Schule des Rades

Hermann Keyserling

Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt

Vorwort zur deutschen Ausgabe

America set free

Das Original dieses Werkes ist englisch geschrieben und für Amerikaner bestimmt. Allezeit war mir beim Schreiben die besondere Mentalität dieser Leserschaft gegenwärtig; nie ging ich von deutschen Voraussetzungen aus; dementsprechend erwies sich sogar der ursprüngliche Titel America set free als unübersetzbar. Was soll unter diesen Umständen eine deutsche oder überhaupt eine nicht-amerikanische Ausgabe? Die Antwort ergibt sich daraus, daß wir heute im gleichen Verstand in der nordamerikanischen Geschichtsperiode leben, wie es einmal eine ägyptische, hellenische, römische, germanische, französische und englische gab. Dies will sagen: heute handelt es sich nicht etwa darum, die Vereinigten Staaten anzuerkennen oder abzulehnen, sondern umgekehrt: nur insofern sie sich jenen gegenüber behaupten, können die übrigen Kulturgeister historische Bedeutungsträger bleiben. Solche Behauptung setzt aber Auseinandersetzung voraus. Insofern geht jedes, selbst das geringste vitale Problem der Vereinigten Staaten uns alle an.

Die Tatsache, daß wir heute in der nordamerikanischen Geschichtsperiode leben, bedingt insbesondere, daß die Voraussetzungen des Lebens sich gewandelt haben — nicht anders, wie sie seinerzeit dank dem Sieg des Christentums, gegenüber der Antike, anders wurden. Hier nun liegt das für Deutschland entscheidende Moment. Die Zeit des deutschen Idealismus ist ebenso unwiederbringlich um wie die des klassischen Hellas. Das allermeiste, was heute immer noch in dessen Geist gedacht und geschrieben wird, ist letztlich ebenso belanglos wie die Dialektik der Schulen von Athen nach Kaiser Konstantin. Wir leben in der Zeit des radikalsten Realismus aller Zeiten. An anderer Stelle hieß ich sie das Zeitalter des erdbeherrschenden Geistes. Dieser Realismus bedeutet die erste ganz unbefangene Hinwendung des Geistes zu seiner wahren Aufgabe, nämlich der, dieses Leben zu vergeistigen. Demgegenüber bedeuten Weltferne und Weltflucht bestenfalls günstige Vorstufen. Wer in ihnen noch heute, nachdem Idealismus aller Art sein Werk vollbracht, noch höhere Zustände sieht, der ist kein höherer Mensch: es gebricht ihm einfach an Einsicht.

Der Geist der Vereinigten Staaten nun entspricht durchaus der neuen Zeit. Nur stellt er in seiner heutigen Gestalt eine Embryonalphase dar. Dementsprechend schrieb ich dieses Buch ursprünglich in der Absicht, den Amerikanern den Weg zur echten Selbstverwirklichung zu ebnen. Beinahe alle ihre Probleme sehen sie bis heute falsch, die meisten ihrer bewußten Zielsetzungen sind bedenklich. Nichtsdestoweniger ist ihre Grundfragestellung in beinahe allen Fällen fruchtbarer als die der Alten Welt. Insofern sie mit weniger Tradition belastet sind, können sie das, was heute not tut, unbefangener und unmittelbarer schauen. Nun mag man fragen: wie soll für Amerikaner Formuliertes, selbst wenn die Vereinigten Staaten die Zukunft für sich haben, Deutschen nützen? Die Antwort darauf lautet wie folgt. In fremdartiger Fassung wirkt das, was einem selber helfen kann, am anregendsten. Daher das Befremdliche aller religiösen Meditationssymbole. Daher der so fruchtbare Einfluß des östlichen Geistes in jüngster Zeit. Wir alle leben ja, ob wir es wissen oder nicht, im Zeitalter jener neuartigen Geistigkeit, das ich im letzten Kapitel dieses Buchs so genau, als dies schon möglich scheint, bestimme. So gibt es kein amerikanisches Problem, das nicht zutiefst auch unser Problem wäre. Dies ist der innere Grund jener Amerikanisierung, die trotz alles Geschimpfes überall unaufhaltsam um sich greift. Doch Europa, Deutschland an der Spitze, amerikanisiert sich heute vor allem in falschem Sinn. Da erscheint denn die Richtigstellung der amerikanischen Problematik, die dieses Buch versucht, unmittelbar als deutsche Angelegenheit. Selbstverständlich wird Deutschland nie eine Provinz Amerikas werden; inwiefern dies ausgeschlossen ist, und inwiefern Europa, und innerhalb seiner an erster Stelle wiederum Deutschland, eben jetzt die größte Bedeutungsmöglichkeit seiner ganzen Geschichte blüht, habe ich im Spektrum Europas gezeigt. Aber Europa wird auf seinem neuen Weg dann erst zielsicher fortschreiten können, nachdem es dank Auseinandersetzung mit den Vereinigten Staaten eine Wiedergeburt erlebt hat. Und da diese Auseinandersetzung auf schlechthin allen Gebieten nottut, geht, noch einmal, schlechthin jedes amerikanische Problem Europa unmittelbar an.

Doch noch aus einem anderen Grunde wünsche ich diesem Buch recht viele deutsche Leser. Insofern ich es für wesentlich offene und einfache Seelen ohne deutsch-gelehrten Hintergrund schrieb; insofern ich, der Verständlichkeit halber, nicht nur implizite sondern auch explizite einen großen Teil meiner allgemeinen Welt- und Lebensanschauung vortragen mußte, enthält Amerika die erste wirklich allgemeinverständliche Darstellung meiner Philosophie. Ja in seinen letzten Kapiteln enthält es mehr: die Quintessenz dessen, was ich über die Probleme der Moral, Kultur und Spiritualität zu sagen habe. Zumal das Grundsätzliche des Schlußkapitels habe ich an keiner früheren Stelle so unmißverständlich ausgesprochen.

Zum Schluß möchte ich noch meiner Mitarbeiterin Therese Dürr öffentlich Dank sagen. Sie half mir bei der Redaktion des englischen Texts. Nun hat sie gleiches auch beim deutschen getan. In vielen Sprachen zu denken und zu schreiben fähig, bin ich zugleich außerstande, zu übersetzen. Frau Dürr nun hat America set free für mich ins Deutsche übertragen. Ihren Urtext habe ich alsdann in meinen Stil umgegossen, bei welcher Gelegenheit ich manches kürzen, konzentrieren und sonst verbessern konnte.

Darmstadt, im Sommer 1930Hermann Keyserling
Hermann Keyserling
Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt · 1930
Der Aufgang einer neuen Welt
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