Schule des Rades

Hermann Keyserling

Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt

Die amerikanische Landschaft

Regionalismen

Überschauen wir nunmehr in Form einer kurzen Skizze die Partikularismen und Provinzialismen und Regionalismen, welche innerhalb der Vereinigten Staaten bereits in Erscheinung treten. Hier bin ich natürlich auf den engen Kreis meiner eigenen Erfahrungen beschränkt; aber da es sich mehr um Typen und Symbole als um Tatsachen handelt, wird, denke ich, das Folgende zum Zweck einer allgemeinen Orientierung genügen. Meine Vortragsreise vom Jahr 1928 führte mich in sämtliche Teile der Vereinigten Staaten. Überall war es nicht nur mein hauptsächliches, sondern mein eines Bestreben, mit dem genius loci Fühlung zu gewinnen. Als ich meine Reise antrat, war ich natürlich auf jene Gleichförmigkeit gefaßt, von welcher jeder Besucher berichtet. Doch zu meiner Überraschung fand ich, daß trotz der kurzen seit der Gründung der meisten Städte verstrichenen Zeit und trotz des gemischten und nomadischen Charakters eines beträchtlichen Prozentsatzes ihrer Bewohner, jede Stadt eine ausgesprochen individuelle Atmosphäre hat; die Gleichförmigkeit besteht nur an der Oberfläche. Zunächst erscheint Amerika schon heute in große Provinzen verhältnismäßig einheitlichen Charakters aufgeteilt; in Provinzen, aus denen in früheren Zeiten und unter anderen Verhältnissen zweifelsohne verschiedene Kulturen hervorgegangen wären. Da ist Neuengland, der Osten, der Norden, der Mittelwesten, der an den Mittelwesten grenzende Süden, der Süden im wahren geographischen Verstande, und der Ferne Westen. Aber innerhalb dieser Provinzen hat fast jede Stadt ihren eigenen Geist, so daß ich auf meiner Reise fortwährend der Morgenröte der europäischen Kultur gedenken mußte, da die germanischen Nomaden gerade anfingen, sich in Zentren wie Köln, Worms, Nürnberg, Paris, Carcassonne niederzulassen. Betrachten wir als erstes Beispiel Dallas in Texas. Dieser Teil Amerikas kann als der jüngste bezeichnet werden, weil er gewissermaßen diesseits der Entdeckung des Werts des Petroleums aufzublühen begann, um welche Zeit sich zugleich die erste Kraft der Leidenschaft für Wolkenkratzer, Etagenhäuser und bloßes Tempo erschöpft hatte. Dagegen lebte noch die Romantik des Cowboy und der Prärie, und ganz nahe begann das Gebiet von Mexikos alter Kultur. Dieses Zusammenwirken verschiedener Ursachen und Traditionen hätte leicht ein höchst unerfreuliches mixtum compositum hervorbringen können. In Wahrheit besitzt Dallas schon heute einen bezaubernden genius loci. Auf der Ebene des Materiellen dominiert selbstverständlich das Petroleum. Aber das Privatleben hat schon einen menschlichen Zauber entwickelt, der mit der herrlichen Landschaft durchaus in Einklang steht. In den Seelen der Bewohner spürt man etwas vom großen Zug der Prärie, die Anfänge eines angeborenen Geschmacks auf dem Gebiet der Sichtbaren, wie man ihn etwa beim Italiener findet, und einen Lebensüberschwang, der zu gleichen Teilen von der üppigspendenden Sonne des Südens und den Aussichten auf Reichtum dank dem Zusammenwirken von Mensch und Erde herrühren mag. Es sollte mich überraschen, wenn Texas nicht nach wenigen Jahrhunderten eine eigenartige Kultur hocherfreulichen Charakters hervorbringen sollte — um so mehr als dieser Staat die Wunder der Wüste, liebliches waldiges Hügelland und die grandiose Prärie umfaßt, alles dies unter dem Zauber des uralten Kulturgeistes von Mexiko.

Werfen wir jetzt, als Gegenstück zu Texas, einen Blick auf Minnesota. Es scheint eine Fügung zu sein, daß dieser Staat so stark von Schweden kolonisiert ward, denn die Landschaft trägt wesentlich schwedisches Gepräge. Darum wird der Schwede hier am leichtesten bodenständig. Die Atmosphäre von Minneapolis ist durchaus echt; sie ist im Grunde schwedisch und doch entschieden amerikanisch. Dieser Umstand mag eine sehr vielversprechende Entwicklung einleiten. Man vergesse nicht, daß Schweden und Finnland in vielen Hinsichten die (im amerikanischen Verstand) modernsten Länder Europas und dabei Kulturländer sind.

Überfliegen wir nunmehr einige hundert Meilen und richten wir unseren Blick auf Missouri. Dieser Staat bezeichnet ein Grenzland zwischen dem Mittelwesten und dem Süden. Aber diese allgemeine Angabe trifft den Kernpunkt nicht. Der Missourianer ist vor allem Missourianer; und dies bedeutet nicht nur, wie es im Volk heißt, daß er ein Ding erst sehen will, ehe er daran glaubt, und daß er argwöhnisch ist und was er hat zusammenhält, er ist wesentlich in Missouri bodenständig; er ist der einzige mir bekannte Amerikaner, der die guten Eigenschaften des Bauern1 hat. Missouri ist nicht allein einer der reichsten, sondern einer der schönsten Staaten der Union; im Herbst muß die Landschaft zauberhaft erscheinen in ihrem bunten Laubschmuck. Daher ist denn schon heute die psychische Atmosphäre der Städte Missouri’s eine der Harmonie; sie gemahnt an Frankreich im Gegensatz zu Deutschland. Diesem Umstand verdankt der eigenartige Frohsinn von St. Louis seine besondere Anziehungskraft.

Neuengland hat den großen und sehr eigentümlichen Reiz einer sterbenden Kultur. Es ist leider unwahrscheinlich, daß diese sich nur noch hundert Jahre erhalten wird; um so weniger als sie vom Standpunkt der Erde ein Künstliches ist. Sie war fast ausschließlich geistgeboren; nur eine Art ätherisch-lyrischer Stimmung scheint der eigenartig verschwimmenden Schönheit dieses Landes zu entsprechen. In kommenden Jahrhunderten wird Amerika wahrscheinlich das wichtigste, weil bleibende Werk Neuenglands darin sehen, daß vor allem seine Söhne den Süden und Mittelwesten besiedelten. Die Entwicklungslinien, welche amerikanische Geschichtsschreiber von den vergangenen kulturellen Erreichnissen Neuenglands zum gegenwärtigen und künftigen Zustand Amerikas zu ziehen pflegen, sind meinem Dafürhalten nach samt und sonders falsch. Die Kultur Neuenglands war etwas in sich Abgeschlossenes; sie war schön, aber wesentlich unfruchtbar; und selbst heute empfängt alles, was in Amerika vital ist, von Boston wenig mehr als von Athen; was neuenglischen Ursprungs zu sein scheint, entstammt tatsächlich der allgemein-puritanischen oder der europäischen Kultur. Es sollte mich nicht wundern, wenn Neuengland als wesentlich irisches Land endete, weniger wegen des stetig steigenden Prozentsatzes aus Irland stammender Bewohner, als wegen einer prästabilierten Harmonie zwischen dem irischen Temperament und der neuenglischen Landschaft.

Fliegen wir nunmehr über den Kontinent zum Fernen Westen hinüber. Kalifornien ist so jung, daß es beinahe unmöglich scheint, irgend etwas über seine Zukunft vorauszusagen. Es ist nicht wahrscheinlich, daß seine heutigen Haupteigenarten — zum Beispiel, daß es nicht nur die meisten Apfelsinen und Tomaten der Welt, sondern auch die meisten Welterlöser produziert — als für die Dauer bestimmend beibehält. Heute zeigt die Bevölkerung merkwürdig viel Symptome von Hysterie; und dies kann — da das Klima ausgezeichnet ist — kaum anderes bedeuten, als daß die heutigen Bewohner ihrer Umwelt noch wenig angepaßt sind. Dieser Übergangszustand wäre wohl dann allein zu vermeiden gewesen, wenn das Land durch Südeuropäer besiedelt worden wäre. Es ist aber undenkbar, daß sich unter diesem lichten, belebenden Himmel, in dieser einzigartig elektrischen Atmosphäre nicht früh oder spät ein entsprechender Menschentyp entwickeln sollte. Dieser müßte sich alsdann vom Eingeborenen aller anderen Teile der Vereinigten Staaten erheblich unterscheiden. Ich bin nicht sicher, ob er sich je als Kulturtypus darstellen wird; vielleicht hätte sich in der strahlenden Atmosphäre der griechischen Inseln und Meere keine Kultur je entwickelt, wäre das klassische Zeitalter eine Epoche der Naturbezwingung gewesen, da das Leben für alle leicht war, und ein demokratisches Zeitalter obendrein. Letztere Umstände hätten weit eher einen den Hawaiianern ähnlichen Typus gezeitigt. Doch nur ganz wenige Völker haben je echte Kulturen hervorgebracht, und viele sind trotzdem groß gewesen. Was ich aus der psychischen Atmosphäre Kaliforniens erfühlen konnte, war dies: daß es von einem primitiven Menschenschlag bewohnt wird; in ihm lebt mehr vom Geist des Grenzers als in jedem anderen Amerikaner. Andererseits aber besitzt er einen angeborenen Schönheitssinn. Und er hat so etwas wie Champagner im Blut. Daraus mag einmal ein Wein ganz anderer Blume werden, als irgendein anderes amerikanisches Gewächs, das unter allen Umständen, als Gegensatz und Kontrapunkt zum Bourgeoisen des östlichen, nördlichen und mittelwestlichen Lebens, im Zusammenhang günstig wirken wird.

San Francisco ist natürlich ein Ding für sich. Seine Atmosphäre ist eine überaus glückliche und anziehende Kreuzung von Fernem Westen und Fernem Osten; es ist der anziehendste internationale Seehafen, den ich kenne; in künftigen Jahrhunderten, wenn Amerika eine eigene Kultur entwickelt haben wird, mag es noch eine ähnliche Rolle spielen, wie Alexandrien in der Römerzeit — der ägyptische Einschlag im griechischen Alexandrien wäre hier durch die Chinesen und Japaner vertreten. Von Anfang an war es eine Stadt des Behagens, wenn nicht gar des Luxus. Der grimmige Puritaner hat dort nie eine bedeutende Rolle gespielt. Dies lag anfangs daran, daß diese Vertretern der Völker zufiel, denen das Leben in erster Linie ein Erfreuliches ist, nämlich den Lateinern. Doch die verschiedenen Rassen begannen bald zu verschmelzen, und das Ergebnis ist eine allgemeine Atmosphäre des Behagens, des Froh- und Leichtsinns, kurz das gerade Gegenteil dessen, was man in Boston spürt — und doch ist San Francisco nicht minder echt amerikanisch.

Dies führt mich zu einer kurzen Schilderung der Städte, deren genius loci weniger amerikanisch im Sinn des Typusgerechten ist, die aber gerade darum wie Sauerteig oder wie Gewürze innerhalb der Gesamtatmosphäre wirken — sei es auch nur als eine Art Tabasco, jener Pfefferart, deren Feuer zweifellos seiner übermäßigen Glut wegen aus der Hölle verbannt ist. Da wir uns gerade im Fernen Westen befinden, so beginnen wir mit Los Angeles. Diese Stadt, so wie sie sich heute darstellt (sie war ganz anders, als ich sie 1912 besuchte, und mag sich wiederum ändern), hat die unwirklichste Atmosphäre, die ich jemals atmete; wahrscheinlich ist Hollywood zu Erlösungszwecken gerade dort gegründet worden: nach dem mathematischen Gesetz, daß die Multiplikation zweier negativer Größen eine positive ergibt, kann nur der offen eingestandene Wille zur Unwirklichkeit der Filmstadt dem, was wesentlich Phantasmagorie ist, Wirklichkeit verleihen. Los Angeles ist deshalb die unheimlichst unwirklichste mir bekannte Stadt, weil ihre psychische Atmosphäre hauptsächlich aus den Emanationen des unwirklichsten, gespensterhaftesten Menschentyps der Welt besteht: des Typus des — im Ruhestand lebenden Amerikaners. Ein moderner Amerikaner kann sich zu keinem guten Ende in einer Art Pseudo-Riviera zur Ruhe setzen. Noch gibt es auf diesem Kontinent keine Klasse der Unbeschäftigten; Muße als mögliche Lebensform wird noch nicht anerkannt; vor allem fehlen der Klasse Menschen, die unter den nach Los Angeles sich Zurückziehenden vorherrschen, jene Kulturinteressen ganz, die unter den Vertretern jedes älteren Volks zu finden sind und eine Erholungsstätte überall sinn- und reizvoll gestalten, sobald sie einen integrierenden Bestandteil der Atmosphäre bilden. Die überwiegende Mehrheit gehört dem Babbitt-Typus an. Sie haben es sich in den Kopf gesetzt, sich als im Ruhestand lebende Gentleman großartig zu amüsieren, und sie wähnen es zu tun — tatsächlich jedoch langweilen sich die meisten zu Tode. Sie wissen absolut nicht, was sie mit ihrer freien Zeit anfangen sollen.

Aber vielleicht ist dieses überwältigend komische Element als Bestandteil des allgemeinen Amerikanerlebens notwendig und gesund. Dieses Leben ist im ganzen zu ernst in dem Verstand, daß die meisten Amerikaner sich selbst zu todernst nehmen. Es wäre ihnen heilsam, wenn sie sich als Volk entschließen wollten, Los Angeles als eine Stätte anzusehen, über die man gutmütig lacht. Dies wird ihnen vielleicht auch zur Entwicklung echten Humors verhelfen. Denn dieser fehlt den Amerikanern in erstaunlichem Maß, was immer sie selber darüber denken. Man kann das Wort natürlich verschieden anwenden; soll aber Humor die Bedeutung haben, die das Wort von je in allen Kulturwelten gehabt hat, dann ist das, was die Amerikaner Sinn für Humor heißen, weiter nichts als eine Vorliebe für Witzereißen und passive Freude daran, und diesen Witzen fehlt fast immer die Pointe. Nur der hat Humor im wahren Sinn, der einem tiefen, ja tragischen Widerstreit von der Höhe eines wohlwollenden und serenen Geistes herab Ausdruck zu geben weiß. Er hat das göttliche Lachen dessen, welcher den Dingen, die der Durchschnittsmensch so schauerlich ernst nimmt, innerlich überlegen ist. Dementsprechend kann es eine hohe Art Humor nicht geben, wo nicht geistiges Verstehen den Grundton bildet. Deswegen muß der alt-chinesische Humor als der höchste aller Zeiten gelten. Deswegen ist echter Humor nicht allein Proportionsgefühl an sich, wie die Engländer meinen — er ist ein durch einen scharfen Sinn für spirituelle und intellektuelle Werte von innen her beherrschtes Proportionsgefühl. In dem nun, was die Amerikaner Humor nennen, ist nicht die leiseste Spur dieser Art des Verstehens zu entdecken. In ihrem Fall bedeutet Humor nicht mehr als ein Mittel, um die wirklichen Lebenskonflikte zu ignorieren, so wie der Verbrecher auf dem Schafott seine letzten Augenblicke oft dazu benutzt, den Gleichgültigen zu spielen, oder aber um Verdrängungen oder Minderwertigkeitsgefühle abzureagieren. Ein weiteres Zitat aus dem Buch The American Mind in Action (pp. 33-35)

Der amerikanische Humor ist, was die Wissenschaft einen folkway heißt. Er ist ein verkappter Ausweg für verdrängte Gefühle. In seiner rohesten Form befreit er von unterdrücktem Haß — wie zum Beispiel beim Schabernack, der seinem Opfer einen Schaden zufügt, ihn aber zwingt, über sein eigenes Mißgeschick mitzulachen, wenn er als good sport betrachtet werden will. Der Witz verkleidete die böse Absicht, aber jene Absicht ist die unbewußte Veranlassung des Witzes, und das Opfer zeigt, daß es das versteckte Motiv erkennt, wenn es mit unterdrücktem Zorn und Feindseligkeit darauf reagiert. Die amerikanische Karikatur ist eine Form dieses grausamen Humors. Im Schauspiel und Film erscheint er als Slapstick-Komödie. Die populäre Filmkomödie ist fast barbarisch grausam. Und im Garderobenzelt des Zirkus kann man den müden verbrauchten Clown klagen hören: Wenn ich herunterfallen und mir das Genick brechen würde, würden sich diese Kerle totlachen. Es ist, als haßten sie ihn fast, und ihr Gelächter bei seinen Mißgeschicken klingt grausam, weil sie in diesem Lachen unterdrückten, durch die zivilisierten Moralkonventionen aufgespeicherten Haß ableiten. Je größer die Verdrängungen, desto lauter das Gelächter. Humor ist eine ins Auge fallende Eigentümlichkeit des amerikanischen Lebens, weil hier die Verdrängungen so allgemein sind. Mark Twain hat einen Brunnen von Haß und Auflehnung im Unbewußten seiner Generation angebohrt, und sie hat ihn wie eine Petroleumquelle dafür bezahlt … Sein Minderwertigkeitsgefühl ließ ihn seine Satire hinter Possenhaftigkeit verbergen — das heißt, wenn er seine Leser verspotten wollte, verspottete er sich selbst, und der Leser lachte über seine eigenen Lächerlichkeiten, die ihm als diejenigen Mark Twains hingestellt wurden. Sein Minderwertigkeitsgefühl ist es, das seinen Humor gutmütig erscheinen läßt. Der Lacher spielt sich selbst gewissermaßen einen Schabernack und freut sich seines eigenen Mißgeschicks. Indem er über seine Mängel lacht, fühlt er sich ihnen überlegen und entgeht seiner eigenen Mißbilligung dieser Fehler. Es ist dies die Eigenart des amerikanischen Humor, welche Rudyard Kipling in seinen Zeilen über des Amerikaners zynischen Teufel — der ihm den Sumpf seiner Verzweiflung vergoldet, aber das Ziel seiner Sehnsucht verdunkelt, angriff. Der Reformator nimmt den Sumpf in Angriff, um ihn trocken zu legen, statt über ihn zu lachen; und der typische Amerikaner beklagt sich immer, daß seine Reformatoren keinen Sinn für Humor hätten. Hätten sie Humor, würden sie eben sehr wahrscheinlich keine Reformatoren sein.

Und nun zu New Orleans. Nirgends ist mir die absolute Überlegenheit wahrer Kultur so deutlich geworden wie dort. Der Prozentsatz der heute in der Stadt lebenden Franzosen ist sehr klein. Dennoch ist diese von der Tradition des 18. Jahrhunderts getränkt; noch immer verdankt sie ihren ganzen Zauber und ihren ganzen Wert dem Sauerteig Altfrankreichs. New Orleans ist die einzige Stadt Amerikas, wo das Kochen als Kunst gilt, und ich schließe mich durchaus der Meinung Langdon Mitchells an, wenn er sagt, daß schlechte Küche und die Art, wie die Leute sich mit ihr abfinden, gewaltige Hindernisse auf dem Weg zu einer amerikanischen Kultur darstellen. Ich persönlich gehe so weit, eine ursprüngliche Kochbegabung — oder aber eine Erziehung zum Verständnis ihres Wertes — kulturell für wichtiger als irgendeine Erziehung im gewöhnlichen Verstand zu halten. Denn da Hunger und Durst die elementarsten Triebe des Menschentieres sind, so bedeutet ihre Verknüpfung mit ästhetischen Werten mehr für Vergeistigung im allgemeinen, als jede intellektuelle und moralische Erziehung. Zweifelsohne ist eine hohe Kultur auf der Grundlage eines einfachen Lebens möglich; diese Kultur ist aber die schwerst zu erringende; der Fall ist dem der Einfachheit klassischer Kunst analog. Das Beispiel des Trinkens ist vielleicht noch einleuchtender als das des Essens. Freilich ist es möglich, ein kultivierter Mensch und zugleich ein Wassertrinker zu sein; auf der Grundlage der Abstinenz kann sogar hohe Kultur erblühen. Dann aber muß das ganze Qualitätsgefühl und Unterscheidungsvermögen, das der Weinkenner den Jahrgängen zuwendet, auf die Unterscheidung der verschiedenen Wassersorten gerichtet werden. Es ist dies eins der Wunder, die wir an den größten Vertretern der islamischen Kultur bestaunen müssen: sie unterscheiden zwischen Wassern und Quellen, wie Europäer zwischen Weinmarken. Wer aber bloß Eiswasser trinkt und sich daraufhin dem Weintrinker überlegen fühlt, unterliegt einem traurigen Irrtum; in seiner seelischen Entwicklung steht er tief, tief unter dem Falstaff-Typus, sofern dieser in erster Linie die Qualität und nicht die Quantität schätzt.

Ich möchte diese Gelegenheit wahrnehmen, um einmal ganz deutlich zu machen, in welch erschreckendem Maß die öffentliche Meinung in Amerika über diese grundlegenden Dinge irregeführt wird. Sauberkeit und Reinheit gelten drüben als das A und O der Qualität. Gewiß sollen Nahrung und Getränke sauber sein. Das hat aber grundsätzlich nichts mit der Ausrottung der Bakterien zu tun. Die Symbiose, nicht der Kampf zwischen Bakterie und Mensch, ist das Urphänomen; die meisten dieser winzigen Wesen sind nicht nur unschädlich, sie sind unentbehrlich für einen gesunden Stoffwechsel; nur wenn sie gereizt werden, verstimmen sie sich zu Krankheitserregern. Ferner unterliegt kein Organismus einer Krankheit, zu der er nicht prädisponiert ist. Nun ist, außerordentlich viel von dem, was Wohlgeschmack bedingt, auf das Zusammenwirken der Bakterien zurückzuführen; man gedenke nur der verschiedenen Gärungsprozesse. Was kann sonach die allgemeine Folge sein, wenn alle Nahrung sterilisiert wird? Wahrscheinlich Verlust des Nährwerts — alle Tiere leben von Rohkost — sicher jedoch Einbuße an Geschmack. In Kalifornien werden jetzt Datteln auf Bäumen gezüchtet, die von den anerkannt besten afrikanischer, arabischer, syrischer und mesopotamischer Züchtung herstammen. Aber diese amerikanischen Datteln, soweit sie in den Läden verkauft werden, sind fast ganz geschmacklos; das heißt, sie sind so großartig sterilisiert, daß die geschmackschaffenden Bakterien vernichtet wurden, oder aber ihr Werk durch chemische Prozesse zerstört ward. Das Ergebnis ist ähnlich wie das der Reinigung kostbarer, mit Patina überzogener alter Gefäße durch eine derbe Scheuerfrau.

Doch kehren wir zu New Orleans zurück. Dieser eine Ort Amerikas mit großer Koch-Tradition verdankt seinen Charakter dem französischen Element. Doch dessen wohltätiger Einfluß ist hiermit nicht erschöpft: durch ihn wird selbst dem Amerikanismus in New Orleans ein Glorienschein von Schönheit zuteil. Ich verbrachte eine ganze Nacht damit, in den Markthallen und Docks zu lustwandeln, wo Gemüse und Früchte in überwältigenden echt amerikanischen Mengen ein- und ausgeladen und im Groß- und Kleinhandel verkauft werden. Doch das exquisite Schönheitsgefühl der Franzosen hat gesiegt und beherrscht nun sogar diese ungeheuerliche Materialmasse. Die Abermillionen von Rettichen, Bohnen, Bananen, Apfelsinen usw. wirken in ihrem Aufbau wie ebensoviel künstlerisch gefügte Blumensträuße; ein Gang durch die Markthallen von New Orleans bei Nacht gewährt wahrscheinlich das Höchstbild kulturentsprossener Schönheit, das in den ganzen Vereinigten Staaten zu finden ist. Die Franzosen sind das zäheste aller Völker. Diese Verschönung amerikanischer Märkte beweist, daß das französische Qualitätsgefühl, wohl auch herausgefordert durch die amerikanische Massenproduktion, mehr denn je entschlossen scheint, zu leben. Nun ist es nicht wunderbar, daß Amerika eine Großstadt solch eingewurzelter Kultur besitzt? Sie wird in Bälde rein amerikanisch sein, wenn auch natürlich von südlicher, gar tropischer Eigenart. Doch der französische Sinn für Qualität wird in ihr weiter wirken, nicht nur als Sauerteig, sondern als bestimmend gestaltender Einfluß. Es kommt vielleicht — hoffentlich — eine Zeit, da New Orleans auf die Amerikaner mehr Anziehungskraft ausüben wird als New York. Kommt es dahin, dann würden die Amerikaner jener im gleichen Verstand den Vorzug geben, wie jeder kultivierte Deutsche München, von Wien zu schweigen, höher schätzt als Berlin.

Und nun sind wir bereit, uns Chicago zuzuwenden, jener unheimlichsten Stadt der ganzen Welt. Wenn es je ein Ding an sich gab, dann ist es Chicago. Es ist nicht Amerika, es ist eben Chicago. Andererseits aber: dehnt es sich weiter aus mit der bisherigen kluggeleiteten Energie, dann mag es noch einmal die gesamten Vereinigten Staaten aufschlucken. Die Atmosphäre der Stadt ist nicht erfreulich; was ich 1912 darüber schrieb unter dem Eindruck der Erlebnisse von nur zwei Tagen, während welcher ich mit keiner Menschenseele redete, ist wahr; heute wahrer sogar als damals. Und hier ist der genius loci zweifelsohne vom Menschen und nicht von der Umwelt geschaffen, welch letztere denkbar schön ist; Lake Shore Drive könnte sich, was Schönheit angeht, mit der Küstenlinie von Neapel messen. Soweit ich feststellen konnte, ist die Atmosphäre von Chicago vorwiegend aus den folgenden Elementen zusammengesetzt: erstens dem parasitischen Wachstum eines Dinges an sich, das von jeder nicht dem Gebiet technischer Expansion zugehörenden amerikanischen Tradition fast unabhängig ist. Dies wiederum ist zurückzuführen auf die Zusammendrängung einer in ihrer Mehrzahl fremden Bevölkerung, deren tüchtigste Mitglieder deutscher Abstammung sind. Daraus ergibt sich eine seltsame Konvergenz zwischen Chicago und dem modernen Berlin; die typischen modernen Berliner sind in der Tat den Deutschamerikanern ähnlicher als den Deutschen traditioneller Kultur. Man spürt in Chicago keine Spur von Angelsachsentum. Seine Sonderart von Tüchtigkeit ist deutschen Geistes; gleiches gilt von seiner besonderen Unwirklichkeit. Chicago gleicht einer Stadt des Jahres 3000 n. Chr., wie sie in Deutschland hergestellte Films vorausahnen. Irrealität des Geistes ist ja, wie ich im Spektrum Europas gezeigt habe, eine der Haupteigenschaften der Deutschen, während das gerade Gegenteil vom Angelsachsen gilt. Hier liegt der Seinsgrund jenes Geisterhaften, das man nicht umhin kann, in der Atmosphäre von Chicago zu spüren; es liegt ein Geisterhaftes sogar im maschinenmäßigen Massenschlachten in den stockyards. Man fühlt: gibt es eine Hölle, dann würde solch mechanisches Hantieren mit dem Mysterium des Todes daselbst als Greuel verurteilt werden. Daher hat auch der Mensch von Chicago etwas Unwirkliches; auch er würde in einem Film natürlicher wirken, denn als Wesen von Fleisch und Blut. Dagegen stimmt das Phantomartige von Chicagos Verbrechertum gut zur allgemeinen Atmosphäre einer Filmstadt. Ich entsinne mich einer Abendgesellschaft, bei der ein Herr sich plötzlich auf einige Stunden entschuldigte. Wir fragten ihn, was denn im Gange sei? Er erwiderte:

Vor einigen Tagen drang eine Bande mit Revolvern gegen zehn Uhr vormittags in mein Bureau ein (er war Bankier) und nahm alles, wessen sie habhaft werden konnte, mit. Natürlich war es zwecklos, sich an die Polizei zu wenden. Heute nun ward ich verständigt, daß wenn ich um zehn Uhr abends an einem angegebenen Ort erscheinen wolle, vielleicht ein gentleman agreement zu erzielen wäre.

Ich glaube, das Verbrecherwesen von Chicago, welches abenteuerlicher ist als alles, was man in Abenteurerromanen liest, hat seinen Urgrund mehr in der allgemeinen Atmosphäre von Unwirklichkeit als in der Zahl der dort lebenden Italiener. Wohl hat Chicago eine gewisse Ähnlichkeit mit dem vor-mussolinischen Neapel und Palermo, aber auch in anderen Städten gibt es Italiener, ohne daß dies jedoch zu Chicagoer Zuständen führte. Die liegen wohl folgendermaßen: Trotz aller Mechanisierung ist der Mensch eben doch ein lebendes Wesen, und ein Menschenwesen obendrein, keine Ameise und keine Biene — deshalb braucht er ein Sicherheitsventil, wenn sein Leben über eine gewisse Grenze hinaus mechanisiert ist; dementsprechend erwarte ich von der fortschreitenden Zivilisation der Vereinigten Staaten eher eine Zu- als eine Abnahme des Verbrechertums. Doch wie dem auch sei — die scheinbare Mischung so unvereinbarer Elemente wie Berlin und Neapel stimmt gut zur allgemeinen Atmosphäre von Unwirklichkeit, welche Chicago kennzeichnet. Alles, was unverkennbar wirklich ist, ist unerfreulich. So ist Chicago der einzige Ort in der Union, wo man etwas von Kleinlichkeit, Bosheit und Mißgunst spürt. Und doch ist Chicago ein erstaunlich Ding. Und gerade weil es berlinisch ist, hat es zweifelsohne eine große Zukunft. Bleibt es nur das, was es heute ist, ein ungeheuerlich machtvolles Ding an sich, das nebenbei eine Menge allen zugute kommender Arbeit leistet, dann wird sein wachsender Kontrast zum übrigen Teil der Union zwangsläufig zu fruchtbaren Spannungen und Polarisierungen führen. Um so mehr als Chicago — wiederum ein Unheimliches und Unwirkliches — die wichtigste Stadt und die industrielle Metropole ausgerechnet — des Mittelwestens ist.

Und nun zu New York! Jeder intelligente Amerikaner erzählt heute dem intelligenten Europäer bei erster Bekanntschaft, daß New York nicht Amerika sei. Es ist tatsächlich nicht mehr repräsentativ, wie es dies so lange war, als die Amerikaner ausschließlich an technischen Fortschritt dachten und bevor der echte Eingeborene zu bewußtem Leben erwachte. Dennoch gehört New York ebenso notwendig zu Amerika, wie jede andere Stadt. Es ist Amerikas Clearing-House. Heute beherbergt es sicher mehr Ausländer als Inländer. Auch fehlt ihm jede einheitliche Atmosphäre. Dann hat sein Leben etwas Fieberhaftes; diese typische Eigentümlichkeit jedes Geschäftszentrums vom Wallstreettyp wird gesteigert durch das geradezu gräßliche Klima. Es ist nicht im geringsten anregend, es ist nur unbeständig, von einem Extrem zum anderen schwankend; es ist elektrisch, feucht, abspannend und aufpeitschend zugleich. Doch soviel der Schattenseiten sein mögen — New York bedeutet für Amerika nichts Geringeres, als Petersburg seinerzeit Rußland und Wien dem Nahen Osten bedeutete: es ist sein Europa zugewandtes Fenster. Hier treffen die Einflüsse der Alten und Neuen Welt zusammen; hier erwächst eins der ganz großen Menschheitshirne. Weshalb denn die besten Köpfe Amerikas sich in New York zusammenfinden. Das Verhältnis New Yorks zu Amerika ist sehr merkwürdig; es gleicht gar nicht dem von Paris zu Frankreich. Kein Ereignis von nationaler Bedeutung spielt sich je dort ab; New York repräsentiert vielmehr die Fortdauer des nicht-nationalen Lebens in den Vereinigten Staaten, welches allen, die nichts als Geschäftsleute sind, sowie allen Neueingewanderten naturgemäß am besten liegt. Aber gerade weil das echte Amerika sich unaufhaltsam zusammenzieht, bedeutet das Vorhandensein eines mächtigen New Yorks mit seinen weltumspannenden Interessen für die Vereinigten Staaten ein Notwendigeres, als es je eine Metropole irgendeines Staates war. Gäbe es kein mächtiges New York, so könnte es leicht passieren, daß George F. Babbitt selbst in der auswärtigen Politik bestimmend würde, was in Anbetracht der ungeheuren Macht der Vereinigten Staaten überaus gefährlich wäre. Zum Abschluß dieses kurzen Überblicks über Amerikas Vielfältigkeit seien noch ein paar Worte über Washington gesagt.

Auch diese Stadt macht einen unwirklichen Eindruck. Der Grund liegt in folgendem: ein politischer Mittelpunkt in einem wesentlich unpolitischen Land (was ich hier nur andeute, wird im Kapitel Privatismus seine Ausführung finden), muß irreal wirken. Überdies geben die Mitglieder des diplomatischen Korps im gesellschaftlichen Leben in hohem Grade den Ton an. Dank dem lebt in Washington scheinbar der Geist der Kolonialzeit fort, da große Herren das hergebrachte Leben des 18. Jahrhunderts in einer Neuen Welt weiterführten. Bewohnte zeitweilig ein Mann wie Calvin Coolidge das Weiße Haus, deutete dies nur eine Spezifizierung eines allgemeinen doxons, das auf seine Art auch Thomas Jefferson verkörperte. Dieser Mann, der meines Wissens die meisten Schlagworte über Gleichheit usw. erfunden hat, war selbst ein Grandseigneur des 18. Jahrhunderts, wie er im Buche steht. Als Staatsmann trat er für gleiches Recht für alle ein. Dies hinderte ihn aber nicht, Tunnels für den unmerklichen Durchgang seiner Sklaven in seinem Hause zu bauen; eine Erfindung, die einen Trimalchio entzückt hätte.

1Sehr bezeichnenderweise hat letzterer Satz einen Sturm der Entrüstung im Staat Missouri ausgelöst; es fanden Protestversammlungen auf den Universitäten statt, die Presse schäumte, ich hätte mich öffentlich zu entschuldigen. Wie ich in einer sehr höflichen Zuschrift an die St. Louis Post Dispatch erwiderte, es sollte mir sehr leid tun, wenn ich unrecht hätte, denn Bauer zu sein, sei in meinen Augen ein Ehrentitel und Wurzelechtheit allein verbürge Dauer, da wurde mir hochfahrend zurückgegeben, das Wort Bauer komme im Vokabular der Vereinigten Staaten nicht vor; seit der unsterblichen Unabhängigkeitserklärung sei die Entwicklung über den Bauern endgültig hinaus.
Hermann Keyserling
Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt · 1930
Der Aufgang einer neuen Welt
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME