Wer die sieben Komponenten in ihrer Art wirklich erfaßt und unterscheidet, kann die Wesenheit der zwölf Begriffspaare des Tierkreises erschließen.

    Sieben Begriffe sind es, die jeder kennt, die der ungeheuren Vielfalt des Menschen und seiner Welt zugrundeliegen! Die klassische traditionelle Astrologie hat freilich den Tierkreis erforscht, beschrieben und ein großes Wissen vermittelt. Mit der Zuordnung der Planeten gibt es aber gewisse Unstimmigkeiten, die einer Zeit entstammen, in der nur sechs der Planeten bekannt waren. Die drei Denkplaneten wurden erst kurz vor dem Denkzeitalter Wassermann entdeckt: Uranus 1781, Neptun 1846 und Pluto 1930. Eine wesentliche Beziehung zwischen dem Schöpfungsprinzip der Sieben und dem Enneagramm muß hier noch erwähnt werden:
    Die 7 als Divisor der neun Zahlen, abgesehen von der 3, bringt den gleichen unendlichen Bruch hervor, der nur jeweils mit einer anderen Zahl beginnt. Zum Beispiel: 5 : 7 = 0,7142857…. Diese Reihe bildet die Sequenz der dynamischen Figur im Enneagramm, auf die wir noch zu sprechen kommen.
  8. Betrachten wir noch kurz das Bild der Acht, das von einem Zentrum aus Gleichmaß in der Orientierung des Raumes vermittelt, wie in der Windrose, den Steinkreisen der Indianer, den Ecken des Hyperkubus. — Gerade kürzlich hat ein Wissenschaftler der Astronomie die Hypothese aufgestellt, daß der Raum sich kubisch ins Unendliche ausdehnt.
    In den Elementegruppen des Mikrokosmos setzt die 8 hingegen die Grenzen innerhalb derer Wechselwirkung und Verwandlung stattfinden kann: so haben zum Beispiel die Elemente der Aluminiumgruppe 3 Elektronen in der äußeren Schale, können also noch 5 Elektronen anjochen, um mit 8 gesättigt zu sein.
  9. Aber kommen wir nun endlich zum Enneagramm in Tierkreis, und bezeichnen den Gipfel der Figur mit 9, dem Pluto, der Vorgänge planen und als Regisseur abwickeln kann.

    E n n e a g r a m m · i m · T i e r k r e i s

    1)
    Jupiter in den Fischen ist eine Kraft des Geist-fühlens, bringt Einung, schafft geistige Zusammenhänge, wie wir sie aus dem Fischezeitalter mit den Religionsgefügen und Reichsideen kennen. Zum Verständnis der planetarischen Eigenarten hilft uns der Umstand, daß die Fähigkeit aller Sprachen auch auf 9 Wortarten beruht, egal ob ein Völkchen statt des Bindeworts und ein Zeichen oder einen Ton im Kehlkopf verwenden würde. Anstatt zu fragen, wo steht bei Dir der Jupiter, könnte man fragen, in welchem Haus und Zeichen steht bei Dir das einfältige und einende Und?
    2)
    Die Venus (im Enneagramm) im Stier entspricht dem Gestalt vermittelnden Hauptwort, Dingwort, das Einzahl am Hintergrund der Mehrzahl hervorbringt: ein gesondertes Phänomen Kind als Beispiel aller Kinder. Man kann natürlich mit der Venuskraft einer Idee, einer Atmosphäre, einem Namen Gestalt verleihen. Sie ist die Wirkkraft des Formungsbereichs Stier.
    3, 6 und 9 werden wir nachher betrachten.
    4)
    Gehen wir zu 4, dem Impuls des seelischen Fühlens im Krebs, der aus dem Unterbewußten mit persönlicher Phantasie Ereignisse und Dinge in ein Verhältnis setzt, das neuartige Proportion oder auch Verzerrung schafft. Wenn Sie die Wirkung der Deklination und der Verhältnisworte untersuchen, werden Sie sehen, wie diese jeweils Dinge und Geschehnisse in ein anderes Licht rücken. Beispiel: Ich tue etwas für meinen Vater, oder wegen des Vaters. Sie werden das Wesen der Mondkraft verstehen.
    5)
    Und der fünffältige Merkur — drei Stufen des Eigenschaftsworts und 2 Arten des Zahlworts (bestimmt und unbestimmt) — der Quantität und Qualität genau unterscheidet, bestimmt vergleicht, ist er nicht das Wahrzeichen der Apotheker?
    7)
    Die sieben Fürwortkategorien — bergen sie nicht allesamt Initiative und mögliche Aggression? Denken Sie an mein und dein, an dieser (ist es) und letztlich an das fragende Fürwort wer, das nicht nur die Polizei in ihrer Suche betrifft, sondern in wer bin ich? die körperliche Hülle durchstößt, um in eine andere energetische Subjekthaftigkeit vorzustoßen.
    8)
    Im Steinbock, Seele-empfinden, dem Zeichen der Öffentlichkeitsordnung und des Berufs, ist es das achtfältige Umstandswort, welches das Tun über wann, wo, wie, wie, häufig etc. begrenzt, und dem Saturn die Fähigkeit und Notwendigkeit der Organisation verleiht. Er wird oft als schwierig empfunden, weil das nicht, (es geht nicht) in diese Kategorie fällt.

    Die Planetenkräfte des Fühlens und Empfindens bilden im Enneagramm die dynamische Figur, deren Sequenz 7-1-4-2-8-5-7 in der Natur der Säugetiere und Menschen unbewußt verläuft. Zum Beispiel in der Fortpflanzung:


    7
    Geschlechtsverkehr

    1Befruchtung; Vereinigung von Same und Ei.

    4Es bilden sich Pole, Richtungen in der Zelle.

    2Zellteilung.

    8In 8 bilden sich Organismen, Organsysteme,
    5Geburt und Entfaltung;

    7mit 7 beginnt das neue Spiel.

    Diese Sequenz ist aus mehreren Aspekten zu betrachten. Gurdjieff versuchte die Etappen mit seinen Enneagrammtänzen bewußt zu machen.

    Die Wirkung der drei großen Denkplaneten wurde zuerst als kollektives Geschehen gedeutet und beobachtet. Wer sie aber individuell einbezieht, kann erst recht eigentlich tun. Sie verbinden sich grammatikalisch zum Verb, zum Zeitwort — Tätigkeitswort.

    3)
    sind die Urformen des Zeitworts: sein, haben und werden, die Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft verbinden (grammatikalisch auch die drei Formen: modal, intransitiv und transitiv). Diese ursprüngliche denkerische Verbindung im geistigen Feld des Zwillings liegt jeder Entdeckung, wie auch dem Lernen und Werdegang zugrunde. Uranus ist der Schlüssel des Verstehens; Gegebenheiten werden ihm zur Information.
    6)
    Jeder Vorgang des Zeitwortes ist in der Konjugation auf jemanden der 6 subjekthaften Möglichkeiten der Gemeinschaft bezogen. Ich kann mir gehen nicht vorstellen, ohne daß ein Mensch oder eine Maschine geht. Kommunikationsfreudige Sprachen, wie die italienische, unterscheiden die sechsfältige Gemeinschaft im Geschehen ohne das persönliche Fürwort zu gebrauchen (die Beziehung zum Subjekt ist schon im Verb enthalten): leggo (ich lese), leggi (du liest), legge, leggiamo, leggiete, leggono. So ist Neptun (im Enneagramm) in der Waage der Kommunikator, — und jeder hat in einem bestimmten Lebensbereich die Fähigkeit menschliche Beziehungen zu knüpfen.
    9)
    Die Neun stellt in der Grammatik die gesamte Palette des Tätigkeitsworts dar: 3 Zeiten, 3 Modi, aktiv, passiv oder neutral und, was dem denkenden Menschen allein vorbehalten ist, eine Möglichkeit zu erkennen und Bedingungen zu schaffen um sie zu verwirklichen. So ist Pluto in der Wassermannzeit der große Erfinder und Regisseur der Vorgänge in der Technik, der plant und die Abwicklung steuert. Auch im persönlichen Horoskop sind wir irgendwo Regisseur, vielleicht im Haushalt, im Büro oder im Seminar, deren Abwicklung uns obliegt.

In dieser kurzen Form kann ich nur Anregung zur Überlegung geben. In meinem Buch Anlage als Weg führe ich Schritt für Schritt in das Verständnis des Enneagramms im Tierkreis ein.

Wenn wir das Enneagramm im Tierkreis betrachten, sehen wir, daß die Zeichen des Wollens nicht planetarisch bestimmt sind. Das Wollen des Menschen ist frei. Möge er diese Freiheit wahrnehmen.

Wilhelmine Keyserling
Die Zahlen als Schöpfungsprinzipien · 2000
© 1998- Schule des Rades
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