Schule des Rades

Hermann Keyserling

Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt

Das überschätzte Kind

Intimität und Distanz

Wir sagten, nur eine Verstärkung und Verbesserung des Familieneinflusses vermöchte dem Infantilsozialismus erfolgreich entgegenzuwirken. Worin besteht nun jener Einfluß? Er hängt offenbar von der besonderen Rolle ab, welche Vater und Mutter primär im Kindesbewußtsein spielen.1

Die Psychoanalyse hat längst schon festgestellt, daß Vater und Mutter, von ihrer physiologischen und sichtbaren Rolle abgesehen, eine andere von noch größerer Wichtigkeit als Symbole in der Kindesseele spielen. Aber eine wichtige Folgerung aus ihren Erkenntnissen hat sie bisher nicht gezogen. Dies ist die folgende. Wie der Mensch überhaupt über die Herausstellung zu sich selbst gelangt, so der Künstler über sein Werk, allgemeiner der Strebende über sein Ideal, so ist der Kindeszustand wesentlich dadurch gekennzeichnet, daß hier alle bestimmenden Zentren außerhalb seines Ich-Kreises liegen. Daß dies beim Kind im Mutterleib der Fall ist, und später im Sinn der Führungsbedürftigkeit, liegt auf der Hand. Aber das gleiche gilt auch insofern, als Vater und Mutter dem Kind recht eigentlich sind, was später persönliche Geist- und Seelenfunktionen leisten. Dessen Persönlichkeit ist aus dem Zusammenhang mit den Eltern ohne gewaltsame Abstraktion überhaupt nicht loszulösen. Hierauf beruht zutiefst die ausschlaggebende Bedeutung frühester Kindheitserlebnisse; hierauf die Gefahr den Sinn entstellender oder zerstörender Elterneindrücke: was äußeres Erleben scheint, bedeutet in Wahrheit einen Prozeß im eigenen Kindesinnern. Nun stellt sich die Frage: wenn dem also ist, wie sollen sich Vater und Mutter zu ihrem Kind verhalten, damit seine Seele höchster Vollendung fähig werde? Die Antwort lautet wie folgt: die Mutter hat das Prinzip der Intimität, der Vater das der Distanz zu verkörpern, denn diese zwei Prinzipien verkörpern sie von Natur. Für das kleine Kind ist die Mutter dessen eigene innere Kohäsion; und der Vater ist des Kindes eigene Überlegenheit über die Ebene seiner Triebnatur.

Über die Aufgabe der Mutter brauche ich hier kaum etwas zu sagen; ihr Sinn liegt auf der Hand. Sie soll dem Kind so nahe wie möglich stehen; hier bleibt der Mutterleib für alle Lebensalter das Symbol. Und dann versagen Mütter so selten in den ersten Jahren des kindlichen Lebens, daß hier von einem allgemeinen Problem keine Rede sein kann; in den Zeiten, da die Frau ausschließlich den Willen der Natur erfüllt, ist sie dieser so nahe, daß unwiderstehlicher Instinkt sie treibt, das Rechte zu tun. Dagegen bedarf die den Vater betreffende These eingehende Erläuterung, denn heute heißt es ja gerade, die autoritäre Einstellung des Vaters hätte sich ad absurdum geführt. Das hat sie allerdings. Aber nicht weil ihr Sinn falsch wäre — sie hat sich ja durch Jahrtausende bewährt, sondern weil die traditionelle Verkörperung des Sinns den heutigen psychologischen Verhältnissen nicht entspricht. Distanz muß gewahrt werden. Es gibt aber eine andere und bessere Art als die des Despoten, anderen gegenüber die Distanz zu wahren. Um das Problem gleich von Anfang an richtig einzustellen: größte Distanz wird nicht durch Schroffheit geschaffen — im Gegenteil, grobe Umgangsformen sind allemal ein Ausdruck unbewußter Familiarität —, sondern durch Courtoisie. Aus diesem Grund zeigen die besonders auf allgemeine Gleichheit bedachten Völker eine so starke Abneigung gegen höfliche Formen.

Ich beginne mit zwei europäischen Beispielen. Daß nur der traditionelle Ausdruck des Distanzverhältnisses, welcher der modernen psychologischen Einstellung nicht mehr entspricht, nicht aber die Wahrung der Distanz an sich der Grund der Schwierigkeiten ist, beweist das Gegenbeispiel derer, die ihr Vaterschaftsverhältnis in Funktion der Intimität verstehen. Es gibt Analytiker, die ihre Kinder von Hause aus analysieren und sich, umgekehrt nahezu von Hause aus von ihnen analysieren lassen: der Erfolg ist der, daß diese auf beispiellose Weise haltlos werden, ohne jede Distanz irgendwem oder irgend etwas gegenüber, ohne Fähigkeit zur Eigenführung und nur ihrerseits als mögliche Psychoanalytiker nicht zukunftslos. Ein anderes Beispiel bietet die österreichische Aristokratie, innerhalb derer die meines Wissens glücklichsten Familienverhältnisse herrschen, insofern die geringsten Spannungen bestehen, was hauptsachlich darauf zurückgeht, daß die Väter wie Mütter zu ihren Kindern stehen. Die Produkte dieser Erziehung haben in der Regel mehr Frauen- als Männertugenden; selten sind sie fähig, ihr Schicksal initiatorisch zu gestalten. Keine Klasse der Welt hat, im Verhältnis zu ihrer Begabung, je weniger bedeutende Männer hervorgebracht, denn, wohlgemerkt, der österreichische Aristokrat ist als Typus durchaus nicht unbegabt, er ist vielmehr meist feinsinnig und oft sehr talentiert, doch es gebricht ihm an Initiative und Mark. — Und nun wenden wir uns Amerika zu. Hat der amerikanische Vater mehr von der Mutter oder mehr vom Vater an sich? Nichts fällt dem Europäer stärker auf, wie oft der amerikanische Vater an Sonn- und Feiertagen die Kinder betreut, während deren bebrillte Mutter kluge Bücher liest und wie selten Kinder ihren Vater achten, es sei denn als erfahreneren Spielgefährten. Doch wie sollten sie das, so wie Kinder nun einmal sind? Der Mann spielt ja die Rolle des Sklaven oder Dienstboten. Er ist noch infantil obendrein und insofern den Kindern wirklich nicht überlegen.

Hängt dies nun wirklich mit sinnwidriger Erziehung zusammen? Die Prinzipien der Intimität und Distanz, die alles psychische Geschehen regieren, haben den Eigen-Sinn, daß auf ersterem die organische Kohäsion beruht, und auf letzterem die Spannung, dank welcher kinetische Energie entsteht. Ohne Spannung nicht allein keine Produktivität, sondern auch keine Beherrschung des allgemeinen Gefüges von einem bestimmenden Zentrum her. Der Mensch ist genau insoweit Mann im Gegensatz zur naturhaften Frau, als in seiner Psyche die demokratische Republik der Kohäsion einer Hierarchie regierender Geisteskräfte unterworfen ist. Er ist weiter genau insoweit Mann im Unterschied vom Kind: in diesem Zusammenhang ist das Verhältnis zwischen Mann und Kind dies, daß, was zunächst als männlicher Geschlechtscharakter in die Erscheinung tritt, sich im Verfolg der Entwicklung zum geistigen Prinzipe überhaupt sublimiert, weshalb es durchaus in der Ordnung ist, daß die sich verselbständigende Frau sich im gleichen Verstande vermännlicht. Daß in Weib wie Kind das Kohäsionsprinzip ursprünglich vorherrscht, erklärt, warum Frauen und Kinder, und nicht Männer und Kinder einander am besten verstehen. Von hier aus erscheint denn klar, welche Rolle dem Vater in der Erziehung zukommt. Soviel Distanz der Vater gegenüber dem Kind zu halten weiß, soviel Überlegenheit gegenüber der Triebnatur entwickelt sich in diesem von selbst, und das bedeutet: genau soweit, kann das spirituelle Prinzip bestimmend werden. Die Beispiele des Analytikers, des österreichischen Aristokraten und des Amerikaners demonstrieren uns ad oculos, wie verderblich die Folgen sind, wenn der Vater Mutterstelle vertritt. Umgekehrt gehören die stärksten Männer der Geschichte Zeiten an, da der Vater autoritär war; so war auch Amerika in der großen Zeit patriarchalischen Puritanertums ein Land wesentlich starker Männer. Nahezu alle bedeutenden Männer aller Länder und Zeiten entsprossen aber Familien, in denen nicht österreichische Harmonie herrschte, sondern ein starkes Spannungsverhältnis, welches Wort durchaus nicht Unglück impliziert, sondern eben einen gespannten und deshalb produktiven Zustand gegenüber einem entspannten und insofern entnervten; so muß eine Uhr aufgezogen und ihre Feder gespannt sein, damit sie geht. Was ich im Auge habe, machen hier wohl die Beispiele Englands und Chinas am schnellsten klar. Im modernen England tritt das patriarchalische Autoritätsprinzip kaum je in Kraft. Dafür wird dort der eigene Wille selbstverständlich gelten gelassen im Rahmen der Sitte. Da diese nun Höflichkeit, Reserve und Rücksichtnahme verlangt, so hat die tatsächliche Übermacht des Vaters vom Standpunkt des Kindes zur unwillkürlichen Folge, daß die Reserve jenes gleiche Wirkung erzielt, wie Autoritätsbehauptung, nur mit dem Vorzug, daß sich der Junge von Hause aus nicht gebunden fühlt, sondern frei. — Im alten China tat dies der Sohn erst, nachdem sein Vater tot war. Aber andererseits hatte das patriarchalische Verhältnis auch dort keine der üblen Folgen, die der Westen so häufig aufwies, weil der chinesische Vater seine unbedingte Autorität im Rahmen einer sittegeforderten Kindesliebe ausübte, welche mögliche Gegenbewegungen im Keim erstickte. Im Fernen Osten werden die Kleinen liebevoller behandelt, als irgend sonst. Eben darum begegnet man dort kaum je unartigen oder schreienden Kindern. Das Kind will ja ursprünglich folgen; der häufigste Grund, warum es nicht gehorcht, ist der, daß es noch keine Selbstbeherrschung hat und daher verstehende suggestive Beeinflussung benötigt; darum verachtet es jeden Erwachsenen, der sich keinen Gehorsam zu verschaffen weiß. In China beugte Objektivierung der Autorität in der Sitte dem vor, daß das persönliche Verhältnis zwischen Sohn und Vater litt. Den typischen Widerständen nun, welche der Lernzwang weckt, wurde in bezug auf den Vater dadurch vorgebeugt, daß dieser seinen Sohn nicht selbst unterrichtete, sondern ihn zu dem Zweck einem Freunde anvertraute.

Nun sollte klar sein, was im Zusammenhang dieses Kapitels in den Vereinigten Staaten verkehrt ist. Über die Aufgabe der Mutter brauchen wir uns, noch einmal, nicht weiter auszubreiten, denn diese liegt auf der Hand. Und ich habe nicht den Eindruck, daß die amerikanischen Mütter weniger mütterlich seien als die anderer Völker. Sie müssen ebenso mütterlich sein, sonst wäre die Anhänglichkeit an die Mutter nicht so allgemein. Doch sie ist andererseits übergroß, womit das Positive ins Negative umschlägt. Der übergroße Einfluß der Mutter rührt nun daher, daß diese im Unbewußten der Amerikaner die Rolle von Vater und Mutter spielt; sie dient zur Besetzung von Vater- sowohl als Mutterkomplex. Dies nun bedeutet, daß sie den Erwachsenen gegenüber dem Kind vertritt. Sie allein tut es, nicht auch der Vater. Nun ist die Frau freilich unter allen Umständen wesentlich erwachsen. Sie ist von Hause aus Weib, nie Kind im Gegensatz zum Weibe, das sie einmal sein wird; von Anfang an vertritt sie Sitte, Ordnung und Norm; ein zweijähriges Mädchen weiß über Flirten, Herzen und Küssen, Bemuttern und Erziehen ganz genau Bescheid — es drückt nur sein Wissen entsprechend seinem Alter aus. Dagegen kann sich unter dem amerikanischen System das, was der Vater allein, laut ewigem Naturgesetz, in der Seele des Kindes zu wecken vermag, als nationale Erscheinung nicht entfalten. Der Mann bleibt infantil. Dies erklärt denn Dasein sowohl als Sinn jenes abnormen, recht eigentlich ungeheuerlichen Mutterkomplexes, dessen groteske Größe der Nationaltag mothers day so pittoresk versinnbildlicht. Nun sieht der amerikanische Mann sein Lebtag jede Frau im Rahmen des Mutterkomplexes, denn die Mutter ist ihm das Urbild der Reife überhaupt. Dies bedingt denn dauernde Abhängigkeit des Mannes von der Frau überhaupt, und zwar eine ganz andere Art von Abhängigkeit, als sie unter Lateinern die Regel ist. Es ist nicht das Geschlechtswesen, das ihn bindet, es ist die Große gegenüber dem Kleinen. Sie, die einzig und ewig Erwachsene, ist ihm Symbol aller Überlegenheit, zu der er aufschauen kann.

In ihrer Jugend Inspiratorin, schreibt Salvador de Madariaga, in reiferen Jahren der Männer Führerin; zuerst als Geliebte, dann als Tante der Nation, regiert die Frau Amerika, weil Amerika ein Land von Jungen ist, die sich weigern groß zu werden. Sie ist es, die sich mit alledem befaßt, was Erwachsenen vorbehalten blieb: mit allgemeinen Ideen, ästhetischem Genuß, Kultur und Weltanschauung. Die Jungen um sie herum führen ein lustiges, tätiges Leben. Sie aber wagt sich an die Erforschung des Himmels und der Hölle des Individualismus, an verantwortliches Denken im großen Stil und freies Experimentieren im Leben. Die Jungen sehen zu ihr auf — zunächst zu ihrer Schönheit, dann zu ihrer Klugheit, Bildung und Weisheit. Als Geliebte der Nation erhält sie die Buben mit ihrer Zuneigung gesund und froh; als deren Tante entschied sie, daß die Jungen nicht mehr trinken sollten: so wurden sie denn trocken. Nicht daß sie es besonders gern hätten. Doch fragt man sie, so seufzen sie zuerst, dann lächeln sie, werfen ihr einen Seitenblick zu und murmeln: es geht uns so doch besser.

Leider geht es ihnen nicht wirklich besser. Könnte die Frau wirklich all das sein, was die Buben in sie hineinsehen und von ihr erwarten, dann verblieben die Amerikaner nicht infantil. Am Studium Amerikas ward mir zum erstenmal bewußt, daß an der griechischen Idee der homosexuellen Liebe als Erziehungsmittel doch etwas dran war. Es war gewiß keine vorbildliche Idee. Doch als der bewußte Geist in seinem intellektuellen Aspekt zuerst auf Erden auftrat, war es schließlich nicht widernatürlich, daß er sich durch extreme Mittel vor jedem Einfluß, der sein Wachstum hemmen konnte, zu schützen suchte.

1Der folgende Abschnitt ist, soweit er Grundsätzliches betrifft, zum Teil Zitat aus meinem Aufsatz Zum Verhältnis von Eltern und Kindern im Weg zur Vollendung, Nr. 12.
Hermann Keyserling
Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt · 1930
Der Aufgang einer neuen Welt
© 1998- Schule des Rades
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