Schule des Rades

Hermann Keyserling

Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt

Das überschätzte Kind

Ehrfurcht

Beschließen wir dieses Kapitel mit einer kurzen Beleuchtung der zwei wichtigsten positiven Wirkungen, die distanzierte Haltung des Vaters typischerweise erzielt. Vielleicht werde ich am schnellsten verstanden, wenn ich zunächst mit ein paar Worten die Reaktion berühre, welche Rücksicht auf die Kinder in den Eltern auslöst. Es kann wohl kaum bestritten werden, daß die Erziehung, welche Eltern den Kindern angedeihen lassen, beinahe ein Nichts ist gegenüber der, welche sie seitens dieser erfahren. Wie müssen sie sich gegenüber den scharfen Augen und dem unfehlbaren Gedächtnis der Kleinen zusammennehmen! Und wie gut tut dies den Eltern allemal! Nun, der tiefste Sinn dieser positiven Wirkung liegt darin, daß die Kinder die Eltern zwingen, mit einer unauflösbaren irrationalen Tatsache zu rechnen und ihr in Ehrfurcht Rechnung zu tragen. Dementsprechend reden Engländer, unter Europäern die besten Kinderversteher, von His Majesty the Baby. — So wie das Kind dem Erwachsenen letztlich unverständlich ist, genau so gilt das Umgekehrte im Fall des Vaters, der in die dem Kinde unmittelbar faßliche Sphäre nicht eingreift. Der distanzhaltende Vater verkörpert dem Kinde unter anderem das irrationale Schicksal. Mit dem wird es sein Lebtag zu rechnen haben. Freiheit vermag gar wenig; mit amor fati beginnt alle Weisheit. So kann gerade der nicht alles erklärende, nicht allen Wünschen Rechnung tragende Vater dem Kind, über das allgemeine Prinzip der Selbstbeherrschung hinaus, das Prinzip pathischer Schicksalsanerkennung einbilden. Damit aber zugleich, da das Kind den Vater natürlicherweise liebt, das Prinzip der Ehrfurcht. Dies nun ist das entscheidend Wichtige. Liebe verewigt bestehende Zustände; Ehrfurcht allein führt zu höheren hinan. Goethe schreibt, daß

Ehrfurcht, die niemand mit sich zur Welt bringt, dennoch das ist, von dem alles abhängt, soll der Mensch in jedem Sinne Mensch werden.

Nach Goethe muß dreierlei Ehrfurcht gleichmäßig entwickelt werden: Ehrfurcht vor dem was über uns, vor dem was unter uns steht und vor dem, was uns gleich ist. Die Ehrfurcht vor dem Unter uns entwickelt das Kind in den Eltern. Aber die Ehrfurcht vor dem Über uns kann nur der distanzierte Vater mit der Unmerklichkeit und zugleich Unwiderstehlichkeit eines naturgesetzgemäßen Vorgangs ins Leben rufen. Und nur diese Ehrfurcht bringt die Seele zum Wachstum. Nur indem ein Mensch sich mit einem anderen, von ihm als höherstehend anerkannten, polarisiert, wächst er über die Grenzen seines gegebenen Zustands hinaus. Begegnet ein Mensch einem anderen und denkt dabei als erstes: Ich bin so gut wie er, so wird er nie von ihm lernen, und sei jener ein leibhaftiger Gott. Ist hingegen seine Ureinstellung die der Ehrfurcht, dann lernt sogar der Größte vom Geringsten. Freilich kann ein Mensch, der sich rühmt, Gott dem Allmächtigen gerade ins Gesicht zu sehen, etwas Sympathisches an sich haben. Es besteht jedoch Gefahr, daß er Ihn dann als Mann auf der Straße unter anderen sieht — dies aber würde bedeuten, daß die Begegnung mit dem Höchsten an ihn verschwendet war … Das heutige Amerika ist jeder Form von Ehrfurcht feind. Damit nun hat es, für einmal, unbedingt und in allen Hinsichten Unrecht. Wenn bewährte Männer um die Gunst von Lausbuben buhlen müssen, wenn es für richtig gilt, daß der Wertbewußte sich vor dem nuancelosen Primitiven beugt, dann gibt es keine innere Aufstiegsmöglichkeit. Eine gewisse Sorte amerikanischer Schriftsteller hat es sich neuerdings zur Aufgabe gemacht, große Männer von ihrem Postament herunterzuholen. Selbstverständlich sind sie herunterzuholen. Aber damit schwindet auch ihr schöpferischer Wert. Das persönliche Leben aller Menschen ist gleich uninteressant. Dagegen vermag das spirituelle Leben eines einzigen großen Geistes, richtig gesehen, ganze Völker zu heben. So ward die Welt des Weißen Mannes einstmals christlich …

Zum Schluß sei eine Frage beantwortet, die Sentimentale zweifelsohne stellen werden: Leidet unter der Distanzeinhaltung nicht die Liebe? Alle Erfahrung aller Zeiten beweist das Gegenteil. Das Kind will im Vater den allmächtigen Gott sehen. Deswegen liebt das Kind den allzu intimen Vater nicht etwa mehr als den gestrengen — instinktiv verachtet es ihn. Söhne, die ihre Väter liebten, waren zu den Zeiten am häufigsten, da die Frage der Kameradschaft sich nicht stellte. Denn Liebe besteht der Natur der Dinge nach zum allergrößten Teil als Verehrung, und kann nur so bestehen.

Hermann Keyserling
Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt · 1930
Der Aufgang einer neuen Welt
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME