Schule des Rades

Hermann Keyserling

Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt

Privatismus

Assoziation durch den Kontrast

Thomas Paine hat gesagt:

Beinahe alles, was zum nationalen Dasein gehört, ist aufgesogen und verwechselt worden von und mit dem, wofür der geheimnisvolle Allgemeinbegriff Regierung steht. Obgleich sie es ablehnt, die Verantwortung für ihre Fehler und das Unheil, das sie anrichtet, auf sich zu nehmen, steht sie doch nicht an, alles für sich zu beanspruchen, was nach Glück und Gedeihen aussieht. Sie raubt dem Fleiß seine Ehre, indem sie sich selbst pedantisch zur Ursache seiner Wirkungen macht, und unterschlägt die Verdienste, die der Mensch als soziales Wesen besitzt.

Dieser kurze Satz bestimmt in knappster Form die Grundursache eines der originalsten Züge der Vereinigten Staaten: das Primat und die Vorherrschaft des Standpunkts des Privatlebens. Nicht der Staat steht in den Vereinigten Staaten an erster Stelle, nicht das Gesetz, noch sonst ein dem antiken Begriff des Forum Zugehöriges, sondern die Privatperson mit den ihr angeborenen Rechten.

Dieser Zustand hat sich in Gegensatzstellung zu Europa herausgebildet. Da der Mensch wenig Erfindungsgeist besitzt, so fällt ihm selten Neues ein, es sei denn, er werde vom Gesetz der Assoziation durch den Kontrast dazu gezwungen. Jedes verachtete oder verfolgte oder bedrückte Volk kommt bald zur Überzeugung, es sei das auserwählte Volk oder habe eine messianische Sendung zu erfüllen; die neueste Illustration dieses Naturgesetzes bieten die Polen. Jede neue Kultur betont die von ihrer Vorläuferin wenigst beachteten Werte und stürzt damit deren ganze Skala um. So hielt das Frühchristentum gar nichts von Weisheit und weltlicher Macht und pries ausschließlich die Liebe, die wiederum in der Antike wenig gegolten hatte. So war der hierarchische Aufbau des Mittelalters das Gegenbild der unter den Stämmen der Völkerwanderungszeit vorherrschenden Gleichheit. Demokratie wiederum war die jedem unintelligenten Menschen nächstliegende Idee, wenn er irgendeinen Grund zur Abneigung gegen aristokratische Ordnung hatte. Es ist schwer zu sagen, ob Rousseau auch nur mit einem Einfall begnadet worden ist, der original war in dem Verstand, daß er unabhängig vor äußeren Umständen seiner freien Natur entsprang; fast alles, was er lehrte, war Folge von Ressentiment und persönlicher Abneigung. Aber aus eben diesem Grunde bedeutete und bedeutet Rousseau so viel; nur was vielen einleuchtet, kann zur bestimmenden historischen Macht erwachsen — und dies ist allemal das, was das Naturgesetz der Assoziation durch den Kontrast automatisch ins Blickfeld des Bewußtseins rückt. In Europa nun, wie in jedem alten Land, hat das Neue das Alte nie ganz verdrängen können; über kurz oder lang ist alle Evolution, so kontrapunktisch sie verlief, in einen Kompromiß zwischen dem Alten und dem Neuen eingemündet; und je mehr solcher von vornherein Ziel war, als desto realer und dauerhafter erwiesen sich die erfolgten Wandlungen — denn dann verblieb keine Möglichkeit, das Alte je wieder in seinem ursprünglichen Zustand zu restaurieren. (Das erklärt nebenbei, warum die Engländer sich konstitutionell — das Wort im psychologischen wie im politischen Sinn verstanden — soviel stärker gewandelt haben als die Franzosen mit ihrem vernunftgeborenen Radikalismus.) In den Vereinigten Staaten hingegen konnte, dank einzigartiger historischer Umstände, eine so reinliche Scheidung zwischen dem Alten und dem Neuen Platz greifen, wie sie meines Wissens nirgends sonst erfolgt ist. Nach Überwindung des kritischen Punktes ist die Entwicklung daselbst ausschließlich auf der Linie des Neuen fortgeschritten. Dieser Umstand bezeichnet den Seinsgrund beinahe alles dessen, was im politischen und sozialen Aufbau der Vereinigten Staaten originell ist. Denn in dieser Hinsicht liegt der Fall der Völker genau so wie der des Einzelnen: die schon zwischen Kindern merklichen Unterschiede treten mit zunehmendem Alter immer stärker hervor.

Wir wiesen bereits mehrfach darauf hin, daß die Ideale des 18. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten noch fortherrschen, während sie in der Alten Welt zugunsten neuer verblaßt sind. Der Grund ist der: je jugendlicher und insofern chaotischer und undifferenzierter ein Lebewesen, desto mehr klammert es sich in das bißchen Gesetz und Ordnung, das es besitzt. Daher die Starrheit aller frühen religiösen und sozialen Systeme; daher der ungeheure Konventionalismus aller Kinder. Sie spüren unterbewußt, ihren chaotischen Zustand so stark, daß die geringste Möglichkeit eines Wechsels sie mit Entsetzen füllt. Diesen elementaren Naturgesetzen ist es in erster Linie zu danken — was über die Massen interessant ist — daß es ein Volk gibt, deren Grundstruktur aus der Opposition zu den Zuständen erwachsen ist, vor welchen die ersten Ansiedler; aus Europa flüchteten. Wollen wir diese in abstracto definieren oder einen Generalnenner für sie finden, so bezeichnen wir sie am besten mit Form im allgemeinen und Regierung im besonderen. Es ist unmöglich, die besondere Geradheit des Amerikaners, sein instinktives Mißtrauen gegen jede Courtoisie, welche Sache der Form und nicht einfach des Wohlwollens ist, seine Unfähigkeit, die Wahrheit zu verstehen, die hierarchischer Ordnung zugrunde liegt, gerecht zu beurteilen, ohne sich ins Gedächtnis zurückzurufen, daß die stärksten im amerikanischen kollektiven Unbewußten lebendigen Triebkräfte der Zeit entstammen, da Natur der Kultur entgegengestellt wurde im gleichen Verstand, wie Wahrheit der Unwahrheit, und da der gute Hurone jedem großen Herrn überlegen galt. Das Problem der Form wollen wir später behandeln. Was uns hier angeht, ist die von der des Europäers gänzlich verschiedene Auffassung, die der Amerikaner von der Idee der Regierung hat, sowie die Folgen, die sich bereits daraus ergeben haben und in Zukunft ergeben werden.

Die Alte Welt, aus der die ersten Siedler flüchteten, war eine durchaus entpersönlichte Welt. Sie war zwar nicht für Sinn der Moderne objektiviert, Institutionen und Dinge herrschten nicht souverän. Allein der Mensch bedeutete etwas nicht als einzigartige Persönlichkeit; er tat es nur entsprechend dem, was er innerhalb der geistigen Ordnung verkörperte. Immer war er an erster Stelle repräsentativ: für die Kirche, für die Staatsgewalt, für seinen Stand, für die Zunft, zu der er gehörte; selbst die rein natürlichen Beziehungen galten als in der Geisteswelt lebendig verwurzelt; deshalb galt das Individuum weniger als die Familie. Der individuelle Mensch als Privatperson hatte unmittelbare Beziehungen eigentlich nur zu Gott. Demzufolge waren alle Hoffnungen auf ein Leben, in dem Privatangelegenheiten an erster Stelle stehen würden, auf den Himmel gerichtet. Dies war der allgemeine Zustand, bis daß Amerika sein unabhängiges Dasein anfing. Mit diesem Augenblick begannen sich die mit dem Himmel verknüpften Vorstellungen und Hoffnungen, wie sie von einfachen und primitiven Seelen gehegt wurden, in Formen und Zuständen irdischen Lebens zu materialisieren; dieser Umstand vor allem erklärt die seltsame Vorstellung, daß Amerika das Land Gottes sei. Fortan lehnte der Mensch es ab, die Rolle eines Repräsentanten weiterzuspielen; er wollte einfach Mensch sein und seine persönlich-privaten Interessen ausleben. Diese Entwicklungsrichtung führte denn unvermeidlich zu einem einerseits religiösen, andererseits intensiv auf Erfolg gerichteten Leben. Und wie dies allemal geschieht, so akzentuierte und differenzierte die ursprüngliche Tendenz sich im Verlauf der Zeit. Im Amerika des 18. Jahrhunderts und noch im ersten Teil des 19. spielte die Kavaliertradition des 17. Jahrhunderts als Gegensatz zu den Ideen, deren Hauptvorkämpfer Rousseau war, eine bedeutende Rolle. Das gleiche gilt von der puritanischen Tradition patrizischen Charakters, die in ihrer Art ebenso kulturell war wie die des Kavaliers. Denn vom puritanischen Standpunkt war Reichtum nicht wirklich Privatangelegenheit — er galt als Wahrzeichen göttlicher Gnade. Je mehr aber die beiden ursprünglich vorherrschenden Typen zahlenmäßig in den Hintergrund gedrängt wurden oder an Prestige verloren; je mehr Einwanderer anderer Tradition von Europa hinübersegelten, desto mehr machte sich der Standpunkt der Privatperson geltend. Denn in der Vorstellung der Einwanderer blieb Amerika nach wie vor die Verkörperung der Befreiung von Staatsgewalt, von Kaste, von Hierarchie jeglicher Art. Nur galt im Wandel der Zeiten das Oppositionsgefühl gegen Regierungen und Hierarchien und Kasten fortlaufend anderen und moderneren Regierungen und Kasten und Hierarchien; jede neue Einwanderergeneration erhoffte eine radikalere Art von Freiheit, wenn sie das große Wasser überquerte. Die von den Vorkämpfern der Unabhängigkeit gemeinte Freiheit war nur eine Befreiung von willkürlicher Staatsgewalt und von allen Klassen-, Standes- und Zunfthemmungen. Insofern hat der Fremde (alien) mehr zur Erhaltung des ursprünglichen Geistes Amerikas beigetragen als der Eingeborene alter Abstammung; denn ewige Ideale können nur mittels stetiger Neuverkörperung für sich stetig erneuernden Zeitgeist auf Erden fortleben. Für mich besteht sogar kein Zweifel, daß die neuen Einwanderer in dieser Hinsicht mehr bedeuten als die Grenzpioniere, denn diesen war es überhaupt um keine Ideale zu tun; sie lebten in einer ihnen von vornherein kongenialen Welt und waren ausschließlich auf praktische Dinge eingestellt. Dafür sind aber die Grenzer um so mehr für die Prestige- und Gewichtszunahme des rein privaten Gesichtspunkts verantwortlich; insofern haben sie die im 18. Jahrhundert in Opposition zu europäischen Zuständen begonnene Entwicklung zu Ende geführt.1 Diese Vorherrschaft des privaten Gesichtspunkts steigerte sich proportional dem Anwachsen modernen Geschäftslebens und seiner Bedeutung. Denn Geschäft ist seinem Wesen nach Privatsache, selbst, wenn es vom Staat betrieben wird. Die allgemeine Resultante all dieser Komponenten ist eine — anscheinend den meisten unbewußte, doch in allen Amerikanern tief eingewurzelte — Gesinnung, dergleichen es auf Erden noch niemals gab. Da das System, in welchem sie sich äußert, noch keinen Namen hat, so habe ich selbst einen erfunden: ich nenne es Privatismus. Das Wesen seines Geistes ist die Vormacht der Privatinteressen gegenüber allem, was nicht zu ihnen zu rechnen ist, sowie die Neigung, alles und jedes als Privatinteresse aufzufassen und zu behandeln.

1Die wahre Bedeutung des Grenzers ist meines Wissens am besten von Frederick J. Turner geschildert worden. In seinem geistvollen Büchlein über das Thema weist er nach, daß die amerikanische Entwicklung
eine Rückkehr zu primitiven Zuständen auf einer stetig vorrückenden Grenzlinie gezeigt hat, und eine von diesen Gebieten ausgehende neue Entwicklung. Die soziale Entwicklung Amerikas hat an der Grenze immer wieder von neuem begonnen. Von dieser immerwährenden Wiedergeburt, diesem Fließenden im amerikanischen Leben, dieser Expansion nach dem Westen mit seinen neuen Möglichkeiten, ihrer dauernden Berührung mit der Schlichtheit primitiver Gesellschaft gehen die den amerikanischen Charakter bestimmenden Kräfte aus.
Hermann Keyserling
Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt · 1930
Der Aufgang einer neuen Welt
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME