Schule des Rades

Hermann Keyserling

Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt

Das überschätzte Kind

Kindergarten

Was wäre zu tun, auf daß Amerika über seinen gegenwärtigen Zustand möglichst schnell hinauswachse? Hier, wie überall, kann nur Erkenntnis helfen. Da nun gilt es an erster Stelle einzusehen, in welchem Sinn die Erziehung in den Vereinigten Staaten verkehrt ist; nicht nur in bezug auf Einzelheiten und Tatsachen, sondern im Prinzip.

Der Grundfehler liegt in der Vorstellung, daß der Kindergarten ein besserer Erzieher sei als die Familie. Auf Grund des Vorhergesagten läßt sich dies mit einem einzigen Satze abschließend beweisen: der Kindergarten trägt die Hauptverantwortung für die Pflege des Ideals des Jungseins als eines nie zu überwindenden statisch-infantilen Zustands.

Dem Kindergarten fügt jedes Kind sich mit Leichtigkeit ein, weil eben er die Art sozialen Lebens schafft, die seinen Urinstinkten entspricht. Scheint jedes Baby zunächst ein ungeheuerlicher Egoist, so hat es doch kein Ich. Sein Egoismus bedeutet nicht mehr als dies, daß der Selbsterhaltungstrieb Diktator ist. Und zu Anfang soll er das auch, weil andere in jener Phase das Kind vollständig versorgen müssen und es selbst nur die eine Aufgabe hat, zu zeigen, wessen es bedarf. Der Selbsterhaltungstrieb bleibt gewiß das ganze Leben lang am Werk. Doch das früheste Bewußtsein, das als psychologisch im Gegensatz zu physisch oder physiologisch bezeichnet werden darf, ist nicht ein Ich-Bewußtsein, sondern ein unklares Etwas, aus dem sich leichter ein artikuliertes Gruppenbewußtsein entwickelt als ein Ich-Bewußtsein, das mehr darstellte als eine Fortdauer des infantilen Egoismus — denn Ich-Bewußtsein setzt einen beim Kinde noch nicht möglichen Differenziertheitsgrad voraus. Dies erklärt, warum wir in der Geschichte so viel früher artikulierten und gutverwalteten Gruppen begegnen als Individualitäten. Unter diesen Umständen ist es grundsätzlich eine leichte Aufgabe, Kinder zu sozialisieren. Scheint es schwierig (die Erfindung des vollkommenen Kindergartens ist in der Tat sehr jungen Datums), so liegt das daran, daß der Fall einerseits zu einfach liegt und sich andererseits zu stark von dem Erwachsener unterscheidet. Das Zähmen von Löwen ist auch schwierig, nicht weil die Aufgabe kompliziert, sondern weil sie zu einfach ist. Nun ist eine Sozialisierung des Menschen freilich notwendig. Um seine Vollendung zu erreichen, muß er im Gegensatz zum Tiere lernen; nicht die Natur vollendet bei ihm den Wachstumsprozeß. Demzufolge kann infantiler Egoismus, sich selbst überlassen, sehr wohl fortbestehen, mit dem Erfolg, daß das Individuum nicht minder leidet wie die Gruppe — nicht bloß äußerlich, sondern auch innerlich —, weil es keine innere Harmonie erreicht. So ist eine Sozialisierung des Kindes, noch einmal, freilich Erfordernis. Aber andererseits führte uns das Kapitel Sozialismus zur Erkenntnis, daß die individuellen gegenüber den sozialen Tendenzen unabhängige Größen sind. Ferner sind die Triebe, die schließlich zur Entfaltung differenzierter Persönlichkeit führen, mit dem primitiven Selbsterhaltungstriebe nicht identisch.

Deswegen kann Sozialisierung die Entwicklung zur Persönlichkeit nicht fördern. Im Gegenteil: alle besten Köpfe Europas sind sich schon einig darin, daß der heutige Mensch durch allzuviel Schulung übersozialisiert ist, und daß hier die wahre Gefahr liegt, nicht im Entgegengesetzten. Nun ist Amerika ein wesentlich sozialistisches Land, weswegen Kindergarten und Schule dort mehr bedeuten müssen als in Europa. Doch alles hat seine Grenzen. Führt ein System zu vorherrschendem Infantilismus, dann muß an ihm irgend etwas grundverkehrt sein. Dies ist denn gerade insofern der Fall, als die Idealisierung des Kindes logisch dahin führt, daß die Anpassung an den Kindergarten für das ganze spätere Leben das Ideal bleibt. Die Tendenz dahin erhält weitere Nahrung dadurch, daß das unpersönlich Mechanische dessen, was in den Vereinigten Staaten der Ernst des Lebens ist, jeden Erwachsenen unbewußt mit größerer Sehnsucht als irgendwo sonst in der Welt nach dem Kindheitsparadies zurückschauen läßt. In der amerikanischen Erwachsenenwelt herrscht das Eigengesetz des Geschäfts ja souverän. Reiner als irgendwo sonst tritt seine Eigenart dort in die Erscheinung. Mehr als irgendwo sonst spezialisiert es sich auf das Mechanisierbare und Standardisierbare. Weniger Spielraum als irgendwo sonst bietet es der Entwicklung zu allseitiger Persönlichkeit: alles dies kann nicht umhin, einerseits zu einer Rückbildung des Menschlichen zu führen (eben deshalb sind Amerikaner so oft recht eigentlich widerlich-sentimental — Sentimentalität bedeutet die Kompensierung eines öden und dürren Intellektualismus durch primitives Gefühlsleben —), andererseits zu desto extremerer Idealisierung des primitiv Menschlichen, dessen Höchstausdruck eben das Kind ist.

Die oben skizzierte Logik regiert das ganze Leben. Jedes Mädchen möchte in erster Linie im Kindergartensinne populär sein. Und dabei bleibt es bis zur Todesstunde. Grau haarige Frauen verlangen, daß man von ihnen als the girls rede, genau im gleichen Sinne, wie kleine Mädchen in meiner Kindheit und Jugend möglichst früh junge Dame betitelt werden wollten. Gleiches gilt, mutatis mutandis, von den Jungen und dem, was aus ihnen wird. Wird normalcy in den Schulen und Universitäten höchstgewertet, der highbrow verurteilt, rühmt jedes Institut sich demokratischer als alle anderen zu sein, so bedeutet dies in diesem Zusammenhang, daß jeder Junge in erster Linie beliebtheitswürdig (wie man das amerikanische likeable wohl am besten wiedergibt) sein soll und will. Aber ein Mensch kann nur in zwei und nicht mehr Fällen allgemeinbeliebt sein: entweder als Heiliger, oder aber als unverkennbarer Durchschnittsmensch, ohne die mindesten Anzeichen geringster Überlegenheit.

Hiermit wären wir denn beim praktischen Problem angelangt. Der alles vernünftige Maß überschreitende Einfluß des Kindergartens geht darauf zurück, daß in Nordamerika das Familienleben gering geschätzt oder vernachlässigt oder dermaßen mißverstanden wird, daß es zur Schaffung der Werte, die es schaffen sollte, tatsächlich unfähig wird. Ohne weiteres gebe ich zu, daß Familienleben zum Teil deswegen zu wenig gewürdigt wird, weil es sich hier um saure Trauben handelt — denn Wohnungsschwierigkeiten und anderes mehr machen es der Mehrzahl schier unmöglich, ein Familienleben, wie es sein sollte, zu führen. Da ist es nichtbegüterten Eltern nicht zu verdenken, daß sie sich mit dem Wahne trösten, das von der Not Erzwungene sei zugleich das Beste. Aber hauptsächlich beruht das geringe Ansehen des Familienlebens auf der Erwägung, daß es die soziale Seite im Menschen nicht entwickle. Das tut es freilich nicht. Aber eben darin liegt sein unbedingter Wert. Schaffen Kindergarten und Schule das beste Kraftfeld zum Zweck der Sozialisierung, so ist das richtige Heim allein fähig, die individuellen Triebe zu entwickeln und so die Grundlagen zu echter Persönlichkeit zu legen. Der einzige Urpuls zur Auszeichnung, welchen der Kindergarten nicht geradezu entmutigt, ist der zum Wettbewerb, der im amerikanischen Leben denn auch außerordentlich entwickelt erscheint. Aber auch der Wettbewerb gehört zum sozialen im Gegensatz zum eigentlich persönlichen Leben.

Das Allgemeinergebnis der amerikanischen Erziehung ist demnach eine Art Kindergarten-Sozialismus. Daß es sich wirklich darum handelt, beweist besonders einleuchtend die neueste Unmoral der reiferen Jugend, die normalerweise in besonders scharfem Gegensatz zur Kindheit steht. Die verblüffende Unmittelbarkeit und Schamlosigkeit dieser Unmoral gehört an sich schon ins Gebiet der kindlichen Unschuld, die immer zur guten Hälfte Exhibitionismus ist. Aber die Geschichten, die Judge Lindsay ausplaudert, klingen überdies wie richtige Ammenmärchen. Zum Beispiel: Mildreds Mitstudentinnen fanden es unmoralisch, daß sie geschlechtlichen Verkehr mit Buben pflegte, während sie an einer venerischen Krankheit litt, und sie schickten eine Abordnung zum Richter mit der Bitte, dem ein Ende zu machen. Oder: Maud sagte, sie würde nie wieder mit Hans gehen, er sei so dumm, daß — da hört doch alles auf! — sie in die Drogerie gehen und beim sodaclerk Präservative besorgen mußte. Und diese Geschichten enden auch zumeist wie Märchen. Zum Beispiel: Und dann bekam Millecent ein Kind, das sie behalten konnte (nachdem sie sich einiger anderer zum besten kinderloser Ehepaare entledigt hatte), und danach lebte sie glücklich und zufrieden mit ihrem Mann für alle Zeit. — Ich wüßte kaum einen Aspekt des sozialen Lebens in den Vereinigten Staaten, von welchem nicht grundsätzlich Gleiches gälte, nämlich daß verjährte Kindlichkeit der wahre Grund der Mißstände oder des Karikaturhaften ist. Selbst die im stärksten Manne furchterweckende Gewohnheit der Klubdamen, über alle und jede Frage radikale und zugleich inappellable Entschließungen zu fassen, die überaus oft auf Enthüllungen im unangenehmsten Sinn beruhen, und ihr Drang, von ihren Studienjahren bis zur Urgroßmutterzeit viele Stunden täglich Vorträge anzuhören (wofür ich ihnen persönlich sehr verbunden bin), ist in erster Linie darin begründet.

Hermann Keyserling
Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt · 1930
Der Aufgang einer neuen Welt
© 1998- Schule des Rades
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