Schule des Rades

Hermann Keyserling

Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt

Sozialismus

Emanzipation der Massen

Nunmehr wollen wir uns mit den Zukunftsaussichten des amerikanischen Sozialismus befassen: seinen Aussichten im Guten wie im Bösen.

Knüpfen wir hier bei unseren schon begründeten und erläuterten Thesen an, daß das amerikanische System etwas Einzigartiges und Niedagewesenes darstellt, und daß die Kultur, in der es seine Vollendung finden kann, den polaren Gegensatz zu einer auf dem Ideal des Grandseigneurs beruhenden bedeuten würde. Es wäre eine Kultur, in der sich alle gleich frei fühlen würden; in der, aus dem entgegengesetzten Grund, aus dem die Seele des Grandseigneurs dem Neide unzugänglich ist, der herrschende Geist ein Geist der Generosität wäre; in welcher der Zustand aller dem Zustand der Privilegierten in der Alten Welt nahekäme. Solche Kultur stellte tatsächlich ein völliges Novum dar. Das soziale Leben der Ameisen und Bienen ist vollkommen und wahrscheinlich glücklich — aber nur deshalb, weil es keine individualisierten Ameisen und Bienen gibt. Gleichsinnig war das soziale Leben der Alt-Peruaner und wohl auch das der Ägypter vollkommen und glücklich. Aber alle vollkommenen sozialen Systeme der Vergangenheit beruhten auf der Voraussetzung, daß die Mehrzahl keine größeren Ansprüche an das Leben stellt als arme Bauern oder Pächter; demzufolge konnte innerhalb ihrer Systeme keine Generosität, kein weiter und innerlich freier, allgemeiner Menschentypus zur Entfaltung kommen. Gerade ein solcher wächst auf derer nordamerikanischen Kontinent heran. In Europa gibt es nichts Vergleichbares. Wohl aber ist er dem herrschenden Bolschewistentypus verwandt, mit seinem sogenannten proletarischen Ehrgefühl; auch dieser gehört zur Gattung des freien Manns. Andererseits aber setzt auch der Amerikaner seinen Stolz darein, gewisse kulturelle und spirituelle Werte nicht anzuerkennen; auch er verachtet Höflichkeit im Sinn von Formalismus; auch er glaubt, daß ein Amerikaner grundsätzlich so gut, wie jeder andere ist — was gleichbedeutend ist mit der russischen Vorstellung, daß alle Genossen gleich sind; denn in Amerika entspricht schon die Nation dem, was in Rußland noch eine Klasse ist. Und so ist auch der typische Amerikaner allem Nichtamerikanischen gegenüber innerlich genau so intolerant wie der Bolschewist gegenüber dem Bourgeois. Dennoch besteht ein grundlegender Unterschied. Rußland ist wesentlich klassenbewußt; überdies hat es den niederen Menschentypus resolut zum wertvolleren, wenn nicht gar zum einzig wertvolleren erklärt. Der russischen Natur eignet eine Vorliebe für das Niedrige, deren Höchstausdruck der frühchristlichen Gesinnung entspricht; häufiger aber führt diese Vorliebe zur Verherrlichung des Häßlichen und Minderwertigen und gar Gemeinen, was zur Erklärung der beispiellosen Greuel der russischen Revolution viel beiträgt. Der echte Amerikaner ist nun freilich kein Aristokrat, aber er ist auch kein Plebejer. Er stellt eben einen historisch neuen Typus dar. Wollen wir etwas ihm einigermaßen Vergleichbares suchen, so müssen wir noch einmal auf die Antike zurückgehen. Der alte Grieche wie der alte Römer gehörte mit Leib und Seele seiner Polis an; von Freiheit im individualistischen Verstand war nie die Rede — die Aristokratien jener Länder und Zeiten waren echte sozialistische Gemeinschaften, in denen nicht dazugehörige Sklaven alle untergeordnete Arbeit verrichteten. Nun, besorgt in Amerika nicht die Maschine den größten Teil dessen, was Sklaven im Altertum erledigten? Den amerikanischen Sozialismus könnte man insofern einen aristokratischen Sozialismus heißen. Und im gleichen begrenzten Sinn wird er aristokratischer von Jahr zu Jahr. Es ist allgemeine Überzeugung, daß es keine untergeordnete Arbeit geben dürfte. Deren Stärke wird dadurch noch gesteigert, daß selbst der Neger sie teilt — selbst er ist wesentlich ein Mann der Selbstachtung. Selbstverständlich werden Maschinen nie alles leisten können, was Sklaven vormals besorgten. Daher wird, da der Dienstbotenstand unaufhaltsam ausstirbt, immer mehr untergeordnete Arbeit jedem als Aufgabe zufallen — eine Tendenz, in der Amerika wiederum mit Rußland konvergiert. Hier aber setzt zur Überwindung innerer Widerstände die Wirkung einer anderen ursprünglich amerikanischen Idee ein, welche im allgemeinen zu verschwinden droht: der Idee, daß alle Arbeit gleich ehrenvoll sei. Und sie erfährt einen Kräftezuwachs durch eine andere Idee, die noch lebendig ist und an Vitalität sogar zunimmt, seitdem jeder ein Automobil besitzt: nämlich, daß Handarbeit nichts Untergeordnetes ist. Gerade der moderne junge Amerikaner ist stolz darauf, in dieser Hinsicht von anderen unabhängig zu sein.

Hier handelt es sich wahrhaftig um eine einzigartige Errungenschaft. Entwickelt sie sich in der rechten Richtung fort und konsolidiert sie sich, dann wird sie dereinst als Vorbild dastehen wie jede andere große Kultur. Alles, was auf der Grundlage sozialistischer Voraussetzungen erreicht werden kann, liegt im Bereich der amerikanischen Möglichkeiten. Und dies Bereich ist weit; es umfaßt buchstäblich alles, was zum Gruppendasein des Menschen und nicht zu seiner Einzigkeit gehört. Die historische Bedeutung Amerikas am gegenwärtigen Wendepunkt, wo das geologische Zeitalter des Menschen anbricht, ist kaum zu überschätzen. Was immer die kulturellen Nachteile der Amerikanisierung sein mögen — die Probleme, welche heute an erster Stelle stehen, sind gerade die, zu deren Lösung eine Nation vom Typus der amerikanischen am besten befähigt ist. Heute nimmt jedes Volk, das entschlossen sein Dasein auf die Technik gründet, ohne sich um Tradition zu bekümmern, hinsichtlich möglicher Macht und Bedeutung eine Vorzugsstellung ein. Gleiches gilt von allen Jungen und Primitiven. Endlich kommt der Umstand der Hegemonie Amerikas zugute, daß eine der vornehmsten Aufgaben dieses Zeitalters die Emanzipation der Massen ist. Demzufolge muß Gleichheit sein nächstliegendes Ziel sein. Neue Differenzierungen, neue Berge und Täler werden sich später bilden. Zunächst muß das allgemeine Niveau gehoben werden, und dies ist ohne zeitweilige Nivellierung nach unten zu nicht möglich. Hier liegt denn Amerikas große historische Chance. Geht alles gut, dann werden die Vereinigten Staaten rückschauenden späten Zeiten als das sozialistische Land unter anderen gelten, in dem der Einzelne am freiesten war und zugleich das Höchstmaß irdischen Komforts erreichte.

Hermann Keyserling
Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt · 1930
Der Aufgang einer neuen Welt
© 1998- Schule des Rades
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