Schule des Rades

Hermann Keyserling

Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt

Das Tierideal

Pädagogismus und Institutionalismus

Soweit, so gut. Die wunderbaren Fortschritte der Vereinigten Staaten nicht nur in geschäftlicher, technischer und allgemein-materieller Hinsicht, sondern auch auf den Gebieten der Erziehung und wissenschaftlichen Forschung, sind in erster Linie Folgen ihrer Primitivität. Der Amerikaner konnte sich der anderen, dem Geiste zugehörenden Seite, des Problems verschließen, weil er im Prozeß der Verjüngung ihre Wirklichkeit nicht mehr erkennen konnte. Diesem Umstand ist zu danken, daß er mit einer Selbstsicherheit, die kein geistig bewußter Mensch aufbringt, als Tier vorwärts schreiten konnte. Selbstverständlich hat der Amerikaner geistige Bedürfnisse; diese aber befriedigt er, seinem wahren Zustand entsprechend, durch primitive Formen von Religion und Philosophie. Die Christian Science ist vom wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet eine schamanistische Religionsform; der Fundamentalismus einer der rohesten mir bekannten Ausdrücke des Tabuismus; und der Reverend Billy Sunday spielt mit vollendeter Virtuosität auf dem Instrument des Angstmechanismus der primitiven Seele. Ich erwähne diese Religionsformen, weil mir scheint, daß die normaleren Kirchen keine nennenswerte Rolle mehr im geistigen Leben spielen: dafür sind sie allzu erfolgreich und entwickeln sich zu stark im Sinn geschäftlicher Großbetriebe. Und ihre Mitglieder — nun, die meisten Amerikaner gehören ihrer Kirche zweifellos in keinem anderen Verstande an, als sie Mitglieder ihrer Golf-, Luncheon- oder Rotary-Klubs sind.

Um Fortschrittlichkeit im absoluten Sinn handelt es sich sonach bei der Hauptmasse der Betätigungen und Erreichnisse, deren psychologischer Hintergrund ein Behaviorism irgendwelcher Art ist. Doch wie überall so auch hier impliziert allzu vollständiger Erfolg Gefahr. Je primitiver ein Mensch, um so mehr ist er geneigt zu verallgemeinern; hier liegt die Wurzel alles Aberglaubens. Und kann er so viele Probleme dank dem zu seiner eigenen Zufriedenheit lösen, daß er im Menschen ein bloßes Tier sieht, so ist er naturgemäß zur Meinung geneigt, alle Probleme seien auf gleiche Weise zu lösen. Hiermit hielten wir denn die lebendige Wurzel jenes für Amerikas augenblicklichen Zustand mehr als alles andere charakteristischen Institutionalismus und Pädagogismus. Ich sage lebendige Wurzel, denn sie haben überdies andere, die auf das 18. Jahrhundert zurückgehen und wohl noch am Leben, aber altersschwach sind.

Die Seele des amerikanischen Institutionalismus und Pädagogismus, und zur Zeit die eigentliche Triebkraft der ganzen Nation ist der Glaube, daß alles von außen her gewandelt und verbessert werden kann; daß Umgebung alles bedeutet; daß die Autonomie des Lebens und die freie Initiative des schöpferischen Geistes völlig unberücksichtigt bleiben können. In vielen hochstehenden Zeitschriften fand ich ein glänzendes Beispiel geschickter Reklame, dessen Gedanke ungefähr dieser war: Mann und Frau fahren von einer Abendgesellschaft nach Hause. Du warst wirklich großartig, sagt er, so witzig, so geistvoll, jeder Gedanke war originell. Aber auch du kannst originell sein, mein Liebling, erwidert sie, kauf dir nur das Buch zu zwei Dollar — der Titel ist mir entfallen —, es enthält so viel originelle Gedanken, wie du nur brauchen kannst. … Wohl besteht Meinungsverschiedenheit darüber, ob es Dinge wie Freiheit und Geist und metaphysische Wirklichkeit gibt, aber die Praxis ist in allen repräsentativen Fällen die gleiche. Auch hier konvergiert Amerika mit dem bolschewistischen Rußland: jeder Bolschewist wird dem zustimmen, daß der Typus, zu dem ein Mensch sich entwickelt, einzig von seiner Umgebung abhängt. Dies ist der Grund, warum nächst Amerika Rußland das erziehungsbeflissenste Land ist.

Um zu einer wirklich genauen Definition des amerikanischen Institutionalismus zu gelangen, ist es ratsam, ihn zunächst nicht nur mit seinem russischen, sondern auch mit seinem deutschen Äquivalent zu vergleichen. Dies wird um so lehrreicher sein, als überaus vieles von dem, was in Amerika als System begriffen werden kann, aus Deutschland stammt. Auch die Deutschen, im Gegensatz zu den Engländern, glauben an Institutionen und Organisationen. Wie kommt es da, daß der deutsche und der amerikanische Institutionalismus so grundverschieden sind, während der amerikanische und der russische der gleichen Gattung anzugehören scheinen? Wir finden den Grund, wenn wir bedenken, daß die Amerikaner im Gegensatz zu den Deutschen an Systeme und Abstraktionen nicht glauben. Der Seinsgrund des deutschen systematischen Geistes ist der, daß die Deutschen, als ein Volk denkender Introvertierter, kein Verhältnis zu irgendeinem Sonderproblem gewinnen, bevor es ihnen gelang, es als Sonderausdruck eines allgemeinen, womöglich universalen Prinzips zu betrachten. Ihnen ist also das Abstrakte Symbol innerer Wirklichkeit. Der extremste Ausdruck dessen war die Lehre Hegels, der gemäß der Wille der Staats die Erfüllung aller Einzelwillen sei. Hieraus folgt, daß der deutsche Institutionalismus auf Grund behavioristischer Voraussetzungen nicht zu verstehen ist, denn deutsche Organisationen und Institutionen sollen nicht ein Milieu sein, das vitale Reaktionen auslöst: sie sollen unmittelbare Ausdrücke sein eines inneren Prinzips. Dies können sie aber nicht wirklich; dies erklärt die Leblosigkeit und den Originalitätsmangel, welcher so viele Ausdrücke des deutschen systematischen Geistes charakterisiert. Andererseits aber ist der Sinn des letzteren nie der, daß Umgebung alles bedeute, sondern das gerade Gegenteil: daß der Geist im Inneren des Menschen, als abstrakter Geist gedacht, eine von jeder Umwelt unabhängige und dieser überlegene Kraft sei.

Nun wird es uns leicht gelingen, die Eigenart des amerikanischen Institutionalismus zu verstehen. Zur Einführung diene ein amüsantes Gleichnis. Den Abbe Mugnier, einen der seltenen mir bekannten Franzosen, in denen noch der beste Geist des 18. Jahrhunderts lebt, befragte einmal eine Betschwester, deren Leben nicht ganz untadelig gewesen war, ob er ganz sicher sei, daß es eine Hölle gebe? Seine Antwort lautete:

Ma chère enfant, évidemment il y a un enfer, puisque notre très-sainte Eglise l’enseigne; mais la miséricorde de Dieu étant infinie, je suis à peu près sûr qu’il n’y a personne dedans.

Wollen heutige Amerikaner ihre Nation musikalisch machen, dann meinen sie alles Erforderliche geleistet zu haben, wenn sie ein großartiges Institut gebaut und mit Millionen ausgestattet haben. Daß Musik als Dasein und Wert ganz und gar vom Talent einiger weniger Persönlichkeiten abhängt, daß der Institutionalismus den Sachverhalt vollkommen verkennt, wo immer es sich um geistige Werte handelt, kommt ihnen kaum je in den Sinn. Aus diesem Grunde gleichen drüben so zahlreiche beziehungs- und sogar wissenschaftliche Institute Mugniers Hölle. Um so mehr, als sehr wenige amerikanische Mäzene sich klarmachen, daß es in einem Land, dem ein hoher Lebensstandard Ideal ist, unvermeidlich zu Mittelmäßigkeit auf wissenschaftlichen, und künstlerischen, Gebiete führt, wenn Wissenschaftler und Künstler schlechter bezahlt werden als Eisenbahnpräsidenten. Gleiches gilt von der staatsmännischen und verwaltungstechnischen Befähigung; auch diese wird in den Vereinigten Staaten unerhört schlecht bezahlt, und daraus erklärt sich zum großen Teil der Mangel an begabten Männern auf politischem Gebiet. In Europa konnte und kann ein befähigter Staatsmann, Wissenschaftler oder Künstler schlecht bezahlt sein, weil er dem nur zu Gelderwerb Befähigten als so unermeßlich überlegen galt und gilt, daß Mangel an materiellen Gütern in Wahrheit nur überwältigende Vorzüge ausgleicht. Für diese Auffassung gibt es in der öffentlichen Meinung Amerikas kein Äquivalent. Sie glaubt eben nicht an den inneren Wert des Talentes und Genies. Nicht einmal auf geschäftlichem Gebiet glaubt sie wirklich daran, obwohl außergewöhnliche Begabung hier wie sonst nirgends anerkannt und honoriert wird. Außerordentliche Gehälter werden einfach deshalb ausgeschüttet, weil solche sich als für den Bezahler vorteilhaft und einträglich erwiesen haben; kein Arbeitgeber weiß oder gibt zu, daß Begabung als solche ein Wert sei.

1Im englischen Original schuf und brauchte ich das Wort educationalism, das aber nicht gut ins Deutsche zu übernehmen ist.
Hermann Keyserling
Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt · 1930
Der Aufgang einer neuen Welt
© 1998- Schule des Rades
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