Schule des Rades

Hermann Keyserling

Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt

Die amerikanische Landschaft

Stileinheit

Wir haben nun einen Blickpunkt erreicht, von dem aus es nicht unmöglich sein sollte, vorauszuschauen, wie sich die amerikanische Landschaft darstellen wird, nachdem sich die Geister des Menschen und der Erde endgültig vermählt haben werden und das Volk zur Reife gelangt ist. Doch um die letzten Hindernisse auf dem Weg zur richtigen Einsicht hinwegzuräumen, sind vielleicht noch die vier folgenden Bemerkungen opportun. Infolge der schlechteren Erbmasse der im letzten Jahrhundert Zugewanderten und deren größerer Fruchtbarkeit ist es leider möglich, daß die Nation sich nicht ihren besten Möglichkeiten entsprechend fortentwickeln wird: diese Möglichkeit will ich einfach ausschalten, denn sollte sie Tatsache werden, so würde das eine jener Schicksalsfügungen bedeuten, die unvermeidlich zum absoluten Ende führen. Desgleichen besteht die Möglichkeit, daß Amerikas Bevölkerung nie zu einer echten Nation verschmilzt: auch sie will ich ausschalten, denn tritt diese Alternative ein, dann ermangelt Amerikas Zukunft jedes Interesses. Drittens könnte Amerikas Fortschreiten sich bis zuletzt auf die Gebiete der Technik und Finanz beschränken. Auch von dieser Möglichkeit, will ich im folgenden absehen. Alle die Äußerlichkeiten, auf die das heutige Amerika so stolz ist, sind dem Gelde wesensgleich; das heißt sie haben keinen Eigenwert; jeder mag sie übernehmen und nutzen. Würden die Vereinigten Staaten einmal sogar zum Vorbild höchst denkbaren möglichen Fortschritts in diesem Sinn, so wäre damit, allein nicht nur kein kulturelles, sondern nicht einmal ein nationales Dasein gewährleistet. Dann würde die Nachwelt an sie günstigsten Falls wie an eine Musterwirtschaft oder eine Musterfabrik zurückdenken, als eine Sache ohne selbständigen Lebenswert. Dann wäre Amerikas Zukunft recht eigentlich ohne Belang. Ich persönlich bin nun überzeugt, daß eine so hoffnungslose Zukunft, wie sie jede der vier gewiesenen Entwicklungsrichtungen implizieren würde, jeder Wahrscheinlichkeit entbehrt. Zunächst hat ein wirkliches nationales Seelenleben schon begonnen. Vor allem aber ist hier folgendes zu bedenken. Je mehr eine Seite des Geistes- oder Seelenlebens überbetont erscheint, desto sicherer durchläuft die Entwicklung früh oder spät ein Unstetigkeitsmoment, wonach ihr Weiterverlauf in neuer Richtung erfolgt. Die Gegensatzstellung des Christentums gegenüber der Heidenwelt rührte, psychologisch beurteilt, daher, daß die Antike an geistig-ethische Werte allein geglaubt, weshalb die emotionale und, allgemeiner, Pathos-Seite der Menschennatur unterentwickelt verblieb. Kompensatorisch dazu verachtete das Christentum alle Geistigkeit und legte allen Nachdruck auf die Liebe. Der Fall des Unstetigkeitsmomentes, den ich in der Entwicklung der Vereinigten Staaten gewärtige, liegt analog. Dort ist das Leben heute überrationalisiert; die Standardisierung geht so weit, daß die Neigungen, die das Differenzierte, Exklusive und Nicht-Rationale vertreten, kaum Nahrung finden. Dies muß unvermeidlich zu einer Stauung der unverbrauchten Energien führen, die dann über kurz oder lang hervorbrechen und sich ihre eigenen Kanäle graben werden. Schon heute erscheint mir der Amerikaner in seinen Tiefen irrationaler als der Europäer. Alles, was mit seinem Institutionalismus zusammenhängt, sein rascher Stimmungswechsel und seine Sensationslust, von seiner Sentimentalität zu schweigen, ist Ausdruck dessen. Wenn amerikanische Provinzler von ihren Gefühlen als von entscheidenden Instanzen perorieren, muß der klügste Zuhörer, der an den Kriterien der Vernunft festhält, die Waffen strecken. Gleichsinnig läßt sich die amerikanische Vorliebe für Superlative bei einem so praktischen Volk unmöglich aus vernunftgeborener Quantitätsschätzung erklären, ja nicht einmal aus der Neigung, die Quantität als Symbol zu benutzen: sie bedeutet, im Gegenteil, eine kompensatorische Flucht ins Reich der Phantasie vor der vom Geschäftsleben verlangten Exaktheit. Oft habe ich mich in das Unbewußte der Menschen, die sich in den wildesten Übertreibungen gefielen, hineinversetzt: nie meinten sie es so, wie sie es sagten, aber andererseits mußten sie übertreiben. Ebenso bedeutet die amerikanische Begeisterungsfähigkeit, so reizvoll sie ist, nie Wesentliches; im Grunde ist das Volk ernst und berechnend. Sie bedeutet einfach die nötige Kompensation eines allzu berechnungserfüllten Lebens. Und nicht anders steht es mit den typisch amerikanischen religiösen Revivals, bei denen Vernunft überhaupt keine Rolle spielt, und last not least mit den ebenso typisch amerikanischen Wellen oder Fluten voll Verbrechen. Da das amerikanische Leben übermäßig rationalisiert, mechanisiert und normalisiert erscheint, so muß eine kompensatorische Menge von Gesetzübertretungen, wilden Abenteuern und Blutvergießen vorkommen. Was nun in der Dimension der Gleichzeitigkeit gilt, gilt ebenso in derjenigen der Folge. Die Menschennatur ist einer unbegrenzten Entwicklung nach einer Seite hin nicht fähig. In Europa klang die Ära stetigen Fortschritts im Weltkrieg aus, dem irrationalsten und barbarischsten Ereignis aller Zeiten.

Dementsprechend bin ich überzeugt, daß die Vereinigten Staaten sich nicht mehr lange in der augenblicklichen Richtung fortentwickeln werden. Bald wird das Gesetz der Enantiodromia, der Umkehrung in das Entgegengesetzte, in Kraft treten. Dies bedeutet gewiß nicht, daß ich eine Annullierung der bisherigen Ereignisse voraussehe, sondern einfach, daß auf deren Grundlage eine Fortentwicklung in neuer Richtung einsetzen wird. — Mir scheint, mit unseren letzten Betrachtungen haben wir die wichtigsten Hindernisse beseitigt, die einer richtigen Einschätzung der amerikanischen Zukunftsmöglichkeiten im Wege stehen. Nunmehr darf ich versuchen, meine Vision dessen zu materialisieren, als was die amerikanische Landschaft sich darstellen wird, nachdem Mensch und Erde sich vermählt und das Volk zur Reife gelangt ist.

Auf Grund seiner Institutionen als solcher ist Amerikas Zukunft selbstverständlich nicht vorauszusagen. Es ist immer bedenklich, Lebenserscheinungen aus äußeren Ursachen zu erklären. Wenn die Geschichte je ein Axiom als wahr erwiesen hat, so gilt dies von dem, das Gustave Le Bon als erster aufgestellt hat:

Les peuples ne sont pas gouvernés
par leur institutions, mais par leur caractère.

Das heißt: entsprechen Institutionen dem Nationalcharakter, dann sind sie repräsentativ und dementsprechend der Fortdauer gewiß; besteht keine solche Harmonie zwischen Form und Sinn, dann sind die besten Institutionen ohne innere Kraft. Die heutigen Institutionen der Vereinigten Staaten mögen nun dem inneren Zustand der Nation entsprechen, doch genau so gut mag das Gegenteil der Fall sein. Die Nation ist ja noch im Werden begriffen; die ursprüngliche Verfassung ward von einer der heutigen sehr abweichenden Mehrheit entworfen; ist die Nation einmal zur Reife gelangt, so mag sie sich völlig verändert haben, für Prozentualverhältnis der Rassen und sonst. Ja die gegenwärtigen Institutionen mögen aus dem folgenden letztentscheidenden Grunde für den Endzustand überhaupt nicht in Frage kommen: sie berücksichtigen den wirklichen (inneren) Menschen überhaupt nicht; ihre schöpferische Grundlage ist entweder ein abstraktes Ideal vom inneren Menschen, das dieser nie erreicht hat und nie erreichen wird, oder aber ein rein äußerliches, wie das der Tüchtigkeit, des Komforts oder der Produktivität; und einmal kommt wohl die Zeit, da die Amerikaner einsehen werden, daß ein solches Ideal nicht das ausdrückt, was sie letztlich meinen. Daß die meisten ihre Einrichtungen für die absolut besten halten, ist nur ein Beweis mehr für Babbitts Provinzialismus; wie ich im Kapitel Italien des Spektrums gezeigt habe, gibt es überhaupt keine Institutionen, die als die absolut besten gelten dürften. Will man also die nationale und kulturelle Zukunft der Vereinigten Staaten richtig vorausbestimmen, so dürfen deren Institutionen genau nur insoweit in Betracht gezogen werden, als sie deutlich und unmittelbar die Seele Amerikas ausdrücken.

Was ist nun die Seele einer Nation?1 Und — da wir gesagt haben, daß eine Nation wesentlich Seele ist, sofern sie überhaupt eine Nation ist — worin besteht eine Nation? — Sie ist weder Rasse, noch Umgebung, noch auch Geschichte als solche. Eine Kollektivität ist eine oder sie ist keine Nation, je nach dem ob sie eine Stileinheit darstellt oder nicht. Das biologische Material war, im großen betrachtet, immer und von je das gleiche. Ob Nationen und Kulturen aus ihm geformt wurden und welche, hing einzig davon ab, ob ein Geist — und welcher — sie jeweils beseelte. Nicht anders steht es mit der Kunst des Malers. Farben und Formen und die sie beherrschenden Gesetzen liegen jedermann vor; doch ein Rembrandt schafft Einzigartiges vermittels ihrer. Ein bedeutsames Nationalwesen steht und fällt mit dem gleichen Einzigartigkeitscharakter. Tausende und aber Tausende von Völkern sind, aus dem gleichen oder ähnlichen Urmaterial gebildet, über die Erde gewandelt; doch nur wenige gewannen wirklich Gestalt, und unter diesen hat nur die kleinste Zahl sich für die Dauer behauptet. Diese letzteren waren in jedem einzelnen Fall die, welche sich so zu den anderen verhielten wie das Werk eines Rembrandt zu dem eines geringeren Malers. Zweifelsohne ist der Geist, welcher den Stil schafft, in seiner Manifestation an bestimmtes Blut mehr oder weniger gebunden. Nichtsdestoweniger ist es gänzlich verkehrt, auf diese Bindung den Hauptnachdruck zu legen. Und gerade die Vereinigten Staaten beweisen am schlagendsten, daß nicht die Urtriebe eine Nation bilden, sondern das, was ein bestimmter Geist aus ihnen und mittels ihrer macht. Der Europäertyp, von welchem der typische Amerikaner sich, und sei er noch so rein angelsächsischer Abstammung, psychologisch am meisten unterscheidet, ist der Engländer. Der Unterschied zwischen den beiden springt dermaßen in die Augen, daß man es schlankweg als Naturspiel bezeichnen darf, daß beide die gleiche Sprache sprechen. Man gedenke nur des extremen Zurückhaltungsmangels des Amerikaners und der enormen Rolle, die Reserve in England spielt; der Publizität drüben und des supremen Sinns für das Private hier; des hochentwickelten politischen Sinn der Briten und des fast gänzlichen Fehlens desselben beim Amerikaner; des wesentlichen Individualismus von England und der ebenso wesentlich sozialen Gesinnung der Vereinigten Staaten; des bestimmenden Sinns für Hierarchie und Kaste und Qualität im Inselreich, demgegenüber Amerika demokratisch ist in dem Verstand, daß drüben Gleichheit, Gleichgesinntheit und Standardisation als höchste Werte gelten; der Vorliebe des Engländers für das Intime und Kleine und der typischen Unfähigkeit des Amerikaners, zu begreifen, daß Wert nicht von Quantität und Größe abhängt. Der Unterschied zwischen einem Norweger und einem Neapolitaner ist geringer. Dieser eine Gedankengang sollte alle die, welche da wähnen, daß im Bereich des Lebens irgend etwas mittels der Kategorie der äußeren Verursachung wirklich zu erklären sei, von ihrem Irrtum heilen. Die allermeisten Alteingesessenen — und sie sind tatsächlich des Landes Väter — sind, was Blut und Tradition und Kultur und sogar ihre grundlegenden Institutionen angeht, Söhne der britischen Inseln, und doch … Diese allgemeine Betrachtung hat uns der Erkenntnis dessen, was aus der amerikanischen Nation einmal werden kann und was sie wahrscheinlich werden wird, ganz nahe gebracht. Von der Verschiedenheit der Amerika bewohnenden Rassen als einem Hindernis für die nationale Einheit zu reden, heißt den wahren Sachverhalt vollkommen mißverstehen. Alle großen Nationen waren das Ergebnis von Blutmischungen. In Frage steht allein, ob dereinst ein originaler Stil das gegebene Material beseelen und ihm in originaler Form Ausdruck verleihen wird.

Sehen wir nunmehr zu, was Stil im Fall von Nationen und Kulturen genau bedeutet. Beim Einzelnen ist Stil das Ergebnis vollkommener Verkörperung individuellen Geistes in der Materie entsprechend deren Gesetzen — wobei indes der Geist Herrscher bleibt. Aber andererseits ist alle große Kunst, die für eine Nation oder die Menschheit als repräsentativ galt oder gilt, überindividueller Herkunft, nicht allein in der Dimension des überirdischen Geistes, sondern gleichermaßen in der des Rassenerbes. Ein Kollektivgedächtnis bildet den Hintergrund jedes Einzelmenschen. Dieser besitzt einen kollektiven Hintergrund nicht nur im Sinne physischer, sondern auch geistiger Kindschaft. Dementsprechend drückt sich die wesentliche Einzigartigkeit des geistigen Menschen immerdar mittels dem kollektiven Unbewußten entnommener Formen aus. Dies erklärt denn, inwiefern alle Kulturen durch große Einzelne begründet wurden und jede Kultur doch ein Ding an sich darstellt. Auch das Kollektive kann nur der Einzige entsprechend ausdrücken. Und das ist noch nicht alles. Das Geistige ist ein spezifisch anderes als das Kollektive; grundsätzlich sollte jeder Geist sich mittels jedes kollektiven Unbewußten ausdrücken können, so wie es die Reinkarnations-Gläubigen meinen. Unter allen Umständen haben wir es hier mit einem nicht vorauszusehenden Faktor zu tun — werden keine großen Männer geboren, so findet eine Nation ihren vollkommenen Ausdruck nie. Nichtsdestoweniger gleicht sogar ein Gott seinen Eltern, wenn er sich auf Erden verkörpert; er verkündigt sein ewiges Wissen in seiner Gruppe verständlichen Worten und Begriffen. Überdies kann man ihm jedesmal Vorläufer nachweisen, nicht allein auf der Ebene des kollektiven Unbewußten, sondern auch auf dem des Geistes; so ward die Möglichkeit und Gestalt Jesu Christi von den frühesten jüdischen Propheten antizipiert. Hieraus folgt denn, daß der Stil einer Nation, wie er sich einmal vielleicht herausbilden wird, mit großer Sicherheit bestimmt werden kann, noch ehe er feste Gestalt gewann. Vollendung wird immer erst erreicht, nachdem große Genies geboren wurden; ehe solche ihr Werk getan, besteht immer die Möglichkeit, daß eine Nation ihren möglichen Höhepunkt nie erreiche. Doch zur Bestimmung einer Volksseele helfen auch geringere Stile mit, sofern sie als typisch gelten dürfen. Und die großen Umrisse sind durch die verhältnismäßig konstanten Faktoren der Erde und des kollektiven Unbewußten vorausbedingt. Dementsprechend läßt sich jenes wesentlich Nicht-Greifbare, die Seele einer Nation, in ihren großen Zügen vorausbestimmen, auch wenn sie noch nicht geboren ist oder gar niemals geboren werden wird.

1Der Leser findet eine ausführlichere Entwicklung der folgenden Gedankengänge im Spektrum, S. 358 (vierte Auflage), im Kapitel Geisteskindschaft von Wiedergeburt und im Essay Jesus der Magier von Menschen als Sinnbilder.
Hermann Keyserling
Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt · 1930
Der Aufgang einer neuen Welt
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