Schule des Rades

Hermann Keyserling

Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt

Die amerikanische Landschaft

Pragmatismus

Wir haben nunmehr eine genügende Anzahl Koordinaten hingezeichnet, um das Wesen der amerikanischen Landschaft in ihren Grundzügen zu bestimmten. Aus den früher behandelten — eine Wiederholung erübrigt sich wohl — ergibt sich im Zusammenhang mit dem zuletzt Gesagten der folgende neue Zug. Dadurch, daß Amerika bis zum Weltkrieg sogar den wurzelechten Amerikanern, soweit Bewußtsein bestimmte, als das Land der Freiheit, das Asyl für alle oder als der Schmelztiegel, der unweigerlich alles zum Besseren in irgendeinem abstrakten Verstand verwandeln mußte, galt, war das amerikanische Denken von der Wirklichkeit in außerordentlichem Maße losgelöst und konnte infolgedessen keine schöpferische Wirkung ausüben. Auch heute noch stellt es ein Abstrakteres dar, als das irgendeines anderen Volkes; es denkt in rein abstrakten Wertbegriffen, sei es der Demokratie oder des Moralismus oder der Freiheit oder des Idealismus oder was sonst. Wohl entwickelte sich, als Gegensatz und Kompensation dazu, auf amerikanischem Boden gar bald eine im gleichen Verhältnis nüchterne und positivistischere Art, die Dinge und Werte zu beurteilen, als man sie irgendwo anders findet. Den Generalnenner der vielfältigen Erscheinungen, die ich hier meine, darf man füglich Pragmatismus heißen, wiewohl das, was ich mit dem Wort bezeichnen will, ein weit größeres Gebiet umfaßt, als jener besonderen Schule zugehört. Der entscheidende Gesichtspunkt, ist, daß der Wert alles Geistigen und Gedanklichen nach dem sogenannten pragmatischen Test beurteilt werden soll, dessen Begriff gewöhnlich sogar mit dem des Erfolgs in eins zusammengedacht wird. Gerade dieses Extreme der amerikanischen. Matter-of-factness beweist nun, daß es sich zutiefst um eine Kontrastideologie handelt: weil das amerikanische Denken traditionsgemäß zum reinen Abstrakten tendierte, wandte es sich bewußt desto ausgesprochener dem unmittelbar zu Greifenden zu. Aber wieviel bedeuten reine Abstraktionen drüben noch heute! Noch heute ist die amerikanische Nation von allen die idealistischste im Sinn des abstrakten Idealismus; sie ist so streng darin, so unnachgiebig und radikal wie ein Schulbub. Und dieser Idealismus wird durch die Ideologien der Neuankommenden immer erneut verstärkt, die aus reinem Selbstinteresse betonen müssen, daß die Vereinigten Staaten kein Land wie andere Länder und die Amerikaner kein Volk wie andere Völker sind; für sie ist Amerika einfach das gelobte Land der verwirklichten Ideale. Nichtsdestoweniger haben abstrakte Ideale als solche nur sehr wenig Macht. Wer dies vor dem Weltkrieg bezweifelt haben mochte, sollte seither eines Besseren belehrt sein. Als tatsächliches historisches Ergebnis haben Präsident Wilsons vierzehn Punkte Europa zugrunde gerichtet und das Bestehen der ganzen weißen Rasse gefährdet. Sie sind die geistigen Urheber des Bolschewismus, denn ohne den Gedanken an Selbstbestimmung der Völker und Wilsons völlige Nichtachtung historischer Zusammenhänge wäre es den Bolschewisten nie geglückt, den gesamten Osten zu revolutionieren, und nie vor allem hätten sie daran gedacht, das gleiche in Europa zu versuchen. Letztlich hat die zeitweilige Herrschaft rein abstrakter Ideale, ohne irgendwelchen Zusammenhang mit der Wirklichkeit, nur dies bewirkt: sie hat den irrationalen Mächten des Unbewußten eine in der modernen Geschichte einzig dastehende Wirkungsgelegenheit geboten. Gleiches gilt von Amerika selbst. Wäre der Idealismus der kultivierten Klassen weniger abstrakt gewesen, so hätte der Erdgeist nicht die Möglichkeit gehabt, sich in der urweltlichen Gestalt von Babbitt so machtvoll geltend zu machen.

So weit, so gut. Doch die Sache hat auch eine andere Seite. Religionen, deren Lehren außer jeden Zusammenhangs mit den herrschenden Lebenskräften standen, haben trotzdem die Erde beherrscht; hierfür bietet gerade das Christentum das beste Beispiel. Kein typischer Abendländer hat je auch nur im allergeringsten dem Typus geglichen, der in der Vorstellung der unmittelbaren Nachfolger Jesu als der Christ der Zukunft lebte. Und doch haben die christlichen Ideale an der Gestaltung unserer Welt gewaltig mitgewirkt. Wahrscheinlich hätte es keinen großen Unterschied bedingt, wenn die Völker des Ostens mit ihrer metaphysischen und passiven Veranlagung zum Christentum bekehrt worden wären. Doch der aggressive, erwerbshungrige und durchaus weltzugekehrte Abendländer wäre zweifelsohne ein schlechterer Mensch geworden, als er es ist, hätte er nicht lange Jahrhunderte entlang an christliche Ideale geglaubt. Nun ist Religion ein sehr anderes als abstrakter Idealismus. Aber die Beziehung des typischen Amerikaners zu dem, was Europäern Abstraktion bedeutet, ist eben eine religiöse; er ist nicht verstandesmäßig von ihrer Wahrheit überzeugt, er glaubt völlig irrational an sie; dies gilt vor allem von Demokratie, Moralität und Freiheit. Nun ist Glaube das Vitalste, was es gibt. Zwar macht Glaube an eine Sache diese nicht wirklicher auf empirischer Ebene, als sie’s tatsächlich ist; aber er wirkt zurück auf den gläubigen Menschen und gestaltet ihn. Hiermit wären wir denn zu einer Bestimmung des polaren Gegensatzes zur amerikanischen Erdgebundenheit gelangt. Die Chinesen sind nicht eigentlich religiös zu heißen, weil ihr traditioneller Typus einen nahezu vollkommenen Gleichgewichtszustand zwischen den Prinzipien des Geistes und der Erde, von Yang und Yin, verkörpert. Noch weniger sind es die Europäer. Sie sind wesentlich Idealisten; ihr herrschendes Prinzip ist nicht das Pathos, sondern das Ethos;1 das Vorbild ihres Typus ist weder die Erde noch Gott, es sind Ikarus und Luzifer. Demgegenüber sind die Russen ein tiefreligiöses Volk. Ohne jeden Idealismus im europäischen Verstand, erdgebunden wie die Hindus, nur in Wechselbeziehung zu einer weniger üppigen Erde, ist ihnen die Wirklichkeit des Geistes im Sinn polarer Entsprechung bewußt. In ähnlichem Sinn sind auch die eingeborenen Amerikaner religiös oder, um einen allgemeineren Ausdruck zu brauchen, spirituell. Daß ihre Spiritualität heute in der Regel primitiv erscheint, ist nur natürlich. Ist das erdgebundene Amerika primitiv, so muß gleiches vom spirituellen gelten. Von hier an lassen sich denn sogar die Besonderheiten der amerikanischen Religiosität a priori, weil es sich um Naturnotwendigkeit handelt, antizipieren. Da das amerikanische Leben auf die Eroberung und Beherrschung der Materie gerichtet ist wie noch kein Leben vorher, so kann Amerikas wirklich bodenständige Religion logischerweise nur so etwas wie die Christian Science, denn diese Science leugnet die Materie überhaupt. Und da die traditionellen Kirchen sich immer mehr dem Typus des erfolgreichen Geschäftsunternehmens zu entwickeln, so ist gleichfalls logische Notwendigkeit, daß die wildest-primitivsten Ideen des offiziellen Christentums erfolgreiche Förderer finden. Hier denke ich an erster Stelle an den Rev. Billy Sunday (einen Mann, den ich sehr bewundere und dem ich persönlich zu Dank verpflichtet bin, weil er mir die hohe Ehre erwies, bei einer seiner Mammut-Versammlungen gegen mich als gegen den leibhaftigen Gottseibeiuns zu wettern), der so erschöpfende Auskunft über die Hölle gibt, wie nur je ein primitiver Maler, und welcher kurz vor meiner Abreise von Amerika den Zeitungen mitgeteilt haben soll, der Teufel möge ja nicht nach seinem Tode auf Ruhe hoffen, denn er habe in seinem Testament bestimmt, daß seine Haut zum Bau einer Trommel dienen solle, deren Wirbel den Bösen auf Jahrhunderte hinaus verdrießen werde.

1Ich verweise den Leser hier auf die Kapitel Das ethische Problem und Das religiöse Problem in Wiedergeburt.
Hermann Keyserling
Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt · 1930
Der Aufgang einer neuen Welt
© 1998- Schule des Rades
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