Schule des Rades

Hermann Keyserling

Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt

Sozialismus

Altruismus und Egoismus

Es ist schade, daß der Ausdruck Sozialismus mit dem wenigst sozialen aller Systeme verknüpft worden ist. Auch Kinder erhalten selten einen Namen, der wirklich zu ihnen paßt. Die dem Vornamen zugrunde liegende Idee ist ja die, daß jeder außer seinem Familiennamen, seinen Titeln usw., die sein Verhältnis zu anderen symbolisieren, eine seine Einzigkeit ausdrückende Bezeichnung habe, und insofern finde ich es ungeheuerlich, daß neugeborene Weltbürger je, wie dies so oft geschieht, nach jemand benannt werden. Aber gewiß ward noch nie eine Bezeichnung weniger nach Maß hergestellt, um mit Bergson zu reden, als der Name Sozialismus in seiner Anwendung auf das, was er vertritt. Die psychologische Natur des Menschen ist aus primär individuellen und ebenso primär sozialen Elementen aufgebaut. In der natürlichen Entwicklung geht das Soziale dem Individuellen voran. Auf physiologischer Ebene äußert sich dies so, daß jeder Einzelne, so einzig er sei, nicht nur das Kind zweier Eltern, sondern auch integrierender Bestandteil einer Gruppe ist. Gleiches äußert sich aber auch auf der Ebene psychologischer Wirklichkeit. In jedem leben ursprüngliche Impulse, die nicht dem individuellen, sondern primärem sozialem Bewußtsein entspringen — ich verwende das Wort im weitesten, das Gesamtgebiet des Sozialen vom Geschlechtlichen bis zum Ethischen umfassenden Verstand. Daß es solche primär soziale Impulse gibt, kann nicht wirklich verstanden werden, und dies aus dem sehr einfachen und selbstverständlichen Grund, daß das Individuum erste und letzte Voraussetzung alles Denkens ist, denn das Denken ist ein rein persönlicher Prozeß. Dafür ist das Vorhandensein primär sozialer Impulse auf experimentellem Wege nachzuweisen. Nicht nur mittelbar, insofern ein rein egoistisches Leben allemal Unheil zur Folge hat — äußeres Unheil braucht vom Standpunkt inneren Erlebens nichts zu bedeuten —, sondern auf Grund des letzteren, das heißt unmittelbar. Wer Betätigungen ablehnt oder unterdrückt, deren Urquell primär-sozialer Trieb ist, erkrankt oder entartet oder aber er lebt in einem Zustand dauernder Unseligkeit, einer Hölle, aus der es keinen Ausgang gibt. Hier wurzelt die allgemeine menschliche Idee der Sünde. Allein frühere Zeiten deuteten den Tatbestand von religiösen und metaphysischen Voraussetzungen aus, deren Gültigkeit fraglich ist. Die moderne Psychologie nun hat bewiesen, daß er ohne Rekurrenz auf irgendein Jenseits erklärbar ist. Es ist zumal Verdienst des Wiener Psychoanalytikers Alfred Adler und seiner Schule, nachgewiesen zu haben, daß die sozialen Impulse ebenso reale und ursprüngliche Elemente der Menschennatur sind wie die individuellen. Das heißt dem Menschen als Individuum eignen un- oder überpersönliche Empfindungen, Gefühle und Impulse; sie gehören unbeschadet der Einzigkeit jedes Einzelnen im selben Sinne wesentlich zu ihm, wie jeder Mensch in erster Linie ein Ausdruck unter anderen der Gattung Mensch ist mit all deren typischen Merkmalen. Daß es eine psychologische Entsprechung für letztere Tatsache gibt, wird vollends durch die von allen Religionen benutzten und innerhalb aller bewährten Schulungsmethoden bewiesen. Um rein individuellen Fortschritt zu fördern, verwenden alle zu Meditationszwecken symbolische Bilder, von denen wir heute wissen, daß sie Ausdrücke des kollektiven Unbewußten sind. Als solche gehören sie dem Bereich der Gattung, nicht des Individuums an. Doch dieses muß sich ihrer bedienen, wenn er wachsen will, weil der Wachstumsprozeß nur mittels Gattungskräften eingeleitet und vollendet werden kann.

Der Mensch ist also in allen Fällen sowohl ein soziales als ein individuelles Wesen. Dementsprechend scheint Harmonisierung des Sozialen und Individuellen das Ideal zu sein. Solche Harmonisierung ist nun offenbar auf Grund verschiedenster Wechselverhältnisse der beiden Elemente möglich; von Pathologischem kann dann allein die Rede sein, wenn entweder die individuelle oder die soziale Seite soweit unter- oder überentwickelt ist, daß Harmonisierung unmöglich wird. Oft ist behauptet worden, jeder Heilige sei potentiell ein Verbrecher. Das ist er wirklich, und zwar aus zweierlei Gründen: erstens ist Einzigkeit das Wesen spiritueller Wirklichkeit; daher muß mit wachsender Spiritualisierung zugleich das Einzigkeitsbewußtsein wachsen, was seinerseits die individuellen gegenüber den sozialen Impulsen steigern muß. Der zweite Grund ist der, daß gemäß dem alles Leben beherrschenden Polaritätsgesetz die Naturgrundlagen äußerster Selbstlosigkeit und äußersten Egoismus nahe verwandt sind, wenn sie nicht tatsächlich zusammenfallen. Jedenfalls ist jeder Mensch von außerordentlicher individueller Begabung physiologisch ein sowohl geist- wie naturgewollter Egoist, weil eben sein Individuelles dermaßen entwickelt ist, daß er sich notwendig in erster Linie seiner selbst, und nicht seiner inneren Beziehung zu seinen Mitmenschen bewußt ist. Die stärkste Hypertrophie des Individuellen oder des Sozialen als solche braucht jedoch das innere Gleichgewicht nicht zu zerstören; einer mag extremster Individualist sein und dabei all seine Kräfte individueller Initiative in den Dienst der Allgemeinheit stellen; in diesem Fall stellte dieser besondere Zusammenhang den sowohl natur- wie geistgemäßen Gleichgewichtszustand dar. Gleichsinnig darf der, dessen soziale Triebe so stark sind, daß er an seiner persönlichen Vervollkommnung überhaupt kein Interesse nimmt, und sein ganzes Leben am liebsten dem Besten anderer opfert, als pathologischer Fall so lange nicht beurteilt werden, als sein Opferwille den Egoismus anderer nicht ermutigt und fördert. Daher die Strenge Jesu und der meisten Heiligen. Ihre Nächstenliebe war nie Gutmütigkeit im Sinn von Schwäche. Sie waren nie wie jene russischen Aristokraten, die das Gefühl ihres Bevorzugtseins nicht aushalten konnten, die deshalb alles verschenkten und in die dunkle Masse eingingen, statt ihre Vorzugsstellung dazu zu benutzen, deren Aufstieg zu fördern.

Es darf also jede Art Gleichgewicht zwischen der individuellen und der sozialen Seite im Menschen als normal gelten, solange überhaupt ein Gleichgewicht besteht, wogegen ebenso jeder Fall nicht vorhandenen Gleichgewichtes pathologisch ist. Aus dem Gesagten folgt aber weiter, daß jeder gegebene Gleichgewichtszustand die Entfaltung bestimmter Funktionen begünstigt und andere ausschließt. Für diese Beschränkung bietet das gegenseitige psychologische Verhältnis von Mann und Frau das Urbild. Aus dem Gesichtswinkel der Psychologie der elementaren Instinkte und Impulse erscheint der Mann als der individualistische und demgemäß egoistische und selbstsüchtige, die Frau hingegen als der altruistische, selbstlose und sozialgesinnte Teil der Menschheit. Alle Initiative, alle Erfindung und alle Variation setzt ein Vorherrschen der Selbstbetonung voraus; andererseits hat alle Erhaltung und alle Kontinuität in den beiden Dimensionen der Gleichzeitigkeit und Folge das Vorherrschen der altruistischen Triebe zur Voraussetzung. Beiderlei Triebe sind zur Erhaltung und zum Fortschritt des Lebens gleich notwendig. Ohne Selbstbetonung vermöchte sich der Mensch auf Erden nicht zu behaupten; auch gäbe es keinen Fortschritt irgendwelcher Art. Fehlte andererseits die Selbstlosigkeit als herrschende Macht, so würde die einzig normale Beziehung der Menschen untereinander der Krieg sein. Der Altruismus ist dem Egoismus ebensowenig im absoluten Verstande überlegen wie die Frau dem Mann. Dies mißverstanden zu haben, war einer der verhängnisvollsten Irrtümer des Christentums. Das christliche Zeitalter legte deshalb allen Nachdruck auf die Werte weiblichen Lebens, weil diese im heidnischen Altertum zu wenig betont worden waren; es war ein Fall psychologischer Kompensation. Da aber die historischen Protagonisten der Christenheit in Wahrheit äußerst viril waren, so führte die bewußte Betonung weiblicher Ideale zu desto akzentuierterer unbewußter und unwillkürlicher Selbstsucht und überdies zu übelster Scheinheiligkeit. Es mag sein, daß die christlichen Völker im ganzen weniger Grausamkeit bewiesen haben als viele asiatische; doch dies galt von ihnen bereits, bevor sie getauft waren. Was Selbstsucht im Sinn von Ausbeutung des Mitmenschen betrifft, so kann sich sicher keine Menschenart mit der messen, deren bewußter Glaube den Wert selbstloser Liebe überbetont. So ist — leider — innerhalb der Wohltätigkeit das Höchstmaß von Egoismus anzutreffen, und hier wiederum dort, wo organisierte Frauen führen; hier waltet Wille zur Macht vollkommen hemmungslos, denn hier entschuldigt die Etikette der selbstlosen Liebe, was immer geschieht. Die Lösung des Dilemmas ist die, daß Altruismus und Egoismus korrelative natürliche Einstellungen bedeuten. Keiner von beiden verkörpert an sich einen spirituellen Wert; beide können ihn verkörpern. Was in allen Fällen wirklich nottut, ist ein rechtes Verhältnis zwischen den Kräften beider, die sich von Natur aus kompensieren. Aber fraglos haben Mann und Frau auf Erden verschiedene Aufgaben.

Dies führt uns denn zum Thema des Sozialismus zurück und zugleich zu unserer These, daß das Sozialismus genannte soziale System diese Bezeichnung am wenigsten verdient. Die vielen möglichen normalen Gleichgewichtszustände zwischen dem Individuellen und dem Sozialen innerhalb der Menschenseele haben zur Grenze einerseits den Zustand absoluter Vorherrschaft des Individuellen und andererseits den ebenso absoluter Vorherrschaft des Sozialen. Letzterer Satz besagt, daß das wirkliche Leben (welches immer individuell ist) sein Aktionszentrum im ersten dieser Extremfälle ganz und gar in den individuellen, und im anderen ebenso ausschließlich in den sozialen Impulsen hat. Dieser letzte Punkt ist wichtig: hier handelt es sich um keine Unterdrückung des Individuums als solchen, sondern um vorherrschende soziale Triebe innerhalb seiner, so daß das Leben im letzteren Fall ebensosehr ein Ausdruck von Freiheit ist wie im ersten.

Das Wort Sozialismus sollte nun vernünftigerweise nur auf die Lebenseinstellung Anwendung finden, die theoretisch sowohl wie praktisch einen Zustand vorherrschender sozialer Impulse zum Ausdruck bringt; und dies wiederum bedingt, daß ein sozialistisches System ebenso wesentlich auf Freiheit begründet sein sollte wie das extremst individualistische; ein in den sozialen Trieben begründetes sozialistisches System, das dennoch wesentlich ein Zwangssystem wäre, stellt eine contradictio in adjecto dar. Tatsächlich aber beruht alle sozialistische Theorie und Praxis, die diesen Namen trägt, auf Zwang. Die Oberfläche dieses Sachverhalts erklärt der Umstand, daß der Sozialismus wirtschaftliche, das heißt äußere Kräfte als letztentscheidend ansieht; auf deren Ebene gibt es natürlich keine Freiheit, und paßt sich der Mensch ihnen an, so muß er unvermeidlich ihren Daseinsmodus annehmen; deswegen werden Arbeiter in einer allzu gut organisierten Fabrik unvermeidlich auch psychologisch zu Rädern einer Maschine. Aber die Grundursache ist in anderer Richtung zu suchen. Alle sogenannten sozialistischen Theorien wurden von Vertretern individualistischer Völker erfunden, um diese sozialistisch zu machen. Dies erklärt, warum das, was offiziell Sozialismus heißt, nur bei den zwei Völkern zur Macht werden konnte, deren psychologische Struktur einem in ursprünglichfreien sozialen Trieben begründeten sozialen Leben die größten Schwierigkeiten entgegensetzt: bei den Deutschen und Russen. Der Deutsche als Typus hat, wie ich im Spektrum Europas gezeigt habe, keinen unmittelbaren Kontakt mit seinen Mitmenschen; er stellt, gemäß Beatrice M. Hinkles Nomenklatur,1 einen Extremfall des objektiven Introvertiertentypus dar. Hieß Leibniz den Menschen eine Monade ohne Fenster, so ist dies zwar nicht wahr vom Menschen im allgemeinen, wohl aber vom Deutschen. Der Russe nun ist zwar keine Monade ohne Fenster; dafür verkörpert er in seiner Seele eine ungeheure Spannung zwischen den polaren Gegensätzen äußerster Passivität und schrankenloser Energie, sowie denen unzweideutiger Bestialität und übermenschlicher Spiritualität. Da diese Spannung natürlich auch in der psychologischen Struktur des Volksganzen zum Ausdruck kommt, so läßt sich dieses unmöglich den Idealen der Gleichheit und Demokratie entsprechend vereinheitlichen. Hier besteht die Nation primär sowohl als für immer aus komplementären Typen, von denen ich schon an früherer Stelle den einen mit einem kleinen, jedoch sehr scharfen Messer verglich, den anderen mit einem großen Stücke Butter. Da nun jeder Russenbeherrscher offenbar dem Messertypus angehören muß, so kann Herrschaft überhaupt dort nicht umhin, despotisch zu erscheinen, gleichviel, ob der Herrscher ein Zar sei oder ein Arbeiter. Die einzige Art sozialpolitischen Gleichgewichts, in welchem der Wille des Volks in Rußland überhaupt als Macht figurieren könnte, entspricht der Idee des Sowjetsystems. Selbstverständlich wird es nicht bei den für heute typischen Tatsachen bleiben; der Terror wird ein Ende nehmen, der Kommunismus vielleicht aufhören, Staatsreligion zu sein; aber als Idee entspricht das Sowjetsystem den Russen genau im gleichen Verstand, wie der Parlamentarismus den Briten.

Nun möchte aber sowohl Deutschland wie Rußland in eben dem Sinne sozial sein, wie es ursprünglich Sozialgesinnte durch die Koordinierung und das Zusammenwirken freier Willen sind. Dies ergibt denn die endgültige Erklärung und Rechtfertigung des eingangs aufgestellten Paradoxons: daß der Ausdruck Sozialismus mit dem wenigst sozialen aller sozialen Systeme verknüpft worden ist. Der Sozialismus rechnet in keiner Weise mit dem realen Vorhandensein ursprünglicher sozialer Impulse; er setzt vielmehr augenscheinlich ihr Nichtvorhandensein voraus und versucht dann, sein Ideal von außen her gewaltsam aufzuzwingen. Glaubt er, wie dies sogar der Bolschewismus tut, daß Zwangsmaßnahmen später überflüssig sein werden, so ist dies Folge seines behavioristischen Wahns, daß die neue Wirtschaftsordnung einen neuen, vom Fluch des Individualismus befreiten Menschen schaffen werde. Das tatsächliche Ergebnis aber ist wie folgt: Entweder erscheint die Harmonie zwischen individuellen und sozialen Instinkten, wo solche vorlag, zerstört, oder aber ihre Entstehung wird verhindert; überall wird die Entfaltung des Individuellen gehemmt. Nicht jedoch zugunsten der tatsächlich in jedem lebenden Gruppenseele, sondern eines toten Organisationsprinzips. Aus diesem Grunde wirken die deutschen Sozialisten von allen Deutschen am wenigsten vital; sie sind zugleich am stärksten von Mißgunst, Ressentiment und Neid erfüllt: verdrängte Impulse äußern sich immer in Form der Häßlichkeit. Und wie es nur natürlich ist, wenn das Gesetz und Harmonie der toten Materie den Maßstab abgibt, ist das entscheidende Ideal des deutschen Sozialisten die Sicherheit im Gegensatz zum Risiko — wo die Liebe zu diesem das erste Zeichen innerer Freiheit ist. Das Ideal des deutschen Sozialisten ist recht eigentlich der Staat als Uhrwerk, in welchem jeder seine zugewiesene Stellung innehätte, die keinerlei selbständiges Denken erforderte und wo keine Unfähigkeit Entlassung nach sich ziehen könnte. Das Ideal des sozialistischen Rußlands aber ist zugegebenermaßen der kollektive Mensch, als mechanischer Apparat verstanden. Hier tritt der abstrakte Klassenbegriff an die Stelle einer lebendigen Gemeinschaft; Individualität soll es nicht geben; das Streben und Sehnen der einzigartigen Seele wird vollständig ausgeschaltet. Hierin liegt der Seinsgrund des Hasses der Bolschewisten gegen jede Art Gefühl — in den Schulen wird es systematisch in den Kindern ausgerottet. Selbst das Wesen des Führers wird unter der Voraussetzung der Nichtexistenz der Individualität erhört. Prokowsky, der offizielle Geschichtsschreiber Sowjetrußlands, schrieb, als er den proletarischen Massen die Bedeutung Lenins für die revolutionäre Menschheitsbewegung klar zu machen hatte:

Wir Marxisten sehen in der Persönlichkeit nicht den Schöpfer der Geschichte, denn für uns ist sie nur der Apparat, durch den die Geschichte wirkt. Vielleicht, kommt noch einmal die Zeit, da wir in der Lage sein werden, diesen Apparat künstlich herzustellen, sowie wie wir heute unsere elektrischen Akkumulatoren bauen. Vorerst indessen sind wir noch nicht genügend fortgeschritten, und so lange müssen die Instrumente, durch welche die Geschichte wirkt, diese Akkumulatoren sozialer Prozesse, in primitiver Weise geboren und großgezogen werden.

Dies führt uns denn zum Verständnis der Bedingungen, welche die bloße Möglichkeit eines sozialistischen Zustandes für wahren Wortverstand bestimmen: die sozialen Triebe und Impulse müssen tatsächlich, das heißt organisch, vorherrschen; das heißt, ein sozialistisches Leben, das des Namens würdig sein soll, muß ebensosehr einen Ausdruck von Freiheit im Gegensatz zum Zwang darstellen, wie ein auf rein individuellen Trieben begründetes. In seinen ersten Anfängen vertrat der Sozialismus tatsächlich, wenn auch implizite, solch freies Leben; er war tatsächlich des Liberalismus legitimes Kind. Er entsprang letzterem als Folge der Erkenntnis, daß innerhalb der engen Verhältnisse des europäischen Lebens das Motto laissez faire, laissez passer nicht jedem, wie erwartet, Aufstiegsgelegenheit bot. Und die Quantität betonte er anfangs hauptsächlich deshalb, weil er erkannte, daß dem Menschen an sich, unabhängig von allen Wertrücksichten, gewisse unveräußerliche Rechte gesichert werden müssen, wenn Gerechtigkeit und Billigkeit in Ländern bestimmter hierarchisierter Kulturtradition regieren sollen.2 Diesen Gedanken hatte schon Rousseau gefaßt; er lag der amerikanischen wie der französischen Revolution zugrunde. Dementsprechend entwickelte sich der Sozialismus in den sozialbegabten alten Ländern des Westens zu einem Sonderausdruck des Liberalismus. In Frankreich darf sich nicht allein Aristide Briand als radicalsocialiste bezeichnen: sogar Poincaré dürfte es, ohne damit Wesentliches preiszugeben. Ähnlich liegen die Dinge in England. Die Partei als politische Körperschaft mit ihrem in Deutschland oder Rußland fabrizierten nicht-liberalen Programm kann in jenen Ländern nie mehr als eine opponierende Minderheit bedeuten, die als solche gelegentlich nützliche Arbeit leistet. Frankreich und England sind eben, bei aller sozialen Begabung, letztlich Individualistisch. Es wäre völlig unmöglich, das Gesamtleben dieser Nationen auf der Basis ihrer Gemeinschaftstriebe aufzubauen. Doch es gibt ein von weißen Menschen bewohntes Land, wo dies gelingen könnte und gelungen ist. Dieses Land ist das Gebiet der Vereinigten Staaten. Die Amerikaner sind unter Westländern die einzigen mir bekannten Sozialisten im wahren Sinne des Worts.

1Man lese ihre wahrhaft ausgezeichnete Übersicht über die europäischen Nationen vom Standpunkt des psychologischen Typs, dem sie zu gehören, in ihrem Buch The Re-creation of the Individual (New York, Harcourt, Brace & Co.).
2Letzteres ist bisher am klarsten in der meiner Meinung nach besten Darstellung der dem Sozialismus zugrundeliegenden Idee, dem Büchlein Der Sinn des Sozialismus der Baronin Leonie Ungern-Sternberg (Otto Reichl Verlag), dargelegt worden.
Hermann Keyserling
Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt · 1930
Der Aufgang einer neuen Welt
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