Schule des Rades

Hermann Keyserling

Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt

Demokratie

Amerikanische Demokratie

Was kann geschehen, damit die amerikanische Demokratie ein Besseres werde, als sie heute ist? Die Antwort ergibt sich aus der Erkenntnis, daß das Leben immer und überall ein Polarisationsphänomen und -prozeß ist. Das heißt: da sein Gleichgewichtszustand immer labil ist, hängt seine Qualität und sein Wert von der Qualität der Spannungen ab, mittels derer er sich ausdrückt. Dies aber bedeutet, daß sein Wert der Mannigfaltigkeit seiner molekularen Struktur direkt proportional ist. Der Mensch ist ein Unterschiedswesen auch in dem Verstand, daß er des Einflusses eines Fremdartigen bedarf, um sich seiner Eigenart voll bewußt zu werden. In dieser Hinsicht ist die Idee der Gleichheit dem Geist des Lebens direkt entgegengesetzt. Nun war der Demokratie ursprünglicher Sinn, daß sie noch reichere Mannigfaltigkeit erzeugen und fördern sollte, als sie im Gesellschaftskörper des Mittelalters zum Ausdruck kam. Unter diesen Umständen ist wohl klar, was nottut, damit die amerikanische Demokratie aufs neue ein Element des Fortschritts im menschlichen im Gegensatz zum bloß technischen Verstande werde: gerade sie muß Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit fortan mehr betonen als alles andere in der Welt. Das Credo der neuen Generation — im Unterschied zum traditionellen, das sich im Satz: Ich bin so gut wie du zusammenfassen läßt — sollte lauten: Da ich so bin, wie ich bin, sollst und mußt du anders sein. Normalcy und likemindedness sollten offiziell als degradierende Epitheta gebrandmarkt werden; der wunderbare Reklameapparat der Union sollte für einmal zu Besserem verwendet werden als zur Schaffung eines Apfelsinen- oder Automobilbewußtseins: er sollte Einzigkeitsbewußtsein fördern. In der Tat, an diesem Wendepunkt der Geschichte ist seitens des amerikanischen Volkes in den hier betrachteten Hinsichten ein kaum weniger radikaler Gesinnungswechsel nötig, wie ihn Jesus von den Juden verlangte. Aber andererseits: gerade aus den Wurzeln des Judentums, und nur aus ihnen, konnte das Christentum hervorsprießen. So braucht auch Amerika seine Geschichte nicht zu verleugnen. Während meiner Vorträge in den Vereinigten Staaten veranlaßten mich die konkreten Lebensansprüche, die an mich herantraten, überall, den entscheidenden Wert der Einzigkeit zu betonen; der Widerhall, den ich fand, war so stark, daß ich die amerikanische Demokratie schon heute für innerlich reif und bereit halte, in Gestalt ihrer besten Vertreter die erforderliche Wandlung zu erleben. Und was die Besten tun, wird dann die Mehrheit um so leichter nachmachen, als der äußere Rahmen dieser Demokratie keiner Änderung bedarf. Demokratie ist die zoologische Lebensform der Gattung homo Americanus. Dieser ist seinem Wesen nach Sozialist, das ist, das Soziale bedeutet ihm mehr als das Individuelle. So werden denn alle geistigen Werte, die dem amerikanischen Wesen überhaupt eingebildet werden können, in den vorhandenen Urtendenzen inkarniert werden müssen, die samt und sonders sozial sind. Unter diesen Umständen ist es nicht schwer, die Formel zu finden, welche die amerikanische Demokratie wieder fortschrittlich machen kann: in Zukunft soll das Individuum als solches, in seiner schlechthinigen Einzigkeit, als die soziale Elementareinheit gelten.

Dieser Satz führt uns plötzlich und vielen wohl unerwarteterweise zu dem lichten Zukunftsbilde zurück, das wir im ersten Teil dieses Buchs entwarfen. Dort sagten wir, es bestehe wenig Aussicht, daß Amerika eine intellektuelle oder künstlerische oder philosophische Höchstkultur entwickle; doch desto wahrscheinlicher sei es, daß es dereinst eine vorbildliche soziale Kultur, praktisch im Ausdruck, moralisch in der Gesinnung und religiös verwurzelt, hervorbringe. Dies ist in der Tat die einzig denkbare Art von einem Bau, der auf amerikanisch-demokratischen Grundlagen errichtet werden kann. Aber andererseits steht der Entwicklung solcher Hochkultur, grundsätzlich gesprochen, schlechterdings nichts im Wege, wenn nur das heutige Gleichheitsideal stirbt; denn die geistigen Werte durch die psychologische Struktur der amerikanischen Nation gebotenen Verkörperungsmittel sind keine schlechteren, als sie ehedem in Ägypten, Alt-China und Rom vorlagen. Und ich freue mich, sagen zu können, daß alle meine Beobachtungen meinen Glauben verstärken, daß das gegenwärtige Gleichheitsideal bald sterben wird. Wie immer, wenn eine große Veränderung bevorsteht, wirken viele Ursachen, die man zufällig heißen mag, bei ihrer Herbeiführung zusammen. Unter diesen stehen in vorderster Reihe der wachsende Einfluß der katholischen Kirche mit ihrem tiefen Verständnis für alles Menschliche und ihrem starken Sinn für Hierarchie und Werte; der zersetzende Geist der Juden sowie der wachsende Geist der Kritik der amerikanischen Intellektuellen, die trotz der kleinen Minderheit, die sie bisher darstellen, doch stetig an Bedeutung zunehmen. Doch die primäre Ursache der Wandlung, die ich erwarte, liegt im inneren Gesetz, welches das Wachstum der amerikanischen Nation bestimmt. Auch auf amerikanischem Boden haben die Ideen des 18. Jahrhunderts ihr Werk vollbracht. Nun drängt der radikale Verjüngungsprozeß von sich aus stürmisch nach neuen Zielen. In Amerika können diese nicht in der Richtung des Individualismus liegen. Aber auch der Sozialismus kann tief werden; auch er kann sich in neuer Dimension differenzieren, was zur Vorstufe eines Integrationsprozesses würde. Und eben diese Integration ist tatsächlich schon Bestreben aller besten Köpfe der Vereinigten Staaten. Ich führe wieder einmal das Beispiel M. P. Folletts an und zitiere aufs Geratewohl einige Seiten aus ihren Büchern Creative Experience und The New State:

Jeder Prozeß hat sein eigenes Gefälle; daher liegt die führende Kraft immer im Innern — und eben dies ist die Rechtfertigung der Demokratie. Jeder lebendige Prozeß ist seiner eigenen Autorität unterworfen; das ist der der Autorität, die durch den Prozeß selbst entwickelt wird und die dieser impliziert.

Das ist ganz richtig — aber bisher war die amerikanische Demokratie Ausdruck des genau entgegengesetzten Prinzips, der Herrschaft äußerlicher Dinge. Doch fahren wir fort:

Wer für den Kompromiß eintritt, gibt das Individuum preis: das Individuum soll einen Teil seiner selbst aufgeben, damit irgendeine Handlung stattfinden kann. Die Ganzheit des Individuums wird nur durch Integration erhalten. Integration kann als qualitative Anpassung, der Kompromiß als quantitative angesehen werden.

Wann hat die amerikanische Demokratie je früher an Qualität und Ganzheit des Individuums gedacht? Und nun wollen wir sehen, welche Art der Integration M. P. Follett vorschwebt: es ist keine, die einem Individualisten einfiele.

In der Gesellschaft kann jeder Einzelne vollständiger Ausdruck des Ganzen sein … Ich bin nicht des Glaubens, daß ein Mensch seinen Mitmenschen dienen sollte … Wir vermögen über das Ich nicht mittels anderer hinauszugelangen, sondern nur mittels der Synthese des Ich mit anderen … Die Klarlegung des Ich-und-andere-Mißverständnisses hat die Idee des Selbstinteresses verwandelt. Unsere Interessen sind untrennbar miteinander verwoben. Es handelt sich nicht darum, was für mich oder dich das beste sei, sondern für uns alle.

Dieses Das Ich-und-andere-Illusion betitelte elfte Kapitel von The New State zerstört das falsche Service-Ideal. Und doch ist Miss Follett überzeugte amerikanische Demokratin. Ihr zufolge ist der freie Mensch der, welcher den Willen des Ganzen in die Tat umsetzt; der Mensch besitzt keine Freiheit, es sei denn als Mitglied einer Gruppe. Nur soll nicht, wie heute, die Mehrheit regieren:

Die Herrschaft der Mehrheit ist demokratisch, wenn sie sich nicht einem einstimmigen, sondern einem integrierten Willen annähert.

Und nun — mit dem achtzehnten Kapitel des Buches — treffen wir auf den Kern des neuen Problems: Demokratie soll nicht mehr die Herrschaft der Masse sein; diese soll durch die organische Gruppe vollständig ersetzt werden.

Demokratie heißt, daß jeder das Einzelleben aufbaut; nicht mein Leben und andere Leben, nicht das Individuum und den Staat, sondern mein Leben in der Verknüpfung mit anderen; das Individuum, das der Staat ist, der Staat, der das Individuum ist. Demokratie ist ein unendlich umfassender Geist.

Aber an dieser Stelle (p. 157 von The New State) sehen wir auch, inwiefern Miss Folletts Lösung wesentlich und ausschließlich amerikanisch ist. Alles, was sie für gut und ideal hält, verbindet sie instinktiv mit dem Begriff der Demokratie, so wie ich es mit dem der Aristokratie verbinden würde. Und dies bedeutet nicht nur, daß wir andere Worte brauchen, sondern daß wir andere Ideale haben. Sie sagt:

Wir (Amerikaner) haben einen Instinkt für Demokratie; wir erreichen Ganzheit nur durch Wechselbeziehungen … Wir glauben an den Einfluß der Guten und der Weisen, doch sie müssen ihren Einfluß innerhalb des sozialen Prozesses ausüben; der Prozeß reinigt, nicht der Einfluß des Vollkommenen auf den Unvollkommenen.

Gelten spirituelle oder kulturelle oder künstlerische oder intellektuelle Werte als die höchsten, bedeutet höhere Qualität absolute Überlegenheit, so ist jedes Wort des letztzitierten Satzes falsch. Der Einfluß höherer Qualität hat von jeher von oben herab gewirkt; und kein Mensch ist je individueller Integration zu vorgeschritten, indem er Teil einer immer größeren Anzahl verschiedener Gruppen ward. Die moderne Psychologie hat erwiesen, daß im Gegenteil der Sozialisierungsprozeß sogar in Europa schon allzuweit gegangen ist, und daß es in Wahrheit auf Individualisierung — einen Prozeß, den jeder für sich abmachen muß — ankommt, wenn je eine neue westliche Kultur erblühen soll. Doch was M. P. Follett vertritt, bedeutet andererseits tatsächlich einen höheren Zustand auf der Linie und im Bereich amerikanischer Möglichkeiten. Herrscht das soziale Bewußtsein über dem individuellen vor, ist die Struktur einer Nation organisch demokratisch, so gibt es allerdings kein besseres Ideal, als jeden Einzelnen zum Repräsentanten des Ganzen zu machen. Dann wird das Zum-Ausdruck-bringen des Makrokosmos zu der auf sozialistischer Bahn überhaupt möglichen Entfaltung des Mikrokosmos führen. Wird das Wesen des Menschen als Funktion seiner Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder einem Staat und nicht seiner individuellen Einzigkeit bestimmt, dann wüßte ich keinen besseren Fortschrittsplan als den von Miss Follett skizzierten. Es könnte tatsächlich zur Konstituierung eines auf spezialisierter Linie idealen Gemeinwesens führen. Amerika würde dann freilich nicht, was Rom war, aber es könnte Rom ebenbürtig werden. Es würde nicht, was das englische Gemeinwesen ist, es könnte ihm aber gleichwertig werden. Ja, die amerikanische Demokratie mag sich dermaleinst als einer der Höchstausdrücke menschheitlicher Vollkommenheit erweisen.

Mehr kann ich über dieses Problem nicht sagen, ehe ich die der Moral und der neuen, für die Inkarnation der ewigen spirituellen Werte erforderlichen Sinneskörper behandelt habe. Soviel aber sei doch jetzt schon festgestellt. Das sich ergebende Bild würde einerseits sehr christlich sein. Würden die heutigen Differenzierungen in der Richtung des Social Service und der Zusammenarbeit auf ein integriertes Ganzes zurückbezogen, was zu einer Vertiefung selbst des sozialisiertesten Individuums führen würde, dann könnte der wahre Geist der Liebe in Amerika leichter zur Souveränität gelangen als irgend sonst. Diese Entwicklung ist desto wahrscheinlicher, als privatistische Gesinnung unwillkürliche Betonung des Einzigkeitsprinzips im täglichen Leben zur Folge hat und so ein zur Aufnahme tieferen Geistes geeignetes Gefäß vorbereitet. In anderem Zusammenhang sagte ich, daß unter Okzidentalen die Amerikaner wahrscheinlich die einzige christliche Nation sind, weil ihr Unbewußtes allein nicht über das Christentum hinausreicht. So kann das, was zunächst Mangel an Tradition oder Reichtum bedeutet, auch die erforderliche Voraussetzung neuen Anfangs sein. Es ist kaum in Abrede zu stellen, daß, an idealen Maßstäben gemessen, Europas Christianisierung ein Mißerfolg gewesen ist. Die aus dem Osten eingeführte Religion mit ihren völlig fremden Traditionen hat sich mit den angeborenen Tendenzen der Seele jener europäischen Völker, die schon eigene Traditionen entwickelt hatten, nie verschmelzen können. Die Lebenskraft des römischen Katholizismus beruht vornehmlich auf der erhaltenen Lebenskraft der antik-heidnischen Tradition; und die tiefste psychologische Bedeutung der protestantischen Reformation liegt darin, daß sie eine Wiedergeburt ursprünglich-nordischer Gesinnung bedeutet. Jedenfalls ist das christliche Europa über jenen Zustand innerer Zerbrochenheit und Unsicherheit nie hinausgelangt, der für jeden Mischling oder Bastard bezeichnend ist. Es liegt aber keinerlei Grund vor, warum die amerikanische Seele nicht einen Zustand wahrer Ganzheit und individueller Integration auf ausschließlich christlicher Entwicklungslinie erreichen sollte.

Unser Gedankengang führt uns ferner zu der Vermutung, daß die amerikanische Nation, zur Reife gelangt, eine starke Ähnlichkeit mit Alt-China zeigen wird. Gewinnt das, was wir seinerzeit nur andeuteten, jetzt nicht schon fast die Gestalt eines vollendeten Bildes? Auch Alt-China war eine Demokratie. Auch in China herrschten die sozialen Instinkte vor. Die chinesische Tradition ist so demokratisch, daß heute die Ideen Benthams in China den stärksten Widerhall finden. Dennoch war die alt-chinesische Kultur eine der größten, welche die Welt je sah, weil dort die sozialistische und demokratische Struktur zum Ausdrucksmittel aller der Werte diente, die ihren Exponenten in der Einzigkeit haben. Auch China glaubte auf seine Art an die Normalität. Auch China idealisierte die Gleichgesinntheit, insofern alle Chinesen an die gleichen, in gleichen allgemeinen Formen verkörperten Grundwahrheiten glaubten. Doch das Ideal des chinesischen Demokratismus war nicht der Mann auf der Straße, sondern der Normalbegabte, der solche Vollkommenheit erreichte, daß sich letzte Tiefe in vollendeter Harmonie und gar Anmut der Oberfläche ausprägte. Und die chinesische Gleichgesinntheit bedeutete nicht, daß jeder an dieselben Schlagworte glaubte und die gleichen Schlagzeilen zitierte, sondern von jedem erwartet wurde, daß er persönlich zu jener Ewigen Wahrheit vordringe, die in der Tat ewig sich selber gleich ist. China legte allen Nachdruck auf den Sinn im Gegensatz zu dessen Ausdrucksmitteln, die in dieser Welt immer mechanisch sind. Dementsprechend lehrte Konfuzius: Der Edle ist kein Gerät. Dementsprechend hielt Alt-China wenig von äußerer Organisation. Seine Zentralidee war die: herrscht der Geist souverän, dann ergibt sich vollkommene äußere Organisation von selbst. Bisher hat Amerika der entgegengesetzten Vorstellung gemäß gelebt. Doch es liegt kein Grund vor, warum die Dinge bleiben sollten, wie sie sind. Verstehen wirkt Wunder. Ist Wohlstand wirklich selbstverständlich geworden — das ist er noch nicht, sonst würden sich die Amerikaner seiner nicht so rühmen —, hat Amerika einmal für sich die seinem Typus in jeder Hinsicht angemessene äußere Organisation herausgestellt — das ist noch nicht erreicht —, dann wird jenes seltsame Naturgesetz, das ich das des historischen Kontrapunkts genannt habe, beinahe gewiß zu einer Umkehrung vieler Werte führen. Amerika mag noch dereinst als die Nation erstehen, die am wenigsten am Äußerlichen haftet und als sozialer Organismus am stärksten von innen her beherrscht erscheint.

Hermann Keyserling
Amerika · Der Aufgang einer neuen Welt · 1930
Der Aufgang einer neuen Welt
© 1998- Schule des Rades
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