Schule des Rades

Hermann Keyserling

Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt

Einführung

Diskussion

Alle schöpferischen Geister aller Zeiten handelten, wo es Wesentliches galt, gemäß dem Grundsatz Laotses: Wirken, ohne zu streiten; ob sie als Religionsstifter Glauben forderten, oder Gehorsam als Staatsmänner und Feldherrn, oder ob sie, als Dichter und Weise, unbekümmert um die Meinungen und Einwände der Welt, gelassen ihrem Wissen Ausdruck gaben. Heute ist wissenschaftlich begriffen, warum dem also sein mußte: alle schöpferische Wirkung beruht auf Suggestion, und solche kommt dort allein zustande, wo das Bewußtsein sich einem Einfluß vollkommen öffnet. Dies gilt im genau gleichen Verstande, ob es sich um physisches Zeugen handelt oder die Verwandlung der Seele durch Wort und Tat. Ob der Weisheitslehrer verlangt, daß der Schüler einen aufgegebenen Satz meditiert, das heißt nicht über diesen nachdenkt, sondern sich von ihm innerlich ergreifen läßt, bis daß er besessen ist; oder der Menschenkenner gerade den Gedanken, an dem ihm besonders liegt, wie nebenbei fallen läßt, weil er weiß, daß er so am wenigsten Widerstand herausfordert und daher am ehesten überzeugt; oder ob der Diktator, umgekehrt, durch Terror jede Gegeninitiative lähmt — technisch betrachtet handelt es sich überall um Gleiches. Und hieraus erklärt sich weiter, warum alle schöpferischen Geister Feinde der Diskussion waren, oder wo sie sich zu dieser herbeiließen, ganz andere Ziele verfolgten, als ihre Partner meinten — sie sahen in ihr ein Sicherheitsventil (Parlament und Presse vom Standpunkt Bismarcks), oder ein Mittel, ihre Widersacher zu erschöpfen und eben dadurch dem suggestiven Einfluß die Bahn freizumachen (die Methode Buddhas): durch Verständigung und Ausgleich wird kein Kind gemacht. Analoges ist aber aller Schöpfung Ziel.

Nun aber besteht kein Zweifel darüber, daß die typische Abneigung schöpferischer Geister das Problem der Diskussion im weitesten Verstande, vom Kriege bis zur Aussprache, nicht erledigt. Sonst wäre Diskussionsfeindschaft die Regel und nicht die Ausnahme, jedenfalls keine Ausnahme, die kaum je verstanden und von der Mehrheit jedesmal ungünstig beurteilt wird. Diese war, im Gegenteil, von jeher der Meinung, daß Auseinandersetzung ein Fruchtbares ist. Und mag sich in noch so vielen Fällen erweisen, daß solche nur Übles zur Folge hatte — die öffentliche Meinung hält am günstigen Vorurteil fest. Also muß dieses irgendwie in der Erfahrung begründet sein. Nun — zwischen ihrem Urteil und der Feststellung, die diese Einführung einleitete, besteht kein grundsätzlicher Widerstreit. Diskussion ist insoweit, aber auch nur insoweit fruchtbar, als sie Gleiches zur Folge hat, wie im erstbetrachteten Falle die Suggestion. Das heißt, als dank der Aussprache Neues entsteht.

Dies kann sie tatsächlich bewirken. Und hierin liegt die eine Rechtfertigung des Krieges, der Urform aller Diskussion. Bei oberflächlicher Betrachtung ist schwer einzusehen, inwiefern ein Krieg, der nicht mit buchstäblicher Vernichtung eines der Gegner endete, seinen Sinn erfüllen könnte. Tatsächlich haben sich in der ganzen Geschichte ausschließlich solche, vom materialistischen Soldatenstandpunkt unentschiedene Kriege als fruchtbar und folglich sinnvoll erwiesen, weshalb denn Ehrung des Feindes und Schonung des Besiegten von jeher die Grundgebote aller Kriegsethik waren — nur unkriegerische Völker und Zeiten haben je anders empfunden (in welchem Umstand die Haupterklärung der Niedertracht des modernen Ausrottungskrieges liegt). Dieser Tatbestand findet seine Erklärung darin, daß nicht Vernichtung des Gegners der eigentliche Zweck des Krieges ist, sondern Wandel der Machtverhältnisse, welche ihrerseits für die Dauer nur auf Grund einer Verwandlung der Seelen möglich ist. Diese nun ergibt sich naturnotwendig als Folge befruchtender Beeinflussung. Und in diesem Sinn erfolgt gegenseitige Verwandlung zwangsläufig, sobald Menschen auf der Basis der Gleichberechtigung überhaupt in gespannte Dauerbeziehung zueinander treten und die Spannung zu irgendeiner Lösung führt. Denn ob sie wollen oder nicht, ob sie sich bewußt noch so sehr gegeneinander abschließen — ein andauerndes Spannungsverhältnis als solches ist Gemeinschaft. Aber damit bedeutet es eine Wirklichkeit oberhalb der Partner, welche diese desto tiefer verändern muß, je intensiver die Spannung und je länger sie besteht. Daher die Angleichung der Gatten aneinander in der Ehe; daher die typische geistige Besiegung der Sieger durch die Besiegten auf der Ebene dessen, worin diese jenen überlegen waren, von der Hellenisierung der Römer und Verperserung der Araber bis zur Verpreußung der Westmächte als Folge des Weltkriegs. In diesem Zusammenhang ist es nämlich einerlei, ob eine Spannung im Zeichen der Liebe oder des Hasses steht; beide sind gleich schöpferisch und gehen überdies ohne weiteres ineinander über, wie denn sonst Versöhnung zweier Feinde, welche sich ehrlich schlugen, seltene Ausnahme und nicht allgemeine Regel wäre.

Hiermit wären wir denn bereits zum Kern des Problems der Diskussion im allgemeinen vorgedrungen: was Diskussion fruchtbar machen kann, ist nicht die Auseinandersetzung als solche. Diese ist vielmehr genau nur so viel wert, als sie der Ausdruck einer Gemeinschaft ist. Denn dann, und nur dann ist die Spannung eine schöpferische, die ihre normale Lösung in der Erschaffung eines Neuen findet.

Von hier aus können wir zunächst feststellen, welche Art Aussprache unbedingt vom Übel ist: dies gilt von schlecht hin jeder, die nicht im Geist vorherbestehender Gemeinschaft erfolgt. Ein Krieg, in welchem ein Gegner den anderen nicht als gleichberechtigt ansieht, ist nicht Krieg, sondern organisierter Mord. Daher die beinahe rein negativen Auswirkungen des Weltkriegs: dieser wurde von den meisten Völkern im Geist des Mörders und Räubers geführt. Genau so ist jede Aussprache absolut vom Übel, in der auch nur einer der Partner die angenommene Unrichtigkeit der von der seinen abweichenden Meinung und nicht den zu achtenden Menschen als letzte Instanz ansieht. Gewiß gibt es unbedingt Falsches; gewiß soll die Wahrheit triumphieren. Aber diese Forderung hat Sinn nur auf sachlich-logischem Gebiet — und hier ist es wiederum sinnwidrig, von Mensch zu Mensch zu streiten, weil die Partner dabei unwillkürlich persönlich werden und sachliche Gesichtspunkte allein entscheiden können. Aus diesem Grunde verwerfe ich persönliche Auseinandersetzungen zum Zwecke sachlicher Erkenntnis grundsätzlich, wie ich denn in wissenschaftlichen Kongressen, sofern sie mehr bedeuten sollen als ein besonderes Mittel zur Verbreitung wissenschaftlicher Forschungsergebnisse, genau nur so viel Sinn sehe, als edle Geselligkeit auf ihnen, gegenüber den Debatten, die Hauptsache bedeutet. Ebenso sinnwidrig ist Aussprache überhaupt nach einem Vortrag, welcher Neues bringt, oder mit dem, von welchem man lernen will: hier kann Befruchtung ausschließlich dadurch zustande kommen, daß sich der eine Teil weiblich-aufnehmend hingibt, denn die bloße Einstellung auf Verteidigung des eigenen Standpunkts oder auf Mehr- oder Besser-wissen-wollen, ja das bloße Nachdenken wirkt hier als Reflexionsscheibe, welche die auffallenden Strahlen total reflektiert. So viel gilt schon im Bereich der Wissenschaft. Vollends sinnwidrig nun ist Diskutieren in der Absicht, den Gegner zu widerlegen, dort, wo sachliche Wahrheit der Natur der Sache nach nicht letzte Instanz sein kann. Und dies gilt überall, wo eine Lebenseinheit als solche einer anderen gegenübertritt; denn hier ist klar, daß keine ihren Standpunkt aufgeben darf, weil sie damit sich selber aufgäbe. Von den vielen Grotesken der Weltkriegszeit war die ungeheuerlichste gewißlich die, daß damals ein Volk das andere zu widerlegen unternahm. Diese Gesinnung konnte nicht umhin, die monströse Vernichtungsforderung zu gebären, denn ein widerlegter Irrtum ist ja damit vernichtet, und daß es ein Jenseits des Falschen geben könnte, war den verblendeten Menschen jener Zeit unfaßbar. Aus dem gleichen Urteilsfehler folgt der noch heute tobende Streit um französisches droit und deutsches Recht: hier stehen sich einfach — nur in der Vorstellung auf die Ebene juristischer Theorie projiziert — die (vorausgesetzten) Lebensnotwendigkeiten zweier Völker gegenüber, und keines kann je als Recht anerkennen, was ihm das Todesurteil spricht. Auf dem Gebiet, wo Leben gegen Leben steht, gibt es nur zwei Arten nichtsinnwidriger Diskussion: den Krieg als Gemeinschaft im Zeichen des Hasses oder aber als Liebesspiel.

Hiermit wären wir denn soweit, ohne Mißverständlichkeit genau bestimmen zu können, wann allein Diskussion auf vitalem Gebiete fruchtbar sein kann. Sie kann es dann allein, wenn der eine den anderen ebensowenig zu widerlegen unternimmt, wie der Mann das Weib, das er besitzt, und umgekehrt; wenn keiner erwartet, den anderen zu überzeugen; und wenn die Auseinandersetzung trotzdem nicht im Geist der Gleichgültigkeit geschieht. Diese drei Grundsätze jeder nur denkbaren fruchtbaren Diskussion sind gewiß neunzig von hundert aller derer, welche von Aussprachen alles Heil erwarten, vollkommen fremd. Sie gelten nichtsdestoweniger unbedingt. Und zwar bedeuten sie ganz anderes als die Grundsätze, zu welchen Verständigungs- und Ausgleichspolitiker sich bekennen: denn nicht Angleichung der Partner in deren status quo ist Ziel und Ergebnis ihrer Befolgung, sondern die Entstehung eines Neuen durch deren Vermählung — sei es, daß beide sich innerlich wandeln und so nicht die gleichen bleiben, die sie waren; sei es, daß eine neugesinnte Generation aus ihr entsteht. Freundschaftliche Aussprache erfüllt also dann allein ihren Zweck, wenn sie der gleichen Einstellung Ausdruck gibt, wie der Krieg — nur mit umgekehrten Vorzeichen. Und das bedeutet: wenn sich einfach Leben an Leben mißt. Das sachliche Ergebnis kann nur von selbst kommen, das heißt aus dem Mutterschoß des Unbewußten geboren werden, so wie das Kind als Folge der Liebe von selbst entsteht.

Hieraus ergibt sich denn völlig eindeutig, welcher Stil oder welche Technik allein für eine fruchtbar-sein-sollende Diskussion in Frage kommt. Die Partner müssen sich beiderseitig genau so zueinander verhalten wie einerseits der schöpferische Geist, andererseits der passiv aufnehmende, sofern dieser lernen und jener befruchten will. Sie müssen sich völlig unbefangen und ohne Schutzpanzer dem gegenseitigen Einfluß öffnen; was einer ist, gibt er dadurch keinesfalls preis, so wenig wie die Frau, die sich dem Manne hingibt; und was er nicht ist und doch als Vorstellung vertritt, das kann nicht schnell genug vergehen. Wo immer also diskutiert wurde, blieb ein günstiger Erfolg nicht aus. Ein großes Beispiel für hunderttausend kleine: in der Spätantike öffneten alle damaligen Kulturvölker gegenseitigen Einflüssen Geist und Seele. Was war die Folge? Nicht Synkretismus, nicht Eklektizismus; diese Erscheinungen, die zunächst freilich auftauchten, verstarben an ihrer Leblosigkeit gar bald. Die Folge war: die einige Christenheit, in welcher das theoretisch Unvereinbare, bei dessen Diskussion Legionen geistiger Streiter verblutet waren, zu lebendiger Synthese verschmolz.

Hermann Keyserling
Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt · 1930
Der Aufgang einer neuen Welt
© 1998- Schule des Rades
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