Schule des Rades

Hermann Keyserling

Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt

Die Vorherrschaft der Frau

Emanzipationsbewegung

Jetzt wären wir soweit, das Problem, dem dieses Kapitel gilt, in seiner letzten Tiefe zu fassen. Was wir über die Rückbildung des amerikanischen Mannes wie der amerikanischen Frau dank schiefem Korrelationsverhältnis der Geschlechter ausführten, läuft letztlich darauf hinaus, daß in beiden das eigentlich Schöpferische atrophiert erscheint. Im Laufe unserer Untersuchungen fanden wir verschiedenerlei Gründe für den mechanischen und unlebendigen Charakter der amerikanischen Lebensmodalität: Senilität als Folge verjährten Fortlebens des Geistes des 18. Jahrhunderts, Primitivierung, deren äußerer Ausdruck unter anderem Materialismus ist und insofern mit Alterserscheinungen konvergiert, und Routineherrschaft als Folge erstens des verkehrten Glaubens, daß nicht das innere Gesetz, sondern das der Außenwelt letzte Instanz ist, zweitens des Übergewichts des Sozialen über das Individuelle, was der immer mechanischen und mechanisierend wirkenden Quantität das Übergewicht über das Qualitative verleiht. Was wir nun in diesem Kapitel über Mann und Frau in den Vereinigten Staaten ausführten, läßt sich seinerseits leicht auf den Begriff der Mechanisierung hin zuspitzen. Und zwar läßt diese Zuspitzung erst den tiefsten Sinn des Zusammenhangs erkennen. Das Mechanische ist immer das Tote oder dem Toten angeglichene. Es ist demzufolge das wesentlich Unschöpferische, denn das Schöpferische ist die Ureigenschaft des Lebens. Alles nun, was wir über die Amazone sagten, läuft auf einen Verlust der eigentlich schöpferischen Kräfte der Frau hinaus. Ihre ganze Tüchtigkeit liegt auf dem Gebiete dessen, was Amerikaner executive und promotion heißen — und deren Gesetz steht in unversöhnlichem Widerstreit zur Schöpfung. Das Schöpferische ist immer Funktion des ganzen Menschen, des undifferenzierten integralen Unbewußten, und dieses läßt sich nicht kommandieren, nicht organisieren, es verträgt keinerlei Routine und keine Überanstrengung. Hier liegen die Dinge genau wie beim Kinde in der Mutter Schoß, dessen Ausreifen durch keine Absicht oder Anstrengung beschleunigt, wohl aber durchkreuzt werden kann. Nun ist der Mensch als Schöpfer immer entweder Mann oder Frau — trotz aller möglichen Übergänge und Schattierungen. Verliert er seine Geschlechtscharaktere, dann büßt er eben dadurch unabwendbar sein Schöpferisches ein. Hier nun setzt, das Ergebnis im Fall Amerikas aufs äußerste verschlimmernd, das Gesetz des Mysteriums ein, daß sich Mann und Weib von Natur aus im Korrelationsverhältnis befinden. Entartet ein Geschlecht, so entartet naturnotwendig auch das andere auf geistig-seelischem genau wie auf körperlichem Gebiet. Hiermit wären wir denn bei der Wurzel alles Unbefriedigenden des Mann-Weib-Verhältnisses in den Vereinigten Staaten angelangt. Hiermit hätten wir den tiefsten Grund dessen erkannt, warum das amerikanische Leben so mechanisch und so abstrakt erscheint, sowie den der für die meisten amerikanischen Männer und Frauen so charakteristischen Unzufriedenheit und Ruhelosigkeit. Jene stehen meist einfach hilflos vor dem Rätsel einer tiefinneren Glücklosigkeit, die sie antreibt zu arbeiten, zu fronen und sich abzumühen, solange ihre Kräfte irgend reichen; sie fürchten die Muße, wie nur wenige Zeitgenossen die Hölle fürchten. Die Frau, ihrer resultantenhaften Reaktionsart gemäß, ist in der Regel einfach empört, daß das Ehe- und Liebesleben sie nicht beglückt. Und da ihre Grundinstinkte sich seit Evas Tagen nicht geändert haben, so sucht und findet sie alle Schuld beim Mann. Er ist eben nicht, wie er sein sollte. Dann fordert sie zur Abhilfe noch größere Macht für ihr Geschlecht. Doch was ihr wirklich nottut, ist ein anderes. Sie bedarf eines Männertypus, der ihr ebenbürtig und ihr Komplement sei und damit fähig, die Kräfte in ihr zu wecken und zur Entfaltung zu bringen, deren Vorhandensein sie fühlt, die sie aber allein nicht ausleben kann. Sie bedarf eines Mannes, der auf männliche Weise auf allen Gebieten schöpferisch ist, um dank dem selber auf weibliche Weise schöpferisch zu werden.

Wie sollen wir nun dieses Schöpferische bestimmen? Da es sich hier um die Urquellen des Lebens selber handelt, dessen Wesen Geheimnis ist, ist es mittels der Methoden exakter Wissenschaft unmöglich, die ja nicht einmal die physische Fortpflanzung verständlich machen kann. Hier können nur symbolische Bilder zum Verständnis führen, indem sie spiegelgleich in einer den Erfordernissen des Geistes entsprechenden Form reflektieren, was in den Urtiefen der Seele jenseits aller möglichen Namen und Formen lebt. So bedienten sich die Griechen jeweils der Symbole des Logos spermatikós, des befruchtenden, zeugenden Geistes, und des Eros kosmogonos, der weltenschaffenden Liebe, um schöpferische Männlichkeit und Weiblichkeit auf geistiger Ebene zu bestimmen. Die Sinnbilder der chinesischen Weisheit sind noch umfassender. Nach ihnen beherrschten sowohl als bildeten Yang und Yin den ganzen Weltprozeß, wobei ersteres Wort das Schöpferische im männlichen Verstand bedeutete und letzteres das Empfangende im weiblichen. Beide sind gleichwertig; beide sind notwendig zur Fortdauer des Lebens und beide müssen in Übereinstimmung mit dem Weltsinn zusammenarbeiten, soll das Leben sich in aufsteigender Linie bewegen. Und in der Tat auf physischer Ebene sind Impotenz oder Unfruchtbarkeit offenbar gleichbedeutend mit dem Tod. Doch das gleiche gilt auch auf der Ebene spiritueller Werte. Auch der Geist, ist ein konkretes Lebendiges, Vitales. Nur der schöpferische Geist in seiner männlichen Abart vermag Werte zu schaffen; nur der schöpferische Geist in seiner weiblichen rezeptiven Abart, kann diese verstehen und anwenden. Yang wie Yin sind allgegenwärtig und alldurchdringend; sie sind an der Wurzel aller Erscheinungen und Situationen. Der einzige moderne Begriff, welcher dem schöpferischen Urgeist entspräche, ist der der Inspiration — sehr charakteristischerweise bezeichnet er eine Funktion und keine Substanz. Was dieser Begriff zusammenfaßt, ist der Tatbestand, daß die normalen psychischen Funktionen von einer tieferen Region her, die unter Umständen gar nicht von dieser Welt ist, belebt und beseelt werden können. Und er ist gegenständlich: das Schöpferische lebt in allen Fällen jenseits des Bereichs manifestierter Erscheinung. Nun haben wir das Prinzip der Inspiration bereits dem der Erziehung gegenübergestellt, wobei sich erstere, ihrem Wesen nach als männlich, die letztere als weiblich erwies. Allein dies gilt nur auf niederen Ebenen und innerhalb bestimmter Grenzen. Wie ich im Kapitel Jesus der Magier von Menschen als Sinnbilder gezeigt habe, ist der Geist immer männlich, werde er im Sinn des Logos spermatikós oder des Eros kosmogonos verstanden; so bedeutete sogar die ursprüngliche Idee der christlichen Liebe, die fast genau dem platonischem Eros entsprach, nicht des Menschen liebende Reaktion, sondern Gottes Schöpferkraft. Der Geist ist immer eine Kraft der Inspiration im Gegensatz zum Gebären, welch letzteres immer durch den irdischen Teil der Seele geleistet wird. Wie steht es nun mit dem geistig Schöpferischen der Frau? Auch hier handelt es sich um Inspirationskraft. Aber während die des Mannes typischerweise im Geiste liegt, lebt das Schöpferische der Frau im Reiche der Gefühle, die beim Mann niemals schöpferisch sind. Dies ist nicht der Ort für eine erschöpfende Philosophie der Emotionen. Soviel aber sei gesagt: genau wie die Gefühle im Fall der Frau rationale Funktionen sind, das heißt Fähigkeit, die zu wahrer Erkenntnis führen, was sie aus Mangel aus Differenzierung beim Manne selten sind, genau so strahlt die Gefühlswelt der Frau schöpferische Einflüsse aus.

Das erklärt zunächst, warum Intellekt und Intellektualität der Frau den Mann so wenig anziehen. Die Frau kann so intelligent und intellektuell sein wie nur irgendein Mann; aber in diesem Fall erscheint ihr Intellekt in besonders hohem Maß von den Quellen des Lebens abgelöst. Aus diesem Grund ist eine intellektuelle Frau meist organisatorisch oder leitend tätig denn für Organisation und Leitung bedarf es keiner Inspiration. Intellekt als solcher ist eben nur ein Oberflächenausdruck des Lebens: alles hängt davon ab, was hinter ihm steht. Freilich hat es einige wenige Fälle gegeben, in denen so etwas wie Genie den weiblichen Intellekt beseelt hat. Allein der Wert dieser Art von Genie war nie auch nur entfernt der Bedeutung der wahren weiblichen Schöpferkraft vergleichbar. Diese Macht nun ist seit Urzeiten bekannt; und da alle Begriffe vom Mann erfunden wurden und diese besondere Macht von diesen her nicht deutlich zu bestimmen ist, ist sie oft entweder als göttlich oder dämonisch verehrt worden. Der moderne Idealismus hat ihr Wesen zeitweilig bis zu dem Grade mißverstanden, daß er gewähnt hat, sie sei nichts als des Mannes eigene Illusionen, die auf ihn zu rückwirken. In Wahrheit ist sie eine Macht genau gleichen Sinns wie der Schöpfergeist im Sinn des griechischen Logos spermatikós des befruchtenden zeugerischen Geistes; das ist, es ist eine durchaus konkrete und vitale Kraft, welche der der Zeugung oder Potenz im Körperlichen entspricht. Sie ist ihrem Wesen nach ein Mysterium. Noch geheimnisvoller als die des Mannes muß sie erscheinen, weil ein in den Gefühlen statt im Geist wurzelndes Schöpfertum sich durch Verstandesbegriffe überhaupt nicht definieren läßt. Hier nun sind nicht die Chinesen, auch nicht die Griechen, sondern die Inder dem wahren Begriff am nächsten gekommen. Ihr symbolisches Bild für die spezifisch weibliche Schöpferkraft ist das, was sie Shakti heißen. Wer wissen möchte, was die Inder selbst zu seiner Erklärung sagen, der lese Rabindranath Tagores Beitrag zum Ehebuche nach. Tagore selbst, übersetzt Shakti durch Bezauberungsgabe. Er meint aber nicht jenen Zauber, der den landläufigen Begriffen Scharm und charmant entspricht, und ganz gewiß nicht jenen oberflächlichen Reiz, den die Amerikaner it nennen, sondern Bezauberungsgabe eben im ursprünglichen Sinn der Zauberei. Auch die männliche Schöpferkraft ist ein Geheimnisvolles; der Prototyp des schöpferischen Mannes war von jeher Gott, der die Welt aus nichts schuf. Dennoch erscheint diese Art Kraft nicht dermaßen mysteriös, weil jeder Mensch sie im Bereich der Phantasie besitzt. Demgegenüber erscheint die weibliche Schöpferkraft vollkommen rätselhaft, weil sie dem Intellekt nicht einmal erkennbar ist; weil sie es war, die in aller Geschichte die gewaltigsten Wirkungen auslöste und diese doch niemals direkte Wirkungen waren. Keine inspiratorische Frau, keine Muse setzte je unmittelbar neue Ideen in die Welt. Allein, dank unsrer Erkenntnis des Korrelationsverhältnisses von Mann und Weib vermögen wir doch besser zu verstehen, als dies den Indern gelang. Ist der Mann der Inspirator, das heißt der Zeuger, auf physischer, und geistiger Ebene, so ist es die Frau auf der der Seele.

In der Tat, auf diesem Gebiete gebiert der Mann und nicht die Frau. Dementsprechend sind alle großen Kunstwerke im weitesten Sinn des Worts vom Mann hervorgebracht worden; nie aber gab es Schöpfertum, wenn inspirierende Frauen fehlten, so wenig man von ihnen wissen mag. Daß man so wenig von ihnen weiß, ist zum Teil Folge der weiblichen Scham, was einmal mehr beweist, daß es sich hier tatsächlich um Erotisches handelt. Im übrigen aber liegt es an zweierlei: einerseits der männlichen Dummheit, die alles nicht Beweis- und Greifbare als nicht vorhanden betrachtet, andererseits, dem apriorischen Charakter der Korrelation von Mann und Weib. Grundsätzlich braucht der Mann eine inspirierende Frau ebensowenig zu kennen, um Befruchtung durch sie zu erfahren, wie eine Frau sich der veränderten Wünsche des Manns bewußt sein muß, um jeweils modern zu sein. Letztlich lebt die Muse in jedem Mann, in Jungs Sprache als dessen anima. Nur wird er sich ihrer schwer bewußt, wenn jede Verkörperung, von der er wissen könnte, fehlt.

Begreifen wir nun, warum das heutige Amerika so phantastisch unschöpferisch ist? Mann und Frau sehen beide instinktiv im Schöpferischen den höchsten Wert. Beide müssen sich minderwertig fühlen, weil sie sich ihrer Impotenz dunkel bewußt sind. Und beide müssen instinktiv die Schuld beim anderen Geschlecht suchen. Der Mann hängt zum Schaffen von weiblicher Inspiration ab. Andererseits begehrt die Frau den Mann auf geistiger und seelischer Ebene genau so stark wie jener sie physisch begehrt. Schauen wir von hier aus auf das zurück, was über die Charakteristika der amerikanischen Männer und Frauen gesagt ward, so wird alles klar. Die Amerikanerin hat in männlicher Entwicklungsrichtung eine sehr hohe Stufe erklommen. Aber gerade deshalb und weil sie dabei diese dem wahren Weibe eigentümliche undifferenzierte Ganzheit verloren hat, ist ihr auch ihr Shakti, ihre Bezauberungsgabe im Sinn der Inspirationskraft verloren gegangen. Dies erklärt den mechanischen und unkünstlerischen Charakter aller männlichen Arbeit in den Vereinigten Staaten. Aber andererseits gehört es zum Wesen der Frau, sich hinzugeben, zu folgen, auszuführen. Fehlt daher ein Mann, zu dem sie aufschauen kann, dann können sich ihre besten Eigenschaften nicht entfalten. Unabwendbar muß sie alsdann ihr Shakti verlieren. Womit der circulus vitiosus sich schließt.

Gibt es kein Mittel, diesem Verhängnis zu steuern? Freilich. Wie überall besteht dies in richtigem Sinnverstehen. Eine Änderung der Institutionen und Gesetze würde keine Wandlung zum Besseren herbeiführen; gerade die Vereinigten Staaten beweisen dies, denn trotz aller neuen und besseren Gesetze ist es zum gegenwärtigen Zustand gekommen. Man darf sogar sagen, daß letztere an der heutigen unglücklichen Lage Amerikas insofern schuld sind, als sie die Aufmerksamkeit der meisten Amerikaner vom Sinn, welcher schöpferisch ist, auf Tatsachen, welchen alle vitale Kraft fehlt, abgelenkt haben. Je mehr die Amerikaner glauben, schlechten Eheverhältnissen durch bessere Scheidungsmöglichkeiten abzuhelfen oder Seelenleben durch geschicktere Anwendung von Antikonzeptionsmitteln zu fördern — um nur diese zwei Beispiele anzuführen — desto unbeschränkter kann sich der lebendige Sinn, welcher die wahre Ursache des trostlosen Zustandes ist, auswirken. Andererseits ist Verstehen als solches die gewaltigste Kraft, über die der Mensch verfügt. Wo es bis in die Tiefen eines Problems hinabdringt, erübrigen sich fast jedesmal alle mechanischen Mittel und Auswege.

Zunächst sei klar erfaßt, daß alle Tatsachen, richtig verstanden, darauf hinzuweisen scheinen, daß Amerika ein matriarchalisches Land bleiben wird. Wurde es in ganz kurzer Zeit matriarchalisch, obgleich die ganze Einwanderertradition und eigentlich alle Institutionen ihrem Geist nach patriarchalisch waren, so müssen sehr tiefe Gründe dafür vorliegen. Wahrscheinlich sind diese im Einfluß des Landes selbst zu suchen, obgleich ich keine Erklärung dafür weiß; die meisten Indianerstämme, die auf dem Gebiet der heutigen Vereinigten Staaten lebten, waren ebenfalls matriarchalisch. Aber hier gilt es einzusehen, daß Matriarchalismus an sich kein Übel ist. Wie wir zu Anfang erklärten, ist die Vorherrschaft des einen Pols so natürlich wie die des anderen; jeder besondere Gleichgewichtszustand zwischen Mann und Frau wird dann erst verhängnisvoll, wenn er die Entwicklung der besten Eigenschaften der Pole untergräbt. Italien, Spanien und Frankreich sind ebenfalls matriarchalisch. Die europäische Kultur verdankt recht eigentlich ihre Entstehung jener Zeit im Mittelalter, da die Frau über alles vernünftige Maß hinaus idealisiert war und ihr Urteil in allen Fragen, die politischen und militärischen ausgenommen, als letzte Instanz galt; die Kulturen der Renaissance und des 18. Jahrhunderts bedeuteten nur vorgeschrittene Entwicklungsstadien des gleichen Gleichgewichtszustandes zwischen den Geschlechtern. Allerdings herrschte damals die Frau nicht als Amazone, nicht als dem Mann Gleichgestellte, sondern als geheimnisvolle Inspiratorin, die den Mann höchst männlich wollte, nur feinsinniger, als er ohne ihren Einfluß geworden wäre. Doch wir werden bald sehen, daß einer ähnlichen Entwicklung in den Vereinigten Staaten grundsätzlich nichts entgegensteht. Was wir an dieser Stelle festzuhalten haben, ist, daß alles für die Hypothese spricht, daß Amerika matriarchalisch bleiben wird, und daß das Matriarchat an sich nicht kulturfeindlich ist. Denken wir an das zurück, was über das Positive gesagt ward, zu dem der amerikanische Sozialismus, Privatismus und selbst die Vorherrschaft des Tier-Ideales führen können: verknüpfen wir diese Erkenntnisse und Prognosen mit denen des vorliegenden Kapitels, so erkennen wir sofort, daß jenes Positive eine matriarchalische Struktur der Nation unmittelbar voraussetzt. Aber es läßt sich sogar noch mehr zur Stütze der Theorie, daß die Frau in vielen Hinsichten dauernd vorherrschen wird und zugunsten des Matriarchates sagen: der moderne soziale Staat mit seiner mütterlichen Einstellung allen gegenüber, seinem prädominierenden Interesse für Erziehung, seiner Voreingenommenheit für die Schwachen im Gegensatz zu den Starken und seinem wesentlichen Pazifismus atmet viel mehr den Geist der Frau als den des Mannes. Insofern würde es nicht mehr als eine normale logische Entwicklung bedeuten, wenn die Frau in immer weiterem Umfang am öffentlichen Leben teilnähme. So hat ein Land, in dem die Frau die Charakteristik der herrschenden Kaste entwickelt hat, alle Aussicht, früher als jedes andere einen vorbildlichen sozialen Staat zu schaffen. Daß aller patriarchalische Sozialismus, heiße er preußischer Militarismus oder russischer Bolschewismus, so hart und rauh ist, liegt daran, daß der Mann von Natur aus nicht altruistisch ist; er vermag die Gruppe nur auf Kosten des einzelnen zu bevorzugen. Bei der Frau schließen Gefühl für die Gruppe und für das Individuum einander nicht aus. Dementsprechend ist im amerikanischen Matriarchalismus eine der Hauptursachen jener allgemeinen Güte und jenes Wohlwollens, jenes Glücks in der freien Zusammenarbeit zu suchen, welche die positivsten Merkmale amerikanischen Lebens sind. Die Gefahr liegt also nicht im amerikanischen Matriarchalismus als solchem. Sie liegt nur darin, daß in Amerika das Mann-Weib-Verhältnis, im Sinn weiblicher Vorherrschaft eingestellt, — einer Einstellung, welche an sich so normal ist wie jede andere — in seiner Sonderart eine Verzerrung darstellt. Wie kann diese nun behoben werden? Die Antwort liegt in genau entgegengesetzter Richtung, als die meisten Amerikaner annehmen: nicht in noch größerer Emanzipierung der Frau, sondern in der Emanzipierung des Mannes.

Die Stellung des Mannes in den Vereinigten Staaten entspricht mutatis mutandis — um es allgemein und übertrieben auszudrücken — der, welche die Frau bis vor kurzem im Orient einnahm. Ist sein materielles Leben zumeist ganz komfortabel, so muß er sich andererseits mit einem Minimum von seelischem Wohlsein und Inspiration begnügen, wie sie der armseligste Europäer nicht aushielte. Stellt sich der Amerikaner in der Familie meist als Witzbold dar, so bedeutet dies einen Versuch, durch Gelächter die dunkel empfundene Traurigkeit seines Loses abzureagieren. Augenblicklich benehmen und fühlen sich die amerikanischen Frauen genau so, wie alle privilegierten Aristokratien es getan haben. Uneingedenk dessen, daß sie nicht isoliert dastehen, sondern daß ihr Wohlempfinden von entsprechendem Wohlbefinden der anderen Klassen abhängt, wähnen sie, weiterer weiblicher Machtzuwachs würde alles Verkehrte schnell in Ordnung bringen; dieses, nicht etwa eine berechtigte Forderung nach weiterer Emanzipation ist der wahre Seinsgrund der meisten Manöver organisierter Frauen, die unter dem Vorwand unternommen werden, daß die Frau noch eine untergeordnete Stellung einnähme. Aber die Reaktion auf das, was ich in meinen amerikanischen Vorträgen über die erforderliche Emanzipation des Mannes sagte, erlaubt uns, zu erwarten, daß die amerikanischen Frauen bald die Wahrheit der Situation erfassen werden. Als ich im Forum über die Frau als höhere Kaste schrieb, bemerkte die New York Times dazu:

Graf Keyserling scheint nicht zu verstehen, daß eben zur Behebung dieser Zustände das 19. Amendement angenommen wurde. Jetzt, da den Frauen das Stimmrecht zugestanden worden ist, werden sie gewiß bald beweisen, daß sie nicht besser als die Männer sind.

Tatsächlich trifft diese boutade, wahrscheinlich ohne daß der Verfasser sich dessen bewußt wäre, eine der Hauptursachen der Emanzipationsbewegung. Die Amerikanerinnen möchten tatsächlich eine weniger überlegene Stellung einnehmen, als dies zur Zeit der Fall ist. Der größte Teil derer, welche die nötige Muße haben, um am Leben zu leiden, sind tief unglücklich. Die Frauen würden nicht einen Geliebten oder einen Mann nach dem anderen verlassen, sich nicht dem Trunke ergeben, sie würden ihre Energien auch nicht in uninteressanter Exekutive erschöpfen, wenn alles gut um sie stände. Selbst die männlichste Amerikanerin verbleibt immerhin eine Frau. Und das heißt, daß sie vom Mann inspiriert werden möchte, so wie sie befruchtet werden muß, um Frucht zu tragen; daß sie verehren will. Nun kann die Frau nur den Mann verehren, der ein wahrer Mann im schöpferischen Verstande ist. Und sie fühlt, wenn auch noch so dunkel, daß der Männertyp, der sich immer mehr zum Prototyp des Amerikaners auswächst, immer mehr gerade die Eigenschaften entwickelt, durch die sie selbst sich auszeichnet, — und zwar auf Kosten der Eigenschaften, die ihr fehlen. Sie ist der arbeitende Teil der Menschheit; sie ist von Natur aus auf das Wirtschaftliche eingestellt; sie denkt an Sicherheit, Erhaltung und Versorgung; sie ist, mit einem Wort, zur Verkörperung des Ernsts des Lebens geschaffen. Demzufolge ist es nur logisch, daß sie den Wunsch hat, alle Posten und Stellungen für sich zu erobern, die nach dem Willen der Natur nicht dem Manne, sondern ihr gebühren. Und sie verlangt nach möglichst viel Macht, um den Mann an seinen richtigen Platz zu verweisen — dem des Schöpfers, des Künstlers, des Abenteurers und ewigen Kindes. Bei der heutigen Lage der Dinge ist dies tatsächlich am besten durch das Matriarchat in irgendeiner Form zu erreichen.1 Dieser der ewigen Natur der Frau entspringende unbewußte Drang kann seine Verwirklichung während der gegenwärtigen Periode des anbrechenden geologischen Zeitalters des Menschen natürlich nicht erreichen. Dies ist ein wesentlich ökonomisches Zeitalter; so wird der Mann auf lange hinaus seine Aufmerksamkeit in stärkerem Maß auf wirtschaftliche Dinge richten müssen, als für ihn gut ist. Soviel aber läßt sich doch erreichen: je mehr die Frau auf wirtschaftlicherem Gebiet dem Manne gleichgestellt wird, desto mehr wird alles, was am modernen Männertypus nicht männlich, sondern weiblich ist, an Prestige verlieren; und desto weniger wird die Frau den Ehrgeiz haben, mit dem Mann darin zu konkurrieren, worauf das letzte Jahrhundert entlang seine Hauptvorzugsstellung beruhte. So wird das, was einerseits am Mann und andererseits der Frau wesentlich wertvoll ist, bald wieder die gebührende Anerkennung finden. Die Frau fände endlich wieder Männer, die sie verehren könnte, und der Mann Frauen, die ihn zu inspirieren fähig wären.

Doch wie läßt sich dieser Wandel herbeiführen oder beschleunigen? Trotz aller Initiative auf spezialisierter Linie und sogar trotz ihrer Shakti, die schließlich wenige in starkem Maß besitzen — genau wie geniale Männer selten sind —, ist die Frau ihrem Wesen nach der reagierende, der antwortende Teil der Menschheit. Daher hat sie im tiefsten recht nicht etwa unrecht — wenn auch meist in anderen Hinsichten als sie selber glaubt —, wenn sie klagt, an allem gegenwärtigen Übel sei der Mann schuld. Ist der Mann unzulänglich, dann kann sie nach ewigem Naturgesetz ihre Vollendung nicht erreichen. Wie nun wäre ein höherer Männertypus heranzubilden? Die Antwort lautet: eben mittelst der gegenwärtigen Vorherrschaft der Frau, vorausgesetzt, daß sie den wahren Sinn der Lage versteht. Nicht ihr fiel innerhalb der kosmischen Ordnung der Erfindungsgeist zu. Andererseits aber kann die Frau, was sie empfing, dem Mann so eindringlich vermitteln, wie dies kein Mann vermag. So haben alle Religionen letzten Endes dank Frauen gesiegt; so ward der Ruf aller geistigen Schöpfer durch sie gemacht. Letztendlich werden die Männer immer so, wie die Frauen sie haben möchten. So bedeutet der Frauenkult und insbesondere der Mutterkult der Amerikaner tatsächlich Amerikas große Chance. Versteht die Amerikanerin tief und wahrhaft — nicht nur mit dem Intellekt, sondern von ganzem Herzen und von ganzer Seele —, was im heutigen Amerikaner verkehrt ist, dann wird sie ihn bald verwandeln. Ihre Gatten und Geliebten wird sie auch dann nicht oft verwandeln können, sicherlich aber aus ihren Söhnen anderes und besseres machen, als sie sonst geworden wären. Auf jeden Fall wird sie eine neue Kulturatmosphäre schaffen — eine Atmosphäre, in der die Werte vorherrschen werden, deren Verkörperung den Menschen allererst zum Menschen im wahren und hohen Sinne macht. Dies führt uns denn zu einer neuen und diesmal positiven Ansicht des amerikanischen Matriarchats und läßt es uns schwanger an ähnlichen Möglichkeiten erscheinen, wie sie einstmals zur europäischen Hochkultur führten. In Amerika lebt heute in den Mädchencolleges eine äquivalente Kulturtradition, wie sie in Europa den Universitäten eignet. Man kann nie auf den ersten Blick erkennen, wo ein Mann seine Studienjahre verbrachte, denn in der Mehrzahl der Fälle wird er jeder Tradition, die seine Universität an sich verkörpern mochte, untreu, sobald er sie verläßt; er beginnt eine mit ihr in keiner Weise zusammenhängende Karriere, verkauft Pfandbriefe z. B. und vergißt ganz, daß er je anderes tat. Wohl aber läßt sich ohne weiteres bestimmen, in welchem College eine Amerikanerin erzogen ward. So verkörpern die amerikanischen Frauen denn schon heute eine richtige Kulturtradition. Was nunmehr nottut, ist, von dieser Tradition den rechten Gebrauch zu machen. Augenblicklich meinen die Mädchen, sie hätten alles getan, was von ihnen zu verlangen ist, wenn sie hochgebildet sind und ihr späteres Leben hindurch intellektuelle und künstlerische Interessen, vor allem Literatur pflegen. Doch dies bedeutet vom nationalen Standpunkt wenig. Fortan sollen die Jungen Mädchen ihre Collegezeit als Vorbereitungszeit zur Schaffung einer häuslichen Kulturatmosphäre auffassen. Kultur erwächst nur aus dem Heim und im Heim. Sie kann nur dann erblühen, wenn der Sinn für ihren Wert dem Unbewußten des kleinen Kindes eingebildet ward. So liegt die dringend notwendige Lösung des Problems der Niveauhebung der amerikanischen Männer in Wahrheit bei den Frauen. Hier darf ich denn sagen, was ich letztlich von diesen halte. Meiner Überzeugung nach verkörpern sie ein wundervolles Menschenmaterial. Sie braucht nur jene falsche Einstellung und Gesinnung, die wir behandelten, aufzugeben, um zu etwas wahrhaft Wundervollem heranzuwachsen. Schon heute, da der Flappertyp ein sehr unverdientes Prestige genießt, ist das amerikanische Mädchen bei weitem das beste, was ich in Amerika sah. Die Tage, die ich in Mädchencolleges zubringen durfte, zählen zu meinen glücklichsten Erinnerungen. Nicht weil ich unter so vielen im üblichen Sinn bezaubernden jungen Menschen lebte, sondern weil ich in der Allgemeinatmosphäre ein echtes Streben nach einem besseren Zustand spürte. In keiner europäischen Stadt fand ich je mehr Verständnis und Widerhall. Meine persönliche Meinung steht fest: die jüngste Generation ist über das Flapperstadium bereits hinausgewachsen.2 Sie ist auch schon über die Dürre des traditionellen Puritanismus hinaus. Sie sehnt, sich danach, jene Ganzheit zu entwickeln, die allein wahres Frauenideal sein kann. Und sobald Frauen höchster Artung da sind, werden ihrer würdige Männer zwangsläufig erwachsen.

1Ich entdecke gerade, daß ein deutscher Philosoph, dessen Namen ich zum erstenmal lese, Ernst Runemann, den gleichen Gedanken sehr geistvoll dargelegt hat. Siehe den Artikel Auf dem Wege zum Matriarchat in Philosophische Hefte, Heft 2, 1928.
2Dies schrieb ich im Sommer 1928. Schon da ich die deutsche Ausgabe vorbereite, im Frühjahr 1930, erscheint der Flapper als Ideal erledigt.
Hermann Keyserling
Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt · 1930
Der Aufgang einer neuen Welt
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME