Schule des Rades

Hermann Keyserling

Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt

Die amerikanische Landschaft

Natur und Mensch

Welches sind die wesentlichen Eigenschaften der amerikanischen Nation, und wie wird ihre Kultur beschaffen sein, nachdem sie erwachsen ist? Beginnen wir damit, unsere Erkenntnis bezüglich der durch den amerikanischen Kontinent bedingten charakteristisch-amerikanischen Eigenschaften auf die Ebene möglichen Stils zu transponieren.

Die amerikanische Landschaft ist in ihren großen Zügen der asiatischen und russischen eng verwandt. Schon aus diesem Grunde muß der bodenständige Zukunftstyp weit und großzügig werden wie der Russe und ganz anders als der Europäer. Andererseits muß er, auf Grund des Zusammenwirkens zweier Ursachen, besonders erdgebunden ausfallen: die eine dieser Ursachen liegt in der außerordentlichen Bildungskraft der amerikanischen Erde, die andere in der jahrhundertelangen reinen Extraversion der amerikanischen Interessen, die eine entsprechende Rückentwicklung und Entleerung der Seele unabwendbar mit sich brachte — eine Entleerung, welche ihrerseits den Urkräften der Erde eine in der modernen Geschichte einzig dastehende Gelegenheit bot, bei der Bildung der psychischen Atmosphäre die entscheidende Rolle zu spielen. Diese Urkräfte haben nun während der Zeit ihrer unbestrittenen Vorherrschaft dem Menschen Eigenschaften und Fähigkeiten eingebildet, die für alle absehbare Zukunft Dominanten bleiben müssen. Hierher gehört die außerordentliche Begabung für Mechanik, Technik und Organisation, die Amerika zu dem gemacht hat, was es heute ist. Aber Gleiches gilt auch von seinem tiefeingewurzelten sozialen Sinn. Es bedeutet einen Denkfehler, sozialen Errungenschaften spirituellen Wert beizumessen: soziale und die spirituelle Entwicklung bewegen sich in verschiedenen Dimensionen. Daß Jesus Christus dies wußte, beweisen seine sämtlichen Lehren. Da es Ihm ausschließlich um den Geist zu tun war, war seine Gesinnung antisozial schlechthin. Nur deshalb konnte Er zu Seiner Mutter sagen: Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?, und Seinen Jüngern befehlen, Familie und Freunde zu verlassen. Und niemals hatte Er Philanthropie im Auge, wenn Er den Wert der Liebe pries. Als Er in der Bergpredigt dem jüdischen Gesetz das Seine entgegensetzte (Ich aber sage Euch), wandte Er sich nicht an die Menschheit im allgemeinen, sondern an die, welche Seinem Typus zugehörten, an die Kinder des Geistes; der Akzent liegt auf dem Euch, seinen unmittelbaren Jüngern.1 Desgleichen entsprach es durchaus dem ursprünglich christlichen Geist, wenn der Calvinismus zwischen den Auserwählten und den Nichterwählten schied. Spirituelle Entwicklung kommt allein für das Einzige im Menschen in Frage, weshalb die Kategorie der Quantität auf spirituelle Probleme keine Anwendung finden kann. Aber allerdings ist sie anwendbar auf soziale Probleme und deren Lösung. Dies sind eben die Probleme nicht des spirituellen, sondern des erdhaften Menschen. Dementsprechend setzt hohe Entwicklung der sozialen Instinkte entsprechende Erdgebundenheit voraus und eben damit einen Mangel an Individualität und Verständnis für den Wert des Einzigen. Dies erklärt, warum primitive Völker in sozialer Hinsicht der Vollendung näher erscheinen als kultivierte Gemeinschaften. Freilich gibt es Fälle beinahe vollkommenen Gleichgewichts zwischen dem individuellen und dem sozialen Prinzip. Ein Beispiel dessen bietet England. Alt-China, andererseits, verkörperte einen Gleichgewichtszustand, innerhalb dessen das soziale Prinzip zwar vorherrschte, das Einzige jedoch ein genügend mächtiger Faktor blieb, um eine große künstlerische Kultur zu ermöglichen. Mit den Vereinigten Staaten nun steht es hier ähnlich wie mit Rußland. Hier galten die sozialen Werte zu aller Zeit als letzte Instanzen, obwohl die seltsame Struktur dieser Nation es ihr unmöglich macht, die Ideale der Demokratie zu verwirklichen. So gilt der gewöhnliche Mensch beiden mehr als der außerordentliche — wiederum Folge des Vorherrschens des Erdprinzips. Selbstverständlich ist der Durchschnittsmensch der Erde näher als das Genie. Die Entwicklung Amerikas in Rußland-ähnlicher Richtung setzte schon damals ein, als an der Oberfläche vom modernen Sozialismus noch nichts zu merken war: hieraus erklärt sich, wieso schon Männer wie Emerson und William James Ideologien entwickeln konnten, die offenbar Kontrastideologien darstellten, genau wie Jesu Lehre gegenüber der orthodox jüdischen; ich denke an die von Emerson, nach welcher der Wert des Menschen mit der Tatsache, daß er sich nicht anpaßt (that he does not conform), steht und fällt, und an die von William James, daß die Menschheit aus ausschließlichen Einzelnen (Eaches) bestehe. All dieses läßt sich ohne Schwierigkeit in die Sprache der heute geltenden Normen des amerikanischen Lebens übersetzen.

Hiermit hätten wir die wichtigsten erdgeborenen Komponenten der künftigen Stileinheit der Vereinigten Staaten bestimmt. Die intellektuellen, moralischen und geistigen Komponenten liegen auf der Hand. An erster Stelle stehen die Ideale des 18. Jahrhunderts; sie liegen sämtlichen schon reifen amerikanischen Sitten und Institutionen zugrunde. Die Traditionen der Bill of Rights und des Common Law gehören ihrerseits dem Geiste jenes Jahrhunderts an. Nicht anders steht es mit dem amerikanischen Moralismus. Doch dieser verkörpert andererseits spirituelle Kräfte, die er in Europa nie verkörpert hat und die ihm eine durchaus individuelle Note geben. Der Moralismus des 18. Jahrhunderts ist in Amerika Träger des Puritanismus; er hat daher eine religiöse, und zwar eine sehr tiefwurzelnde religiöse Grundlage, während der europäische Moralismus irreligiös war; er war bei uns eine Neuverkörperung des Geistes der Stoa, wie er in Seneca in die Erscheinung trat. Infolgedessen sind die Amerikaner wesentlich, nicht nur nebenbei (wie dies selbst die Franzosen zeitweise waren), eine moralische Nation. Ferner hat der amerikanische Moralismus durch seine ausschließliche Richtung auf irdischen Erfolg eine besondere Steigerung erfahren, die das Kind des ursprünglichen Pioniergeistes ist. Aller Handel begann als unehrlicher Beruf; je mehr er jedoch an Umfang zunahm, desto mehr erwies sich Ehrlichkeit als praktisch. Insbesondere begann er als Versuch, andere soviel wie möglich zu übervorteilen; aber die modernen Massenverkaufsmöglichkeiten — die Folge des Massenverbrauchs — brachten alle intelligenten Verkäufer bald zur Einsicht, daß Riesengewinne nur dort erzielbar sind, wo der Gedanke des Dienstes am Kunden regiert. Hier stehen wir vor einer weiteren merkwürdigen und doch spezifisch amerikanischen Verschmelzung zweier ursprünglich unabhängiger Geistesrichtungen und Traditionen. Der amerikanische Protestantismus entwickelte sich bald in der besonderen Richtung des spezifisch amerikanischen Calvinismus fort (Calvin selbst war nie Calvinist in diesem Verstand) — einer Richtung, die nur deshalb zur Leitlinie des Amerikanerlebens werden konnte, weil die drei verschiedenen Geister, welche die ersten Siedler erfüllten, in eins verschmolzen: die des Pioniers, des Puritaners und des Unternehmers. Alle wichtigen, sonst noch so verschiedenen Formen des amerikanischen Christentums stimmen in dem einen Punkte überein: daß materieller Erfolg auf Erden einen leidlich sicheren Beweis göttlicher Gnade darstelle. Der Gott wohlgefällige Mensch muß reich werden. Andererseits wer nicht reich sein will, wer da nicht wuchert mit seinem Pfund, arbeitet nicht ernsthaft zur Ehre Gottes. Welch gewaltigen Ansporn eine derartige Anschauung einfachen religiösen Seelen, wie es die der ersten Angelsachsen waren, bedeuten mußte, liegt auf der Hand, um so mehr, als er an den Banken einen sehr realen Hintergrund hatte: sie alle waren sozusagen im religiösen Bekenntnis rückversichert; ihr Maßstab für die Höhe der Kredite, die sie gewährten, war die religiöse Sekte, der ihre Klienten zugehörten, und deren religiöser Eifer. Alle diese spirituellen, moralischen und intellektuellen Elemente zusammengenommen bilden eine äußerst starke Tradition.

Diese muß sich jedoch gegen zwei Gegenkräfte behaupten. Deren erste ist das traditionelle Ideal dessen, was Amerika ist und vertritt, wie es in der Phantasie der meisten Einwanderer lebte, als sie sich entschlossen, ihre Heimat zu verlassen. Dieses ist überdies von Amerikas repräsentativen Männern, von George Washington bis zu Woodrow Wilson und Calvin Coolidge, immer erneut vertreten worden; sogar John Dewey hat gesagt:

Die Eigenart unseres Nationalismus ist sein Internationalismus.

Es nützt wenig zu behaupten, wie es die Hundertprozentigen so gerne tun, diese oder jene Erscheinung sei nichtamerikanisch, wenn eben sie Amerika ein Ideal bedeutet, das in Worten von den Führern des Landes und im allerernstesten Verstand von der im Ausland geborenen Bevölkerung als gültig anerkannt wird, wenn man bedenkt, daß diese Fremdgeborenen oder die Söhne nur halbamerikanisierter Einwanderer mindestens die Hälfte der Bevölkerung ausmachen. Der Fall der Vereinigten Staaten ist insofern tatsächlich einzigartig, daß ihre Bevölkerung zu ungefähr gleichen Teilen aus zwei verschiedenen Menschengruppen besteht, die sie grundverschieden sehen und beurteilen, und für jede von welchen sie grundsätzlich Anderes vertreten. Es droht ihnen keinerlei Gefahr daher, daß viele ihrer Bürger den Traditionen der Urheimat treu blieben: dies war ja vor allem bei den angelsächsischen Siedlern der Fall, denen die Tradition der hundertprozentigen Amerikaner ihren Ursprung dankt. Wohl aber könnte Gefahr erwachsen aus der Tatsache, daß eine sehr starke Tradition dessen besteht, was Amerika den Neueingewanderten im Gegensatz zu den Alteingesessenen bedeutet. Die bloße Aufstellung Al Smiths als Präsidentschaftskandidat bedeutete, scheint mir, ein Wichtigeres im inneren Leben der amerikanischen Nation als irgendein Problem seit Abraham Lincolns Tagen. Alle Amerikaner, die noch nicht lange im neuen Lande weilen, finden sich in einem den Hundertprozentigen fremden Ideal. Und dieses ist um so mächtiger, als es in der Neigung, alles gleichzumachen und in Quantitäts- statt in Qualitätsunterschieden zu denken, den bestdenkbaren Körper findet.2

Wir müssen sonach mit der Vorstellung, welche der Neuankömmling sich von Amerika macht, als mit einer mächtigen Gegentradition gegenüber derjenigen der Hundertprozentigen rechnen. Es ist nicht zu bezweifeln, daß die Erinnerungen an den Bürgerkrieg, vom Unabhängigkeitskrieg ganz zu schweigen, ungefähr der Hälfte der amerikanischen Bevölkerung gar nichts bedeuten, einfach weil diese Erinnerungen keinen Teil ihres Unbewußten bilden. Dagegen leben im Herzen dieser Hälfte sehr mächtige amerikanische Ideale, welche nicht im Gegensatz der amerikanischen Freiheit zu einer Unfreiheit der Vergangenheit, sondern zu den engen Verhältnissen des modernen Europa ihren Ursprung haben. Und dieser fremdländische Idealismus steht überdies, so seltsam dies klingt, mehr im Einklang mit dem Großzügigkeitsgeist des Kontinents und der neuen Rolle Amerikas als einer Weltmacht, als der alte Idealismus. Weiter schafft die zur Zeit erfolgte Verengerung des alteingesessenen Amerikanertyps für den Fremdgeborenen und den erst seit wenigen Generationen Eingesessenen die Möglichkeit, zeitweilig unverhältnismäßig viel zu bedeuten. Endlich harmoniert des letzteren Bild von Amerika bei weitem am besten mit dem Nachkriegszeitgeist. Wir werden daher durch künftige Ereignisse kaum eine Widerlegung erfahren, wenn wir annehmen, daß Amerikas künftiger Stil in hohem Maße den Geist des erst kürzlich Eingewanderten atmen wird.

Dennoch braucht der wurzelechte Amerikaner nicht zu verzweifeln; letztlich wird er das Rennen gewinnen. Warum? Aus dem sehr einfachen Grund, daß auf die Dauer alle Einwanderer bodenständig werden und daß der sich ergebende wurzelechte Typus, gleichviel wes Bluts, als in sehr hohem Maße von der Erde bestimmt, unvermeidlich dem heutigen Wurzelechten ähnlicher sehen wird als seinen europäischen Vorfahren. Doch die Chancen der Eingeborenen sind gut in einem für die heutigen noch günstigeren Verstand: einige unter ihnen zum mindesten werden in Zukunft mehr noch vorherrschen als bisher. Nur wird dies nicht von Babbitt gelten, sondern dem amerikanischen Aristokratentyp; das heißt dem besten Vertreter des Südens. Während meiner Wanderung durch die Vereinigten Staaten fiel mir von vornherein die außerordentliche Überlegenheit des besten Virginiertyps gegenüber allen anderen Amerikanern, vor allem denen aus dem Norden und Osten auf. Später entdeckte ich, daß ein unverhältnismäßig hoher Prozentsatz derer, die in der Union als überlegene Menschen eine bedeutsame Rolle gespielt haben und spielen, Söhne Virginiens und der Nachbarstaaten sind. Dann besuchte ich diese Staaten selbst und erkannte, daß Virginien nicht bloß eines der schönsten und entzückendsten Länder der Welt ist — es ist auch das eine Gebiet der Union, dessen Atmosphäre kulturell ist im weitesten Verstand. Auch Neu-Englands Atmosphäre ist kulturell; doch ganz abgesehen davon, daß sie im Schwinden begriffen ist, ist sie zu blutlos und zu engen Geistes. In Virginien hat sich eben die Kavaliertradition erhalten. Diese ist eine aristokratische Tradition, und das bedeutet, daß der Nachdruck beim Menschen auf seiner Einzigkeit liegt. Da nun der Mensch wesentlich einzig ist, so vermag grundsätzlich nur eine innere Einstellung aristokratischer Art zum Vollmenschentum zu führen, völlig unabhängig vom politischen und sozialen Zustand und noch mehr vom Namen; in unserer Zeit wird alles Gute ja unterschiedslos als demokratisch bezeichnet. Die Überlegenheit des Virginiers ist zum Teil gewiß auch aus dem vorzüglichen Menschenstamm, welcher sein Rückgrat bildet, zurückzuführen; leider hat die Einwanderung der späteren Jahrhunderte der Neuen Welt kein auch nur annähernd so gutes Erbgut zugeführt wie die erste. Nichtsdestoweniger ist die fragliche Überlegenheit zum größeren Teil eine Folge noch lebendiger Tradition; diese ist so machtvoll, daß sogar Fremde schnell von ihr ergriffen werden. Unter diesen Umständen arbeitet die Zeit unabwendbar zugunsten des Virginiertyps. Gemäß allgemeinem Lebensgesetz muß die ursprüngliche Gleichheit sich fortschreitend differenzieren. Ist dies aber einmal anerkannt, dann wird auch Qualität zwangsläufig immer mehr gegenüber der Quantität prädominieren. Und ist die Entwicklung erst so weit gediehen, dann wird auch der menschlich überlegene Typus auf die Dauer unvermeidlich vorherrschen. Ein menschlich überlegener Eingeborenentypus ist aber heute im Süden allein zu finden.

Aber wie kann der Süden für Amerikas Zukunft so bedeutsam sein, wo doch alle Amerikaner behaupten, er sei rückständig, und überdies sicher scheint, daß die Rationalisierung und Industrialisierung unaufhaltsam fortschreiten wird? In Virginien sind überdies die Wunden, die der Bürgerkrieg schlug, noch nicht geheilt. Das Land ist arm, verhältnismäßig wenig industrialisiert, und die Südländer sind angeblich von Natur aus langsam. So seltsam das klingen mag: gerade dieser Umstand läßt mich eine künftige Vorherrschaft des Südens erwarten.

Es ist in der Tat rein a priori ausgeschlossen, daß der nördliche Typus immer herrschen wird. Der nordöstliche Amerikanertyp ist einseitig dynamisch; er ist wesentlich Nomade, nicht bodenständig. Wird nun seine Bewegung überhaupt zum Stehen gebracht, dann ist er als Typus erledigt. Und er wird sich unvermeidlich schneller noch erledigen, als dies bei früheren Nomadenstämmen der Fall war, wegen seiner Religion der Arbeit und des Erfolgs. Er wähnt: arbeitet er weiter, dann muß jedes Jahr besser ausfallen als das vergangene; die moralische Weltordnung, so wähnt er, gewährleistet stetigen Aufstieg. Das kann aber nicht sein. Immer wird es gute und schlechte Jahre geben, Zeiten des Fortschritts und solche des Niedergangs, welche beide von planetarischen Bedingungen abhängen, über welche der Mensch keine Macht hat. Es ist daher mathematisch gewiß, daß die Weltanschauung des nördlichen Amerikanertyps die pragmatische Probe auf die Dauer nicht bestehen wird. Und da alle Amerikaner an letztere glauben, wird dieses Ergebnis unabwendbar zum Zusammenbruch dieser Anschauung überhaupt führen. Dies ist eins jener Zukunftsereignisse, die ich meinte, als ich sagte, ich sei überzeugt, die Entwicklung Amerikas werde bald durch ein Unstetigkeitsmoment hindurchgehen. Mutter Erde war Millionen von Jahren lang da, bevor der Mensch auf ihr lästig zu werden begann. Auch heute ist sie stärker als er, und der Mensch ist in erster Linie ihr Kind geblieben, obwohl er sie beherrscht. Unter keinen Umständen gibt es für ihn ein Dauerglück, wenn er mit ihrem Rhythmus nicht in Einklang steht. Dies aber besagt, daß es nur eine Art positiven Dauerzustand für ihn gibt: einen verhältnismäßig statischen. Freilich ist es des Menschen Privileg, aus geistiger Initiative heraus zu leben; mit ihm steht und fällt zugleich seine Menschenwürde. Doch es besteht ein Unterschied zwischen der Behauptung der Freiheit als solcher und einseitiger Beweglichkeit. Ist der Mensch im Weltall richtig eingestellt, dann halten sich sein dynamischer und sein statischer Pol die Waage. Ist sein Leben rein statisch, so schreitet er nicht fort; er verbleibt mehr oder weniger auf dem Niveau des Tiers; aber dann stirbt wenigstens er doch nicht aus. Ist er hingegen einseitig dynamisch, dann fehlt zwischen Mensch und Natur jedes Gleichgewicht, und vorzeitiger Tod ist alsdann unvermeidlicher Erfolg. Dies gilt nicht nur von tragischen Helden wie Alexander dem Großen, und Napoleon: es gilt nicht minder von rein dynamischen Völkern. Die Hunnen starben in Windeseile aus. Die Normannen überrannten und plünderten im Laufe weniger Jahrhunderte ganz Europa; sogar Königreiche gründeten sie. Dennoch hielt ihr Typus nicht lange stand. In den meisten Fällen starben sie ganz aus. In einigen vermischten sie sich mit statischeren Typen, und denen entsprossen dann hohe Kulturen, so in England, Frankreich und Sizilien. Doch im gegenwärtigen Zusammenhang ist das Ausschlaggebende dies: daß die Normannen als solche sich nicht erhielten und daß es gegen das Naturgesetz gewesen wäre, wenn sie’s getan hätten; in einer wesentlich beständigen und insofern statischen Welt kann einseitige Bewegtheit nie mehr als eine kurze Zeitspanne füllen. Nun hat der heutige geschwinde, geschäftige und betriebsame Amerikaner die stärkste mir bekannte Ähnlichkeit mit dem Normannen. Diese Amerikaner überrennen, erobern und beuten aus genau im gleichen Sinn. Auch ihnen fehlt jede Eigenschaft, welche Dauer gewährleistet. Sicherlich werden sie ganz Amerika erobern; schon sind sie bei der Eroberung des Südens. Doch wird der letztere deshalb nicht nördlichen Charakter annehmen. Der Amerikaner des Nordens wird das ganze Gebiet der Union so weit organisieren, industrialisieren, kommerzialisieren und sozialisieren, als dies Vernunft und die Natur der Dinge zulassen. Aber dann wird er verschwinden, genau wie die Normannen verschwanden. Das heißt, es wird innerhalb der Überlebenden ein Typuswandel eintreten zum Besten eines besseren Gleichgewichts zwischen Natur und Mensch. Und da die Natur von Herzen grausam ist, so wird sie gewißlich alle die mit dem Tode strafen, welche zu weit gingen in der Verleugnung der Erde als ihrer Mutter.

Schon heute fällt bei den Nachkommen der Männer aus dem Norden und Osten, die der Vergangenheit überenergisch waren, ein seltsamer Vitalitätsmangel auf; Tempo ist dort oben in der Regel schon nicht mehr ein Ausdruck von Kraft, sondern von neurotischer Unruhe. Je weiter man nun südwärts geht — selbstverständlich nicht über eine gewisse Breite hinaus, wo das Klima für den Weißen nordischer Rasse zu heiß wird —, desto vollblütiger im Sinn des Vollmenschen erscheint der Amerikaner. Der nördliche Typus wird freilich weiterleben, aber in kommenden Zeiten wird er als dürftigster, als wenigst überlegener Typus gelten. Wahrscheinlich wird der Mittelwesten auch weiterhin die nationale Basis Amerikas bleiben. Erblüht jedoch je echte Kultur und wird der Nachdruck je auf Kultur gelegt, dann wird die Hegemonie unweigerlich auf den Süden übergehen. Der Grund ist der gleiche wie der, aus dem die französische Kultur vollendeter und zugleich zäher erscheint als die deutsche. Als ich zum erstenmal jenem wundervollen Frauentyp, welcher drüben Southern girl genannt wird, begegnete, da fiel mir als erstes auf, daß sie sich zu ihrer nördlichen Schwester ähnlich verhält wie die Französin zur Deutschen. Während diese wenig Sinn für Proportion und aus dem Grunde wenig wahre innere Kraft besitzt, sieht die Französin von Natur aus alles im richtigen Verhältnis; ihre Einstellung innerhalb der Lebensganzheit beruht ebenfalls auf einem eingeborenen Sinn für das wahre gegenseitige Verhältnis zwischen all seinen Möglichkeiten und Aspekten. Daher ihr Schönheitsgefühl, ihr Geschmack, aber auch ihre moralische Stärke, ihre tenue und ihr angeborenes Gefühl für die Naturordnung. Wenige Frauen der Welt verstehen besser als sie die Bedeutung der Familie. Gänzlich unverdientermaßen steht sie in dem Ruf der Immoralität: sie weiß einfach, daß ein gelegentlicher Ehebruch eine läßliche Sünde ist, verglichen mit einer rechtlich noch so begründeten Ehescheidung, welche das Heim zerstört und die Seelen der Kinder schädigt. Sie weiß zwischen dem Vorübergehenden und dem Bleibenden zu unterscheiden; sie kennt den Unterschied zwischen Verliebtheit und echter Liebe. — Das gleiche gilt vom Mädchen aus dem Süden. Daher unter anderem ihre seltene Schönheit.

Aber im Sinn der glänzenden Zukunftsaussichten des Südens wirkt das Gesetz des historischen Kontrapunkts seinerseits mit. Gerade weil Amerika mehrere Jahrhunderte entlang einseitig dynamisch war, wird es sicher über kurz oder lang, falls es die unvermeidliche Krisis überlebt, in einen statischeren Dauerzustand einmünden. Daß dies so kommen wird, lassen schon manche heutigen Erscheinungen vorausahnen: z. B. der Umstand, daß der Amerikaner im Grunde langsam ist und konservativ. Tritt keine Entartung ein und keine Katastrophe im Sinne völliger Entseelung, dann wird der in Zukunft bestimmende Amerikanertyp jedenfalls ganz anders aussehen als der repräsentative Typus von heute. Die atemlos rastlose Betriebsamkeit wird aufhören; keinesfalls wird sie mehr Gegenstand des Stolzes sein. Niemand wird Wolkenkratzer und Tempo und Geschäftsmethoden für amerikanische Wesenseigenschaften halten. Männer wie Rockefeller und Ford und Carnegie werden nicht mehr als repräsentativ gelten. Wofür die Vereinigten Staaten heute das Symbol sind, wird vielleicht gar nicht mehr vorhanden sein — zum Teil, weil es wirklich aufgehört haben wird zu existieren, zum Teil, weil diese Americana Allgemeinerrungenschaften der Menschheit geworden sein werden.

1Dieser Wahrheit hat Johannes Müller in seiner Bergpredigt (Verlag C. H. Beck, München) bisher am klarsten Ausdruck verliehen.
2Ist es nicht wahrscheinlich, daß die republikanische und die demokratische Partei, deren Mitglieder bis vor kurzem (der Kampf zwischen Hoover und Smith war tatsächlich der erste Präsidenten-Wahlfeldzug, dem vitale Prinzipien zugrunde lagen, wenn diese Tatsache auch in keinem offiziellen Programm zum Ausdruck kam) fast gleiche Ziele und Ideale vertraten, sich am Ende zu Ausdrucksmitteln der oben gezeichneten entgegengesetzten Grundtypen von Amerikanern entwickeln werden?
Hermann Keyserling
Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt · 1930
Der Aufgang einer neuen Welt
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