Schule des Rades

Hermann Keyserling

Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt

Sozialismus

Soziale Triebe

Der amerikanische Sozialismus ist zum Teil das Ergebnis dreier Ursachen, deren eine wir bereits untersucht haben, während die anderen in späteren Kapiteln ausführliche Behandlung erfahren werden: der amerikanischen Primitivität, der Vorherrschaft des weiblichen Geistes und der moralischen Gesinnung. Hier will ich nur die akzidentellen Ursachen des amerikanischen Sozialismus betrachten, von denen weder früher die Rede war, noch später die Rede sein wird. Noch lebt in Amerika der Geist des revolutionären 18. Jahrhunderts, dessen Wesen Auflehnung gegen jede Hierarchie der Werte war. Dank den besonderen Gelegenheiten einer an natürlichen Schätzen überreichen und von entgegenwirkenden Traditionen freien Neuen Welt konnte er sich verbreiten und intensivieren wie nirgends sonst. Ferner ist die amerikanische Seele zutiefst noch heute die des Pioniers. Und das bedeutet, daß die für den primitiven Lebenskampf an erster Stelle erforderlichen Kräfte; vorherrschen — ein Umstand, der dem Sozialismus, wie wir ihn hier verstehen, immer förderlich ist; jede Armee ist ein sozialistisches Gebilde. Endlich bestand die Mehrzahl der Einwanderer aus armen Bauern und Arbeitern, und in den niederere Volksschichten herrschen die sozialen Impulse natürlicherweise vor, denn das äußere Leben gewährt hier der individuellen Entwicklung und Differenzierung wenig Spielraum. Andererseits sind Freundlichkeit und Kameradschaftlichkeit sehr wesentliche Dinge im Rahmen primitiven Lebens; was in der Wildnis Gastfreundschaft bedeutet, findet bei den modernen Massen in sozialer Gesinnung sein Äquivalent. Der amerikanische Sozialismus hat noch viele andere akzidentelle Ursachen. Doch seine wahre Wurzel liegt darin, daß in der amerikanischen Nation die sozialen Tendenzen tatsächlich vor den individuellen vorherrschen. Dies ist der Grund, warum Amerika gegen den Sozialismus im europäischen Sinn des Wortes unmittelbar gefeit erscheint. Dort fehlt ihm jeder Seinsgrund. Während meines Aufenthalts in den Vereinigten Staaten hatte ich Gelegenheit, mehrere Radikale (im europäischen Wortverstande zu studieren: ich fand sie (soweit sie ehrlich waren und nicht bloß den Märtyrer spielten, um mehr Geld zu verdienen) vollkommen unwirklich, denn es gibt keine nationale Wirklichkeit, welche sie darstellen und vertreten könnten; sie schwanken zwischen den Typen des Thersites und des Hofnarren hin und her, jenem verantwortungslosen Kritiker, der alles sagen darf, weil er überhaupt keinen Einfluß hat und sogar ermuntert wird, die verletzendste Kritik zu üben, um ein übertriebenes und daher lästiges Gefühl der Sicherheit in der Seele der Machthaber zu kompensieren. Warum nun sind die Vereinigten Staaten immun gegen den Sozialismus im europäischen Verstande? Einfach weil eben das Problem, das die europäischen Sozialisten zu lösen unternommen haben, dort von vornherein gelöst erscheint. Von vornherein fehlt dort jedes Übergreifen des Individuellen auf das legitime Herrschaftsbereich des Sozialisten. Ich kann nicht oft und stark genug betonen, was dem Nachkriegseuropäer das eindruckvollste und zugleich erstaunlichste Erlebnis in den Vereinigten Staaten ist — das (national gesprochen) vollständige Fehlen von Neid, Eifersucht, Mißgunst und Ressentiment. Aus äußeren Umständen ist dies überhaupt nicht zu erklären. Unbegrenzte Möglichkeiten individuellen Fortkommens mögen theoretisch noch bestehen; in der Praxis bestehen sie nicht, schon allein deswegen, weil der Nachdruck auf die Qualität der Arbeit gelegt wird, was den Aufstieg unfähiger Einzelner über einen gewissen Punkt hinaus von vornherein ausschließt, und weil das amerikanische Geschäftsleben frei ist von jeglicher Sentimentalität. Das amerikanische Leben beruht auf Wettbewerb. Dementsprechend ist es ein perpetueller Wechsel von Sieg und Niederlage; es bietet prinzipiell gesprochen, viel mehr Risiko als Sicherheit. Nun bekämpft der europäische Sozialismus nichts so heftig wie gerade einen auf Wettbewerb beruhenden sozialen Aufbau; er erkennt nicht an, daß größeres Können bessere Bezahlung verdient. Spielten daher äußere Gründe überhaupt mit, so müßte es in Amerika einen noch größeren Prozentsatz von Sozialisten geben als bei uns. Überdies sind die Unterschiede der Lebenslage, des Einkommens, der sozialen Stellung und des Einflusses überaus groß; erwachten Ressentiment und Neid, so würde es ihnen an Nahrung nicht fehlen. Endlich ist das soziale und verwaltungstechnische System Amerikas alles andere als vollkommen; es gibt wahrscheinlich mehr Freibeuter der menschlichen Gesellschaft in den Vereinigten Staaten als irgendwo in Europa; es kann nicht geleugnet werden, daß die Erscheinung des graft, das heißt der Bereicherung auf Kosten des Staats oder dank offizieller Machtstellung, allgemein verbreitet ist. Dessenungeachtet gibt es in Amerika keine Unzufriedenheit im großen, wie sie unter gleichen Umständen überall anderswo herrschen würde. Und auch dies ist durch den hohen allgemeinen Lebensstandard nicht zu erklären — das Bewußtsein des Menschen bezieht sich primär auf Unterschiede, weswegen das, woran alle teilhaben, nicht als Vorzug empfunden wird. Unter ähnlichen Umständen würden die deutschen, russischen und sogar die französischem Mehrheiten zweifelsohne Jagd machen auf die durch Mehrbesitz Bevorzugten und ihnen das Leben nach Kräften erschweren. So muß denn das Fehlen von Neid und Eifersucht in Amerika ganz und gar auf inneren Gründen beruhen.

Ehe ich fortfahre, möchte ich meine Leser darum bitten, sich das, was ich im Spektrum Europas, zumal ins Kapitel Ungarn, über die Neidlosigkeit des Grandseigneur ausführte, ins Gedächtnis zurückzurufen: so wird ihnen die Einzigartigkeit der in den Vereinigten Staaten herrschenden Gesinnung am schnellsten klar werden. Der Grandseigneur ist seiner Natur nach unfähig, Neid usw. zu empfinden, weil sein Bewußtsein in seiner Einzigkeit zentriert ist. Was wesentlich einzig ist, ist mit nichts anderem in der Welt zu vergleichen; folglich fehlt jeder Grund zum Neid. Im Zusammenhang dieses Kapitels kann ich den betreffenden Gedankengang in einer anderen Richtung weiterführen. Der Grandseigneur steht über dem Neid, weil das Individuelle in seinem Wesen so sehr prädominiert, daß Nichtsein und Nichthaben auf dem Gebiet des Nichtindividuellen ihm wenig ausmachen. Um den Punkt durch Überbetonung vollends klarzumachen: gesetzt, es gebe einen Himmel, wie die mittelalterliche Christenheit ihn vorstellte, und gesetzt, dieser erwiese sich am Ende der Zeiten so überfüllt, wie es die Christen jener Zeit voraussahen: unter den Seligen wäre Eifersucht trotzdem ausgeschlossen, gleichviel, welchen Platz bei Gott sie einnähmen, weil nach dem Tode allein das Einzige jedes einzelnen fortlebt; es fehlten demnach alle möglichen Vergleichspunkte. — Eine ähnliche, von negativen Gefühlen freie Welt kann durch genau entgegengesetzte psychologische Ursachen zustande kommen: wenn nämlich die soziale Seite ebenso absolut prädominiert wie die individuelle im psychologischen Aufbau des Grandseigneur. Eben dies ist in den Vereinigten Staaten der Fall.

Was darüber an der Atmosphäre allgemeinen guten Willens vorbildlich ist, ist tatsächlich so gut wie unabhängig von der Vollkommenheit seiner Institutionen — es hängt beinahe ausschließlich von dem im letzten Satz zusammengefaßten psychologischen Umstand ab. So wie die Natur der Menschen einmal ist, kann es guten Willen im großen, ein allgemeines Fehlen von Neid, Ressentiment, Eifersucht und Haß nur unter zwei Umständen geben: daß entweder das Einzigkeitsbewußtsein, der Höchstausdruck individuellen Bewußtseins vorherrscht; oder aber daß das Bewußtsein der sozialen Wirklichkeit ebenso absolut prädominiert. In letzterem Fall findet ein Prozeß der Identifizierung des Individuums mit der Gruppe statt, welcher seinerseits Vorherrschaft des Solidaritätsgefühls mit den Mitmenschen gegenüber den Empfindungen, die der Naturnotwendigkeit des Daseinskampfs entsprechen, schafft. Doch das ist nicht alles. Im Gegensatz zu allen früheren sozialistischen Gebilden bietet das amerikanische der individuellen Initiative dennoch Spielraum, vorausgesetzt, daß diese sich innerhalb des Rahmens und zum Nutzen der Gemeinschaft betätigt. Dies beweist denn, daß der Fall Amerikas ein vollkommenes Novum in der Geschichte darstellt.

Zum vollen Verständnis dessen tut es not, einige Einzelheiten zu betrachten. Allgemeinübliche Redewendungen sind immer tief bedeutsam — ich sage tief, weil sie besser als alles andere die Tiefen der Seele offenbaren. Nun vernimmt man in Amerika wenige Worte häufiger als Bürger (im Sinn des römischen civis), Gemeinschaft und Gruppe. Spricht der Durchschnittsamerikaner von einem Prominenten, so heißt er ihn unwillkürlich nicht einen großen Mann, sondern einen großen Bürger. Und ist er gar ein Lehrer, wohlvertraut mit kultureller Tradition, dann erklärt er an irgendeinem Punkt der Unterhaltung so gut wie sicher, der Fortschritt habe nun endlich zur Erfassung der Wahrheit geführt, daß der Mensch seine Erfüllung und Vollendung nicht in seiner Vervollkommnung als Individuum, sondern als Teil der Gruppe findet. In diesem Zusammenhang sind die bedeutsamsten mir bekannten theoretischen Bücher (gleichviel welchen inneren Wert sie haben und was sie denn Amerikaner selbst bedeuten mögen) die von Miss Follett aus Boston, betitelt Creative Experience und The New State. Sie sieht, kurz zusammengefaßt, das Ziel menschlicher Vollendung nicht im vollendeten Ausdruck individueller Einzigkeit, sondern in der Teilnahme am Leben möglichst vieler Gruppen: ihr bedeutet jene nur so etwas wie einen mathematischen Punkt — den Punkt, in dem sich die vielen verschiedenen sozialen Beziehungen schneiden. Betrachten wir diese Tatsachen nun im Licht abstrakter Theorie, so fällt uns sofort die Ähnlichkeit des amerikanischen Standpunktes mit dem des römischen und griechischen Altertums auf; auch den Griechen und Römern war der Mensch in erster Linie Bürger. Gleichzeitig indes muß uns wieder einmal die Wesensähnlichkeit von Rußland und Amerika auffallen: auch dem Bolschewisten ist der Mensch nichts als Glied einer Gruppe; nur als solches soll er seine Vollendung finden können.

Doch gerade an diesem Punkt wird zugleich ganz klar, daß nur das amerikanische System und nicht das bolschewistische den Namen eines sozialistischen verdient. In Rußland soll das Individuum als solches zum Besten der Gemeinschaft sterben. Nichts von dem gewahren wir in Amerika. Was der russische Sozialismus durch Terror und Zwang herbeizuführen strebt, geschieht in den Vereinigten Staaten freiwillig und von selbst. Darum wäre es in Amerika sinnlos, private Initiative und privaten Profit zu entmutigen: da in der psychologischen Struktur des Amerikaners die sozialen Tendenzen tatsächlich prädominieren, so wirkt sein Streben nach Privatbesitz den Interessen der Allgemeinheit grundsätzlich nie entgegen. Dies erklärt denn jene scheinbare Selbstlosigkeit amerikanischer Reicher, die kaum ein Europäer versteht. Dies erklärt, warum Privatinitiative drüben in vielen Fällen schon die fernsten Ideale des europäischen Sozialismus verwirklicht hat: die Arbeiterbank z. B., welche das Kapital zu einer wahrhaft sozialen Institution gemacht hat, ward von Geschäftsmagnaten gegründet, und diese fördern sie noch heute. Amerikanische Millionäre setzen ihren Stolz darein, der Gemeinschaft Stiftungen zu machen; bei ihrem Tode hinterlassen sie ihr gewöhnlich einen Löwenanteil ihres Vermögens. Private Freigebigkeit hat eine große Anzahl von Erziehungsinstituten so reich gemacht, daß sie von allen Schülerbeiträgen unabhängig sind. Andererseits aber begaben amerikanische Mäzene immer nur Institutionen oder kollektive Verbände; selten lassen sie Stiftungen Einzelmenschen zukommen. Die Erklärung dafür liegt (in der Allgemeinheit der Fälle, gleichviel was in Einzelnen gelten mag) nicht dort, wo so viele Europäer sie suchen, nämlich in einem Rückversicherungswunsch der Millionäre liegt einfach in den primär prädominierenden sozialen Trieben. Daß dem so ist, wird vielleicht am besten durch die Konstitution der Rotary International erläutert. Laut Status ist der Zweck dieser Vereinigung, die Ermutigung und Pflege

  1. des Service-Ideals als Grundlage jedes ehrbaren Unternehmens,
  2. eines hohen ethischen Standards in Geschäft und Beruf,
  3. der Durchführung des Service-Ideals durch jeden Rotarier in seinem persönlichen, beruflichen und Gemeinschaftsleben,
  4. der Entwicklung und Benutzung persönlicher Bekanntschaft zum Besten des Service-Ideals,
  5. der Anerkennung der Ehrbarkeit aller nützlichen Tätigkeit und der Hochhaltung der einen durch jeden Rotarier als einer Gelegenheit, der Gesellschaft zu dienen,
  6. der Förderung von Verständnis, Wohlwollen und internationalem Frieden durch eine Weltkameradschaft von Geschäftsleuten und Berufstätigen, die durch das Service-Ideal verbunden sind.

Einem Europäer erscheinen viele dieser Ziele mehr von gerissenem Geschäftsgeist als vom Sinn für das Gemeinwohl diktiert. Dennoch ist der Glaube an das Service-Ideal echt, weil eben das Soziale und nicht das Individuelle die oberste persönliche Voraussetzung jedes Einzelnen ist.

Hermann Keyserling
Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt · 1930
Der Aufgang einer neuen Welt
© 1998- Schule des Rades
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