Schule des Rades

Hermann Keyserling

Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt

Die amerikanische Landschaft

Intuition

Amerika zum ersten Male zu entdecken, war nicht so schwer. Der Gedanke, einen neuen Kontinent zu finden oder neue Wege zu schon bekannten zu beschreiten, liegt nahe. Abenteuerlustige Männer gibt es immer genug, und unbeschadet der Ehrfurcht, die einem Großen gebührt, bezweifle ich, ob Columbus in seiner ganzen Laufbahn je Gelegenheit hatte, soviel Kühnheit zu beweisen, wie manch ein unbekannter Photograph, der einen ihn anspringenden Tiger filmte. Doch nicht diese Seite der Frage will ich hier untersuchen. Colón fiel es verhältnismäßig leicht, Amerika im wahren Sinn des Wortes zu entdecken — das heißt, es wirklich zu sehen, zu verstehen —, weil er wenig vorgefaßte Meinungen mitbrachte, die seinen Blick hätten trüben können; soweit mir bekannt ist, fuhr er mit einem einzigen Vorurteil von irgendwelcher Bedeutung aus: daß Amerika Indien sei. Und da gerade dieses Vorurteil ihn zur Entdeckung der Neuen Welt führte, kann kaum behauptet werden, daß es ihm geschadet hätte. Für jeden, der nach Colón zur Entdeckung Amerikas auszog, gestaltete sich die Aufgabe schwieriger — und jeder einzelne muß alle je gemachten Entdeckungen für sich noch einmal machen, so wie jeder einzelne das Leben neu beginnen muß — denn immer dickere und dichtere Schichten von Vorurteilen, sowohl in der Seele des Neuankommenden wie in der der Völker, die er besuchte, galt es zu durchstoßen, um zur Wahrheit durchzudringen. Mit jeder neuen Generation versinken ihrer mehr im Unbewußten, wo sie jeder Berichtigungsmöglichkeit entzogen sind. Zuletzt gelingt es nur mehr dem allerdurchdringendsten Blick, des Wahren durch so viel aufgehäufte Erfahrung hindurch gewahr zu werden. Denn ganz allgemein gesprochen, ist Tatsachenwissen nur gut, nachdem man verstanden — nicht vorher; Verstehen allein bedeutet echtes Wissen, und Verstehen ist aus Tatsachenkenntnis nie zu gewinnen. Dem ist so nicht allein, weil keine Statistik je den Einzelfall erklärt und nur die Kenntnis sämtlicher Tatsachen, der gegenwärtigen wie der vergangenen und künftigen, eine Situation wirklichkeitsgerecht spiegeln würde — sondern vor allem deshalb, weil nur richtige Deutung den Tatsachen Wirklichkeitswert verleiht. Gedenken wir Katherine Mayos bekannten Buches Mother India. Ich kenne wenig ungerechtere Bücher. Und doch bin ich überzeugt, daß nicht nur das meiste, wenn nicht gar alles, was es an Tatsachen enthält, zutrifft, sondern sogar, daß noch viel mehr Tatsachenmaterial zur Stützung ihrer These zusammengetragen werden könnte. Woran es fehlt ist, daß die gute Frau auch nicht das erste Wort vom Sinn, der den von ihr geschilderten Tatsachen zugrunde liegt, verstanden hat. Sie hat Indien vom Standpunkt ihrer amerikanischen Mittelstandsvorurteile aus beurteilt; und es ist ausgeschlossen, es zu verstehen, ehe diese abgetan sind.

Dieses alles wußte ich natürlich, bevor ich auszog, Amerika für meine Person zu entdecken. Dementsprechend las ich darüber vor meiner Abreise so wenig als nur irgend möglich. Während ich das Land bereiste, hielt ich mir mit beinahe altjüngferlicher Sorgfalt alle Kenntnisse fern. Wo ich’s irgend vermeiden konnte, sah ich keine notorische Sehenswürdigkeit an. Ich stellte wenig Fragen. Es gelang mir, nicht einem der Leute zu begegnen, welche für groß gelten, weil sie, wie es in Amerika heißt, auf der Landkarte stehen. Ich ging wenig aus. Ich las kaum eine Zeitung. Nach Kräften hielt ich mein Bewußtsein von zufälligen Eindrücken frei. Soweit als irgend möglich verharrte ich in jener rein rezeptiven, nach innen gewandten Einstellung, aus welcher einst mein Reisetagebuch entstand; ich öffnete mich mit gewollter Einseitigkeit der unbewußten Seite des amerikanischen Lebens. Und soweit ich geistig tätig war, bediente ich mich ausschließlich der Gabe der Intuition — der einzigen Funktion, die einen unmittelbaren Kontakt mit der Ganzheit des Lebens herstellt. Trotzdem bin ich durchaus nicht gewiß, in allen Fällen das Richtige getroffen zu haben. Zunächst habe ich zu lange in den Vereinigten Staaten geweilt — volle vier Monate. Intuition erfaßt, was sie erfaßt, im Augenblick: zeitlich ausgedehnte Erfahrung nützt ihr überhaupt nicht. Soviel von dieser Seite der Frage. Sie hat aber noch eine andere Seite: man kann nie im voraus wissen, ob eine intuitiv erworbene Einsicht richtig oder falsch sei. Erfahrung allein kann ihren Wert erweisen.

Da dieses Buch beinahe durchaus ein Buch der Intuition ist, soweit es sich mit gesehenen Dingen und nicht mit von innen heraus erschaffenen Ideen befaßt, ist es wohl gut, wenn ich neben den Vorzügen auch einige der Gefahren intuitiver Anlage aufzeige; und da ist es vielleicht am einfachsten, ich gebe in wenigen Strichen ein Bild der amerikanischen Denkart. Kein Volk wirkt so gesund in seiner Geistesbetätigung überall, wo es sich um soziale und wirtschaftliche Fragen handelt — um so mehr, als seine Söhne und Töchter durch Natur und Erziehung gute Psychologen sind. Die amerikanische Lebensweise bringt — innerhalb des Rahmens normaler amerikanischer Betätigungen — eine praktische Menschenkenntnis zur Entfaltung wie keine zweite seit dem Untergang des Ottomanischen Reichs; denn auch in der alten Türkei wurden gewöhnlich die richtigen Männer an die verantwortlichen Posten berufen, und auch dort nicht auf Grund erwiesenen beruflichen Könnens, sondern allgemeinmenschlicher Qualität. Schon allein die amerikanische Reklametechnik, der europäischen nicht nur an Quantität und Erfolg, sondern auch an Subtilität so himmelhoch überlegen, beweist die hohe psychologische Befähigung der Amerikaner. Andererseits aber kann man sagen — was in anderem Verstande von den Briten gilt —, daß die Amerikaner überhaupt keine Denker sind, und dies ganz abgesehen vom Fehlen jedes wesentlichen Interesses für rein theoretische und abstrakte Fragen, welches Fehlen alle primär praktischen Völker auszeichnet. Liege dies an der vorwiegend sozialen Bestimmtheit des amerikanischen Lebens oder an der Tatsache, daß es mehr auf die Zukunft als die Vergangenheit gerichtet ist, oder an seinem Tempo oder an all diesen Dingen zusammen — Hauptfunktion des amerikanischen Geistes ist nicht das Denken, sondern die Intuition. Tatsächlich können Menschen als lebendige Ganzheiten nur intuitiv beurteilt werden. Nur Intuition, nicht Reflexion vermag Zukunft vorauszusehen; auch Zeitmangel macht letztere für praktische Zwecke wertlos. Hieraus ergibt sich denn das Merkwürdige, daß der Durchschnittsamerikaner — wenn überhaupt — in Schlagzeilen (headlines) denkt; in der im amerikanischen Zeitungswesen so außerordentlich entwickelten Schlagzeilentechnik sehe ich keine Sondererscheinung, sondern einen Ausdruck unter anderen des allgemeinen Tatbestands, daß der amerikanische Geist mit einer Art geistiger Kurzschrift arbeitet. Schlagzeilen sind Kristallisierungen von Intuitionen, nicht von Gedanken; insofern genügen sie sich selbst und bedürfen keiner Ausführung oder Erklärung. Sie gehören der Stufe der chinesischen Ideogramme an — nur mit dem Unterschied, daß diese der konzentrierte Ausdruck eines weisen Geistes sind, während jene die Intuition des Mannes auf der Straße widerspiegeln. Nun führt Intuition am schnellsten zur Wahrheit, wo sie durchdringend genug ist, sie überhaupt zu finden. Verfehlt sie diese jedoch, dann ist eine Berichtigung kaum möglich. Denn Intuition arbeitet mit Augenblicksgeschwindigkeit, sowohl in ihrer aktiven als in ihrer passiven Modalität, und ihre Ergebnisse erscheinen primär wahr oder falsch nicht nach logischen, sondern nach psychologischen Maßstäben gemessen; weshalb Bestätigung oder Widerlegung auf der Ebene reflektierenden Denkens wenig bedeutet. Weder Beweis noch Widerlegung vermögen, in der Tat, die vitale Wirkung eines guten Schlagworts zu tilgen. Und da der Amerikaner, wo er überhaupt beteiligt erscheint, vital beteiligt ist, so heißt dies, daß ihm Wirkung an sich außerordentlich viel bedeutet. Wenden wir nun diese allgemeine Wahrheit auf den Mann auf der Straße an und gedenken dabei seiner Erziehung durch Zeitungen meist zweifelhafter Qualität, so kommen wir zum Schluß, daß diesem Typus der Effekt oft mehr bedeuten muß als die Wahrheit; was seinerseits nicht umhin kann, Sinn und Lust für Sensation zu entwickeln. Weiter ergibt sich, daß dieser Menschentyp in außerordentlich hohem Maß in Schlagworten denken muß. Schlagworte bedeuten immer Abstraktionen und voreilige Verallgemeinerungen. Dementsprechend wird ein Mensch, der an solchen seine Hauptfreude hat, überaus häufig den wahren Sinn einer Situation verfehlen — dessen unmittelbare Erfassung doch der Hauptvorzug intuitiver Begabung ist. Endlich muß solch ein Mensch so oft er seine Gedanken ausführt, flach und mechanisch werden.

Aus unseren Betrachtungen folgt, a priori, daß die Geistesbetätigung des Durchschnittsamerikaners gewisse organisch bedingte Mängel aufweisen muß; und diese sind in der Tat in allen typischen Fällen festzustellen. Sicher liegt dem Durchschnittsamerikaner weniger als den meisten Europäern daran, ob das wahr sei, was er liest oder — falls Mitteilung von Neuigkeiten sein Beruf ist — was er schreibt. Er hat eine Unzahl von Vorurteilen — Schlagworte als billige Verallgemeinerungen bedeuten immer Vorurteile —, und mit außerordentlicher Zähigkeit hält er an ihnen fest; denn ein wirklich guter Schlager sitzt. Endlich ist sein zusammenhängendes Denken selten interessant. Dies rührt daher, daß der ihm wirklich gemäße Ausdruck eben das Schlagwort ist. Dies allein erklärt, wieso amerikanische Verleger ganz selbstverständlich bestimmen, wieviel Worte die Behandlung eines bestimmten Themas enthalten darf, und Artikel gewissermaßen nach dem Metermaß bestellen; diese Praxis wäre ein Ding der Unmöglichkeit, wenn die Auseinandersetzung des Inhalts einer Schlagzeile dem Durchschnittsamerikaner nicht eine rein handwerksmäßige Sache bedeutete, die mechanisch gelehrt und erlernt werden kann. So hat denn ein rein auf Intuition gegründetes geistiges Leben seine Grenzen genau so wie jedes auf einer einzigen Funktion basiertes Leben. Noch eine weitere, auf den gleichen Umstand zurückzuführende Unzulänglichkeit sei hier erwähnt. Das Denken in Schlagzeilen besteht den pragmatic test überall, wo Leser oder Zuhörer von gleicher psychologischer Struktur sind. Individuelle Intuition ist die anpassungsfähigste aller Geistesgaben. Der Intuition indessen, die ihren Körper im Kleingeld einiger weniger Schlagworttypen gefunden, fehlt jede Übertragbarkeit. Aus diesem Grunde fällt es dem Amerikaner schwerer als den meisten, seine Geschäftsmethoden einer neuen nationalen Umwelt anzupassen; er ist stets und immer Missionar, sei er im übrigen Prediger, Verkäufer oder Schlagzeilenschreiber. Aus diesem Grunde entgeht ihm dermaßen häufig der Sinn nicht-amerikanischer Denk- und Lebensformen. Es ist dies eine der interessantesten Erscheinungen, die mir je begegnet: ein wesentlich intuitiv veranlagtes Volk ist gleichzeitig wesentlich anpassungsunfähig.

Da ich selbst ein Intuitiver bin, neige ich zweifelsohne in einem gewissen Grad dazu, auf Amerikanerart zu fehlen. Insbesondere neige ich zu großzügigen Verallgemeinerungen. Wohl bin ich persönlich, so gut ich’s vermag, auf der Hut vor den immanenten Mängeln meiner Geistesart; doch halte ich’s für richtig, auch meine Leser vor ihnen zu warnen. Nicht aus sogenannter Bescheidenheit — bewußtes Lügen liegt mir fern —, sondern aus folgenden Gründen: wenn meine Leser mich nicht blindgläubig lesen, sondern meinen Geist nur gleichsam als Vergrößerungsglas benutzen, das sicher hie und da die richtigen Verhältnisse verzerrt —, dann werden ihnen meine Beobachtungen unter allen Umständen nützen, ob ich nun recht habe oder nicht; sie werden dann selbständig zu denken beginnen. Meine Leser werden dann vielleicht entdecken, warum ich gewisse Fehler machen mußte, und die Wahrheit wird trotz meiner Irrtümer triumphieren. Es wird beinahe sicher so kommen, wenn sie sich, solange sie mir ihre Aufmerksamkeit schenken, das Leitmotiv der Einführung zu diesem Buch gegenwärtig halten: nämlich daß ein Mensch nur dann Nutzen aus den Gedanken eines anderen zieht, wenn er nicht im Geist der Vorbereitung auf eine Debatte zuhört oder liest, sondern in rein-rezeptiver Einstellung, in innerer Bereitschaft für eine Anregung, die ihn vielleicht befruchten wird.

Das Gesagte dürfte als Einführung in das Folgende genügen. Ich will nun unbefangen aussprechen, was ich empfand und sah. Ich will meine rein persönliche Vision der amerikanischen Landschaft hinzeichnen, gleichviel, was andere gesehen und gedacht haben mögen.

Hermann Keyserling
Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt · 1930
Der Aufgang einer neuen Welt
© 1998- Schule des Rades
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